Ludwig-Maximilians-Universität München
GERHART HAUPTMANNS „BIBERPELZ“ UND „ROTER HAHN“ IN DER BEARBEITUNG VON BERTOLT BRECHT
Verfasser:
Matthias Reim
3
Inhaltsverzeichnis
0 Vorwort 4
1 Gerhart Hauptmanns „Doppelwerk“ Der Biberpelz und Der Rote Hahn 5
1.1 Hauptmann und der Naturalismus 6
1.2 Zur Naturalismuskritik in der marxistischen Literaturwissenschaft 7
1.3 „Das unerreichte Soziale“ - Zur Wirkungsgeschichte der Komödien Gerhart
Hauptmanns S. 8
1.3.1 Zwischenbemerkung 10
1.3.2 Exkurs: Der „Untergang“ des Matriarchats im Roten Hahn 11
2 Biberpelz und roter Hahn (in der Bearbeitung des Berliner Ensembles) 12
2.1 Bertolt Brecht und das Berliner Ensemble 12
2.2 Brecht und der Marxismus 13
2.3 Die Bearbeitung des Berliner Ensembles 14
2.3.1 Zur Entstehung 14
2.3.2 Die wesentlichen Veränderungen der Bearbeitung 15
2.3.2.1 Zur veränderten Handlungsführung 16
2.3.2.2 Zur „Historisierung“ der Vorlage 17
3 Resümee 21
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0 Vorwort
„Der Naturalismus offenbart schon in seinem Namen seine naiven, verbrecherischen Instinkte. Das Wort Naturalismus ist selber schon ein Verbrechen. Die bei uns bestehenden Verhältnisse zwischen den Menschen als natürliche hinzustellen, wobei der Mensch als ein Stück Natur, also als unfähig, diese Verhältnisse zu ändern, betrachtet wird, ist eben verbrecherisch. Eine ganz bestimmte Schicht versucht hier unter dem Deckmantel des Mitleids mit den Benachteiligten die Benachteiligung als natürliche Kategorie
menschlicher Schicksale zu sichern.“ 1
Die scharfe Kritik, mit der hier Bertolt Brecht „den Naturalismus“ überzieht, wenn er in ihm „naive, verbrecherische Instinkte“ zu erkennen glaubt, wirft ein erstes Licht auf sein Gesellschaftsbild.
Vom diesem Ansatzpunkt her kann auch die in Zusammenarbeit mit dem Berliner Ensemble entstandene Brechtsche Bearbeitung der beiden Gerhart Hauptmann-Dramen Der Biberpelz und Der Rote Hahn verstanden werden.
Im Folgenden soll versucht werden, den Entstehungsprozess der Bearbeitung nachzuzeichnen; des Weiteren möchte ich versuchen, herauszuarbeiten, mit welchem „Interesse“ Brecht an das Original herangegangen ist und welche Veränderungen die Stücke dabei letztendlich erfahren haben.
Dabei wird der Blick immer auch auf das „Doppelwerk“ von Gerhart Hauptmann fallen. Eine eingehende Interpretation des Originals kann in diesem Rahmen zwar nicht erfolgen, ich werde aber auf wesentliche Forschungsrichtungen wenigstens kurz eingehen.
Aus Gründen der Einfachheit ist im Folgenden mit "erster Teil" immer Der Biberpelz gemeint; "zweiter Teil" steht für den Roten Hahn 2 .
1 Zit. nach SCHRIMPF 1969, dort S. 51
2 Anm. d. Verf.
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1 Gerhart Hauptmanns „Doppelwerk“ - Der Biberpelz und Der Rote Hahn
Gerhart Hauptmanns Autobiographie Das Abenteuer meiner Jugend gibt Auskunft über die eigenen Erfahrungen, die er in seinen Komödien verarbeitet hat:
„Ich lebte damals in einer durch die Nähe Berlins mit bedingten, tragisch großen Phantasmagorie. Trat ich des Abends vor das Haus, so sah ich im Westen bei klarer Luft den Widerschein der Riesin blutrot am Himmel. (…) Was wurde nicht alles aus der drei deutsche Meilen entfernten Stadt an Elend und Jammer ans Ufer gespült! (…) Das ungeheure Lebewesen und Sterbewesen Berlin, wie gesagt, war alpartig
gegenwärtig“ 3 .
Während seiner Zeit in Erkner, einem Ort an der Peripherie Berlins, konnte er die Lebensbedingungen der einfachen Leute am Rande der Großstadt genau beobachten. Der „sichere“ Gebrauch unterschiedlicher Ausprägungen von Berliner Dialektsprache, mit denen Hauptmann seine Figuren ausstattet und diese ihrem jeweiligen gesellschaftlichen Stand gemäß charakterisiert, ohne den Anschein einer bloßen Imitation beim Leser hervorzurufen, zeigt schon seine genaue Beobachtungsgabe 4 .
