Westfälische Wilhelms-Universität Münster Romanisches Seminar Literaturwissenschaftliches Hauptseminar: Vom ´indigenismo´ zum ´real maravilloso´ - AusgewählteWerke von Arguedas, Asturias, Carpentier und García Márquez SoSe 2002
Verfasserin der Hausarbeit: Sonja Weimar
Die Einsamkeit
Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung 2
II. Definition von Einsamkeit 4
III. Die Einsamkeit im innerliterarischen Kontext 6
1. Die Einsamkeit Macondos 6
A. Die räumliche Einsamkeit 6
B. Die zeitliche Einsamkeit 7
2. Die Einsamkeit der Buendía 10
A. Die Einsamkeit des Obersts Aureliano Buendía 10
B. Die Einsamkeit Úrsulas 11
C. Die Einsamkeit der Toten und der übrigen Familienmitglieder 14
D. Die hundert Jahre währende Inzucht 15
3. Der Einbruch des Fremden 16
A. Die ersten Fremden 16
B. Der Corregidor 17
C. Die Bananengesellschaft 18
a. Die Veränderungen, die mit der Bananengesellschaft in Macondo Einzug halten 18
b. Der Streik und das Massaker 19
4. Un día después del sábado:
Die Einsamkeit als zentrales Thema in weiteren Werken von García Márquez 24
IV. Die außerliterarischen Bezüge 26
1. Kolumbien: Geschichte und politisch-soziale Realität 26
2. Der Streik der Arbeiter in Santa Marta von 1928 28
3. Die räumliche Einsamkeit 30
4. Die Einsamkeit der Rassen 33
5. Die Einsamkeit Lateinamerikas 35
V. Schlußbetrachtung 38
VI. Bibliographie 40
1. Primärliteratur 40
2. Sekundärliteratur 40
1
I. Einleitung
Die Einsamkeit ist eines der zentralen Themen in Cien años de soledad von Gabriel García Márquez, dies wird schon durch den Titel des Werkes verdeutlicht. Der Begriff Einsamkeit als solcher taucht beinahe auf jeder Seite auf, und das Thema begleitet den Leser durch den gesamten Roman hindurch. Die Einsamkeit bestimmt grundlegend das Leben in Macondo allgemein als auch speziell das Leben der Buendía und trägt somit zu deren Schicksal bei: der letztendlichen Zerstörung des Dorfes und dem Untergang der Familiensippe.
Die Menge der veröffentlichten Arbeiten zu Cien años de soledad ist schier unüberschaubar und auch die Einsamkeit wurde schon in zahlreichen Untersuchungen thematisiert. Oft handelt es sich hierbei entweder um rein literarische Betrachtungen, welche die Verbindung zum außerliterarischen Kontext vernachlässigen oder aber um Arbeiten, die sich primär auf den Kontext Kolumbien oder Lateinamerika beziehen und jeweils nur einige spezielle Details oder Episoden aus dem literarischen Text herausgreifen. Ich möchte mit meiner Arbeit versuchen, beides zu verbinden, das heißt, die Bedeutung der Einsamkeit sowohl rein textimmanent betrachten, als auch den Bezug zum außerliterarischen Kontext Kolumbiens beziehungsweise Lateinamerikas herstellen. Deshalb wird sich meine Arbeit in zwei Hauptteile gliedern.
In einem innerliterarisch ausgerichteten ersten Teil werde ich zunächst auf die „räumliche und zeitliche Einsamkeit“ eingehen, die das Dorf Macondo als Ganzes betrifft und von der übrigen Welt isoliert. Die vererbte Einsamkeit der Buendía, hauptsächlich am Beispiel der Figur des Oberst Aureliano Buendía, die sich vor allem auf die zwischenmenschlichen Beziehungen auswirkt, soll im Anschluß betrachtet werden. Dabei werde ich versuchen, die Gründe für die Einsamkeit sowie auch die daraus ableitbaren möglichen Auswege anzuführen. Der Einbruch der Fremden und des Fremden und die daraus resultierenden Konsequenzen für Macondo und seine Einwohner werden im folgenden Kapitel beleuchtet und mit dem Thema der Einsamkeit in Beziehung gesetzt. In diesem Zusammenhang soll die Episode mit der Bananengesellschaft und dem Massaker an den streikenden Plantagenarbeitern besondere Aufmerksamkeit erfahren. Die Bedeutung der Einsamkeit als zentrales, wiederkehrendes Thema im Werk von García Márquez werde ich schließlich kurz am Beispiel der Erzählung Un día después del sábado skizzieren. Den zweiten eher außerliterarischen Teil werden ein kurzer geschichtlicher Abriß und eine Darstellung der politisch-sozialen Realität Kolumbiens beginnen. Im Anschluß daran
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werde ich versuchen, Parallelen zwischen der fiktiven Welt Macondos und der Realität Kolumbiens beziehungsweise Lateinamerikas aufzuzeigen. In diesem Zusammenhang soll unter anderem der Streik der Arbeiter in Santa Marta von 1928 als historisches Gegenstück der im Roman dargestellten Episode betrachtet werden. García Márquez´ Äußerungen zur Einsamkeit in seinem literarischen Werk sowie seine Nobelpreisrede von 1982, in der er sich zur Einsamkeit Lateinamerikas äußert, werden ebenfalls in die Betrachtung einfließen und die Arbeit abschließen.
