1. Die Untersuchung
Ziel der Umfrage war es, Einstellungen der Befragten ehemaligen DDR Bürger zu Gewohnheiten im Zusammenhang mit Musik zu gewinnen. Interessant waren für uns vor allem die Fragen:
1) Wie wurde in der DDR Musik gehört, vor allem von Kindern und Jugendlichen? 2) Welche Rolle spielen dabei Popsongs, Kinderlieder und Pionierlieder aus der DDR? 3) Wurde musiziert?
4) Wie sieht die heutige Einstellung zu dieser Musik aus? 5) In welchem Maß wurde Musik aus dem Westen gehört?
Zusätzlich sollte versucht werden, die Ergebnisse unter Einbeziehung von Literatur auf folgende Fragen hin weiter zu interpretieren:
- Hat die Einstellung zu Musik sich im Lauf der DDR Geschichte geändert?
- Spiegelt sich die DDR Kulturpolitik mit ihrer Entwicklung in den Antworten?
- Inwieweit war die musikalische Sozialisation ideologisch geprägt? Die Umfrage war eine quantitative Umfrage mit einer sehr bescheidenen Teilnehmerzahl und qualitativen Anteilen. Bei den Teilnehmern handelt es sich um eine anfallende Stichprobe. Mängel anfallender Stichproben, wie mangelnde Repräsentativität, sind deshalb zu erwarten. Insgesamt lagen Antwortbögen von insgesamt 44 Teilnehmern vor. Es waren dies Personen mit DDR Hintergrund der Jahrgänge 1944 bis 1984, also solche, deren Einschulungsalter in die Zeit der DDR fällt.
Die Auswertung wurde so gestaltet, dass die Antwortbögen nach den einzelnen Geburtsjahrzehnten getrennt, aber nach gleichen Gesichtspunkten analysiert wurden, um durch Vergleich veränderte Einstellungen und Erinnerungen im Lauf der Zeit festzustellen zu können. Dabei ist allerdings zu bedenken, dass bei einem 1950 Geborenen die musikalische Sozialisierung wahrscheinlich in einem anderen Zeitraum stattfindet, als bei einer Person des Jahrgangs 1959, so dass unsere Unterteilung nur ein grobes, aber in Anbetracht der niedrigen Anzahl der Teilnehmer, sinnvolles Raster bietet.
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2. Wie wurde von Kindern und Jugendlichen in der DDR Musik
gehört?
Ergebnis für die zwischen 1944 und 1949 geborenen:
- 4 Befragte
- Wenigste Erinnerungen
- 2 Befragte hören heute noch DDR Musik, 2 selten. Die Musik wird von 2 Befragten als positiv gewertet, 2 haben keine Empfindungen ihr gegenüber.
- Im Gedächtnis geblieben sind neben einem Kinderlied nur „Wie ein Stern“ von Frank Schöbel und "Über Sieben Brücken" von Karat, beides Lieder aus den 70ern.
- Keine Lieder aus der eigenen Jugendzeit wurden genannt.
- Westmusik wurde von einem Befragten nicht gehört, da verboten. Einer hat sie heimlich gehört. Zwei standen ihr positiv gegenüber.
- Ein Befragter erinnert sich, am Pioniernachmittagen gesungen zu haben. Ergebnis für die zwischen 1950 und 1959 geborenen:
- 5 Befragte
- Alle hören heute noch DDR Musik
- Zwei Befragte haben keine Empfindungen beim Hören der Musik, drei haben positive Empfindungen, zwei geben an, heute DDR Musik lieber zu hören als in der DDR. Ein Befragter nennt "teilweise sentimentale Gefühle und Erinnerungen an Jugend und Freunde“, die die Musik bei ihm weckt. „Das waren noch schöne Zeiten. Wir waren jung und unbeschwert". Drei andere Befragte verbinden ebenfalls Jugenderinnerungen mit den Liedern, die wenig detailliert beschrieben werden. Einer empfindet diese als positiv. Einer empfindet nichts. Einer fühlt sich durch sie angeregt, über die kulturellen Einschränkungen, die die Lieder zum Ausdruck bringen, nachzudenken.
- Vier Befragte erinnern sich an Karat. Je drei Befragte erinnern sich an Musik von City und den Puhdys. Je einer an Tamara Danz, Ute Freudenberg, Renft, Silly, Pankow und ein Lied namens Wir lagen auf der Wiese (wahrscheinlich Wir Lagen Im Grase vom Joco Dev Sextett).
- Keine Songs vor 1970 wurden genannt.
- Bezüglich Westmusik hat einer keine Erinnerungen, einer hat sie nicht gehört, weil sie verboten war, einer hat sie trotz Verbots heimlich gehört und für besser befunden. Zwei andere haben auch zuhause Westradio gehört und einer davon hat Konzerte von Amateurbands in Dorfsälen besucht, die er als Geheimtipps bezeichnet. Die Bands spielten
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Pop Songs aus dem Westen. Der andere bezeichnet Westmusik als unerwünscht und bemerkt, dass trotzdem fast jeder Radiosender aus dem Westen gehört hat.
- Ein Befragter hat Flöte gespielt, einer Triangel.
- Ein Befragter erinnert sich an Musik bei den Pioniernachmittagen. Ergebnis für die zwischen 1960 und 1969 geborenen:
- 8 Befragte. Genauere Erinnerungen.
- Die meisten haben DDR Pop Musik gehört, z.B. in Radio, Fernsehen und Jugendclub. Einer schreibt: "DDR Musik hat mir damals nicht gefallen, heute auch nicht."
- Die Empfindungen werden mit Identifizierung, Befreiung und Nonkonformismus beschrieben. Nur zwei empfinden nichts beim Hören von DDR Musik.