Selbst reale Personen aus seinem persönlichen Umfeld haben ihn für einige Figuren des Biberpelz angeregt, z.B. Marie Heinze, die Waschfrau der Hauptmanns als Vorbild für die Figur Mutter Wolffens und der Erkener Amtsvorsteher Oscar von Busse für die Figur Baron von Wehrhahns 5 .
Als „reales“ Vorbild für die Figur des Dr. Fleischer 6 ist wohl Gerhart Hauptmann selbst anzunehmen; dieser war bei seinem Amtsvorsteher, einem nach eigener Auskunft „politischen Heißsporn, der überall staatsgefährliche Elemente roch“ 7 , ein Dorn im Auge: „Ich (hielt) die Wochenschrift ,Die Neue Zeit`, die den wissenschaftlichen Sozialismus vertrat. Noch herrschte das Sozialistengesetz. Es war selbstverständlich, dass ich mit alledem den Ordnungsbehörden
verdächtig wurde.“ 8
Hauptmann geriet wohl auch wiederholt wegen seiner Beziehungen zu sozialdemokratischen Kreisen 9 in Schwierigkeiten; 1887 erhält er eine Vorladung zum Breslauer Sozialistenprozess,
3 Zit.nach SCHRIMPF 1969, dort S. 35f.
4 Anm. d. Verf.
5 Siehe SCHRIMPF 1969, S. 35ff.
6 Siehe hierzu Punkt 2.3.2.2, Anm. d. Verf.
7 Gerhart Hauptmann, zit. nach MÜLLER, dort S. 20
8 Ders., zit. nach MÜLLER, dort S. 20
9 Er war als Student Mitglied im utopistischen Ikarierbund gewesen; Anm. d. Verf.
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1888 hält er sich nicht zuletzt aus Angst vor der Sozialistenverfolgung mehrere Monate in der Schweiz auf 10 .
Man kann in diesem Zusammenhang auf die Arbeiten von Walter Requardt 11 und Bruno Fischer 12 verweisen; dort wurde untersucht, wie Hauptmann in seinen Stücken „seine“ Wirklichkeit verarbeitet hat.
1.1 Hauptmann und der Naturalismus
Im Anschluss soll der Begriff des „Naturalismus“ kurz erläutert werden; ich folge der Definition bei VON WILPERT:
„Naturalismus, allg. jeder durch naturgetreue Abbildung der Wirklichkeit (…) gekennzeichnete Kunststil; bes. e. gesamteurop. Lit. Strömung rd. 1880-1900. (…) Hier erweist sich das soziale Mitgefühl, Mitleid mit den Armen und Geknechteten, der unter der zunehmenden Industrialisierung leidenden Arbeitnehmerschaft als ausschlaggebend nicht nur für die Stoffwahl (…) sondern auch für die sozialrevolutionären Tendenzen (…) der Dichtung wie für den Stil des N., der die präzise Wirklichkeitsgestaltung übersteigert bis zu Stammeln,
Stottern, Anakoluthen, grammatisch falscher Umgangssprache (…).“ 13
Gerhart Hauptmann, später „der bedeutendste Dramatiker des Naturalismus“ 14 , erhält zwischen 1885 und 1889, als er in Erkner bei Berlin wohnt, Kontakt zu dem literarischen Verein „Durch“, dem auch Arno Holz, Johannes Schlaf und andere Naturalisten angehören 15 . Die aufkeimende Bewegung schafft sich 1889 mit Gründung der Freien Bühne in Berlin eine eigene Einrichtung 16 .
Nach der Premiere seines ersten naturalistischen Dramas Vor Sonnenaufgang im Oktober 1889 wird Hauptmann in den Vorstand des Theatervereins aufgenommen. Zusammen mit dem Vorsitzenden Otto Brahm setzt er sein Wirken fort und verhilft dem Naturalismus zu seiner Durchsetzung auf deutschen Bühnen sowie zur Entfaltung seiner sozialkritischen Akzente. Neben dem Biberpelz erscheinen zahlreiche weitere Dramen und Komödien des Dichters, unter Anderem Das Friedensfest (1890), Einsame Menschen (1891), sowie College Crampton (1891) 17 .
10 Siehe unter Anderem SPRENGEL, S. 525
11 Requardt, Walter: Erkner im Leben und Werk Gerhart Hauptmanns. Hamburg 1955
12 Fischer, Bruno: Gerhart Hauptmann und Erkner. Quellenkundliche Studien zum >Biberpelz< und anderen Werken. In: ZdPh 81/1962, S. 440-472
13 SACHWÖRTERBUCH DER LITERATUR. Hg. von Gero von Wilpert. Stuttgart 5 1969, dort S. 514
14 SPRENGEL, S. 524
15 Siehe ebd., S. 525
16 Aufführungen sind durch die strenge preußische Theater-Vorzensur erschwert. Siehe hierzu Punkt 2.3.2.2; Anm. d. Verf.
17 Siehe SPRENGEL, S. 525 ff.
Arbeit zitieren:
M.A. Matthias Reim, 2002, Gerhart Hauptmanns 'Biberpelz' und 'Roter Hahn' in der Bearbeitung von Bertolt Brecht, München, GRIN Verlag GmbH
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