KONVERGENZ ODER DIVERGENZ DER INSTITUTIONEN IN DER MODERNE? 1
Einleitung
Institutionen sind das Produkt menschlichen Handelns und somit auch ein kulturelles Produkt. Dennoch sind diese „Spielregeln der Gesellschaft“ keineswegs einfach zu begreifen. Dies liegt auch daran, dass Institutionen nur zum Teil bewusste Schöpfungen menschlichen Schaffens sind und die Verbindlichkeit, d.h. der Grad der Handlungsorientierung an institutionellen Vorgaben, unterschiedlich stark ist.
Institutionentheorien versuchen, diesen Schwierigkeiten in ihren Darlegungen zu begegnen und uns begreifbar zu machen, wie Institutionen wirken und wie groß der Einfluss der Akteure auf den Wandel von Institutionen ist. Dazu wird praktischerweise die institutionelle Ebene getrennt von der organisationalen (Handlungs-)Ebene analysiert und die Wechselbeziehungen benannt.
Neben der Frage wie institutioneller Wandel abläuft muss ebenso geklärt werden, ob in der Moderne eine Konvergenz der Institutionen zu beobachten sein wird oder aber die Institutionen in verschiedenen Gesellschaften divergieren. Naturgemäß fallen je nach theoretischem Blickwinkel die Prognosen anders aus, und so soll im Folgenden ein Vergleich der neuen Institutionenökonomik mit dem Neuen Institutionalismus in der Soziologie klären, warum beide Programme zu unterschiedlichen Ergebnissen kommen.
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Die Neue Institutionenökonomik bei North
Eine wichtige Frage für jede Institutionentheorie ist diejenige, wie es zu Veränderungen der formgebundenen wie formlosen Regeln der Institution kommt. Der Ausgangspunkt bei North lässt sich dabei als einer dem methodologischem Individualismus nahestehendes Modell beschreiben: Den Akteuren haften subjektive Präferenzen an, aus denen heraus sie Interessen für oder gegen die Umgestaltung einer Institution entwickeln. Dieses Hinterfragen der Regeln nach Zweckmäßigkeitsaspekten kommt einer Abwägung zwischen dem eigenen Nutzen des veränderten institutionellen Rahmens und den Informations- und Transaktionskosten, welche durch den Wandlungsprozess anfallen, gleich. In Anlehnung an den frühen Ökonomen Pareto geht North von einem Institutionellen Gleichgewicht aus, welches er als „Situation, in der […] kein Spieler es vorteilhaft fände, Mittel auf die Neuformulierung der Vereinbarungen aufzuwenden“ (North 1992: 101f.) beschreibt. Dabei ist dies kein Zustand universaler Glückseligkeit, sondern geht es hier um das Ertragen gegenwärtiger Restriktionen, da die Transaktionskosten einen Wandel unattraktiv machen.
Unterscheidet man die organisationale Ebene (hier als Akteursebene) und die sie verfassende institutionelle Ebene voneinander, lassen sich zwei Wirkrichtungen unterscheiden: Zum einen die Wirkung eingrenzender formaler Regelungen seitens der Institutionen, welche die Unternehmer in die Pflicht nimmt, im Gegensatz dazu aber zu einer allgemeinen Wohlfahrtssteigerung (von der alle profitieren) beitragen sollen. So lässt sich annehmen, dass sich durch das eben beschriebene Gleichgewicht eine Situation rien ne va plus ergibt und keine Veränderung mehr nötig ist.
