Inhaltsverzeichnis
I. Einleitung. 1
II. Gründungsphase des NKFD und des BDO. 2
a) Vorbereitungen zur Gründung des NKFD. 2
b) Gründungsversammlung und Gründungsmanifest. 3
c) Mitglieder des Gremiums des NKFD. 4
d) Der „Bund Deutscher Offiziere“ 4
III. Stalins politische Absichten mit der Gründung des Nationalkomitees. 6
a) Warnung an die Westmächte. 6
b) Appell an den innerdeutschen Widerstand. 7
c) Das Nationalkomitee als Propagandainstrument. 7
d) Kaderbildung für die künftige deutsche Regierung. 8
IV. Aktionen und Gratifikationen. 9
a) Propagandaaktionen. 9
b) Ziel und Zielgruppen. 10
c) Widerstand in den Lagern. 10
d) Gratifikationen. 11
V. Irrtum und Schuld. 12
a) Nur noch Statisten. 12
b) Enttäuschung und „Erleuchtung“ 13
c) Bewertung aus zwei verschiedenen Systemen heraus. 13
VI. Widerstand oder sowjetisches Machtinstrument? 15
VII. Literatur 16
I. Einleitung
Vor genau 60 Jahren, im Juli 1943, wurde das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ (NKFD) gegründet. Bis heute ist sein Wirken umstritten. In der DDR wurde es als deutsch-sowjetische Kampfgemeinschaft gefeiert, während in der Bundesrepublik seine Einordnung in den Kreis der Widerstandsgruppen gegen Hitler und sein Nazi-Regime nicht so vorbehaltlos stattfindet. Der Vorwurf, das Komitee sei nur eines von Stalins deutschlandpolitischen Machtinstrumenten gewesen, steht neben blankem Unverständnis über den vermeintlichen Landesverrat der Mitglieder. Zu untersuchen sein wird deswegen welche Ziele das Nationalkomitee, bzw. welche Erwartungen die Sowjets hatten und inwieweit diese jeweils erfüllt worden sind. Die Gründung des Komitees (und seiner Erweiterung, dem „Bund Deutscher Offiziere“(BDO)), seine Aktionen, seine Mitglieder werden hierfür ebenso beleuchtet, wie persönliche Eindrücke ehemaliger Mitglieder aus späterer Sicht. Kann das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ als „Widerstandsgruppe hinter Stacheldraht“ bezeichnet werden, oder handelte es sich nur um eine Gruppierung von Exilkommunisten, die sich Mitläufertum und Opportunismus der Kriegsgefangenen zu Nutze machten? Sind die Vorbehalte also berechtigt oder ist es gar nicht möglich das Nationalkomitee eindeutig zu bewerten, da die Mitglieder verschiedene Absichten verfolgten? Annähernde Antworten hierauf werden mit Hilfe reichlich vorhandener Literatur zu finden versucht. Besonders hilfreich und hervorzuheben sind hierbei „Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion und das Nationalkomitee „Freies Deutschland““ von Karl-Heinz Frieser, sowie die Werke von Erich Weinert und Bodo Scheurig. Auf einige Aspekte wie die politischen Auseinandersetzungen innerhalb der Lager, sowie die Flügelkämpfe innerhalb des Komitees kann aufgrund des knapp bemessenen Umfangs dieser Arbeit kaum, und auf die Organisation innerhalb sowjetischer Lager gar nicht eingegangen werden.