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II. Definition von Einsamkeit
Einsamkeit ist eine "Empfindung des räumlichen und/oder emotionalen Alleinseins" 1 , der Isolation oder fehlenden Kommunikation. Im Gegensatz zum Alleinsein, welches - auch über längere Zeiträume hinweg - nicht als Einsamkeit empfunden werden muß und im Gegenteil sogar produktiv genutzt werden kann, ist Einsamkeit ist ein Zustand, der häufig mit negativen Gefühlen (etwa des Ungeliebtseins oder des Ausgeschlossenseins) einhergeht. "Einsamkeit kann vom Individuum selbst gewählt (abweichendes Verhalten) oder die Folge sozialer Ausgliederungsprozesse sein." 2 . Einsamkeit ist nicht notwendigerweise an die Abwesenheit von Personen geknüpft: ein Mensch kann einsam sein, obwohl er von Mitmenschen umgeben ist und selbst, wenn er Kontakt zu diesen hat oder in einem persönlichen Verhältnis zu ihnen steht, kann er Einsamkeit empfinden. Negativ läßt sich formulieren, "daß nur Gemeinschaft (nicht etwa schon Gesellschaft) Einsamkeit ausschließt, und zwar auch nur in dem Maße ihrer Gegebenheit. Erlebte Einsamkeit wäre also erlebte Nicht-Gemeinschaft" 3 . Einsamkeit kann sowohl von einem Individuum als auch kollektiv von einer Gruppe erfahren werden. "Grundsätzliches und absolutes Einzelgängertum [scheint] der menschlichen Natur als soziales, in ständiger Kommunikation begriffenes Wesen zu widersprechen" 4 . Deshalb führt langanhaltende Einsamkeit in der Regel zu Krankheit, Instabilität, Passivität, Gleichgültigkeit, Lethargie, Ohnmacht, Hilflosigkeit, Stagnation oder Regression. Da der Mensch sich nur im Spiegel anderer Menschen definieren kann, führt anhaltende Einsamkeit und der damit einhergehende Mangel an Identifikationsmöglichkeiten häufig zum Verlust der Identität und zur Entfremdung.
Góngoras Soledades (1613 und 1614), die zu den berühmtesten Gedichten in spanischer Sprache zählen, und El laberinto de la soledad (1950) des mexikanischen Autors Octavio Paz sind zwei weitere Beispiele aus der spanischsprachigen Literatur, in denen das Substantiv "soledad" bereits im Titel auftaucht. Darüber hinaus ist "Soledad" sowohl in Spanien als auch in Lateinamerika ein gebräuchlicher weiblicher Vorname.
1 Microsoft® Encarta® 99 Enzyklopädie. © 1993-1998 Microsoft Corporation. "Einsamkeit".
2 Karl-Heinz Hillmann, Wörterbuch der Soziologie, 4., überarb. u. erg. Aufl. (Stuttgart: Kröner, 1994), 173.
3 Gerhard Kölbel, Über die Einsamkeit. Vom Ursprung, Gestaltwandel und Sinn des Einsamkeitserlebens (München: Ernst Reinhardt Verlag, 1959), 36.
4 Microsoft® Encarta® 99 Enzyklopädie. "Einsamkeit".
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Welche Aspekte dieser Definition für die Einsamkeit im Roman sowie für mögliche textexterne Bezüge zutreffen, wird die folgende Arbeit zeigen.
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III. Die Einsamkeit im innerliterarischen Kontext
1. Die Einsamkeit Macondos
A. Die räumliche Einsamkeit
Das fiktive tropische Dorf Macondo ist eine Art Halbinsel: es ist im Süden von den Sümpfen und dem großen Moor, im Westen vom Wasser und im Osten von der undurchdringlichen Sierra umgeben. Die Lage Macondos wird folgendermaßen beschrieben: "el vasto universo de la ciénaga grande, que… carecía de límites" 5 oder "una extensión acuática sin horizontes" 6 . Es wird der Eindruck unendlicher Weite geschaffen und dadurch ein Gefühl der Einsamkeit vermittelt, Macondo scheint vom Rest der Welt abgeschnitten zu sein. Es entsteht an dieser Stelle beinahe der Eindruck, als sei Macondo die einzige menschliche Siedlung auf der Erde.
Die Natur ist das herrschende Element, das dem Menschen entgegentritt: "pantanos, cubiertos de eterna nata vegetal" 7 , "la vegetación fue cada vez más insidiosa" 8 , "avanzaron como sonámbulos por un universo de pesadumbre… . No podían regresar porque la troza que iban abriendo a su paso, se volvía a cerrar en poco tiempo, con una vegetación nueva que casi veían crecer ante sus ojos." 9 . Das dichte Wachstum der Pflanzen ist nicht aufzuhalten, es penetriert und unterwirft die gesamte Umgebung.
