In der Phase der Nachkriegszeit von 1946 bis 1962 nimmt die Zahl der Ausländer -Algerier sind keine Ausländer - in Frankreich lediglich um 500.000 auf 2,2 Millionen zu. Doch in den ersten Nachkriegsjahren sieht die Arbeitsmarktsituation wie folgt aus. Im Gegensatz zu Deutschland, wo als Folge der Vertreibung der deutschen Bevölkerung im Osten kein Mangel an Arbeitskräften herrschte, sah dieser Sachverhalt dagegen in Frankreich aber in England völlig anders aus. Ohne auf diese Detailfrage näher einzugehen, reicht hier der Einwand, dass sowohl England wie Frankreich den expandierten Arbeitsmarkt durch die Rekrutierung ausländischer Arbeitskräfte entspannen wollte. 4 Die Situation ist in Frankreich weiterhin dadurch geprägt, dass in großer Zahl deutsche Kriegsgefangene in den Bergwerken und in der Landwirtschaft zwangsweise arbeiten mussten. Aber auch die gezielte Anwerbung von italienischen Arbeitskräften gehörte zum Instrument französischer Politik. Weiterhin werden nach Angaben von Schwab in dieser Phase erstmalig auch Marokkaner für die französischen Kohlegruben angeworben. 5
Auch nimmt die Zahl der algerischen Zuwanderer - formal keine Ausländer - auf 350.484 Personen bis zum Tag der algerischen Unabhängigkeit zu. 6 Zu bedenken ist in diesem Zusammenhang, dass erst ab 1962 die britische und französische Ministerialbürokratie die Möglichkeit besaß, die koloniale Zuwanderung überhaupt zu erfassen. Algerier besitzen bis zu diesem Zeitpunkt die volle Niederlassungsfreizügigkeit zwischen dem sog. Metropolterritorium und den algerischen Departements. Algerien wird bis dahin als integraler Teil der französischen Republik angesehen. Allerdings findet eine Differenzierung zwischen muslimischen und französischen Algeriern statt. Erst 1962 findet die bisherige Freizügigkeit im sog. Vertrag von Evian ein Ende und es erfolgt fortan eine Kontigentierung der Zuwanderung.
Wie bereits mehrfach erwähnt, ist die Phase der uneingeschränkten Einreise algerischer Bewohner 1962 vorbei. Im selben Jahr erlässt auch Großbritannien ein Einwanderungsgesetz. Bis dahin steigt die Zuwanderung aus den britischen Kolonien nach dem Vereinigten Königreich stetig an. Gründe liegen einerseits in der
4 Sturm-Martin, Zuwanderungspolitik, a.a.O., S. 54f.
5 Schwab, Christa: Integration von Moslems in Großbritannien und Frankreich. Wien 1997, S. 26.
6 Weil, Patrick: La France et ses étrangers. L´aventure d´une politique de I´mmigration de 1938 á nos jours. Paris 1995. Hier finden sich auch detailliert die Ergebnisse der Volkszählungen.
mangelnden Industriealisierung und andererseits in dem Bevölkerungsdruck in den Kolonien. Diese beiden Faktoren wirken als „push-factoren“.
Die Zuwanderung nach Frankreich bewegt sich bis Anfang der fünfziger Jahre jährlich zwischen 30.000 und 68.000 Ausländer. Doch seit Mitte der fünfziger Jahre geht die europäische Einwanderung zurück. Frankreich begegnet diesem Sachverhalt dadurch, dass der Status der illegal eingereisten Einwanderer nachträglich legalisiert wird bzw. Naturalisierungsverfahren beschleunigt eingesetzt werden. Im Kontext dieser Argumentation sollte allerdings auch bedacht werden, dass in der ersten Phase der Nachkriegszeit die Zahl der in Frankreich lebenden Ausländer immer noch nicht das Niveau der Vorkriegszeit erreicht hat.
