Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung 3
2. 1914 bis 1917: Der Weg zur Spaltung 4
2.1 Der 4. August 1914 4
2.2 Karl Liebknechts Disziplinbruch und die Folgen 6
2.3 Aktionen der Opposition und Bildung der Sozialdemokratischen
Arbeitsgemeinschaft 8
2.4 Die endgültige Spaltung 9
3. Die USPD- Gründung, Entwicklung und Zerfall 11
3.1 Der Gründungsparteitag 11
3.2 Die Rolle der USPD in der Revolution 13
3.3 Die Spaltung: USPD und Kommunistische Internationale 17
3.4 Die Wiedervereinigung mit der SPD und der Zerfall der Rest- USPD 21
4. Schlussbetrachtung 23
5. Literaturverzeichnis 25
2
1. Einleitung
Am 18. Januar 1917 erklärte der Parteiausschuss der SPD, dass sich Mitglieder der parteiinternen Opposition zu einer „Sonderorganisation gegen die Partei“ zusammengeschlossen hätten, was mit der Mitgliedschaft in der Gesamtpartei „unvereinbar“ sei. In der Erklärung heißt es weiter: „Daher ist es nun Aufgabe aller treu zur Partei stehenden Organisationen, dem unehrlichen Doppelspiel aller Parteizerstörer ein Ende zu machen und die durch die Absplitterung der Sonderorganisationen erforderlichen organisatorischen Maßnahmen zu ergreifen.“ 1 Die Spaltung zwischen Parteimehrheit und -minderheit innerhalb der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands war hiermit vollzogen. Vorausgegangen waren ihr drei Jahre innerparteilicher Spannungen und Querelen. Nach der ersten Kriegskreditbewilligung an die Reichsregierung am 4. August 1914 hatte sich im linken Flügel der Partei Widerstand gegen Friedrich Eberts Burgfriedenspolitik formiert, der, je länger der Krieg andauerte und- so sahen es die Oppositionellen- von der Partei unterstützt oder zumindest hingenommen wurde, immer erbitterter wurde. Zudem machten die geforderte Fraktionsdisziplin und der Belagerungszustand es der Minderheit quasi unmöglich, offen zu ihrer Opposition zu stehen.
Nach dem Parteiausschluss kamen die Oppositionellen Ostern 1917 zu einer Konferenz in Gotha zusammen. Hier erfolgte die Gründung der Unabhängigen Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (USPD). In den Folgejahren stieg die Partei zur „größten und bedeutendsten Arbeiterorganisation außerhalb Sowjetrusslands 2 “ auf, ehe sie sich fünf Jahre nach ihrer Gründung wieder mit der Mutterpartei zusammenschloss.
Ziel dieser Arbeit soll es sein, zum einen die Gründe zu analysieren, die 1917 zum Bruch zwischen Mehrheitssozialisten (MSPD) und unabhängigen Sozialisten führten. Hierbei sollen insbesondere die verschiedenen politischen Strömungen untersucht werden, die die Opposition zur (außen)politischen Linie der Reichsregierung und der MSPD bildeten und sich schließlich zur USPD zusammenschlossen. Was einte diese verschiedenen Strömungen, was trennte sie voneinander? Davon ausgehend sollen zum anderen die Ursachen für die Kurzlebigkeit der USPD dargelegt werden. Obwohl die Partei nach der Novemberrevolution gemeinsam mit der SPD im Rat der Volksbeauftragten kurzfristig die Regierungsverantwortung übernommen hatte und
1 Miller 1974¹: 152, zit. n. Protokoll der Sitzung des Parteiausschusses vom 18.1.1917: 39
2 Wheeler 1975: I
3
nach den Reichstagswahlen vom 6. Juni 1920 die zweitstärkste Fraktion bildete, schloss sich die Mehrheit der nach der Abspaltung der Parteilinken übriggebliebenen USPD-Vertreter zwei Jahre später wieder der SPD an. Danach existierte die Partei noch einige Jahre als unbedeutende linke Splittergruppe, bis sie schließlich ganz von der Parteienlandschaft verschwand. Wie kam es zu dieser kurzen politischen Überlebensdauer?
Zunächst soll ein Überblick über die Ereignisse von 1914 bis 1917 gegeben werden, die zur Abspaltung der USPD führten, ehe in Kapitel drei auf Gründung, Entwicklung und Zerfall der Partei eingegangen werden soll. Ausgehend vom Gründungsparteitag sollen insbesondere die Rolle der Unabhängigen in der Revolution sowie die Frage des Anschlusses an die Dritte Internationale beleuchtet werden.
2. 1914 bis 1917: Der Weg zur Spaltung
2.1 Der 4. August 1914
Nach dem Attentat auf den österreich-ungarischen Thronfolger Franz Ferdinand am 28. Juni 1914 und dem österreichischen Ultimatum an Serbien am 23. Juli veröffentlichte der SPD-Vorstand einen Aufruf, in dem er sich gegen das „verbrecherische Treiben der Kriegshetzer“ aussprach und die deutsche Regierung aufforderte, „dass sie ihren Einfluss auf die österreichische Regierung zur Aufrechterhaltung des Friedens ausübe.“ 3 Daraufhin nahm zwischen dem 26. und 30. Juli fast eine halbe Million Menschen an sozialdemokratischen Friedenskundgebungen teil.
