Einleitung:
Die folgende Arbeit beschäftigt sich mit dem Frauenbild, beziehungsweise des Frauenideal im Mittelalter. Am Beispiel von Hartmann von der Aues Heldenepos „Iwein“ sollen die von ihm entworfenen Frauenfiguren in Bezugnahme auf die mittelalterliche Realität analysiert werden. Die Fragestellung hierbei lautet: Inwieweit entspricht das epische Frauenbild der Realität und wie funktioniert die Frau im Spannungsfeld zwischen lyrischer Fiktion und gesellschaftlicher Wirklichkeit?
Am Beispiel von Hartmann von Aues weiblicher Hauptfigur Laudine soll geprüft werden, welchem mittelalterlichem Ideal hiermit entsprochen wird, dem gesellschaftlich-reelem oder dem epischfiktionalem.
Das Mittelalter zur Zeit Hartmanns von der Aue um 1109 ist geprägt von zwei gesellschaftlichen Frauenidealen: Zum einen ist die Frau, sofern adelig, die perfekte Minneherrin. Damit sie die Ansprüche dieses Titels erfüllt, muss sie mehreren Kriterien entsprechen: Sie muss ausnehmend schön sein, adelig, klug, edel, keusch und unerreichbar: „Seht an ir ougen und merket ir kinne, seht an ir kele wîz und prüevent ir munt. Si ist âne lougen gestalt sam diu minne. Mir wart von vrouwen so liebez nie kunt“ 1 Dieses Idealbild gehört ausschließlich in den Bereich der mittelhochdeutschen Lyrik und Epik und hat sehr wenig mit der damaligen Realität zu tun. Den mittelhochdeutschen Dichtern ging es hierbei weniger im individuelle Züge, sondern um ein Ideal, welches sich in festgelgten Schönheitsprädikaten manifestierte. 2 Die inneren Tugenden der Frau offenbarten sich in ihrer körperlichen Schönheit. Für das höfische Frauenbild in der Literatur und Lyrik war die Harmonie zwischen Schönheit und moralischer Vollkommenheit ein wesentlicher Aspekt. Nur selten wurde die Schönheit der Frau ihrer inneren Werte nachgeordnet, zum Beispiel wenn es um die Fragestellung ging, ob sich höfische Vorbildlichkeit in äußeren oder inneren Werten manifestierte: „so ist ir uzer schoen enwiht, si ist schoene innerthalben niht.“ 3 Unter Berücksichtigung der Tatsache, das Heldenepen oder Minnelyrik nicht nur zur Unterhaltung der mittelalterlichen Höfe gedacht war, sondern auch oder hauptsächlich als eine Art Verhaltenskatalog für die Gesellschalft diente, erfüllt die höfische Dame eine wichtige gesellschaftliche Funktion: Als Inbegriff der Schönheit und moralischer Vollkommenheit war ist sie in der Lagen, die Werte, die sie repräsentiert, an den Mann weiterzugeben. Diese Aufgabe kann die höfische Dame mit Hilfe der hohen Minne erfüllen, die sie im höfischen Herrn weckt.
1 H. v. Morungen 141, 1-4 in Joachim Buhmke, Höfische Kultur, Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, Seite
451-452, 1999 München
2 Vgl. Joachim Buhmke, Höfische Kultur, Literatur und Gesellschaft im hohen Mittelalter, S. 452 ff, 1999 Berlin
„So ist ihre Schönheit ein Nichts, wenn sie nicht im Innern schön ist.“T. v. Zirklaere 951-52 3
Gegenüber diesem höfischen Frauenbild, dass eine Erfindung der Dichter und Minnesänger ist, sah die Realität des Geschlechterverhältnisses ganz anders aus. Die Vorstellung, dass adlige Herren zu den Frauen verehrungsvoll und bewundernd aufblickten, da sie den Damen ihre eigene Ritterlichkeit und Höfischkeit verdankten, verkehrt das Geschlechterverhältnis wie es wirklich war, ins Gegenteil. 4
