INHALTSVERZEICHNIS
Inhaltsverzeichnis II
Abbildungsverzeichnis IV
Tabellenverzeichnis IV
A. Einleitung
1
B. Informationsasymmetrien bei der Kreditfinanzierung von Investitionsprojekten
5
1. Formen von Informationsasymmetrien und ihre Konsequenzen auf dem Kreditmarkt
5
1.1 Einführung. 5
1.2 Hidden characteristics. 7
1.2.1 Fähigkeiten bzw. Qualifikationen der Kreditnehmer. 7
1.2.2 Risiko der Projekte. 7
1.2.3 Zeithorizont der Investitionen. 8
1.3 Hidden action. 9
1.3.1 Grad der Anstrengung des Unternehmers. 9
1.3.2 Wechsel des Investitionsprojektes. 9
1.4 Costly state verification. 10
1.5 Ableitung eines bankoptimalen Zinssatzes und Zusammenfassung 11
2. Das Phänomen der Kreditrationierung und seine Folgen 12
2.1 Formen von Kreditrationierung 12
2.2 Eintreten von Kreditrationierung: Das Grundmodell. 13
2.3 Modifikationen des Grundmodells. 16
2.3.1 Kreditrationierung bei mehreren Kreditnehmergruppen. 16
2.3.2 Andere Ertragsfunktion der Bank 17
2.3.3 Grenzkosten der Refinanzierung und gesetzliche Eigenkapitalanforderungen19
2.3.4 Kosten der Finanzintermediation und gesetzliche Mindestreserveanforderungen
19
2.3.5 Kreditnachfrage 20
2.4 Ein erweitertes Grundmodell. 21
2.4.1 Annahmen 21
2.4.2 Der Kreditmarkt bei symmetrischer Information. 24
2.4.2.1 Kreditnachfrage. 24
2.4.2.2 Kreditangebot 24
2.4.2.3 Ergebnis. 25
2.4.3 Der Kreditmarkt bei asymmetrischer Information 25
2.4.3.1 Kreditnachfrage. 26
2.4.3.2 Kreditangebot 28
2.4.3.3 Gleichgewichte auf dem Kreditmarkt. 33
2.4.4 Folgen für Effizienz. 35
2.4.5 Bedingungen für das Zustandekommen einer Unterinvestition. 37
2.4.6 Folgerungen für die drei Gruppen von Unternehmen. 39
2.4.7 Fazit für das erweiterte Grundmodell 40
3. Lösungsansätze 42
3.1 Kreditprüfung und -überwachung. 42
3.1.1 Kreditwürdigkeitsprüfung. 42
3.1.2 Kreditüberwachung. 43
3.2 Kreditsicherheiten. 44
II
3.2.1 Kreditsicherheiten und unteilbare Investitionsprojekte. 44
3.2.2 Kreditsicherheiten und teilbare Investitionsprojekte. 46
3.2.3 Zusammenfassung 46
3.3 Signalling. 48
3.3.1 Signalling durch Informationspolitik. 48
3.3.2 Signalling durch die Kapitalstruktur des Unternehmens. 50
3.4 Langfristige Finanzbeziehungen. 51
3.4.1 Langfristige Finanzbeziehungen und „moral hazard“ 51
3.4.2 Langfristige Finanzbeziehungen und Informationsverteilung. 52
3.4.3 Langfristige Finanzbeziehungen und Insolvenz. 52
3.4.4 Hausbankbeziehungen 53
3.4.5 Zusammenfassung 55
3.5 Andere Finanzierungsformen. 57
3.5.1 Nachteile alternativer Finanzierung. 57
3.5.2 Vorteile und Verfügbarkeit alternativer Finanzierung 58
3.5.3 Zusammenfassung 60
3.6 Fazit für die Lösungsansätze und Determinanten der Rationierung. 61
4. Exogene Einflüsse auf Kreditrationierung und aktuelle Lage in Deutschland 64
4.1 Auswirkungen einer Erhöhung der Unsicherheit a uf Kreditrationierung 64
4.2 Auswirkungen einer Verschärfung von Eigenkapitalvorschriften auf Kreditrationierung
67
4.3 Die aktuelle Lage in Deutschland 69
C. Fazit und Ausblick
72
Literaturverzeichnis V
III
ABBILDUNGSVERZEICHNIS
Nummer
Abbildung 1: George A. Akerlof.
Abbildung 2: A. Michael Spence.
Abbildung 3: Joseph E. Stiglitz.