Obwohl die SPD schon vor 1914 keineswegs eine homogene Partei war- wie beispielsweise der Revisionismus-Streit gezeigt hatte- trat sie hinsichtlich der Frage eines möglichen Kriegsausbruchs zunächst geschlossen auf. Ihre Haltung entsprach dabei der Resolution des internationalen Sozialistenkongresses von Stuttgart (1907), die die Entschlossenheit der Delegierten aller sozialistischen Parteien betonte, „durch die Anwendung der ihnen am wirksamsten erscheinenden Mittel den Ausbruch des Krieges zu verhindern.“ 4 Die Einigkeit innerhalb der SPD zur Kriegsfrage mag auch daher gerührt haben, dass kaum jemand in der Partei mit einem tatsächlichen
3 Schorske 1981: 360, zit. n. Grünberg 1916: 51
4 Krause 1975: 48, zit. n. Internationalem Sozialistenkongress zu Stuttgart 1907: 65 f.
4
Kriegsausbruch rechnete. 5 Zudem hatte der Reichskanzler Bethmann Hollweg der Partei den Friedenswillen der Regierung zugesichert. 6 Der Ausbruch des Krieges am 28. Juli, dem Tag der Kriegserklärung Österreich-Ungarns an Serbien, veränderte die gesamtpolitische Situation schlagartig und löste eine Art Kettenreaktion aus: nachdem Russland am 30. Juli die Generalmobilmachung zur Unterstützung Serbiens befohlen hatte, erklärte schließlich das Deutsche Reich als Bündnispartner Österreich-Ungarns Russland den Krieg. Die Bewilligung der Kriegskredite durch die SPD am 4. August, keine zwei Wochen nach dem Friedensaufruf des Parteivorstandes, lässt sich teilweise durch diese plötzliche Veränderung der außenpolitischen Lage erklären. Die russische Mobilmachung wurde „in der deutschen Öffentlichkeit und bei den Sozialdemokraten als Angriff Russlands auf Deutschland verstanden“ 7 , eine mögliche Herrschaft des russischen Zarismus über Deutschland stellte auch für viele SPD-Mitglieder die „schlimmste der denkbaren Folgen“ 8 eines solchen Angriffs dar. Binnen weniger Tage sah sich Deutschland also unverschuldet in einen Krieg hineingezogen. Nun galt es, das eigene Land gegen die Gefahren des Zarismus zu verteidigen. In der Fraktionserklärung zur Entscheidung für die Kriegskreditbewilligung betonten die Sozialdemokraten denn auch, dass sie „in der Stunde der Gefahr das eigene Vaterland nicht im Stich lassen“ 9 wollten. Obwohl auch die Beendigung des Krieges gefordert wurde, womit man wohl eine Brücke zu den Gegnern der Kreditbewilligung schlagen und sich auf die eigentlich kriegsgegnerische Position der Partei zurückbesinnen wollte, machte die Erklärung deutlich, dass die Mehrheit der Sozialdemokraten sich mittlerweile wohl mehr mit dem deutschen Nationalstaat als mit den Jahre zuvor beschlossenen internationalen Resolutionen identifizierte. Hinzu kam die Furcht vor den möglichen Folgen eines Widerstandes gegen die Linie der Regierung. Die starke Position des Militärs im Belagerungszustand veranlasste die Partei aus Angst um den Verlust ihrer Errungenschaften der letzten Jahrzehnte und eine „Rückkehr zu den Verhältnissen der Ära Bismarck und der Unterdrückung ihrer Organisationen“ 10 , sich lieber „regierungstreu“ statt oppositionell zu verhalten.
5 Krause 1975: 49
6 Miller 1974¹: 42
7 Scharrer 1985: 17
8 Miller 1974¹: 55, zit. n. Molkenbuhr: Eintragung vom 22.12.1914
9 Prager 1978: 22
10 Schorske 1981: 362
5
Auch erhoffte man sich vom „Schmusekurs“ eine gewisse Anerkennung bei der Reichsregierung, die Loyalität sollte sich durch politische Reformen und eine Verbesserung des Status der Partei innerhalb der bestehenden Ordnung bezahlt machen. 11
Mit Sicherheit ließen sich viele Sozialdemokraten aber auch schlichtweg von der Kriegsbegeisterung, die mittlerweile in Deutschland ausgebrochen war, anstecken. Das einstimmige Votum der Sozialdemokraten am 4. August im Reichstag muss unter diesen Aspekten gesehen werden. Vorausgegangen war ihm jedoch eine fraktionsinterne Abstimmung, in der offenbar wurde, dass die Partei nicht so geschlossen war, wie sie nach außen hin wirkte. Im Fraktionsprotokoll wurden als Ergebnis der Abstimmung über die Kriegskredite 78 Ja- und 14 Nein-Stimmen vermerkt. Unter den Dissidenten befanden sich Hugo Haase, Fraktionsvorsitzender neben Philipp Scheidemann sowie Parteivorsitzender neben Friedrich Ebert, Georg Ledebour, Mitglied des Fraktionsvorstandes, und Karl Liebknecht. Alle drei waren nur wenige Jahre später zu USPD-Mitgliedern geworden.