In der Regel hatte sich eine höfische Dame ihrem jeweiligen Herrn unterzuordnen, zunächst ihrem Vater, Bruder oder Vormund, später ihrem Ehegatten. „ Es ist die natürliche Ordnung unter den Menschen, dass die Frauen den Männern dienen.“ 5 Diese Anschaunung, getragen und bestätigt durch das Alte Testament, war fester Bestandteil der christlichen Gesellschaftslehre und dem mittelalterlichen Gesellschaftsbild. Eine höfische Frau war weder persönlich erbberechtigt, noch konnte sie sich im Falle eines Konfliktes selbst verteidigen, wie später anhand der Analyse des vorliegenden Textes noch zu sehen sein wird. Hieraus reslutiert auch die Notwendigkeit Laudines, erneut zu heiraten, obwohl ihr verstorbener Gatte Ascalon kaum begraben ist. Da sie als Frau nicht in der Lage ist, ihr Land selbst zu schützen und zu regieren benötigt sie einen Ehemann, der diese Aufgaben für sie übernimmt. Doch hiervon später. Auch wird das Phänomen der Minneherrin in der mittelalterlichen Epik und Lyrik am Beipiel von Hartmann von der Aues 'Iwein' und der weiblichen Hauptperson, Laudine, näher beleuchtet werden. Das zweite weibliche Idealbild, das im folgenden zur Diskussion stehen soll ist das Ideal der „vollkommenen Herrscherin“ 6 , die ihr persönliches Wohl zum Wohl ihres Landes und Volkes hintenanstellt. Im Mittelpunkt steht hierbei Laudine, die weniger als eine Minneherrin als eine „machtbewusste, selbstständige Herrscherin dargestellt wird, obwohl Iwein sie als Minneherrin ansieht und verehrt. Hiermit öffnet sich ein Spannungsfeld zwischen Liebe, die Iwein für Laudine empfindet und der gesellschaftlicher Notwendigkeit, weshalb sie den Mörder ihres Mannes heiraten muss. Die Frage dieser Arbeit soll lauten: Ist Laudine eine gesellschaftstypische Herrscherin des 12. Jahrhunderts oder unereichtes, episches Idealbild einer Minneherrin? 7
4 Vgl. Joachim Buhmke, S. 453 ff
5 Augustinus, Quaestiones in Heptateuchum S. 59 in Joachim Buhmke, Höfische Kultur, S. 456 ff., 1999 Berlin
6 Vgl. Volker Mertens, Laudine, 1978 Berlin
7 Vgl. Volker Mertens, Laudine, 1978 Berlin
Inhaltsangabe
Bei dem zu behandelnden Werk handelt es sich allerdings nicht um einen Minneroman, sondern um
ein Heldenepos. Dennoch kommt in Hartmanns 'Iwein' die Minne nicht zu kurz. Iwein ist einer der
Helden um König Arthus' Tafelrunde und als dessen Vetter Kalogrenant berichtet, dass dieser einen
Kampf gegen den Ritter Ascalon schmählich verloren habe beschließt Iwein seinen Verwandten auf
eigene Faust zu rächen. Zum Kampf zwischen Ascalon und Kalogrenant kommt es, weil dieser die
Quelle , die Ascalon bewacht unbedacht entweiht und damit ein furchtbares Unwtetter verursacht.
Ascalon fordert den Ahnungslosen daraufhin zum Kampf und siegt. 8 Als Iwein nun an die heilige
Quelle kommt, gießt auch er Wasser auf den Quellstein und verursacht damit ebenfalls ein
Unwetter. Ascalon erscheint und fordert ihn zum Kampf. Iwein verwundet den Herrn der Quelle
t ödlich und verfolgt den Fliehenden bis zu dessen Burg. Auf der Burg gerät Iwein zwischen zwei
Fallgatter und sitzt somit in der Falle. 9 Durch eine Tür tritt die Dienerin der Herrin Laudine
zwischen die Fallgitter und sagt Iwein trotz der Trauer um ihren Herrn Hilfe zu, da er sich im
Kampf so mutig bewährt habe. 10 Sie gibt Iwein einen Stein, der ihn unsichtbar macht und verläßt
ihn. Unsichtbar für die Brugbewohner verfolgt Iwein den Trauerzug hinter der Bahre des toten
Herrschers Ascalon und sieht zum ersten Mal Laudine. 11 Sehr eindrücklich beschreibt Hartmann
von Aue Laudines Kummer über den Tod ihres Gatten, den sie offensichtlich sehr geliebt haben
muss , wobei hier von geschlechtlicher Liebe die Rede sein kann: „ wand sî muose tôten sehen
einen den liebsten man den wîp ze liebe ie gewan.“ 12 Im weiteren Textverlauf wird zu sehen sein,
dass diese Liebe sich von der, die sie Iwein später entgegenbringt, unterscheidet. Hierbei handelt es
sich nach Volker Mertens um keine „personale Liebe“ sondern um eine politsch motivierte Heirat,
womit eine in der mittelalterlichen Gesellschaft übliche Handlung aufgezeigt wird. Später soll auf
diese Problematik noch genauer eingeganen werden. 13
Iwein beobachtet Laudine aus dem Verborgenen: „ swâ ir der lîp blôzer schein, da ersach sî der
her îwein “ 14 Im nun folgenden Textverlauf erfolgt eine für die Lyrik der hohen Minne typische
