1. Einleitung
Gottfrieds von Straßburg weibliche Figurenkonzeption im Tristanroman weicht „in vielerlei Hinsicht vom traditionellen Frauenbild der zeitgenössischen Epik“ 1 und vor allem von der Vorstellung der Minderwertigkeit der Frau 2 ab. Seine Darstellung der Frauengestalten trägt zu einer „höheren Wertschätzung der Frau“ bei. 3
Die folgende Arbeit befasst sich mit dieser neuen Konzeption der Frau und in diesem Zusammenhang wird besonderes Augenmerk auf die Aspekte Schönheit, Liebe, Heilung und gesellschaftliches Ansehen gelegt. Zunächst werden die Frauen einzeln, in der Reihenfolge ihres erstmaligen Vorkommens im Text, beschrieben und der Kontext, in dem sie auftreten, vorgestellt. Zudem wird herausgearbeitet, inwiefern die oben genannten Aspekte für die einzelnen Charaktere eine Rolle spielen. Außerdem wird auf die Funktion, die die Frauen im Werk einnehmen, eingegangen. Zum Schluss werden die Figuren dann in einem zusammenfassenden Kapitel im Hinblick auf die einzelnen Aspekte verglichen und es wird erläutert, inwieweit Gottfrieds Konzeption der Frauengestalten vom traditionellen Frauenbild seiner Zeit abweicht und wie er die weiblichen Figuren im Roman aufwertet.
2. Blanscheflur
Blanscheflur wird im zweiten Kapitel des Romans vorgestellt, als Markes Hoffest geschildert wird. Sie ist seine Schwester und wird als sunderlîchez wunder (V. 632) 4 beschrieben. Der Anblick ihrer Schönheit erfüllt die Männerherzen mit Freude (V. 635 ff.), wobei die Betonung auf ihrer äußeren Schönheit und deren Wirkung auf andere liegt. 5 Später bezeichnet der Dichter sie sogar als wunder ûf der erde (V. 688).
Auf Markes Turnier fällt ein Ritter besonders auf: Riwalin (V. 695). Alle Damen schwärmen von ihm (V. 699 ff.) und auch Blanscheflurs Herz hat er erobert, was
1 Vgl. MÄLZER, S. 1.
2 Ebd., S. 8.
3 Ebd., S. 12.
4 Alle Versangaben aus Gottfried (2007 bzw. 2009).
5 Vgl. DEIST, S. 62.
7 Vgl. DEIST, S. 65.
3
diese versucht zu verbergen (V. 725 ff.). Blanscheflur wundert sich über ihren Ge-fühlszustand und fragt sich, was es damit auf sich hat. Sie erkennt sich selbst nicht wieder (V. 966 ff.) und glaubt sogar, dass Riwalin eine zouberlist (V. 1003) anwendet, die dieses vremede wunder (V. 1004) ihrer Gefühle auslöst. Vor Riwalin hat Blansscheflur schon viele Männer gesehen und sie kann nicht verstehen, wieso gerade er ihr gefällt (V. 1023 ff.). Blanscheflur analysiert systematisch, was sie zu Riwalin hinzieht. 7 Es muss wohl an seiner herrlichen Gestalt, seinen ritterlichen Leistungen und den weiteren Vorzügen, die man ihm nachsagt, liegen (V. 1027 ff.). Sie spricht mehrmals über den Kummer, den sie spürt (990 ff., 1014 ff.) und beschließt dann, dass es sich bei diesem Schmerz nur um Liebe handeln kann (1061 ff.).
Die gewaltaerinne Minne (V. 961) reißt Blanscheflur aus ihrem bisher maßvollen Leben und wirft sie aus geordneten Bahnen heraus (V. 961 ff.). 1 DEIST sagt, dass die Liebe bei Blanscheflur schon „vor dem entscheidenden Liebesmonolog“ eingesetzt hat. 2 In dem Monolog geht es zwar um die Gewalt der Minne, aber die Stadien der Liebe entwickeln sich als „eigenständiger psychologischer Vorgang“ bei dem Blanscheflur sich bewusst-wählend für Riwalin entscheidet. 3
Blanscheflur ist sich bewusst, dass ihr unbeherrschtes Gefühl, ihr tumber meisterlôser muot (V. 1045), gefährlich werden könnte (V. 1048) und sie fürchtet um Ehre und Ansehen (V. 1057 ff.). Sie beschließt also, wann immer es der Anstand erlaubt, Riwalin Blicke zuzuwerfen und ihre Gefühle kundzutun, was dieser auch erwidert (V. 1086 ff.).