Abbildung 4: Die Beziehung zwischen Ertrag und Zinssatz.
Abbildung 5: Kreditrationierung als Folge asymmetrisch verteilter Information
Abbildung 6: Formen der Rationierung bei mehreren verschiedenen Kreditnehmergruppen
Abbildung 7: Gleichgewicht mit zwei Zinssätzen.
Abbildung 8: Aggregierte Kreditnachfrage für eine Gruppe von Unternehmen.
Abbildung 9: Erwarteter Ertrag der Bank vor Refinanzierung und Kreditzins.
Abbildung 10: Herleitung möglicher Kreditangebotskonstellationen
Abbildung 11: Kreditrationierung wegen Eigenkapitalvorschriften.
Abbildung 12: Die Bedeutung von Bankkrediten für deutsche Unternehmen.
TABELLENVERZEICHNIS
Tabelle 1: Determinanten des Ausmaßes der Unterinvestition.
IV
A. EINLEITUNG
„… knowledge of the circumstances of which we must make use … exists … solely as the
dispersed bits of incomplete … knowledge which all the separate individuals possess. The
economic problem of society is thus not merely a problem of how to allocate "given" resources …
It is rather … a problem of the utilization of knowledge which is not given to anyone in its
totality.” 1
Schon von Hayek betrachtete 1945 in seinem Aufsatz „The Use of Knowledge in Society“ das Problem asymmetrisch verteilter Information. Hiervon ausgehend argumentierte er, dass die Wirtschaftsordnung einer dezentralen Marktwirtschaft der einer Zentralverwaltungswirtschaft überlegen sei. Das über viele unterschiedliche Wirtschaftssubjekte verteilte Wissen muss koordiniert und daraus entsprechende Handlungen abgeleitet werden, um eine effiziente Allokation von Ressourcen zu erreichen. Von Hayek betont, dass die direkt betroffenen Menschen selbst entscheiden müssen, da nur diese rasch alle relevanten Informationen antizipieren und entsprechend reagieren können. Hierbei ist eine zentrale Planungsbehörde überfordert, da sie nicht so schnell wie nötig Veränderungen in ihre Planung einbeziehen und sich neuen Bedingungen anpassen kann. 2
Nach von Hayek fällt dem Preissystem eine entscheidende Funktion in der dezentralen Marktwirtschaft zu: „Fundamentally, in a system in which the knowledge of the relevant facts is dispersed among many people, prices can act to co-ordinate the separate actions of different people in the same way as subjective values help the individual to co-ordinate the parts of his plan.” 3 In der allgemeinen Gleichgewichtstheorie von Arrow und Debreu ist es genau dieses Preissystem, das unter vollständiger Konkurrenz dazu führt, dass sich Gleichgewichte mit Markträumung und einer Pareto effizienten Allokation einstellen.
Dass das Preissystem eine effiziente Allokation von Ressourcen herbeiführen kann, wird nicht mehr bezweifelt. Heute steht ein anderer Aspekt im Mittelpunkt der Betrachtung: Das Preissystem allein genügt eben nicht immer, um die Wirtschaftspläne der Marktteilnehmer zu koordinieren und um relevante asymmetrisch verteilte Information zu kommunizieren, da Selektions- und Anreizfunktionen die Informationsfunktion des Preises überlagern können. 4 Es
1 Hayek, F. A. [1945], S. 519f
2 vgl. Hayek, F. A. [1945], S. 520-524
3 Hayek, F. A. [1945], S. 526
4 vgl. Geanakoplos, J. [Arrow-Debreu model 1987], S.122
1
ergeben sich möglicherweise ineffiziente Allokationen, Gleichgewichte ohne Markträumung oder im Extremfall sogar der komplette Zusammenbruch eines Marktes. 5
Abbildung 1:
George A. Akerlof
Abbildung 2:
A. Michael Spence
5 vgl. Neyer, U. [2000], S. 27f
6 vgl. Akerlof, G. A. [1970], S. 489f
7 vgl. Riley, J. G. [signalling 1991], S. 330
8 vgl. hierzu: Spence, Michael: Job Market Signalling. In: Quarterly Journal of Economics, Vol. 87 (1973), S. 355-374
2
Abbildung 3:
Joseph E. Stiglitz
Die drei Wissenschaftler Akerlof, Spence und Stiglitz erhielten „für ihre Analyse von Märkten mit asymmetrischer Information“ 10 schließlich am 10. Oktober 2001 den Nobelpreis der Wirtschaftswissenschaften.