Beschreibung der Gestalt Laudines und das Begehren und die Liebe, die ihre Schönheit in Iwein
8 Hartamann von Aue „Iwein“, Seite 16, LM 755, 4. überarbeitete Auflage von G.F. Benecke, K. Lachmann, L. Wolff,
Walter de Gruyter, 2001 Berlin/New York
9 Ebd. S.23, LM 1125 ff
10
Ebd. S 23/24 LM 1176 ff
11
Ebd. S. 26 LM 1307 ff
12
Ebd. S. 26 LM 1314Ebd. S. 26 LM 1314
13
Vgl. Volker Mertens „Laudine“ Soziale Problematik im Iwein Hartmann von Aues, Erich Schmidt Verlag, 1978
Berlin
14
Ebd S 26 LM 1331
entfacht. „[...] daz im ir minne verkêrten die sinne, daz er sîn selbes gar vergaz [...]“ 15 Zu diesem Zeitpunkt ist an eine Erwiederung seiner Liebe seitens Laudine absolut undenkbar, ist Iwein doch Ascalons Mörder. Werner Schröder geht davon aus, dass Iwein, nicht wie Mertens behauptet, Ascalon im „ritterlichen Kampf getötet“ hat, sondern „er wollte ihn töten, und da hört die 'erlaubte Gewalt' (für die Mertens auf Seite 49 plädiert) auf. 16
So wird vermeintlich die Minnekonzeption erfüllt: Laudine ist adelig, wunderschön und auf Grund ihrer Trauer unerreichbar für Iwein. Er selbst ist verzweifelt, da er sich durchaus im Klaren darüber ist, dass die Herrin der Quelle wohl kaum dem Mörder ihres Gatten Gehör schenken würde, geschweige denn, ihn am Leben lassen, wenn sie ihn fände. Auch bereut Iwein seine Tat. Allerdings nicht, weil er einen Menschen getötet hat, sondern weil er dem „schoenen wîbe“ solchen Kummer bereitet hat. Ihr Zorn und ihre Trauer werden noch verstärkt, als die Leiche Ascalons an seinem Mörder vorbeigetragen wird, und seine Wunden erneut bluten. Als Laudine das sieht, weiß sie, dass der Mörder noch in der Nähe sein muss und nennt ihn einen Feigling und Zauberer, denn ein normaler Sterblicher hätte ihren Mann wohl nicht zur Strecke bringen können. Sie selbst benennt die, für eine höfische Dame typische, Hilflosigkeit: „[...] wie mac er dar an verzagen ern lâze sich ouch ein wîp sehen? wand waz möht im von der geschehen? [...]“ 17 Doch darf natürlich kein Zweifel daran bestehen, dass Laudines Soldaten ihn auf der Stelle töten würden und so bleibt Iwein in seinem Versteck. Als Lunete, das Kammerfräulein Laudines später in sein Versteck zurückkehrt, um nach ihm zu sehen, findet sie ihn gar nicht „verzaget“: „Im hete diu minne einen muot gegeben, als sî mnegem tuot, daz er den tôt niht entsaz [...]“ 18 Unter dem Vorwand, die Trauernden, die er von seinem Versteck aus kalgen hört, sehen zu wollen, bringt er Lunete dazu ein Fenster zu öffnen. Hartmann tadelt seinen Helden für diese List, Laudine zu Gesicht zu bekommen: „[...] Die rede meinder niender sô: wan ern gaebe drumbe niht ein strô, ob sî mit glîchem valle dâ zehant alle laegen ûf der der bâren, [...]“, mit ausnahme seiner Angebeten natürlich. Hier ist anzumerken, dass Hartmann seinen Helden keineswegs tadellos konzipiert hat und ihn des öfteren im Textverlauf durch den Erzähler ermahnt oder rügt.
Indes fährt Laudine in ihren Klagen um den geliebten Gatten fort und preist seine Tapferkeit und seine Erscheinung. Das beschriebene Kleiderzwerreißen und Haareraufenaus Trauer 19 ist keineswegs, wie es zunächst den Anschein haben mag, unhöfisch und einer Dame unwürdig sondern gesellschaftlich korrektes Verhalten einer Trauernden höfischen Dame. Auch hier noch entspricht also Laudine perfekt dem gesellschaftlichen Frauenidealbild aus Hartmanns Zeit, wie auch dem
15 Ebd. S. 26 LM 1335 ff
16 Werner Schröder „Laudines Kniefall und der Schluß vob Hartmanns Iwein, Seite 4, Franz Steiner Verlag, 1997
Stuttgart
17 Hartmann von Aue „Iwein“ S. 27 LM 1400
18 Ebd. S. 28 LM 1419
19 Ebd. S 29 LM 1476
Arbeit zitieren:
Corina Brucker, 2009, Harmann von Aue "Iwein", München, GRIN Verlag GmbH
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