Später wird Riwalin im Kampf (V. 1135 ff.) verwundet und es überkommt sie großer Kummer (V. 1165 ff.). Riwalins Verwundung führt die Liebesgeschichte in die entscheidende Phase. 4 Blanscheflur leidet so sehr, dass sie fast daran verendet, doch die Zuversicht und Hoffnung auf Riwalins Genesung und ein erneutes Treffen der beiden erhält sie aufrecht (V. 1185 ff.). Ihre Erzieherin verkleidet Blanscheflur und bringt sie in seine Kammer, wo Blanscheflur Riwalins Kind empfängt (V. 1266 ff.). Dar-
1 Ebd.,S. 68.
2 Ebd.
3 Ebd.
4 Ebd., S. 74.
4
aufhin wird Riwalin wieder gesund. Blanscheflur erweckt also im zweifachen Sinne aus Tod Leben: sie zeugen ein Kind und Riwalin wird wider Erwarten geheilt. 1
Bei ihrer ersten Zusammenkunft wird beschrieben, wie Riwalin ein ander man wird und Blanscheflur ihm ein ander leben, ein niuwe leben (V. 937 f.) gibt, auch wenn dies nur metaphorisch gemeint ist. Ihr Besuch in seiner Kammer ist also schon der zweite lebensspendende Akt Blanscheflurs. Bei der Geburt ihres Sohnes schenkt sie ein drittes Mal einem Mann das Leben. 2
Blanscheflur ist sich der gesellschaftlichen Bindungen bewusst und sie kennt deren Wichtigkeit, was sie im Liebesmonolog bewiesen hat. Trotzdem durchbricht sie die Schranken der Gesellschaft, denn ihre Regeln verlieren vor dem Gesetzt der Minne ihren Wert. 3 Auch wenn Blanscheflur nach dem höfischen Wertesystem nicht recht handelt, wird sie vom Dichter als diu reine, die höfische, die guote, mit durnehtem muote (V. 1165 ff.) bezeichnet, was für die obige These spricht, dass das höfische Wertesystem vor dem Gesetz der Liebe nichtig ist.
Im gesamten Verlauf der Liebesgeschichte, ist Blanscheflur die Aktive. Sie fasst eigenständig Entschlüsse und folgt diesen stetig. Dabei handelt sie jedoch keineswegs wie eine „von augenblicklicher Sinneslust getriebene Verliebte“, sondern sie nimmt ihre Liebe, wie ihr Leben, bewusst in die Hand. 4 Blanscheflur lässt sich nicht von Vorgängen lenken, sondern reagiert auf eine eingetretene Situation so wie es ihrer Wesensart entspricht, nämlich indem sie immer einen Ausweg (List der Verkleidung) oder einen Weg in die Zukunft (Flucht mit Riwalin) erzwingt. 5
Doch das Glück hält nicht lange an, denn Riwalins Reich wird angegriffen, welches er verteidigen muss. Vorher als sunderlichez wunder an Schönheit beschrieben, wird Isolde später zu einem vröudelose wip (V. 1443). DEIST stellt klar, dass sich Blanscheflur den Konsequenzen ihrer Liebe von Anfang an bewusst ist. 6 Sie hat eine Vorahnung, dass sie die Geburt ihres Kindes nicht überleben wird (V. 1466 ff.) und noch mehr Angst hat sie davor, ihrem Bruder Schande zu bringen (V. 1487 ff.). Sie
1 Vgl. DEIST, S. 74.
2 Ebd., S. 107.
3 Ebd., S. 73.
4 Ebd., S. 75.
5 Ebd., S. 91.
6 Ebd., S. 77.
5
ist sogar bereit, ihre Heimat aufzugeben (V. 1554) und so fahren sie davon in Riwalins Reich V. (1584), wo sie Ruals Rat folgend heiraten (V. 1628 ff.). Kurz darauf wird Riwalin im Gefecht erschlagen (V. 1685), woraufhin Blanscheflurs herze ersteinet (V. 1730). Nicht mehr lebensfähig, erzwingt sie die Geburt ihres Sohnes und stirbt (V. 1748 f.).
3. Floraete
Erstmals vorgestellt wird Floraete als saelec wîp (V. 1801). Sie und ihr Mann Rual sind mit Blanscheflur und Riwalin befreundet gewesen und kümmern sich nach deren Tod aus Loyalität um den hinterbliebenen Sohn Tristan. Floraete rettet Tristan, indem sie eine Geburt vortäuscht und den Waisen vor dem Volk als ihren Sohn ausgibt. Sie wird hier als saelege marschalkîn, diu guote, diu staete, diu reine (V. 1904 f.) genannt. Außerdem bezeichnet der Dichter sie als diu wîbes êre ein spiegelglas, also als das Abbild weiblicher Ehre (V. 1907).