Wie sehr die von der französischen Regierung gewünschte Zuwanderung erfolgreich ist, lässst sich daran erkennen, dass im ersten Jahrzehnt nach dem Zweiten Weltkrieg rund 14 % des Bevölkerungswachstums und im zweiten Jahrzehnt weitere 21 % der Zuwanderung zu verdanken ist. 7
Nach französischen Angaben halten sich 1958 über 300.000 Algerier in Frankreich aus, nur wenige Jahre später, kurz nach der algerischen Unabhängigkeit, wird die Zahl der Algerier und der Afrikaner bereits auf rund 550.000 geschätzt. Die Dunkelziffer dürfte aber erheblich sein.
Im Gegensatz zu den meisten europäischen Staaten, sieht man einmal von den Niederlanden ab, fand eine nach Frankreich und Großbritannien koloniale Einwanderung nach dem 2. Weltkrieg statt, wobei beide Staaten auf diese staatsrechtliche Binnenwanderung keinen Einfluß im Sinne von Beschränkungen nehmen konnte.
Im Kontext der Migrationsdebatte muss an dieser Stelle auf die Entwicklung der französischen Staatsbürgerschaftsrechts eingegangen werden, wobei konstatiert werden kann, dass das französische sich grundsätzlich von dem deutschen Staatsbürgerschaftsrecht unterscheidet. Während das deutsche Selbstverständnis geprägt ist vom Verständnis der Nation im ethnischen Sinne, wird das französische geprägt durch den volutaristischen Charakter. Man bekennt sich zur französischen Kultur und ist offen für den Prozess der Assimilierung. Dies war ein wesentlicher Grund dafür, dass Frankreich in den Jahren nach 1945 bemüht ist, überwiegend eine Zuwanderung aus den europäischen Nachbarstaaten zu forcieren. Europäer gelten
als assimilierungsbereit. wobei allerdings auch konstatiert werden muss, dass die Assimilierung nicht mehr von allen zugewanderten Gruppen geteilt wird. So kam es in den letzten Jahrzehnten zur Bildung von Parallelgesellschaften. In Deutschland wird von zugewanderten Migranten eine „Integration“ und keine Assimilierung in die deutsche Gesellschaft erwartet. 8
Das Prinzip des Jus soli (Recht des Bodens) ist im französischen Staatsbürgerschaftsrechts - analog zum amerikanischen - immer noch das dominierende Prinzip. Deshalb ist es auch nicht einfach Ausländer, Migranten zu erfassen. Es genügt, wenn bei in Frankreich geborenen Kindern ein Elternteil in Frankreich geboren ist, dann erhalten die Kinder bei Geburt ohne eigenes Votum die französische Staatsbürgerschaft. 9
Wie in anderen europäischen Staaten finden auch in Frankreich im zehnjährigen Abstand Volkszählungen statt. Doch diese Zahlen müssen mit größter Vorsicht zur Kenntnis genommen werden.
Die statistische Unzuverlässigkeiten, die kennzeichnend sind für das Vereinigte Königreich, treffen auch für die offiziellen französischen Daten zu.
Wer sich mit französischen Migrationsbewegungen im europäischen Kontext befasst, wird somit sehr schnell feststellen, dass die von französischen Behörden veröffentlichen Daten nur sehr bedingt mit den Daten der anderen europäischen Staaten zu vergleichen sind. Zu unterschiedlich sind die erhobenen Daten und deren Vergleichbarkeit. Für die deutschen Statistikbehörden ist die Staatsangehörigkeit die zentrale Größe. 10 Man ist entweder Deutscher und im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit oder man ist es nicht. So heißt es in § 1 StAG: „Deutscher im Sinne dieses Gesetzes ist, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt.“ 11 Nicht zu verwechseln ist §1 des StAG mit Art. 116 Abs. 1 des deutschen Grundgesetzes. Dort
7 Sturm-Martin, Zuwanderungspolitik, a.a.O., S. 163.
8 Zu diesem Problemkomplex vgl. Francois, Etienne (Hrsg.): National und Emotion: Deutschland und Frankreich im Vergleich, 19. Und 20. Jahrhundert. Göttingen 1995.