Außerdem macht eine fast unerträgliche, lähmende Hitze den Menschen zu schaffen. Aus diesem Grunde hat der Dorfgründer José Arcadio Buendía nach seiner ersten Begegnung mit dem Eis die Idee, das Dorf von einer Eiswand umgeben zu lassen, um Macondo so vor der sengenden Hitze zu schützen. Er ist vom wissenschaftlichen Fortschritt besessen und vermutet, daß die herrschenden Klimabedingungen den Grad des menschlichen Fortschrittes determinieren: "... la civilización ha tendido hacia el frío. Por eso quería rodear a Macondo, <
5 Gabriel García Márquez, Cien años de soledad, 6. ed. (Madrid: Ediciones Cátedra, 1995), 91.
6 Ebenda, 91.
7 Ebenda, 91.
8 Ebenda, 92.
9 Ebenda, 92.
10 Román López Tamés, La narrativa actual de Colombia y su contexto social (Valladolid: Universidad de Valladolid, 1975), 63.
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Die Allmacht der Natur und der äußeren Umstände erscheint also regelrecht erdrückend, der Mensch ist der Natur ausgeliefert.
Die abgeschnittene Lage Macondos bringt José Arcadio Buendía der Verzweiflung nahe. Dieser wünscht sich nichts sehnlicher, als Macondo mit der Außenwelt zu verbinden, so daß die neuesten Erfindungen ihren Weg ins Dorf finden können. Doch bei dem Versuch, eine Schneise zu schlagen, die diese Verbindung herstellen soll, gelangt er an das Meer, das seine Träume zunichte macht. Wieder in Macondo angekommen beklagt er sich bei seiner Frau Úrsula mit den Worten "'nunca llegaremos a ninguna parte… . Aquí nos hemos de pudrir en vida sin recibir los beneficios de la ciencia'" 11 .
Auch die Tatsache, daß Úrsula schließlich doch durch Zufall einen Weg findet, der Macondo mit der Außenwelt verbindet, ändert nicht viel an der Einsamkeit des Dorfes. Von diesem Zeitpunkt an gelangen zwar die ersten Fremden nach Macondo (die Zigeuner kamen auch schon vor Úrsulas zufälliger Entdeckung), doch ein wirklicher Kontakt und Austausch mit diesen entwickelt sich auf lange Sicht nicht. 12
Die räumliche Einsamkeit des fiktiven Macondo kann auf die Situation Kolumbiens beziehungsweise ganz Lateinamerikas übertragen werden, doch dazu mehr in Kapitel IV.
B. Die zeitliche Einsamkeit
Die Zeit ist neben der Einsamkeit ein weiteres zentrales Thema in Cien años de soledad, das in der Sekundärliteratur immer wieder aufgegriffen wurde und schon für sich allein eine eigenständige Untersuchung rechtfertigen würde. Ich werde mich deshalb auf eine Darstellung derjenigen Aspekte beschränken, die den Eindruck „zeitlicher Einsamkeit“ vermitteln.
Macondo befindet sich außerhalb der konventionellen Zeit, man kann sogar von einer Art "atemporalidad" 13 , also einer Zeitlosigkeit sprechen. Diese wird im Roman durch die den Leser verwirrenden zeitlichen Abläufe aufrechterhalten. Zwar werden viele äußerst exakte Zeit- und Zahlenangaben gegeben, wodurch eine realistische Illusion entsteht, doch stellt der Erzähler die sehr präzisen Detailangaben in einen ganz vagen zeitlichen (wie auch räumlichen) Bezugsrahmen. So ist es unmöglich, den genauen Tag, die Woche oder auch nur
11 García Márquez (1995), 95.
12 Vgl. hierzu Kapitel III.3.
13 Germán Darío Carrillo, "La soledad", in Darío Carrillo, Germán. La narrativa de Gabriel García Márquez (Madrid: Ed. de Arte y Bibliofilia, 1975), 35.
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Sonja Weimar, 2002, Die Einsamkeit in ´Cien años de soledad´ von Gabriel García Márquez, München, GRIN Verlag GmbH
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Las mujeres en "La casa de los espíritus" de Isabel Allende
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HASSAN HAKECH
Die Einsamkeit des Diktators.
Ich will hier gern über die Einsamkeit des Dictators sprechen,die im Luxus leben und ausser Sicht der Menschen verstecken.Kann man eine politische und sociale Einsamkeit des Diktators nennen,sie sind so weit aus Realität ihres Volkes,sie ignorieren uberhaupt die Alltag der normaler Menschen,die unter Armut,Elend und Frustration leiden.Ich glaube diese Art von Einsamkeit hat mit Macht und Herrschaft zu tun,sie ist eine politische und Aristokatische Entscheidung des Leaders.
am Thursday, March 20, 2008-