Später im Werk spricht der Dichter mit fast ironischem Ton über Floraete (V. 5227 f.). Er entschuldigt sich, sie bis jetzt (in dieser Episode) noch nicht erwähnt zu haben und möchte sein unhöfliches Verhalten wiedergutmachen, indem er sie in den höchsten Tönen lobt. SNEERINGER interpretiert den ironischen Ton des Dichters als Unterstreichung ihres fehlenden Ansehens im Vergleich zu anderen weiblichen Figuren im Text. 1 Gottfrieds Beschreibung von Floraetes Ehre ist ambivalent. Zu Beginn der Geschichte wird sie als diu wîbes êre ein spiegelglas/ und rehter güete ein gimme (V. 1907 f.) beschrieben. Sie nimmt sich des Waisenkindes Tristan an daz ir doch z’êren was gewant (V. 1909), doch zwingt Rual sie dazu und droht mit der Todesstrafe (V. 1894 ff.). Es wird deutlich, das Floraete keine andere Wahl hat. 2 Dies könnte der Grund dafür sein, dass Gottfried dieser Figur nur wenig Aufmerksamkeit schenkt, denn sie hat sich der Welt angepasst. Sie ist ein wîp, diu muot unde lîp/ mit wîplîcher staete/ der werlt gewerldet haete (V. 1649 ff.). Floraetes Vorstellung von Ehre ist eine hohe Stellung in der Gesellschaft, von der sie ein Teil ist. 3 All ihr Handeln ist
1 Vgl. SNEERINGER, S. 111.
2 Ebd.
3 Vgl. SNEERINGER, S. 111.
6
gesellschaftlichen Erwartungen unterworfen. Als Tristan Parmenien verlässt, martert sich die Marschallin, als mit allem rehte ein wîp,/ der got ein gerehtez leben/ an wîbes êren hât gegeben (V. 5861 f.). Floraete zeigt ihre Trauer deutlich, so wie es von der Gesellschaft von einer Mutter erwartet wird.
Anders als bei Blanscheflur und Riwalin geht es in der Beziehung von Floraete und Rual nicht um minne, sondern um triuwe und das Erfüllen von feudalen und ehelichen Verpflichtungen. 1 Der Text verrät nichts über eine sexuelle Beziehung zwischen Floraete und ihrem Mann. Es handelt sich eher um eine Art Freundschaft, in der Rual den dominanten Partner spielt. 2 Zu Beginn der Geschichte werden die beiden als ein triuwe unde ein lîp (V. 1802) beschrieben. Ich stimme SNEERINGER in der Behauptung zu, dass diese triuwe nicht von Herzen kommt, sondern aufgrund von Verpflichtungen nach außen hin besteht, so wie es für viele Beziehungen in Gottfrieds Zeit keineswegs unüblich war. 3 Gottfried beschreibt Floraete als saelec (V. 1801) und stellt sie somit als gute Frau dar, zweifelt jedoch an der Aufrichtigkeit ihrer Motivation. 4
4. Königin Isolde
So wie das Stichwort für Gottfrieds Blanscheflur minne und für Floraete triuwe ist, lässt sich Königin Isolde der Begriff wîs zuordnen. 5 Das erste Mal wird sie erwähnt, als Tristan durch Morolds Schwert verletzt wird. Morold teilt Tristan mit, dass es nur eine Rettung gibt: Morolds Schwester Isolde, die Königin von Irland (V. 6942 ff.). Diu kan eine disen list/ und anders nieman, der der ist (V. 6953 f.). Ihre Fähigkeiten übersteigen sogar die der besten Ärzte des Reiches (V. 7257 ff.). Da, wo die Wissenschaft der Männer versagt, kann nur noch Königin Isolde helfen. 6 Sie ist sehr gebildet und hat ihr Handwerk erlernt (V. 7071 f. und V. 7700 ff.). Es wird mehrmals erwähnt, dass sie im Bereich der Medizin sehr sachkundig ist und eine arzenîe (V. 7939) oder arzâtlîche meisterschaft (V. 6950) beherrscht. An einer Stelle bezeichnet
1 Ebd.
2 Ebd.
3 Ebd.
4 Ebd.
5 Ebd., S. 113.
6 Vgl. ALTPETER-JONES, S. 10.
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Sofia Konstantinidou, 2011, Die Konzeption der Frauengestalten in Gottfrieds "Tristan", München, GRIN Verlag GmbH
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