9 Vgl. hierzu Silverman, Maxim: Rassismus und Nation. Einwanderung und Krise des Nationalstaats in Frankreich. Hamburg 1994, S. 47.
10 Zum besonderen Verständnis des deutschen und französischen Staatsbürgerrechts wird hier nicht näher eingegangen. vgl. insbesondere die Ausführungen von de Groot, G.-R.: Staatsangehörigkeitsrecht im Wandel. Köln 1989, S. 54-112.
11 § 1 des Staatsangehörigkeitsgesetzes (Deutschland)
wird aufgrund der spezifischen deutschen staatlichen Entwicklung nach 1945 auch von der deutschen Volkszugehörigkeit gesprochen. 12
So wird selbstverständlich ein Türke, Italiener oder Däne, der im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit ist, statistisch als Deutscher geführt. Die ethnische oder kulturelle Abstammung der betreffenden Personen ist von sekundärem Interesse. Das heißt, dass z. B. ein Pole, der im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit ist und in Deutschland seinen festen Wohnsitz hat, statistisch als Deutscher geführt wird. Andererseits wird ein im ethnischen Sinne Deutscher, der beispielsweise in Frankreich seinen Wohnsitz hat und nicht im Besitz der deutschen Staatsangehörigkeit ist, selbst bei einem Wohnortwechsel nach Deutschland, nicht als Deutscher geführt. Ausschließlich die Staatsangehörigkeit ist von zentralem Interesse und nicht die ethnische. Deshalb gilt ein Kurde, der aus dem Irak in Deutschland um Asyl bittet, statistisch gesehen als Iraker. Dieses Verständnis von Nationalität wird in Europa nicht von allen geteilt. Während in den Niederlanden aber auch in Großbritannien ethnische und rassische Kriterien bestimmende Merkmale in der statistischen Erfassung von Migranten darstellen, ist aus historischen Gründen in Frankreich das republikanische Verständnis das bestimmende Prinzip von der Zugehörigkeit zur französischen Nation. Ethnische Kriterien spielen da keine Rolle. Schon an diesem hier aufgezeigten Sachverhalt der unterschiedlichen Erfassung von statistischen Daten der Migrationsströme verdeutlicht die Notwendigkeit einer europäischen Harmonisierung und, was vielleicht noch wichtiger ist, einer Vergleichbarkeit der Migrationsdaten.
Wie in Deutschland ist auch in Frankreich die sog. Familienzusammenführung die zahlenmäßig häufigste Form der Zuwanderung. Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, schätzt Kees Groenendijk für den gesamten europäischen Raum bis 2006 den prozentualen Anteil des Familiennachzugs an der gesamten Einwanderung auf rund 40 bis 50 %. 13
Aber auch die vom französischen Staat großzügig vorgenommenen Einbürgerungen „verfälschen“ die statistischen Daten. Zwischen 2004 und 2008 hat Frankreich im
12 Artikel 116 Deutsches Grundgesetz
(1) Deutscher im Sinne dieses Grundgesetzes ist vorbehaltlich anderweitiger gesetzlicher Regelung, wer die deutsche Staatsangehörigkeit besitzt oder als Flüchtling oder Vertriebener deutscher Volkszugehörigkeit oder als dessen Ehegatte oder Abkömmling in dem Gebiete des Deutschen Reiches nach dem Stande vom 31. Dezember 1937 Aufnahme gefunden hat.
13 Groendijk, Familienzusammenführung, aa.O. S. 191.
Kontext der europäischen Staaten nach Angaben von Eurostat folgende Einbürgerungen vorgenommen:
Frankreich:
Im Vergleich zu weiteren europäischen Staaten
Spanien: Italien: Ver.Königreich Bei einem Vergleich der oben genannten Daten fällt sofort die unterschiedliche Höhe der vorgenommenen Einbürgerungen auf. Neben Großbritannien hat Frankreich die meisten Einbürgerungen gebilligt.