Seit ihren ersten Artikeln in den 80er Jahren entstand eine Vielzahl an wissenschaftlichen Arbeiten und Anwendungen zu dem Problem asymmetrisch verteilter Information auf den verschiedensten Märkten. Eine besondere Bedeutung kommt dieser Thematik bei der Betrachtung moderner Finanzmärkte zu.
Im Rahmen dieser Arbeit wird nun betrachtet, welche Auswirkungen sich durch asymmetrische Information auf Kreditmärkten ergeben können. Ich beschränke mich allerdings darauf, kreditnachfragende Unternehmen zu betrachten. Darlehen an Haushalte sollen nicht analysiert werden. Auch Auswirkungen asymmetrischer Information auf das Verhalten verschiedener Banken untereinander werden ausgeklammert. Somit wird der Fokus auf die von Informationsproblemen geprägte Beziehung zwischen Kreditgeber und Kreditnehmer gelegt.
Im folgenden Kapitel werden zum Einstieg in die Thematik zuerst die wichtigsten Formen von Informationsasymmetrien vorgestellt und deren Konsequenzen erläutert. Welche Unterschiede zum gewöhnlichen Modell mit symmetrisch verteilter Information treten auf? Des Weiteren wird in Kapitel zwei, dem Kernstück der Arbeit, das Phänomen der Kreditrationierung beschrieben und dann im Rahmen eines modellierten Kreditmarktes gezeigt, unter welchen Bedingungen Rationierung im Kontext asymmetrischer Information auftreten kann. Auch die sich daraus unter bestimmten Umständen ergebende Unterinvestition wird dargestellt.
9 vgl. Wein, T. [1996], S. 3
10 o.V.: [Nobelpreis 2001], S. 1
3
In Kapitel drei werden daraufhin Lösungsansätze geschildert. Was können Unternehmen und Banken dazu beitragen, Informationsasymmetrien zu verringern oder zu beseitigen? Wie verändert sich das Ausmaß auftretender Rationierung im Zuge dieser Maßnahmen?
Das vierte Kapitel geht darauf ein, wie sich exogene Einflüsse, z.B. eine Rezession, auf das Ausmaß der Probleme asymmetrischer Information auswirken. Weiterhin wird ein Ausblick auf die Neugestaltung der Eigenkapitalvorschriften der Kreditinstitute (Basel II) und deren Konsequenzen auf die Kreditverfügbarkeit für Betriebe gegeben. Diese Änderung wird auch im Hinblick auf ihren Einfluss auf die Informationsverteilung zwischen Unternehmen und Banken thematisiert werden. Abschließend kann anhand der aktuellen Lage in Deutschland erkannt werden, dass Probleme asymmetrischer Information zu einer verschlechterten Kreditverfügbarkeit zumindest beitragen. Es ergeben sich mögliche Ansatzpunkte, aber auch dringender Handlungsbedarf, vor allem für kleine und mittelständische Unternehmen, den Problemen asymmetrischer Informationsverteilung offensiv zu begegnen.
Das Schlusskapitel gibt noch einmal einen kurzen Überblick über die Thematik und weist darauf hin, dass auch Erklärungsansätze mit Hilfe asymmetrische Information, beobachtete Phänomene wie Kreditrationierung nicht vollständig beschreiben können. Diese Theorien stellen jedoch einen wesentlichen Beitrag zur Erklärung scheinbar irrationalen Verhaltens auf Kreditmärkten dar. Auswirkungen auch auf andere Bereiche der Mikro- und Makroökonomie sind enorm und es bleibt noch viel Raum für zukünftige Untersuchungen und Forschung.
4
B. INFORMATIONSASYMMETRIEN BEI DER KREDITFINANZIERUNG
VON INVESTITIONSPROJEKTEN
1. Formen von Informationsasymmetrien und ihre Konsequenzen auf dem Kreditmarkt
1.1 Einführung
Situationen, in denen asymmetrische Information vorliegt, lassen sich geeignet im Rahmen der Prinzipal-Agent Theorie analysieren. Folgende typische Merkmale kennzeichnen eine sogenannte Agency-Beziehung: 11
• Informationsasymmetrie liegt zwischen zwei (möglichen) Vertragspartnern, dem mit Informationsvorsprung handelnden Agent und dem schlechter informierten Prinzipal, vor. Diese kann nur unter Kosten überwunden werden. 12
• Der Informationsvorsprung des Agent und dessen Handlungen beeinflussen das Vertragsergebnis und damit seinen eigenen Nutzen und den des Prinzipal. • Das Ergebnis ist unsicher, es hängt nicht nur vom Handeln des Agenten, sondern auch von Zufallsereignissen ab.