Selbstverständlich ist dem nicht so, denn es verändern sich relative Preise und Präferenzen der Marktteilnehmer. In dieser Situation greift der ökonomische Grundsatz,
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wonach Akteure auf Anreize reagieren - so auch die Organisationen. Mit der Essenz der Organisation (als Vereinigung von Personen zur Erreichung eines gemeinsamen Zwecks) gibt sie laut North notwendig die Ursache und Richtung institutionellen Wandels vor. Veränderte Bedingungen der organisationalen Umwelt führen zu einer neuen Deutung der Situation bezüglich der Maximierung des Organisationszieles und der Analyse der eigenen Mittelwahl und der bisherigen institutionellen Einschränkungen. Sofern Letztere sich als ein Hindernis der Ersteren herausstellt, „mag die Partei, die eine Verbesserung ihrer Handlungsposition erwarten kann, ohne weiteres versuchen, Mittel auf die Umgestaltung der Regeln einer höheren Stufe zu verwenden“ (a.a.O.: 102). Dies ist die andere Wirkrichtung, die der Organisationen, die aufgrund ihrer Beschaffenheit auf einen kontinuierlichen institutionellen Wandel drängen um so den neuen Gegebenheiten gerecht zu werden.
Der North‘sche Ansatz möchte mitnichten behaupten, dass es permanente Entwicklungen gäbe, die die Institutionen immer effizienter machen - im Gegenteil können frühere Entscheidungen zugunsten der einen (technologischen) Innovation in der Gegenwart zu ineffizienten Resultaten führen. Dabei kann es durchaus effizientere Alternativen geben, doch je früher die Entscheidung getroffen wurde, desto wahrscheinlicher ist es, dass die Akteure diesen Weg eingeschlagen haben; die Transaktionskosten eines Wechsels hin zu effizienteren Optionen steigen mit dem Grad der Pfadabhängigkeit.
Wie bereits erwähnt, bedingen auch die subjektiven Modelle der Akteure den Entwicklungsverlauf. Diese Modelle sind deshalb subjektiv, weil zum einen unvollkommene Märkte zu unterschiedlich hohen Transaktionskosten und mangelnder
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und ungleichmäßiger Allokation von Informationen führen, zum anderen diese Modelle ideologisch unterschiedlich eingefärbt sind.
Schließlich resultiert aus den Gegebenheiten der jeweiligen Geschichte einer Gesellschaft als strukturelle Determinante wie auch aus den subjektiven Modellen der Akteure, dass sich die Gesellschaften unterschiedlich und häufig ineffizient entwickeln. Eine zunehmende Divergenz der Institutionen in der Moderne ist die Folge.
Der Neue Institutionalismus als alternativer Ansatz
An zwei wesentlichen Stellen unterscheidet sich der Ansatz der Neuen Institutionalismus bei DiMaggio und Powell von Douglas C. Norths Theorie: Zum einen lehnen sie das Modell der rationalen Wahlhandlungen ab, wonach Institutionen zweckmäßige Gebilde seien, die die Erreichung eines vom Einzelnen angestrebten Zieles garantieren sollen. Stattdessen fassen sie Institutionen als Resultate der Strukturierung organisationaler Felder auf. Diese Strukturierung geht über die bloße Anpassung an die (externen) Bedingungen der Konkurrenz hinaus und beschreibt stattdessen die Orientierung der Organisationen an anderen Organisationen als Prozesse der Angleichung. Verdichtungen der Interaktionen, Herausbildung klarer Hierarchien und Koalitionen, zunehmende Informationsdichte und die Bewusstwerdung gemeinsamer Aufgaben und Bedingungen der Organisationen sind die Triebkräfte des Strukturierungsprozesses. Dementsprechend unterscheiden sich die Organisationen eines Feldes nicht bezüglich ihrer Umwelteinflüsse, sondern widmen sich nach ihrem Entstehen der gegenseitigen Angleichung - der Begriff des Isomorphismus dient als Stellvertreter dieses Vorgangs (vgl. DiMaggio und Powell 1991: 66).
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Der zweite Unterschied zu North betrifft die Fragestellung: Steht bei ihm die Frage „Was bestimmt die unterschiedlichen Entwicklungsmuster von Gesellschaften, Staaten oder Wirtschaften über die Zeit?“ (North 1992: 109) im Zentrum, blicken DiMaggio und Powell auf die Ebene der Organisationen und fragen: „why there is such startling homogenity of organizational forms and practices […]“ (DiMaggio und Powell 1991: 64). Damit ist aber noch nicht geklärt, ob sich auch die Institutionen angleichen: Bedingt die Homogenisierung der Organisationen auch eine Konvergenz der Institutionen?