Frankreich nimmt ebenfalls eine Spitzenstellung bei jener Personengruppe ein, die in Europa Asyl beantragen. Eurostat verweist auch in diesem Zusammenhang auf die zum Teil nicht vergleichbaren Daten hin.
Frankreich:
Deutschland: Spanien: Italien: Ver.Königreich: Schweden:
Auffallend bei einem Datenvergleich ist der Sachverhalt, dass Frankreich zwar mit dem Vereinigten Königreich annährend eine gleich hohe Zahl von Asylanträgen bearbeiten mußte, dass aber Schweden eine absolute Spitzenstellung einnimmt. Bestimmte Indizien sprechen dafür, dass Schweden aufgrund der Attraktivität des Sozialsystems bevorzugt angesteuert wird. Allerdings ist die Ablehnungsquoto bei allen europäischen Staaten hoch. Von 197.410 2006 gestellten Anträgen im Europa
14
http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=tps000 24&plugin=1 Abgerufen am 22.2.2011
15
http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=tps000 21&plugin=1 abgerufen am 22.2.2011
der 27 wurden 137.575 abgelehnt. 16 Wie bereits an anderer Stelle erwähnt, wird ein bestimmter Anteil der abgelehnten Asylbewerber durch Rückführungsabkommen in die jeweiligen Heimatländer zurücktransportiert. Doch den meisten Asylbewerbern gelingt es trotz Ablehnung, in den europäischen Staaten zu bleiben. Entweder dadurch, dass sie in die Illegalität untertauchen oder sich durch mehrere juristische Instanzen durchklagen bis aus Gründen der Humanität, insbesondere bei Familien mit schulpflichtigen Kindern, ein Bleiberecht ausgesprochen wird.
Die von der OECD erstellten Daten bezüglich der Migrationsströme in Frankreich stellen sich wie folgt dar. Allerdings muss auch hier darauf hingewiesen werden, dass die Datenquellen bezüglich der Zuwandererströme keine empirische Wiedergabe der Realität ist. Sie sind meist das Ergebnis diverser demographischer Quellen:
2001 2002 2003 2004 2005 2006
106.9 124.3 136.4 141.6 135.9 135.1 (in Tausend) 17
Migranten (migranten inflows)
+ Studenten + Saisonarbeiter
Diese Angaben werden von der INSEE (französische Statistikbehörde) in etwa bestätigt. Sie geht von einem Bevölkerungszuwachs von rund 360.000 aus. 19
Auffallend ist auch hier die unterschieden Angaben der demographischen Entwicklung. Die von der französischen Statistikbehörde INSEE publizierten Daten divergieren mit jener der Eurostat. Nach Angaben von INSEE stellt sich die Entwicklung wie folgt dar:
16
http://epp.eurostat.ec.europa.eu/tgm/table.do?tab=table&init=1&language=de&pcode=tps001 64&plugin=1 abgerufen am 22.2.2011
17 http://dx.doi.org/10.1787/430155301562
18 http://www.oecd.org/dataoecd/7/13/45627895.pdf
19 http://www.insee.fr/fr/themes/tableau.asp?reg_id=0&ref_id=NATnon02151 Abgerufen am 22.2.2011
Daten nach INSEE:
2002 2003 2004 2005 2006 2007 2008 2009 2010 2011 Am Beispiel der Angaben durch die OECD soll die Problematik der statistischen Erfassung aufgezeigt werden. Die OECD gibt für das Jahr 2007 eine Migranteneinwanderung (Migration inflows) in Höhe von 233.000 Personen an. Die Differenz, vergleiche die oben angegebenen Daten, für das Jahr 2007 auf 2008 ergibt aber eine erhebliche Differenz. Eine Erklärung hierzu kann an dieser Stelle nicht geleistet werden, sondern weist lediglich auf die vorhin genannte Problematik hin.