Beim hier betrachteten Kreditmarkt ist normalerweise 13 der Kreditgeber, z.B. eine Bank, der Prinzipal. Der besser informierte Agent ist der Kreditnehmer, der das Vertragsergebnis, also vereinbarte Zins- und Tilgungszahlungen, durch sein Handeln beeinflussen kann. Der Informationsvorsprung des Agenten tritt hier in drei verschiedenen Formen auf: 14 Zum einen „hidden characteristics“ 15 , d. h. Informationsasymmetrie bezüglich Eigenschaften oder Informationen, die bereits vor einem Vertragsschluss vorliegen, andererseits „hidden action“. Hier liegt asymmetrische Information bezüglich der Handlungen der anderen Partei im Rahmen einer Vertragsbeziehung vor. Des Weiteren kann noch das Problem des „costly state verification“ , eines versteckten Investitionsergebnisses, auftreten.
11 vgl. Arrow, K. J. [1991], S. 37ff und Neuberger, D. [1998], S. 14
12 Diese Kosten kennzeichnen die Differenz zwischen dem Gewinn oder Nutzen in der erstbesten Lösung und dem der zweitbesten
Lösung der Agency-Beziehung. Hierzu zählen beim später betrachteten Kreditmarkt z.B. die Kosten der Kreditprüfung und
Kreditüberwachung, die Kosten des Signalling usw.; vgl. Kapitel B.3 Lösungsansätze ab Seite 42
13 Einen anderen Aspekt betrachten de Meza und Southey. Bei Kreditnachfrage im Rahmen von Unternehmensneugründungen oder
durch noch unerfahrene Unternehmer kann ein Informationsvorsprung durchaus auf Seiten der Bank vorliegen, die evtl. über
höhere Managementkompetenz und Markterfahrung verfügt. Vgl. hierzu Meza, D. / Southey, C. [1996], S. 375ff
14 vgl. Neyer, U. [2000], S. 30 und Hillier, B. [1997], S. 4
15 Andere Bezeichnung: hidden information
5
Die Bank möchte trotz dieser Informationsasymmetrien natürlich „gute“ und „schlechte“ Schuldner unterscheiden, da ihr Ertrag direkt von der Rückzahlungswahrscheinlichkeit der Darlehen abhängt. Die einfachste Möglichkeit des „screening“, d.h. der qualitativen Einstufung der Kreditnehmer, stellt der Zinssatz dar, da eine Änderung sich auf die Zusammensetzung der Kreditnachfrager auswirken kann. 16
Im folgenden Abschnitt werden diese drei Formen von Informationsasymmetrien, die auf Kreditmärkten auftreten, kurz erläutert.
16 vgl. Stiglitz, J. E./ Weiss, A. [1981], S. 393
6
1.2 Hidden characteristics
Bereits vor Vertragsschluss bestehende „versteckten Eigenschaften“ können sich auf Fähigkeiten beziehungsweise Qualifikationen des Kreditnehmers und auf Merkmale des Investitionsprojekts beziehen. Wir nehmen an, dass es den Banken nicht möglich ist, diese Charakteristika zu erkennen. 17 Drei grundlegende Ansätze lassen sich unterscheiden: 18
1.2.1 Fähigkeiten bzw. Qualifikationen der Kreditnehmer
Die verschiedenen kreditnachfragenden Unternehmer unterscheiden sich in ihren Fähigkeiten, ihrem Wissen, ihren Qualifikationen und Erfahrungen, die Banken jedoch können dies nicht einschätzen. Eine Erhöhung des Kreditzinses kann nun dazu führen, dass Unternehmer mit den größten Fähigkeiten auf Investitionen verzichten, da ihre Opportunitätskosten entsprechend hoch sind und sie z.B. lieber eine gut bezahlte Stelle annehmen. Somit tritt adverse Selektion auf, da die fähigsten Unternehmer, die der Bank die höchste Rendite bringen würden 19 , aus dem Markt ausscheiden. 20
1.2.2 Risiko der Projekte
Nur die Kreditnehmer wissen, wie risikoreich das Projekt ist, das sie über das nachgefragte Darlehen finanzieren möchten. Deswegen bieten die Banken einen einheitlichen Zinssatz an, der auf das durchschnittliche Risiko aller Projekte abgestimmt ist. Folge einer Zinserhöhung kann jetzt sein, dass die Unternehmen, deren Investitionsvorhaben ein niedriges Risiko und dadurch auch einen geringeren erwarteten Ertrag aufweisen, keine Kredite mehr nachfragen. 21 Der Bank bleiben die risikoreicheren Projekte, adverse Selektion hat stattgefunden. 22
17 In einem gewissen Rahmen können Banken unter Kosten sicherlich Eigenschaften und Absichten der Kreditnehmer bzw. Projekte
erkennen. Hierauf soll aber erst bei den Lösungsansätzen eingegangen werden, vgl. Kapitel B.3.1 auf Seite 42
18 vgl. Clemenz, G. [1986], S. 47 und Neyer, U. [2000], S. 32f
19 Es wird davon ausgegangen, dass bei an sich gleichwertigen Projekten eine höhere Qualifikation der Kreditnehmer die erwartete
Rendite aus dem zu finanzierenden Projekt positiv beeinflusst.
