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„Täusche das Auge“ - schon dem Begriff „Trompe-l’œil“ wohnt ein Handlungsapell an den Künstler sowie den Rezipienten inne. Die Gattung äußert ihren Anspruch im Imperativ. Das Bild soll vortäuschen kein Kunstwerk zu sein, sondern die Wirklichkeit. Um die Handschrift des Künstlers zu leugnen, wird sich der perfekten Illusion bedient. Erst wenn der Betrachter sich der eingehenden Rezeption des Kunstwerkes hingibt, offenbart sich die Idee der Illusion. In diesem Prozess der Selbstverleugnung und -erschaffung liegt der Schlüssel zur Kunst des Trompe-l’oeil, zur Kunst der Künstler.
Bereits seit der Antike haben sich Künstler raffiniert und hedonistisch dem Augentrug verschrieben. Ihre Intention lag nicht nur in der Irritation der Wahrnehmung, sondern auch in der Spiegelung des Status von Bildern als Medien der Vergegenwärtigung. Der Rezipient soll durch Zeichnungen, Gemälde oder Skulpturen an den kategorischen Punkt der Sinnestäuschung geleitet werden, so dass er ihn für ein reales Gebilde hält, was ihm doch nur als Darstellung gegenübersteht. Im 17. Jahrhundert konnte das „Trompe-l’œil“ seinen größten Triumpf an den Höfen ausspielen. Die erstaunlichsten Vertreter ihrer Art wurden in den fürstlichen Kunstkammern gesammelt, weil sie in den Vanitas-Darstellungen und in ihren Symboliken gekonnt das zeitgenössische Lebensgefühl reflektierten. Später hingegen entwickelte sich eine kritischere Rezeption, da in den camouflierenden Realitätsausschnitten keine innovativen Inhalte mehr erkannt wurden. In den Akademien genoss das „Trompel’œil“ als Variante des Stilllebens lange kein hohes Ansehen. Diese Gemälde versuchten dennoch die subversiven Kategorien des Mediums voll auszunutzen: Sie appellierten an den Tastsinn des Rezipienten und stellten somit die Dominanz des Sehens in Frage. Sie zeigten ihre Motive als dem Betrachterraum zugehörige Gegenstände und invertierten somit die gängigen und traditionellen Gemälde-Perspektiven. Sie provozierten eine Konkurrenz mit den Gattungen Relief und Skulptur und bewiesen ihr Können, indem sie die Stofflichkeit der plastischen Bildkünste „heuchelten“. Das „Trompel’œil“ bot den Künstlern vielfältige Optionen zu kommentieren. Es wurden zeitgenössische Werke oder literarische Schriftstücke aufgenommen und in neue Kontexte verankert. Auch gemalte Rahmen und Nischen halfen, das Kunstwerk in eine öffnende Bühne umzufunktionieren. „Täusche das Auge“ ist ein künstlerischer Affront, um vor allem die Sinne zu schärfen. 1 In dieser Arbeit sollen einige Vertreter dieser Gattung untersucht werden und darauf geprüft werden, wie sie funktionieren und wie sie gelesen werden können. Der Fokus liegt dabei auf ausgewählten Werken des 20. Und 21. Jahrhunderts.