Frankreich hat nach offiziellen Angaben 2007 eine Gesamtbevölkerung von rund 61,6 Millionen. 21 .Mit Stichtag 1.Jan. 2011 ist die Bevölkerung auf 65.027.000 gewachsen. 22 davon wiederum nach Angaben von Eurostat im Jahr 2005 rund 1,5 Millionen afrikanische Staatsbürger, wobei der Anteil der afrikanischen Staatsbürger an der Gesamtbevölkerung rund 2,4 % beträgt. 42 % der ausländischen Bevölkerung stammt 2005 ebenfalls aus dem afrikanischen Raum, rund 2,2 Millionen. 23
Die französischen Statistikbehörden erfassen die Personengruppen mit nichtfranzösischer Staatsangehörigkeit für das Jahr 2006 (Aktualisierung November 2010) wie folgt:
Rumänien Serbien Polen Russland 20 Institut national de la statistique et des études économiques (insee) http://www.insee.fr/fr/themes/tableau.asp?reg_id=0&ref_id=NATnon02151 Abgerufen am 23.2.2011
21 Eurostat (demo_pjan und proj_08c2150p)
22 http://www.insee.fr/fr/ (19.1.2011)
23 http://www.insee.fr/fr/themes/tableau.asp?reg_id=0&ref_id=immigrespaysnais (19.1.2011)
Belgien Ver.Königreich Spanien Niederlande Portugal Iran Libanon Türkei China Indien Kambodscha Sri Lanka Laos Vietnam Demok.Rep. Kongo Kamerum Kongo Elfenbeinküste Madagaskar Mali Senegal Marokko Tunesien Algerien Haiti Brasilien Gesamtzahl der in Frankreich lebenden Bevölkerung ohne französische 5.136.294 24 Staatsangehörigkeit
Doch auch diese statistische Angabe wird von SOPEMI nicht bestätigt. Nach SOPEMI können folgende Daten für die im Ausland geborene Bevölkerung aufgezeigt werden:
4.958.5 8.1 % Zum besseren Verständnis des prozentualen Anteils an der Gesamtbevölkerung hier folgende Vergleichsdaten für das Jahr 2006:
24 Einwanderer nach Geschlecht, Volksgruppe und Land der Geburt Details - Frankreich http://www.insee.fr/fr/themes/detail.asp?reg_id=99&ref_id=pop-immigree-pop-etrangere
25 Daten von SOPEMI Vgl. http://dx.doi.org/10.1.1787/430220580850
14.1 % Im Kontext dieser Zahlen muss erwähnt werden, dass die Zuwanderung in den kommenden Jahren zum Teil erheblich zu- und abgenommen hat. Zu berücksichtigen sind auch die Folgen der sog. Wirtschafts- und Finanzkrise. Die folgenden Daten gelten für 2009:
9.1 % 971.4
Luxemburg
43.5 % 214.8
Schweiz
21.7 % 1.669.7 In absoluten Zahlen hat Deutschland zurzeit - 2010 - die höchste Zahl von Migranten, rund 7,3 Millionen, gefolgt von Spanien (5,7 Millionen) Großbritannien (4 Millionen), Italien (3,9 Millionen und Frankreich mit 3,7 Millionen. 29 Bei den genannten Zahlen muss weiterhin berücksichtigt werden, dass die erfassten Daten unterschiedlich klassifiziert werden. Beispiel Deutschland: Erlangt ein Türke die deutsche Staatsangehörigkeit, wird er statistisch als Deutscher erfasst. Beispiel Niederlande: Erlangt ein Japaner die niederländische Staatsangehörigkeit, so wird er einerseits als niederländischer Staatsangehöriger aber auch andererseits als nichtwestlicher Allochthone erfasst. Hier dokumentiert sich das ganze Dilemma der unterschiedlichen statistischen Erfassung in den europäischen Staaten.