20 vgl. Clemenz, G. [1986], S. 60-64 und Neyer, U. [2000], S. 33
21 Es wäre unter bestimmten Annahmen auch möglich, dass die Unternehmen mit den relativ risikoreichen Projekten als erstes aus
dem Markt ausscheiden und sich so vorteilhafte Selektion ergibt. In dieser Arbeit wird aber nur adverse Selektion betrachtet. Für
den anderen Ansatz vgl. Meza, D. / Webb, D. [1987], S. 281ff
22 vgl. Stiglitz, J. E./ Weiss, A. [1981], S. 393 und Clemenz, G. [1986], S. 48-55
7
1.2.3 Zeithorizont der Investitionen
Eine weitere „versteckte Eigenschaft“ kann der individuelle Zeithorizont der Investitionen darstellen. 23 Wenn die Kreditgeber ein langfristiges gutes Projekt, das jedoch zu Beginn niedrige Erträge abwirft, nicht von einem kurzfristigen schlechten unterscheiden können, verweigern sie möglicherweise eine Anschlussfinanzierung. 24 Unternehmen, die sich nicht auf eine komplette Finanzierung verlassen können, verzichten dann lieber auf das langfristig ertragreiche Projekt und führen kurzfristige Investitionen mit niedrigeren Erträgen durch.
Auch die Banken schrecken unter Umständen vor der Finanzierung langfristiger Projekte zurück. Dies ist für sie nur rentabel, wenn sie die Anschlussfinanzierung so gestalten können, dass die niedrigen Erlöse und das hohe Risiko der ersten Kreditvergabe ausgeglichen werden. Ist es allerdings zu Beginn der zweiten Periode erkennbar, dass die Investition gut angelaufen ist und hohe Erträge eintreten werden, kann die Bank ihre Forderungen nicht mehr durchsetzen, da das Unternehmen günstigere Angebote von anderen Kreditgebern erhält.
Somit entfällt die Finanzierung langfristiger Projekte möglicherweise von Anfang an und eine optimale Kapitalallokation wird nicht erreicht. 25
23 vgl. Schlick, O. [1994], S. 45
24 Langfristige Verträge, die alle Eventualitäten mit einschließen und die Anschlussfinanzierung sichern, sind - wenn überhaupt - nur
sehr schwierig abzuschließen. Vgl. Klische, A. [1995], S. 31 und Hart, O. [incomplete contracts 1992], S. 344, 351
25 vgl. Neyer, U. [2000], S. 33f und Thadden, E.-L. [1995], S. 558f
8
1.3 Hidden action
Nicht nur „versteckte Eigenschaften“ erschweren eine optimale Allokation von Ressourcen, auch Handlungen des Kreditnehmers nach Vertragsschluss beeinflussen den Ertrag der Bank. Diese kann beispielsweise weder den Grad der Anstrengung des Unternehmers beobachten, noch welches Projekt genau mit dem Darlehen finanziert wird. 26
1.3.1 Grad der Anstrengung des Unternehmers
Unter der Annahme, dass der Kreditnehmer den Ertrag seiner Investition durch eigene Anstrengung positiv beeinflussen kann, kann folgendes Problem des „moral hazard” auftreten: Eine Erhöhung des Kreditzinses senkt den Gewinn des Unternehmers und vermindert dadurch den von ihm erwarteten Grenzertrag seiner Anstrengung. Folglich reduziert er seinen Arbeitseinsatz. Die Bank ist also mit zwei gegenläufigen Effekten einer Zinserhöhung konfrontiert: Einerseits steigen ihre erwarteten Grenzzinserträge, andererseits aber auch ihre Grenzrisikokosten. 27
1.3.2 Wechsel des Investitionsprojektes