1 Hedinger, Bärbel: Täuschend echt. Illusion und Wirklichkeit in der Kunst. Hamburg: Hirmer Verlag 2010.
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Seit den 1960er Jahren spielten die Künstler mit der Technik des „Trompe-l’œil“ nicht nur in der Malerei sondern in verschiedensten Medienarten. In der Pop Art arbeitete man mit Verblüffungseffekten, bei denen lebensechte Nachbildungen alltäglicher Gebrauchsgegenstände im Vordergrund standen (Jasper Johns „Bemalte Bronze“ von 1960 oder Andy Warhol „Brillo Box“ von 1964). Auch in der Graphik (Ed Ruscha „Twentysix Gasoline Stations“ von 1963 oder Gerhard Richter „Blattecke“ von 1967), Photographie (Thomas Demand „Fenster“ von 1998 oder „Glas“ von 2002) und Videokunst (Jan Dibbets „TV as a Fireplace“ von 1968/69) wird mit der Verwirrung der Perzeption gespielt. Auch und besonders in der zeitgenössischen Kunst wird diese augentäuschende Technik verwendet, um die Grenzen der Kunst zu demontieren und neu zu verorten. Dem Rezipienten wird somit die Aufgabe gestellt, sich des Bildes und der Realität stets neu zu vergewissern. 2
Jasper Johns „Bemalte Bronze (Bierdosen)“, 1960
Öl auf Bronze, 14 x 20,3 x 12 cm, Museum Ludwig Köln
Jasper Johns setzte sich in seiner künstlerischen Tätigkeit mit Plastiken kleiner Gebrauchsgegenstände wie Taschenlampen und Glühbirnen auseinander als er mit folgender Geschichte von Willem de Koonig (1904-1997) konfrontiert wurde: „Aus irgendeinem Grund hatte er sich über meinen Galeristen Leo Castelli geärgert und ungefähr gesagt: ‚Dieser verdammte Kerl; man könnte ihm zwei Bierdosen geben, und er würde sie verkaufen.’ Ich hörte das und dachte: ‚Was für eine Plastik - zwei Bierbüchsen. ’ Es schien mir ausgezeichnet in meine damalige Arbeit zu passen, so machte ich sie und Leo verkaufte sie.“ 3 Jasper Johns beabsichtigte mit seiner objektiven Kunst eine Gegenposition zum subjektiven Abstrakten Expressionismus zu entwerfen. Zunächst drückte er bestimmte Formen direkt auf Leinwand oder Papieroberflächen ab, und ging dann weiter, gewöhnliche Gebrauchsgegenstände analog abzuformen. Johns entschied sich für die eigene Lieblingsbiermarke „Ballantine“, welche in bronzefarbenen Dosen verkauft wurden. Nun goss er zwei Dosen in leicht divergierenden
2 vgl.Hedinger, Bärbel: Täuschend echt. Illusion und Wirklichkeit in der Kunst. Hamburg: Hirmer Verlag 2010.
3 Jasper Johns im Interview mit Gene R. Swenson in: Johns, Jasper: Ziele auf maximale Schwierigkeit beim Bestimmen dessen, was passiert
ist. Interviews, Statements, Skizzenbuchnotizen. Amsterdam: Verl. der Kunst 1997. S 19.
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Größen einzeln ab und eine für den vorgesehenen Sockel. Mittels Farbe und Pinsel simulierte er simultan die Produktaufschrift sowie die gezackten Klebeetiketten. Auf den ersten Blick vermutet man bei diesem Werk ein Ready-made à la Duchamp, allerdings findet man bei genauerem Rezipieren eine kunstvoll-künstlerische Blindpackung eines Konsumproduktes. Allerdings muss beachtet werden, dass nicht nur das aufgestempelte Label den Gegenstand ausmacht, sondern Johns auch betonen wollte, dass die kleinere Bierdose dem Normalmaß im Amerikanischen Süden entsprach und auf ein in Florida produziertes Original zurückgeht. Die größere Dose verweist ergo auf das New Yorker Bierdosen-Format. Dies zeigen offenkundig auch die gemalten Ringe auf dem Deckel der kleineren Dose. Ihr Verschluss scheint geöffnet, weshalb man davon ausgehen könnte, sie sei bereits geleert worden sei. 4 Was durch den Sehsinn nicht zu erschließen ist, ist, dass der Hohlguss für Jasper Johns tatsächlich leichter zu produzieren war als die geschlossene, vorgeblich gefüllte Dose.
Gerhard Richter „Umgeschlagenes Blatt“, 1965
Kaum ein Künstler der Gegenwart reflektierte in seiner künstlerischen Auseinandersetzung so intensiv und polyvalent die verschiedenen bildnerischen Medien und historisch überlieferten Bildgenres und -gattungen wie Gerhard Richter. Er reflektiert auf kritische Art und Weise die gewandelten kulturellen Bedeutungen von Bild und Repräsentation sowie die vielfältigen Prozesse der zeitgenössischen Kunstproduktion. Auch das „Trompe-l’œil“ spielt als Möglichkeit der verführerischen und sinnlichen Bildproduktion eine große Rolle in Richters Oeuvre. Richters profunde Reflexion der künstlerischen Systematik der optischen Täuschung führte zu einer Serie von zehn kleinformatigen, leicht differierenden Ölgemälden, mit dem Titel „Umgeschlagene Blätter“. Das in dieser Arbeit gezeigte Bild illustriert zwei übereinandergelegte Papierblätter, wobei die rechte untere Ecke nach links umgeschlagen ist und eine dunkle Schattierung hinterlässt. Die weiße Unterseite des leicht gelblich wirkenden
4 vgl. Westheider, Ortrud in: Hedinger, Bärbel: Täuschend echt. Illusion und Wirklichkeit in der Kunst. Hamburg: Hirmer Verlag 2010.
Arbeit zitieren:
2011, Das Trompe - l’oeil in der Kunst des 20. und 21. Jahrhunderts, München, GRIN Verlag GmbH
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