Bereits Grenouilles Herkunft und die Umstände seiner Geburt verweisen ihn als radikale
Rand-‐ und Außenseiterexistenz in eine der untersten sozialen Schichten. Vier „Totgeburten
oder Halbtotgeburten“ (S.8) gehen Grenouille voraus, er selbst wird im Abfall geboren, einen
Tötungsversuch überlebt er wie durch ein Wunder und seine Mutter wird wenig später
wegen mehrfachen Mordes hingerichtet. Die Unterkunft in einem Findelheim, in denen zu
der damaligen Zeit Krankheiten und Kindersterblichkeit furchtbare Verheerungen anrichten,
bleibt Grenouille erspart, zwar erweist sich die Betreuung durch die Ziehmutter Madame
Gaillard als nicht weniger lieblos, doch überlebt Grenouille nicht nur die fehlende
emotionale Zuwendung, sondern auch die Mordanschläge der ihm feindlich gesonnenen
Mitzöglinge. Auf egoistische Weise kämpften die Menschen um ihr Überleben, ohne dabei
Rücksicht auf ihre Mitmenschen zu nehmen. So verkauft Madame Gaillard ihn aus
egoistischen Motiven an einen Gerber, bei dem er „nach menschlichem Ermessen keine
Überlebenschance“ (S.38) besitzt. Es findet eine Art Menschenhandel statt, bei dem die
Rechtlichkeit des Gesetzes die Humanität verdrängt. Madame Gaillard entzieht sich somit
ihrer Verantwortung auf -‐ in ihren Augen - legitime Art und Weise. Die soziale Misere wird
von nun an bereits durch die Unterbringung Grenouilles verdeutlicht. Bei Grimal haust er in
einem „seitlich an die Werkstatt gebauten Verschlag, in dem Gerätschaften aufgebaut
wurden und gesalzne Rohhäute hingen“ (S.41), von Baldini erhält er eine „Pritsche“ (S.114)
in einer Ecke der Werkstatt, und als Geselle bekommt er „einen fensterlosen Verschlag“
(S.220) zugewiesen. Grenouilles Wert bemisst sich ausschließlich an seiner Arbeitskraft, was
schon beim Verkauf an den Gerber Grimal deutlich wird. Die Reduktion seines menschlichen
Wertes auf seinen materiellen Nutzen wird noch einmal deutlich angesprochen, als
Grenouille wieder aller Erwartungen den Milzbrand übersteht und damit künftig resistent ist:
„Und weil er nun nicht mehr so leicht zu ersetzen war wie ehedem, stieg der Wert seiner
Arbeit und damit der Wert seines Lebens“. Am Beispiel Grenouilles wird die soziale Misere,
das Fehlen jeglicher Humanität der Deklassierten im Paris des 18.Jahrhunderts dargestellt.
Das Wettergeschehen
Das Wettergeschehen auf die Ereignisse in dem Roman zu beziehen ist ein in der
Trivialliteratur gebräuchliches Mittel. Damit vergleichbar sind auch Friedrich Dürrenmatts
Ausführungen in „Der Richter und sein Henker“ (Friedhofszene: „Alles versank hinter einer
weißen Wand, so regnete es“ S.56, „im Heulen der Winde, im Prasseln der Wolkenbrüche“
S.62 groteske Darstellung). Auch Süskind bedient sich dieses postmodernen rhetorischen
Mittels.
-‐ Die Dramaturgie der Szene auf S.174 wird verdeutlicht mit Hilfe der Schilderung des
Wetters. Zunächst traut Grenouille seinen Träumen und der imaginären Entdeckung seiner
eigenen Geruchlosigkeit nicht. Daher versucht er misstrauisch und hoffnungsvoll alles, um
seinen eigenen Geruch wahrzunehmen (vgl. S.174). Nachdem er jedoch alle Möglichkeiten
erschöpft hat, steht der Untergang der Sonne stellvertretend für das Erlischen des letzten
Funkens Hoffnung und somit für die vollkommene Erkenntnis. Auch das kalte Blasen des
Windes (vgl.S.175) verdeutlicht seinen Schockzustand.
-‐ Doch auch gemütliche Atmosphären werden mit Hilfe des Wettergeschehens gestaltet.
Liest man den Begriff „Märzsonne“ (S.31) so knüpft man eine Verbindung zu wohligen,
angenehmen Empfindungen.
-‐ Auf S.153 veranschaulicht der Aufgang der Sonne das Entstehen eines Glücksgefühls in
Grenouille.
-‐ S.7 Hitze wird mit Blei verglichen (unbequeme, ungemütliche Atmosphäre)
-‐ S.143 Morgensonne lässt eine groteske, liebliche Atmosphäre entstehen (Baldini fühlt sich
sicher: „Der Reichtum aber blieb und war für alle Zeit sicher“ -> wird falsifiziert)
-‐ S.159 Wenn Grenouille seine ganze Wut, „sein[en] angestauten Haß“, seinen „Zorn“ aus
sich herauslässt, vergleicht Süskind diesen Zustand bildhaft, metaphorisch mit dem Ausbruch
eines Gewitters
-‐ S.165 „vor Sonnenaufgang“ - unverfälscht, natürlich
-‐ S.169 fast erfroren bemerkt Grenouille nichts mehr, was von seiner Umwelt ausgeht, da er
vollkommen mit seinen imaginären Vorstellungen beschäftigt ist
-‐ Wettersturz, als ihm seine eigene Geruchlosigkeit dargestellt durch Nebel (vgl. S170)
unwiderlegbar bewusst wird, stürzt er in die Niederungen von Angst und Verzweiflung, da
keinen eigenen Geruch zu besitzen für Grenouille bedeutet, ohne Seele zu leben und damit
keine eigene Identität zu besitzen
-‐ S.206 „Anfang Dezember“ - klare frische Luft; unverfälscht, natürlich, unverbraucht, als
Läuterung
Arbeit zitieren:
Lisa Maria Hirschfelder, 2009, Die Gesellschaft des 18. Jahrhunderts in Patrick Süskinds Roman „Das Parfum“ , München, GRIN Verlag GmbH
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