Auffallend ist auch bei der statistischen Erfassung das koloniale Erbe der französischen Republik. Die größten Migrantengruppen stammen aus Algerien,
26 Eurostat nennt hier 39 %
27 Daten von SOPEMI Vgl. http://dx.doi.org/10.1.1787/430220580850
28 Daten von Eurostat http://epp.eurostat.ec.europa.eu/cache/ITY_PUBLIC/3-07092010-AP/DE/3-07092010-AP-DE.PDF
29 Die Welt vom 27.2.2011 http://www.welt.de/politik/deutschland/article9475620/Kein-EU- Land-hat-mehr-Auslaender-als-Deutschland.html Abgerufen am 27.2.2011
Marokko und Tunesien. Aber auch der Senegal, Haiti, Mali, Vietnam etc. ist stark vertreten. Auch die türkische Zuwanderung ist beachtlich, erreicht allerdings nicht die Größenordnung wie in Deutschland. (d hat die meisten türkischen Bewohner außerhalb der Türkei. Die Einwohnerzahl beträgt von Berlin beträgt 2009 3.442.675 Personen, davon 473 209 Personen mit ausländischer Staatsbürgerschaft. Die türkische Gemeinde wiederum umfasst 104.556 Personen. Rund 22,8 % aller in Berlin lebenden Ausländer) 30
Bei diesen oben genannten Zahlen muss darauf geachtet werden, dass es sich ausschließlich um Personen handelt, die nicht im Besitz der französischen Staatsbürgerschaft sind. Der Anteil jener in Frankreich lebenden, die einen afrikanischen Migrationshintergrund besitzen, wird auf über 2 Millionen geschätzt u. a. zu erklären durch die hohen Einbürgerungszahlen von illegal Eingereisten. Für viele Franzosen ist es eine problembeladene Frage des nationalen Selbstverständnisses, dass 2005 erstmalig mehr Personen mit afrikanischen Migrationshintergrund (rund 2,1 Millionen, 2007 2.223.617 Personen 31 ) in Frankreich leben als Personen aus dem europäischen Kulturraum (knapp 2 Millionen, 2007 Europa 27 1.802.000 Personen). 32
Im zunehmenden Maße gewinnen auch die Migrationspopulationen aus dem südlichen Afrika an Bedeutung, zu nennen sind die Staaten Senegal und Mali. 33 Nach Angaben der französischen Statistikbehörde INSEE leben weiterhin rund 500.000 Personen aus dem asiatischen Raum, davon wiederum knapp 230.000 aus der Türkei in Frankreich. 34
Wie in Deutschland bestand auch in Frankreich in den siebziger Jahren die Vorstellung, dass zumindest ein erheblichen Teil der Zuwanderer - in Deutschland „Gastarbeiter“ - , meist ungelernte Kräfte, nach einer bestimmten Phase der Arbeit in das Herkunftsland zurückkehren würde. Noch 1974 erteilte Frankreich einen Zuwanderungsstopp und versuchte analog zu deutschen Vorstellungen, mittels Rückkehrprämien eine Rückkehr der Zugewanderten zu fördern. Während in Deutschland primär die türkische Gemeinde gemeint war, galten die französischen
30 Amt für Statistik Berlin-Brandenburg http://www.statistik-berlin-brandenburg.de/pms/2011/11-02-04.pdf Abgerufen am 19.3.2011
31 http://www.insee.fr/fr/themes/tableau.asp?reg_id=0&ref_id=immigrespaysnais
32 http://www.insee.fr/fr/ppp/sommaire/IMMFRA05.PDF.
33 http:// www.focus-‐migration.de/Frankreich.1231.0.html.
34 http://www.insee.fr/fr/themes/tableau.asp?reg_id=0&ref_id=etrangersnat
Bemühungen primär den algerischen und marokkanischen Zuwanderer. Wie bekannt, scheiterten in beiden Ländern die Bemühungen. Ohne an dieser Stelle detailliert auf die innenpolitischen Verhältnisse näher einzugehen, kann gesagt werden, dass selbst Ende der 70 Jahre in Frankreich kein staatliches Integrationskonzept gab.