Angenommen, einem Unternehmer stehen mehrere Projekte offen. Er kann wählen, welches er mit dem erhaltenen Kredit finanzieren möchte. Die Bank jedoch kann nicht erkennen, welche Investition getätigt wird. Dann liegt ein weiteres Problem der „versteckten Handlung“ vor: Bietet die Bank einen niedrigen Kreditzins für ein bestimmtes Projekt mit geringem Risiko an, kann es geschehen, dass der Unternehmer es vorzieht, stattdessen ein anderes Projekt mit höherem Risiko zu finanzieren. Durch den nicht risikoadäquaten Zins kann die erwartete Rendite des Kreditnehmers aus dem risikoreicheren Projekt nun höher ausfallen als die des ursprünglich geplanten. Wenn die Banken das antizipieren, bieten sie von vornherein nur einen höheren Zins an, der auf das risikoreichere Projekt abgestimmt ist. Das Unternehmen investiert nun zwangsläufig in das Projekt mit dem niedrigeren erw arteten Ertrag. Folge ist somit wieder eine ineffiziente Kapitalallokation. 28
26 Das ist natürlich eine Vereinfachung. Zu einem gewissen Grad können Banken unter Kosten wohl immer erkennen, was die
Kreditnehmer mit dem erhaltenen Geld finanzieren. Aber das sogenannte „monitoring“ stellt ja bereits eine Reaktion der Banken
auf das Problem der „hidden action“ dar! Vgl. Kapitel B.3.1 auf Seite 42
27 vgl. Clemenz, G. [1986], S. 64-66 und Neyer, U. [2000], S. 35f
28 vgl. Hillier, B. [1997], S. 36-42 und Neyer, U. [2000], S. 34f
9
1.4 Costly state verification
Die dritte Form von asymmetrischer Information, das Problem des „versteckten Investitionsergebnisses“ tritt nach Vertragsschluss auf. Der Ertrag des Projektes ist eine Zufallsvariable und nur dem Unternehmer bekannt. Somit hat er einen Anreiz, das tatsächliche Ergebnis zu verschweigen und zu lügen. Der Kreditgeber kann aber unter Kosten das wirklich erzielte Ergebnis der Investition herausfinden, indem er z.B. Prüfer in die Firma sendet. 29 Bei der Betrachtung verschiedener Finanzierungsformen ergibt sich der Standardkreditvertrag 30 als optimale Lösung dieses Problems. Bei Eigenkapitalfinanzierung wäre eine kostenintensive Überprüfung des Ergebnisses sowohl im Erfolgs- als auch im Nichterfolgsfall der Investition nötig, da die Zahlungen direkt vom Ergebnis abhängen. Bei Fremdkapitalfinanzierung über einen Standardkreditvertrag ist eine Ergebniskontrolle hingegen nur erforderlich, wenn der Unternehmer mitteilt, dass es ihm nicht möglich sei, den Kredit zurückzuzahlen. Zusätzlich können Überwachungskosten im Vergleich zu einer Finanzierung durch mehrere Fremdkapitalgeber (z.B. durch Anleihen) eingespart werden, da bei Scheitern jetzt nur die Bank nachprüfen muss. 31
Auch hier führt eine Zinserhöhung durch die Banken nicht nur zu höheren erwarteten Zinserträgen, sondern hat gleichzeitig negative Auswirkungen: Die steigenden Finanzierungskosten des Unternehmens erhöhen die Wahrscheinlichkeit, dass ein Projekt fehlschlägt. Und dadurch eine teure Nachprüfung des Ergebnisses durch die Banken nötig wird. 32
29 vgl. Hillier, B. [1997], S. 4f
30 Dieser beinhaltet, dass fest vereinbarte Zins- und Tilgungszahlungen im Erfolgsfall und der maximal mögliche Betrag bei
Misserfolg zu zahlen sind.