Haase, Ledebour und Liebknecht vertraten innerhalb der SPD unterschiedliche Richtungen. Während Haase als Revisionist galt und Ledebour dem marxistisch orientierten Parteizentrum angehörte, war Liebknecht ein radikaler Linker. An den drei Kreditbewilligungsgegnern wird nicht nur deutlich, wie viele verschiedene Strömungen sich unter dem Dach der Sozialdemokratie sammelten, sondern auch, wie uneinheitlich die USPD bereits bei ihrer Gründung war.
2.2 Karl Liebknechts Disziplinbruch und die Folgen
Mit 82 gegen 17 Stimmen hatte die sozialdemokratische Reichstagfraktion entschieden, am 2. Dezember 1914 für die zweite Kriegskreditbewilligung zu stimmen. Zuvor hatte Liebknecht eine Erklärung verlesen, mit der er versucht hatte, die Fraktion umzustimmen, sowie einen Antrag gestellt, in dem er die Lockerung der Fraktionsdisziplin im Reichstag forderte. Dieser wurde gegen 7 Stimmen abgelehnt. Schließlich stimmte Liebknecht im Reichstag als einziger gegen die Kriegskredite. Daraufhin gab der Vorstand der SPD-Fraktion eine Erklärung ab, in der er sein Bedauern über Liebknechts Disziplinbruch äußerte. 12 Am 2. Februar 1915 trat die Fraktion zusammen, um über Liebknechts Aktion zu beraten. Die dort zustande gekommene Resolution betonte, dass der
11 Miller 1974¹: 84
12 ebd: 95
6
Fraktionsvorstand Liebknechts Verhalten „aufs schärfste“ verurteile und dass die Begründung seiner Abstimmung „unvereinbar mit den Interessen der deutschen Sozialdemokratie“ sei. 13 Eine Entscheidung über die weiteren Maßnahmen sollte auf dem nächsten Parteitag fallen.
Erneut mahnte der Fraktionsvorstand zudem die Geschlossenheit der Partei bei Abstimmungen im Reichstag an, gestand es den Fraktionsmitgliedern aber zu, einer Abstimmung fernzubleiben, wenn sie davon überzeugt sein sollten, die gefällte Entscheidung nicht mittragen zu können. 14
Mit dieser „Kompromisslösung“ mag der Fraktionsvorstand wohl gehofft haben, die Gegner der Kreditbewilligung zu beschwichtigen, dem wachsenden Widerstand innerhalb der Partei angemessen entgegenzukommen. Tatsächlich war nun aber eine Regelung getroffen worden, „gegen die zu verstoßen offenen Disziplinbruch mit all seinen organisatorischen Konsequenzen bedeutete.“ 15 An oberster Stelle stand dabei die unbedingte Erhaltung der Fraktionsdisziplin, die Wahrung der Geschlossenheit. Auch dieser Faktor mag der Furcht entsprungen sein, bei einem möglichen Auseinanderbrechen der Partei in ihre verschiedenen Strömungen ihren Status und ihre Basis, die Arbeiterschaft, zu verlieren. Diese Disziplin, die die Partei zusammenhalten sollte, wurde jedoch „paradoxerweise beim raschen Wachstum der Spaltung ein Hauptfaktor.“ 16
Je länger der Krieg andauerte und je mehr die Hoffnung auf einen Verständigungsfrieden ohne Annexionsforderungen sank, desto mehr wuchs nicht nur der Unmut in der Bevölkerung, sondern auch innerhalb der Partei. Die Unmöglichkeit, diesen Unmut offen zu äußern, der Zwiespalt zwischen Fraktionsdisziplin und dem eigenen Gewissen, brachte die Dissidenten zunehmend in eine aussichtslose Lage.
Am 20. März 1915 erfolgte im Reichstagsplenum die Abstimmung über die dritte Kreditbewilligung. Diesmal votierten Karl Liebknecht und Otto Rühle, der 1918 Mitbegründer der KPD werden sollte, dagegen. Dreißig Fraktionsmitglieder, unter denen sich auch Hugo Haase befand, verließen vor der Abstimmung den Plenarsaal. Dies sollte nur der Anfang eines innerparteilichen Protestes sein, an dessen Ende die Spaltung der SPD stand.
13 Miller 1974¹: 98, zit. n. David: 101
14 ebd: 99
15 ebd: 100
16 Schorske 1981: 371
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Arbeit zitieren:
Sarah Leopold, 2005, Die Spaltung der Sozialdemokratie 1917 und die Entwicklung der Unabhängigen Sozialdemokraten, München, GRIN Verlag GmbH
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