II. Gründungsphase des NKFD und des BDO
a) Vorbereitungen zur Gründung des NKFD
Am 27. Mai 1943 fiel mit dem „Vorschlag des Politbüros des ZK der KPD zur Bildung eines deutschen Komitees zum Kampf gegen Hitlerkrieg und Nazityrannerei“ 1 der endgültige Entschluss zur Gründung des späteren NKFD. Parallel hierzu setzte gegenüber den deutschen Kriegsgefangenen, insbesondere den Offizieren, eine intensive Werbekampagne ein. In den Offizierlagern traten nun persönliche Gespräche an die Stelle der bisherigen „Massenmeetings“. Hochgebildete und weltgewandte russische Professoren ersetzten die bisherigen Werber, doktrinäre Lagerinstruktoren. Neben ihnen wurden auch „kultivierte Emigranten“ wie der Schriftsteller Johannes R. Becher 2 eingesetzt. Die Zeit der groben Werbemethoden durch vulgärmarxistische Phrasen war beendet. 3
Ende Juni wählte, im Lager Krasnogorsk, ein Gremium aus Vertretern des Politbüros des ZK der KPD und Kriegsgefangenen ein vorbereitendes Komitee. Krasnogorsk war eines der „Musterlager“, welches einer erheblichen Anzahl ausgewählter Offiziere eine Reihe von Annehmlichkeiten bot. Sportmöglichkeiten, eine reichhaltige Bibliothek, sowie Sonderverpflegung wurden hier geboten. Wenig verwunderlich also, dass sich gerade dieser Personenkreis aufgeschlossen für die neue Linie zeigte. Im Ausschuss repräsentierten Erich Weinert, Wilhelm Pieck, Walter Ulbricht und Hans Mahle die Emigranten. Zudem waren vier Kriegsgefangene verschiedener Dienstgradgruppen, bis hinab zum Gefreiten, vertreten. Delegationen wurden in die drei Offizierlager Elabuga, Oranki und Suzdal´ gesandt, um hier den Aufruf zur Gründung des Nationalkomitees zu propagieren und Mitglieder zu werben. Der erhoffte Erfolg blieb jedoch aus.
1 Geschichte der deutschen Arbeiterbewegung (Band 5), Berlin (Ost) 1966, S. 574 f.
2 Johannes R. Becher wurde später durch die von ihm geschriebene Nationalhymne der DDR, die sog.
„Becherhymne“, bekannt.
3 Vgl. Karl-Heinz Frieser, Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion und das Nationalkomitee „Freies
Deutschland“, Würzburg 1981, S. 50.
b) Gründungsversammlung und Gründungsmanifest 4
Bei der Formulierung des Gründungsmanifestes kam es zu Kontroversen zwischen den Exilkommunisten und den Soldatenvertretern. Die Sowjets intervenierten schließlich. Die von ihnen vorgelegte Fassung kam weitgehend dem nationalen Denken der Offiziere entgegen. 5 In Krasnogorsk fand am 12. und 13. Juli die Gründungsversammlung des Nationalkomitees statt. Bezeichnenderweise war die Fahne, unter der das Nationalkomitee gegründet wurde, nicht schwarz - rot - gold wie
die Flagge der Weimarer Republik, sondern schwarz - weiß - rot. Gegen den Widerstand der Exilkommunisten waren die Farben als Symbol der Tradition des alten deutschen Kaiserreichs gewählt worden. Eine Assoziation mit der als schwächlich empfundenen Weimarer Demokratie sollte vermieden werden.
Über 300 Personen kamen am 12. und 13. Juli im Saal des Ortssowjets von Krasnogorsk zusammen. Teilnehmer waren neben deutschen Kriegsgefangenen und Exilkommunisten auch sowjetische Gäste. Die Gründungsfeier vollzog sich ganz als „Mischform von patriotischer Bürgerversammlung und marxistischer Parteidebatte“. 6
Die sowohl im Gründungsmanifest, als auch in den gehaltenen Vorträgen vertretene Argumentation, lässt sich wie folgt umreissen 7 :
- moralischer Appell an das individuelle Gewissen: Abkehr von den NS-Verbrechen, um nicht mitschuldig zu werden
- patriotischer Appell an das Gruppenethos: „Kein äußerer Feind hat uns Deutsche jemals so tief ins Unglück gestürzt wie Hitler [...]. Aber Deutschland darf nicht sterben! Es geht um Sein oder Nichtsein unseres Vaterlandes.“ 8
- Appell an den Selbsterhaltungstrieb: „Die Tatsachen beweisen: Der Krieg ist verloren“ und weiter: „Amnestie [...] für alle Hitleranhänger, die sich rechtzeitig durch ihre Taten von Hitler lossagen und der Bewegung für ein freies Deutschland anschließen.“ 9
4 Vgl. Erich Weinert, Das Nationalkomitee „Freies Deutschland“ 1943-1945, Berlin (Ost) 1957, S. 19 ff.
5 Vgl. Bodo Scheurig, Freies Deutschland. Das Nationalkomitee und der Bund Deutscher Offiziere in der
Sowjetunion 1943-1945, München 1960, S. 43.