31 vgl. Hillier, B. [1997], S. 57-64 und Williamson, S. D. [1987], S. 139
32 vgl. Schwarz, M. [WISU 1999], S. 1070
10
1.5 Ableitung eines bankoptimalen Zinssatzes und Zusammenfassung
Die Banken werden einen Nachfrageüberhang am Kreditmarkt unter Umständen nicht durch Zinserhöhungen ausgleichen. Eine Steigerung des Zinssatzes erhöht nicht proportional die Profite der Bank, da z.B. das Kreditausfallrisiko zunimmt. Ab einem gewissen Zinssatz können die oben erwähnten negativen Effekte aus den verschiedenen Formen asymmetrischer Information sogar dominieren und den Ertrag der Bank trotz gesteigerter Zinseinnahmen unter den vorherigen Wert drücken. 33
Die Beziehung zwischen Ertrag und Zinssatz
Es existiert also ein Zinssatz r*, bei dem der erwartete Ertrag der Bank maximal wird. 34 Keine Bank ist bereit zu einem höheren Zinssatz Kredite zu vergeben. Falls der markträumende Zinssatz über r* liegt, kann der Preismechanismus auf dem Kreditmarkt nicht reibungslos im Sinne eines vollständigen Marktes wirken. Das Marktgleichgewicht ist durch Kreditrationierung gekennzeichnet. 35
Asymmetrisch verteilte Information führt also unter anderem dazu, dass die sich ergebenden Gleichgewichte häufig paretoineffiziente Kapitalallokationen darstellen. Eine spezielle Ausprägung dieser Ineffizienz kann die im Folgenden betrachtete Kreditrationierung sein. 36
33 vgl. Stiglitz, J. E./ Weiss, A. [1981], S. 394
34 Dies setzt eine hinreichend große Varianz der Erfolgswahrscheinlichkeiten der Projekte innerhalb der nachfragenden Gruppe
voraus. Die erwarteten Grenzkosten der negativen Effekte aus asymmetrischer Information müssen die erwarteten Grenzerträge
der Zinserhöhung übersteigen, vgl. Neyer, U. [2000], S. 96, S. 100. Hiervon wird aber im Folgenden ausgegangen. Wenn die
Banken die Kreditnachfrager wie im späteren Grundmodell nicht beliebig gut unterscheiden können, ist diese Annahme
gerechtfertigt.
35 vgl. Jaffee, D. M./ Stiglitz, J. E. [1990], S. 854
36 vgl. Neyer, U. [2000], S. 37
11
2. Das Phänomen der Kreditrationierung und seine Folgen
Allgemein wird Kreditrationierung als der Zustand definiert, in dem das Kreditangebot unter gegebenen Vertragsbedingungen geringer ist als die Nachfrage. 37
2.1 Formen von Kreditrationierung
Verschiedene Formen von Kreditrationierung lassen sich unterscheiden: 38
• Dynamische Rationierung als Folge vorübergehender Ungleichgewichte ist ein kurzfristiges Phänomen, das nur während eines Anpassungsprozesses auf eine exogene Störung auftritt, wenn sich der Zinssatz nicht sofort wieder seinem langfristig optimalen Niveau angepasst hat. 39 • Kreditrationierung im Gleichgewicht aufgrund staatlicher Bestimmungen, die z.B. maximale Kreditzinsen oder Einlagenzinsuntergrenzen festlegen und dadurch einen markträumenden Zinssatz verhindern.
• Rationierung wegen unterschiedlicher Ansichten („divergent view rationing“) beschreibt den Umstand, dass einige Unternehmer nicht zu den Zinsen Geld erhalten, die s ie im Bezug auf ihr selbst wahrgenommenes Kreditausfallrisiko als angemessen betrachten.
• Kreditrationierung durch Ausschluss einer kompletten Risikoklasse („redlining“ 40 ) ist die Folge, wenn eine bestimmte Risikoklasse von kreditnachfragenden Unternehmen bei keinem Zinssatz den von der Bank erwarteten Mindestertrag 41 abwerfen kann.
• Zins- bzw. Preisrationierung ergibt sich, wenn einige oder alle Kreditnehmer zu einem gegebenen Zinssatz ein geringeres Kreditvolumen als gewünscht erhalten. Für größere Kredite verlangt die Bank wegen des damit steigenden Risikos einen höheren Zinssatz. Dies wird auch als Typ I Rationierung bezeichnet. 42
• Strikte Kreditrationierung („pure credit rationing“), auch Typ II Rationierung genannt, liegt vor, wenn einige Unternehmen zum herrschenden Zinssatz Kredit erhalten, andere aus der Sicht der Banken identische Kreditnachfrager jedoch abgelehnt werden, obwohl sie dieselben Konditionen akzeptiert hätten.
37 vgl. Jaffee, D. M. [credit rationing 1991], S. 719
38 vgl. Jaffee, D. M./ Stiglitz, J. E. [1990], S. 847-849 und Neuberger, D. [1998], S.103f
39 Gründe hierfür sind Unvollkommenheiten des Kreditmarktes, z.B. benötigen die Banken Zeit, um neue Kreditanträge zu prüfen.