Die Unterscheidung dreier Arten des Institutionellen Isomorphismus bei DiMaggio/Powell (vgl. a.a.O.: 67ff.) kann auch auf internationaler Ebene als methodisches Instrument angewandt werden (so geschehen bei Strang und Mei Chang 1993): Externe Normen und Benchmarks internationaler Regimes veranlassen die Staaten, ihre Orientierung nicht mehr nur auf die örtlichen (besonders auch finanziellen) Gegebenheiten zu richten, sondern aus Gründen der Legitimitätsbeschaffung sich an „Vorzeigeländer“ anzupassen. So beschreiben Strang/Mei Chang den durch die ILO bedingten Angleichungsprozess der Institutionen durch die Durchsetzung von Arbeitnehmerstandards in sämtlichen Ländern - das hierbei aber sowohl finanzielle Restriktionen wie auch die lokalen Akteurskonstellationen zu einer mangelhaften bis fehlenden Implikation der Vorgaben und zur Schaffung inkompatibler Institutionen führt, muss dennoch beachtet werden.
Zentral ist, dass der von DiMaggio und Powell beschriebene normative Isomorphismus international tendenziell zu einer Konvergenz der Institutionen beiträgt: Die Länder sehen von Effizienzerwägungen ab und versuchen, an das hohe Maß an Anerkennung anderer Länder durch die (zumindest suggerierte) Übernahme ihrer „good practice“ anzuknüpfen.
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Prognosen für die Zukunft - Vergleich der Modelle
Während man in der neoklassischen Ökonomie von einer Konvergenz ausging, da sich die effizientesten Institutionen gegen die Konkurrenz durchsetzen werden und so eine Vereinheitlichung aller Länder vonstatten geht (vgl. Norths Hinweis auf Armen Alchain bei North 1992: 109), bezieht der soziologische Blick auch die Akteure und ihre Interessenlagen mit ein. Wie sich gezeigt hat, kann es demnach auch dazu kommen, dass die Institutionen alles andere als effizient sind, aber dennoch überdauern. Dem Institutionenökonomischen Ansatz, der den rationalen Akteur mit einem großen Maß an Handlungsfreiheit in den Mittelpunkt stellt, wurde der Neue Institutionalismus entgegengebracht: Das Motiv der Legitimität verleitet hier den Akteur dazu, sich in seinem Handeln an anderen Akteuren zu orientieren, auch in der Annahme, dass dieses Handeln effizient ist. Auf internationaler Ebene bedingt dieser Vorgang des normativen Isomorphismus einen Angleichungsprozess - eine Konvergenz der Institutionen.
Wie man gesehen hat, tritt bei North der institutionelle Wandel durch veränderte Umweltbedingungen ein. Dieser Anpassungsprozess gleicht fast den alten Theorien, wonach der Anpassungsfähigste sich durchsetzt. Doch die Abwägung des Nutzens mit den Transaktionskosten und die subjektiven Einstellungen verhindern häufig Veränderungen und führen zu Pfadabhängigkeit und zur Divergenz von Institutionen.
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Literatur
DiMaggio, Paul J. und Walter W. Powell. 1991. The Iron Cage Revisited. Institutional
Isomorphism and Collective Rationality in Organisational Fields. In The New
Institutionalism in Organisational Analysis, Hrsg. Paul J. DiMaggio und Walter W. Powell.
63-82. Chicago: The University of Chicago Press.
North, Douglass C. 1992. Institutionen, institutioneller Wandel und Wirtschaftsleistung. Kapitel
9-11. Tübingen: Mohr.
Strang, David und Patricia Mei Chang. 1993. The International Labor Organization and the
welfare state. Institutional effects on national welfare spending. International
Organization 47: 235-262.
Arbeit zitieren:
Daniel Belling, 2009, Konvergenz oder Divergenz der Institutionen in der Moderne?, München, GRIN Verlag GmbH
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