6 Jesco von Puttkammer, Irrtum und Schuld, Neuwied / Berlin 1948, S. 43.
7 Vgl. Gert Robel, Die deutschen Kriegsgefangenen in der Sowjetunion. Antifa, München 1974, S. 73.
8 Weinert, Das Nationalkomitee „Freies Deutschland“, S. 20.
9 Weinert, Das Nationalkomitee „Freies Deutschland“, S. 20 und 21.
c) Mitglieder des Gremiums des NKFD 10
Nach den verschiedenen Reden fand die Wahl der 38 Mitglieder 11 des Gremiums statt. Es setzte sich zu etwa einem Drittel (13 Personen) aus kommunistischen Emigranten zusammen, wovon acht Politiker (u.a. Walter Ulbricht, Wilhelm Pieck), vier Schriftsteller (u.a. Erich Weinert), sowie einer, Gustav Freiherr von Wangenheim, Regisseur war. Hinzu kamen zwölf Mitglieder aus den Reihen des Offizierkorps und 13 Vertreter aus den Dienstgradgruppen der Unteroffiziere und Mannschaften. Erich Weinert wurde zum Präsidenten gewählt, Major Hetz und Leutnant Graf Einsiedel zu seinen Vertretern. Zwei bemerkenswerte Beobachtungen an der Zusammensetzung des NKFD sind:
1. Die Mehrheit der militärischen Vertreter waren aus der kommunistisch gelenkten Antifa hervorgegangen 12 , was die übrigen Kriegsgefangenen und Frontsoldaten jedoch nicht wissen konnten. So war sichergestellt, dass alle Tätigkeiten des NKFD in sowjetischem Sinne erfolgten.
2. Das NKFD konnte keine höheren Stabsoffiziere zur Zusammenarbeit gewinnen. Da aber nur deren Stimme Gewicht bei der kämpfenden Truppe und den Gefangenen hatte, musste ein neuer Weg gefunden werden, um gerade bei den Offizieren Resonanz hervorzurufen.
d) Der „Bund Deutscher Offiziere“
Der Schock von Stalingrad hatte bei zahlreichen Offizieren Zweifel, sowohl an einem siegreichen Ausgang des Krieges, als auch an der Gültigkeit des Fahneneides gegenüber dem als verantwortunglos und unmoralisch angesehenen „Führer“ hervorgerufen. 13 Dennoch scheuten nahezu alle den Übertritt zum Nationalkomitee. Das Misstrauen gegenüber den Kommunisten, die im Komitee die Oberhand hatten, saß tief. An einer Zersetzungspropaganda gegen die Armee teilzuhaben, in deren Dienst sie ihr Leben gestellt hatten, war für sie unvorstellbar. Die sogenannte „Initiativgruppe“ unter Oberstleutnant Bredt 14 , eine Gruppe von Offizieren die bereits zur Gründung des NKFD eingeladen waren,
10 Vgl. Weinert, Das Nationalkomitee „Freies Deutschland“, S. 22 f.
11 In der Literatur differiert die Anzahl der Kandidaten für das Nationalkomitee zwischen 33 und 38. Die von
Weinert an das Ende seiner Aufstellung gesetzten Namen sind nicht mit Ihrer Unterschrift unter das Manifest
vertreten, da diese fünf Mitglieder zur Zeit der Gründung des NKFD in anderen Gebieten der Sowjetunion
eingesetzt waren und deshalb keine Unterschrift leisten konnten.
12 Vgl. Robel, Die deutschen Kriegsgefangenen, S. 76f.
13 Vgl. Joachim Wieder, Stalingrad und die Verantwortung des Soldaten, München 1962, S. 72 ff.
14 Alfred Bredt war ein überzeugter Deutschnationaler und früheres Mitglied des „Stahlhelm“.
Arbeit zitieren:
Alexander Blum, 2003, Das Nationalkomitee "Freies Deutschland", München, GRIN Verlag GmbH
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