Inhaltsverzeichnis
1 DIE DISKUSSION IN DEN LETZTEN 30 JAHREN 1
2 THEORIEN HINTER DER DIALEKT-DISKUSSION 2
2.1 SPRACHBARRIERE UND DEFIZITHYPOTHESE. 2
2.2 DIFFERENZHYPOTHESE UND MARKIERTHEITSMODELL 3
3 UNTERSUCHUNGEN ZUM FORSCHUNGSGEBIET DIALEKT UND
SCHULE ’ 4
3.1 EMPIRISCHE FORSCHUNGEN. 4
3.2 ERGEBNISSE 5
3.2.1 Orthografie. 5
3.2.2 Grammatik. 7
3.2.3 Auswirkungen auf die Text- und Diskursebene 9
3.2.4 Dialekt und Sozialschichtzugehörigkeit 9
3.2.5 Hörereinstellungen 9
3.2.6 Variationskompetenz. 10
3.3 METHODISCHE PROBLEME 11
4 SPRACHDIDAKTISCHE SCHLUSSFOLGERUNGEN. 11
5 LITERATURVERZEICHNIS 13
1 Die Diskussion in den letzten 30 Jahren
Ist das Thema „Dialekt als Sprachbarriere passé?“, fragt Ulrich Ammon im Titel eines seiner Aufsätze (Ammon 1997). Tatsächlich wird das Thema ‚Dialekt und Schule’ jedenfalls längst nicht mehr so ausführlich diskutiert, wie vor 20 bis 30 Jahren. Dies beweisen Einblicke in entsprechende Einführungen oder Gesamtdarstellungen. Die bekannten „Sprachhefte für den Deutschunterricht: Dialekt / Hochsprache kontrastiv“ werden längst nicht mehr aufgelegt, geschweige denn wird mit ihnen praktisch in den Schulen gearbeitet (vgl. Ammon 1997: 22).
Wenn heute über Dialekt nachgedacht wird, dann stehen „sozialidentifikatorische Funktionen im Vordergrund, während Barrierewirkungen nicht zur Sprache kommen“ (ebd.: 23). Es scheint, als werde sich um die Dialekte selber Sorgen gemacht, sind sie doch aus mannigfaltigen Gründen, vor allem durch soziale Mobilität und den Einfluss der Massenmedien, im Verschwinden begriffen, nicht jedoch um die Dialektsprecher selber und die „Barrierewirkung“ (ebd.), die der Dialekt haben könnte.
Die Gründe dafür sind zahlreich: Die gesellschaftspolitische Fragestellung, die zwangsläufig eng mit der Frage nach dem Dialekt als Sprachbarriere verbunden ist, ist in den Hintergrund getreten. Der zunehmende Anteil der Migrantenkinder in den Schulen hat eine neue Dimension der Sprachdebatte gebracht, der vielleicht dringlicher und auffälliger ist, als die Dialektdebatte. Und schließlich hat sich die Einstellung der Wissenschaft zu Dialekten und Varietäten in den letzten Jahren dahin gehend geändert, dass sie grundsätzlich als der Standardsprache gleichwertig angesehen werden (Vgl. ebd. 24.) Hinzu kommt, dass, wie schon gesagt, die Dialekte sowieso seltener gesprochen werden.
Heißt das, dass die Diskussion überflüssig geworden ist? Die Forschungen, vor allem aus den siebziger Jahren, die später noch näher vorgestellt werden sollen, haben gezeigt, dass Dialektsprecher größere schulische Probleme haben, als Schüler 1 , die auch die Standardsprache beherrschen. Hat sich an dieser Feststellung seitdem etwas geändert? Jüngere Untersuchungen scheinen dies nicht zu bestätigen. Birte Kellermeier führte 1995/96 eine (allerdings verhältnismäßig kleine und nicht repräsentative) Untersuchung im Ruhrgebiet durch. Sie stellte fest, dass 12,4 Prozent aller Fehler der untersuchten Aufsätze dialektbedingt waren (vgl. ebd.: 34). Zudem wurde ein erheblicher Unter-
1 ZurVereinfachung benutze ich in dieser Arbeit immer nur eine geschlechtsspezifische Form. Gemeint sind selbstverständlich immer Frauen und Männer bzw. Jungen und Mädchen.
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schied zwischen „Nur-Ruhrdeutschsprechern“ (ebd.) und Standardsprechern bei den Empfehlungen für die weiterführenden Schulen festgestellt. Standardsprecher wurde zu drei Vierteln der Besuch eines Gymnasiums empfohlen, dem restlichen Viertel die Realschule. Den Nur-Ruhrdeutschsprechern wurde nur zu knapp 21 Prozent das Gymnasium, zu 33,4 Prozent die Realschule, zu 25 Prozent die Hauptschule und zu nochmals knapp 21 Prozent die Gesamtschule empfohlen. Auch wenn die Ergebnisse nicht repräsentativ sein sollten, so scheint es doch als habe sich an dem eigentlichen Problem nicht viel geändert, auch wenn die Diskussion trotzdem abgeflacht ist.
2 Theorien hinter der Dialekt-Diskussion
2.1 Sprachbarriere und Defizithypothese
Basil Bernstein hat in den sechziger Jahren die Theorie der Sprachbarrieren entwickelt. Sie besagt, dass in der gesellschaftlichen Mittelschicht bestimmt Merkmale die Sprache bestimmen, die gegenüber der Unterschicht grundsätzlich verschieden sind. Diese beiden Varietäten werden von Bernstein als ‚elaborated code’ (Mittelschicht) bzw. ‚restricted code’ (Unterschicht) bezeichnet. Die Sprache ist für die jeweilige Schicht bestimmend und grenzt sie von der anderen ab. Wie die Bezeichnungen schon andeuten wird für den ‚restringierten’ Kode der Unterschicht angenommen, dass er grammatikalisch und syntaktisch einfacher, d.h. weniger komplex strukturiert ist und weniger ausdifferenziert ist als die ‚elaborierte’ Sprache der Mittelschicht. Aus diesen Thesen wurde dann die sogenannte ‚Sprachbarriere’ entwickelt. Da die beiden Codes verschieden sind und beide Schichten von einander abgrenzen, ist ein Wechsel, d.h. i.d.R. ein sozialer Aufstieg aus der Unterschied unmöglich, zumindest aber erschwert. Die Gründe dafür ergeben sich aus jeweils unterschiedlicher Interpretation der Sprachbarriere. Als „kommunikative Barriere“ (Rosenberg 1993: 15), die die Verständigung zwischen den Schichten erschwert, als dem gegenüber eher „sprachstrukturelles Übergangsproblem“ (ebd.) zwischen den Sprachsystemen oder als „kognitive Barriere“ (ebd.), aufbauend auf der ‚Sapir-Whorf-Hypothese’, wonach die Sprache nicht bloß Ausdruck der fertigen Gedanken sind, sondern eng verknüpft mit kognitiven Operationen ist (vgl. Bühler 1972: 13).
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Arbeit zitieren:
Benjamin Seidel, 2003, Dialekt als Sprachbarriere in der Schule, München, GRIN Verlag GmbH
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