- Die Puhdys wurden viermal genannt, Karat dreimal, Ute Freudenberg zweimal. Je einmal wurden Renft, Silly, City und Karussell genannt. Einer erinnert sich an nicht genauer benannte Schlager, die er negativ bewertet.
- Ein Befragter hat keinen offiziellen DDR Pop gehört, aber inoffizielle Punkbands wie L'Attentat, Namenlos und Antitrott. Er erinnert sich beim Hören der Musik an Jugend, an "eine schwierige, aber aufregende Zeit" und Gemeinschaft. Er schätzt die ehrlichen Texte und fühlt sich von der Musik angeregt, über den "schizophrenen Staat" nachzudenken. Auch die genannte, seit 1975 verbotene Blues Rock Band Renft war kann als Band der Opposition in der DDR betrachtet werden.
- Die Befragten erinnerten sich an die Pionierlieder Unsere Heimat (zweimal), Auf Auf zum Kampf, Bau Auf Bau Auf Freie Deutsche Jugend und Kleine Weiße Friedenstaube, denn sie wurden "ständig gesungen" und es war "Pflicht" sie zu kennen. Aber auch Kindheitserinnerungen werden mit ihnen verbunden.
- Nur ein Befragter gab ein Kinderlied an: Jule Wäscht Sich Nie von Gerhard Schöne.
- Die Lieder Brüder zur Sonne zur Freiheit, Der Kleine Trompeter, Die Moorsoldaten und Ode An Die Freude wurden fälschlich als DDR Musik angegeben. Das ist bei den drei ersten nicht verwunderlich, da sie zwar älteren Ursprungs sind, aber auf sozialistischen, bzw. antifaschistischen Traditionen fußen, die sie in der DDR zum geläufigen Liedgut werden ließen. Ob der Befragte, der die Ode An Die Freude angegeben hat, dies Lied wirklich für DDR Liedgut hielt, ist fraglich. Er vermerkt, dass ihn dieses Lied besonders im Gedächtnis ist, weil er es für eine Prüfung vorbereiten musste.
- Ein Befragter hat keine Erinnerung an Umgang mit Westmusik. Einer betont, dass sie in der Schule nicht thematisiert wurde, während zwei andere sie als Stoff des Musikunterrichts in
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höheren Schuljahren benennt. Einer hat Westmusik heimlich gehört, kann sich aber erinnern, dass sie in der Öffentlichkeit nicht präsent war. Einer kann sich dagegen erinnern, dass bei Tanzveranstaltungen viel Westmusik gespielt wurde, man sie nur kaum auf Platten kaufen konnte, sondern aus dem Radio mitgeschnitten hat. Einer sagt, dass Westschlager akzeptiert waren, nicht jedoch Rockmusik. Einer gibt das Hören von Schlagersendungen im Westradio als bevorzugtes Hobby seiner Jugend an.
- Drei Befragte geben an, kein Musikinstrument gespielt zu haben. Einer hat Gitarre gespielt und gibt das auch als wichtige Freizeitbeschäftigung an. Einer hat Flöte gespielt und einer Klavier. Einer hat eine Musikschule besucht, in der er zwei- bis dreimal pro Woche war. Er hat dort Akkordeon und Gitarre gespielt.
- 3 Befragte erinnern sich, dass an Pioniernachmittagen gesungen wurde. Zwei haben keine Angaben gemacht. Einer erinnert sich, dass Westmusik zu seiner FDJ Zeit 1970 - 79 "vereinzelt mit einbezogen wurde". Zwei geben nur nichtmusikalische Aktivitäten an. Ergebnis für die zwischen 1970 und 1979 geborenen:
- 14 Befragte. Sehr detaillierte Erinnerungen. Widersprüchlichste Wahrnehmung.
- In Erinnerung sind Karat, die sechsmal genannt wurden, davon aber einmal als Negativbeispiel, dreimal Manfrad Krug, City und die Puhdys, zweimal Inka, und je einmal Wolfgang "Lippi" Lippert, Tina, Nina Hagen, Ute Freudenberg, Veronika Fischer, Karussell, Gerd Michaelis, Ralf Bursy, IC Falkenberg, Silly, Metropol, Thomas (oder Gerd?) Natschiski, Frank Schöbel und Jürgen Hart, wobei Lippi und Tina negativ bewertet werden. Eine Befragter hört gerne Twist Bands aus der DDR der frühen Sechziger. Der gleiche Befragte schätzt Ernst Busch, einen Sänger kommunistischer Arbeiterlieder, besonders und gibt an, in der späten DDR Fan der Radiosendung Parocktikum gewesen zu sein.
- Drei Befragte geben an, hauptsächlich inoffizielle Punkbands gehört zu haben. Als Beispiele werden Skeptiker, Schleimkeim, Feeling B, Kaltfront, Herbst in Peking, Sandow, Müllstation, Zusammrottung und Rosengarten genannt.
- Ein Befragter schreibt über DDR Musik: "Für diese Musik hatte ich nie etwas übrig." Im Radio, gibt er an, heute noch schnell umzuschalten, wenn DDR Musik gespielt wird. Einen überkommen bei DDR Musik "negative Erinnerungen an den Mist in der Zone." Einer beschreibt sie als "bieder" und "abgekupfert". Drei Befragte nennen sie "peinlich". Ein Befragter beschreibt das Hören von DDR Musik als "eine Reise in die Vergangenheit, die sich staubig anfühlt." Einer gibt an, in der DDR nie DDR Musik gehört zu haben, da er sie für minderwertig hielt, aber später ihre Qualitäten erkannt zu haben. Ein anderer schreibt, er
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Arbeit zitieren:
Dirk Kranz, 2010, Einstellungen zu Musik bei Personen, die ihre Jugend in der DDR verlebt haben, München, GRIN Verlag GmbH
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