Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung
2. Die Theorie des "cultural lag"
2.1 "cultural lag" und die Verbreitung von "single Motherhoods"
3. Der Paradigmenstreit in der Sozialtheorie
3.1 Die Sinnverkehrungsthese von Albert O. Hirschman
4. Fazit
5. Literaturverzeichnis
1. Einleitung
Im folgenden möchte ich ein sich in US-amerikanischen Großstädten immer weiter verbreitendes Phänomen näher analysieren. Gemeint ist die rapide anwachsende Zahl alleinstehender, bzw. unverheirateter Mütter. So waren 1992 24 Prozent der unverheirateten amerikanischen Frauen zwischen 18 und 44 Jahren alleinstehende Mütter. Unter den farbigen Frauen betrug diese Rate sogar 56 Prozent. 47 Prozent der alleinstehenden Mütter in den USA lebten zu dieser Zeit unterhalb der Armutsgrenze. Laut Prognosen sollten um die Jahrtausendwende 40 Prozent aller Geburten und 80 Prozent aller Geburten innerhalb der ethnischen Minderheiten, in den USA außerehelich sein. 1
Da alleinstehende Mütter zu einer der stärksten Klientel der amerikanischen Wohlfahrt geworden sind, standen sie auch im Fokus der in den Jahren 1993/94 geführten "welfare-Debatte" in den USA. Zu dieser Zeit wurde über renommierte amerikanische Tageszeitungen, wie dem "Wall Street Journal", der "Washington Post" und auch der "New York Times" der Paradigmenstreit in der Sozialtheorie in die breite Öffentlichkeit getragen. In dieser Debatte argumentierten konservative und neoliberale Wissenschaftler im Rahmen der "Rational-Choice-Theorie". Nach dieser Theorie dienen die Leistungen des Wohlfahrtssystems nicht etwa der Linderung von Armut und Unterbeschäftigung, sondern sind deren Ursache. Dieser These wurde von den Anhängern der "ethnographischen Community-Forschung" heftig widersprochen. Diese Wissenschaftler, die versuchen das Verhalten in modernen urbanen Gesellschaften durch die Untersuchung von Gruppen in ihrer eigenen Lebenswelt zu erklären, sahen in dem Fehlen von Arbeitsplätzen und den dadurch erwachsenden Mangel an ökonomischer Selbstständigkeit die Ursache für das Verhalten, daß für die Entstehung von den Massenhaft auftretenden "single-motherhoods", verantwortlich ist.
Das heißt, die schlechte Anpassung der Familien an den sozioökonomischen Wandel, manifestiert sich in der Verbreitung von alleinstehenden Mutterschaften. Nicht ein Nutzenkalkül ist hierfür ursächlich, sondern die Deindustrialisierung und das damit schlecht kompatible Reproduktionsverhalten, daß auf einen konventionalistischen Wertesystem basiert.
Im Zentrum dieser Ausarbeitung steht die These, daß es sich bei den sprunghaft verbreitenden "single-motherhoods" um ein Phänomen handelt, welches sich fast
exemplarisch mit der Theorie der Kulturverspätung, bzw. der Theorie des "cultural lags" erklären läßt. Damit ist gemeint, daß dieser These nach die Deindustrialisierung, deren Auswirkungen in den Großstädten besonders spürbar sind, und das damit verbundene massenhafte verschwinden von Arbeitsplätzen, massiven Einfluß auf die urbane Bevölkerung hat. Vor allem unter den in der Regel geringer Qualifizierten ethnischen Minderheiten macht sich die Verknappung der Arbeitsplätze bemerkbar. Wenn die Jugendlichen keine Arbeitsplätze erhalten, wird ihnen die Chance auf ökonomische Autonomie und damit die Möglichkeit der klassischen Familiengründung genommen. Als zur Anwendung dieser Theorie notwendigen Variablen, werden der sozioökonomische Wandel, und die Auswirkungen auf Familien in den Ghettos US-amerikanischer Großstädten, bzw. die damit verbundene wachsende Verbreitung von alleinstehenden Mutterschaften verwendet. Im folgenden werde ich zunächst diese Theorie allgemein darstellen, und versuchen Bezüge zu der Verbreitung der "single-motherhoods" herzustellen. Darüber hinaus wird der oben angesprochene Paradigmenstreit in der Sozialtheorie, anhand von Studien beteiligter Wissenschaftler näher betrachtet.
Als Materialbasis für diese Ausarbeitung dienten u.a. Bücher und Aufsätze, wie z.B. die Theorie des "cultural lag" von William F. Ogburn, zwischen Robert E. Park und Pierre Bourdieu: Eine dritte Chicago School? von Sighard Neckel, Denken gegen die Zukunft von Albert O. Hirschman, und sozialer Wandel von H.P. Dreitzel.
2. Die Theorie des "cutural lag"
Die Theorie des "cultural lag" wurde in den Jahren 1914/1915, von dem Professor für Soziologie und Nationalökonomie William F. Ogburn (1886-1959), entwickelt. Er lehrte u.a. von 1927-1951 an der Universität von Chicago, mit so bekannten Kollegen wie Robert E. Park, Ernest Burgess und Louis Wirth, wo man sich intensiv mit der Erforschung urbaner Communities beschäftigte. Seiner Definition nach tritt ein "culural lag" ein: "wenn von zwei miteinander in Wechselbeziehung stehenden Kulturelementen das eine sich früher oder stärker verändert als das andere und dadurch das zwischen ihnen bisher vorhandene Gleichgewicht stört." 2
Er verdeutlichte dies an dem Beispiel der Familie, in der in dieser Zeit viele Veränderungen vor sich gingen. Die meisten von ihnen beruhten auf ökonomischen Faktoren, die die
Arbeit zitieren:
Reza Amiri, 2003, Der sozioökonomische Wandel als Ursache für die Verbreitung von "single motherhoods", München, GRIN Verlag GmbH
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