Als Folge einer nicht gesteuerten Einwanderungspolitik standen in den neunzigerJahren die Krawalle in den banlieues 35 im Fokus der Aufmerksamkeit und forcierten die Diskussion der inneren Sicherheit. Dabei wurden diese Krawalle nicht nur mit der sozialen Situation der betreffenden Vorstadtbewohner erklärt, sondern auch als ein spezifisches Problem von ethnischen (Migranten aus Afrika/Maghreb) und religiösen (islamische Fundamentalisten- Randgruppen erkannt. 36
In der französischen Öffentlichkeit hat insbesondere die illegale Einwanderung ein „schwarzes Gesicht“. Nicht nur in der italienischen, sondern auch in der französischen/europäischen Öffentlichkeit ist die Insel Lampedusa Sinnbild „afrikanischer illegaler Migrantenflut“. Dabei ist Afrika zurzeit keineswegs die wichtigste Quelle von illegaler Zuwanderung. Einen höheren Stellenwert besitzt für Europa die illegale Zuwanderung an der griechisch-türkischen 37 und griechischalbanischen Grenze. Die Landgrenze zwischen der Türkei und Griechenland ist eines der Haupteinfallstore für illegale Einwanderung in den Schengenraum geworden. 38 Ob es zur Installierung eines 206 km langen Grenzzaunes zur Abwehr der illegalen Einwanderung an der griechisch-türkischen Grenze kommen wird, kann zum derzeitigen Zeitpunkt noch nicht gesagt werden. 39
35 Loch, Dietmar: Jugend, gesellschaftliche Ausgrenzung und Ethnizität in der Banlieue. Das Beispiel Vaulx-en-Velin, in: Frankreich Jahrbuch 1993, S. 99-116.
36 Loch, Dietmar: Soziale Ausgrenzung und Anerkennungskonflikte in Frankreich und Deutschland, in: Heitmeyer, Wilhelm, Dollase, Rainer, Backes, Otto (Hrsg.): Die Krise der Städte. Analysen zu den Folgen desintegrativer Stadtentwicklung für das ethnisch-kulturlle Zusammenleben. Frankfurt am Main 1998, S. 266-296.
37 Die FAZ geht in dem Artikel „An Europas Hintertür“ vom 5.3.2011 (Bilder und Zeiten Z3) auf die Situation an der griechisch-türkischen Grenze ein. Die dort genannten Zahlen von 47.000 illegal einreisenden Personen - nach FAZ 90 % aller illegalen Einreisenden in die EU - entsprechen nicht der Realität.
38 Im Januar 2011 hat die europäische Kommission mit der Türkei ein Rücknahmeabkommen ausgehandelt. Ziel des Abkommens ist die Rückführung von illegal eingereisten Türken und Bürgern aus Drittstaaten. Vgl. FAZ vom 28.1.2011.
39 Meldung in der FAZ vom 3.1.2011.
Die Europäische Kommission nennt Zahlen für das Jahr 2009 zwischen minimum 178.000 und maximal 400.000 Personen ohne legalen Status, die sich in Frankreich aufhalten. 40
40 Europäische Kommission SIZE AND DEVELOPMENT OF IRREGULAR MIGRATION TO THE EU CLANDESTINO Research Project. Counting the Uncountable: Data and Trends across Europe. Oktober 2009, S 5. http://irregular-
migration.hwwi.de/typo3_upload/groups/31/4.Background_Information/4.2.Policy_Briefs_EN/ ComparativePolicyBrief_SizeOfIrregularMigration_Clandestino_Nov09_2.pdf
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Karl-Heinz Pröhuber, 2011, Migrationsströme in Frankreich und die Probleme der statistischen Erfassung, München, GRIN Verlag GmbH
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