40 Dieser Begriff bezieht sich ursprünglich darauf, dass Hypothekenbanken in den USA die Stadtviertel oder Gegenden auf
Stadtplänen rot umrandeten, in denen keine Kredite vergeben werden durften. Vgl. Jaffee, D. M./ Stiglitz, J. E. [1990], S. 848. Es
lässt sich zwar streiten, ob „redlining“ wirklich als Rationierung angesehen werden kann. Es soll dennoch betrachtet werden, da die
verschiedenen Formen von Rationierung häufig sehr nahe beieinander liegen. Vgl. Kapitel B.2.3.1 auf Seite 17
41 Dieser beinhaltet Refinanzierungskosten und je nach Modell auch Kosten der Intermediation etc.
42 vgl. Keeton, W. R. [1979], S. 2
12
2.2 Eintreten von Kreditrationierung: Das Grundmodell
Zu Beginn sei angenommen, dass sich Unternehmen und Banken risikoneutral verhalten. 43 Anhand der folgenden Grafik soll nun dargelegt werden, wie Kreditrationierung durch Informationsasymmetrien 44 auf dem Kreditmarkt eintreten kann.
Abbildung 5: Kreditrationierung als Folge asymmetrisch verteilter Information
43 Dies vereinfacht die Analyse, ohne wesentliche Kernaussagen zu verfälschen. Für die Banken ist diese Annahme auch dadurch zu
begründen, dass diese in viele verschiedene Projekte investieren, die zwar einzeln gesehen alle nur einen unsicheren Ertrag
erwirtschaften, aber in ihrer Gesamtheit aufgrund der Risikostreuung eine sichere Verzinsung der Einlagegelder ermöglichen. Vgl.
Klische, A. [1995], S. 86f
44 Für einen Überblick über andere, frühere Ansätze zur Erklärung von Kreditrationierung vergleiche z.B. Jaffee, D. M./ Stiglitz, J. E.
[1990], S. 849 - 853 oder komplett Baltensperger, E. / Devinney, T. M. [1984].
13
Arbeit zitieren:
Stefan Zeller, 2003, Die Bedeutung von asymmetrischer Information auf Kreditmärkten, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Wege aus der Unternehmenskrise: Kritische Analyse und Vergleich von Ko...
BWL - Unternehmensführung, Management, Organisation
Diplomarbeit, 105 Seiten
Asymmetrische Informationsverteilung - Theorie und praktische Darstell...
Hausarbeit, 14 Seiten
Probleme der Früherkennung von Unternehmenskrisen anhand von Jahresabs...
Seminararbeit, 27 Seiten
Internationaler Handel mit Emissionszertifikaten
VWL - Außenhandelstheorie, Außenhandelspolitik
Seminararbeit, 29 Seiten
Darstellung der Möglichkeiten einer Workout-Abteilung für notleidende ...
Diplomarbeit, 56 Seiten
Auswertung der Umfrage: Beschwerdemanagement in der Assekuranz
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Forschungsarbeit, 44 Seiten
Empowerment-Strategien - Das Beispiel der Grameen-Bank von Bangladesch
Soziologie - Familie, Frauen, Männer, Sexualität, Geschlechter
Magisterarbeit, 99 Seiten
Emissionshandel - Das System des Handels mit CO2-Zertifikaten
Politik - Internationale Politik - Klima- und Umweltpolitik
Seminararbeit, 35 Seiten
Unternehmensberatung mittelständischer Unternehmen als Bankleistung
Eine Studie zur Abgrenzung zu ...
BWL - Bank, Börse, Versicherung
Diplomarbeit, 95 Seiten
Unvollkommene Kapitalmärkte und Kreditrationierung
VWL - Geldtheorie, Geldpolitik
Seminararbeit, 25 Seiten
Microfinance: Die Erfahrungen in Entwicklungsländern
VWL - Internationale Wirtschaftsbeziehungen
Diplomarbeit, 96 Seiten
Financial Covenants in der Bilanzanalyse von Firmenkunden
BWL - Investition und Finanzierung
Hausarbeit (Hauptseminar), 38 Seiten
Non Performing Loans - Verkauf und Handel von Problemkrediten in Deuts...
BWL - Investition und Finanzierung
Bachelorarbeit, 78 Seiten
Stefan Zeller hat den Text Die Bedeutung von asymmetrischer Information auf Kreditmärkten veröffentlicht
Stefan Zeller hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare