INHALTSVERZEICHNIS
Gliederung Seite
1. Einleitung 3
2. Der Raumbegriff von Jurij M. Lotman 4
2.1 Der Raum und seine Ordnung 4
2.2 Die Charakteristika der Grenze und des Sujets 5
3. Beispielhafte Anwendungen der Theorie Jurij M. Lotmans 7
3.1 „Der Findling“ - Beispiel I 7
3.2 „Werkstruktur und Rezeptionsverhalten“ - Beispiel II 8
4. Lotmans Theorie und der Kriminalroman George Simenons 10
4.1 Zum Inhalt 10
4.2 Grenze I: Das Rotlichtmilieu und die Polizei 11
4.3 Grenze II: Maigrets Berufs- und Privatleben 12
4.4 Grenze III: Kommissar Maigret und Inspektor Lognon 13
4.5 Grenze IV: Paris und die Provinz 15
5. Fazit 18
LITERATURVERZEICHNIS 20
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1. Einleitung
Der französische Schriftsteller George Simenon schrieb in seinem Leben 180 Bücher über das Leben und die Ermittlungen des Kommissar Maigret. Die vorliegende Hausarbeit beschäftigt sich mit dem 1954 veröffentlichten Roman „Maigret und die junge Tote“. 1
Dass die Wahl auf diesen Roman gefallen ist, ist Zufall. Mit diesem Vorgehen soll der Charakter eines Experimentes erhalten bleiben. Untersucht werden soll der Roman durch Anwendung der Raumtheorie von Jurij M. Lotman. Aus diesem Grund beginnt die vorliegende Ausarbeitung mit einer kurzen Zusammenfassung der Theorie Lotmans, hierbei werden die Begriffe Raum, Grenze und Sujet erläutert und in Beziehung zueinander gebracht. 2
Im Anschluss werden zwei Beispiele für Anwendungen der Theorie beschrieben und besondere Aspekte dieser Arbeiten vorgestellt: zum einen eine Arbeit von Karl Nikolaus Renner aus dem Jahr 1983, die sich mit Heinrich von Kleists Erzählung „Der Findling“ beschäftigt, 3 zum anderen eine Untersuchung von Hartmut Heuermann, Peter Hühn und Brigitte Röttger, die 1982 unter dem Titel „Werkstruktur und Rezeptionsverhalten“ veröffentlicht wurde. 4
Daran anschließend wird dann der Roman „Maigret und die junge Tote“ anhand der Theorien Lotmans untersucht. Als Vergleich soll der erste von George Simenon geschriebene Roman „Maigret und Pietr der Lette“ dienen. 5 Dabei sollen einige ausgewählte Räume und ihre Grenzen in den beiden Romanen herausgearbeitet und beschrieben werden.
Es soll die These vorangestellt werden, dass die Grenze ein wichtiger Bestandteil im Werk von George Simenon ist und dass in beiden Romanen dieser Übergang nicht nur vorkommt, sondern auch die Handlung verändert und prägt. Ob die Grenze und ihre Überschreitung sogar konstitutiv für George Simenons Roman „Maigret und die junge Tote“ ist, soll ebenfalls untersucht werden.
1 Simenon, George: Maigret und die junge Tote. Zürich 1997.
2 Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. München 1972.
3 Renner, Karl Nikolaus: Der Findling. Eine Erzählung von Heinrich von Kleist und ein Film von George Moorse. Prinzipien einer adäquaten Wiedergabe narrativer Strukturen. München 1983.
4 Heuermann, Hartmut/ Hühn, Peter/ Röttger, Brigitte: Werkstruktur und Rezeptionsverhalten. Empirische Untersuchungen über den Zusammenhang von Text-, Leser- und Kontextmerkmalen. Göttingen 1982.
5 Simenon, George: Maigret und Pietr der Lette. Zürich 1999.
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2. Der Raumbegriff von Jurij M. Lotman
2.1 Der Raum und seine Ordnung
In dem 1972 veröffentlichten Buch „Die Struktur literarischer Texte“ stellt der estnische Literatur- und Kulturwissenschaftler Jurij M. Lotman eine Raumsemantik vor, die als Grundlage der vorliegenden Arbeit angesehen werden darf. Zunächst wird diese Raumsemantik aufgezeigt.
Nach Lotman, ist „jede kulturelle Ordnung der Welt topologisch strukturiert.“ 6 Somit stellt Lotman zu Beginn seiner Ausführungen zum Raum die These auf, dass die Mehrzahl der Menschen aufgrund ihrer visuellen Wahrnehmung bei jeder Vorstellung eines Begriffes einen räumlichen Zugang wählen, d.h. die Rezeption erfolgt durch sichtbare Objekte, die sich der Rezipient „in Gedanken ruft“. Aus dieser These folgert Lotman, dass „die Struktur des Raumes zum Modell der Struktur des Raumes der ganzen Welt“ 7 wird. Dabei versteht er Raum, als Gesamtheit gleichartiger Objekte, die entkontextualisiert sind und nur durch ihre räumliche Anordnung verbunden sind. Dies ermöglicht, dass Begriffe die ursprünglich nicht räumlich sind, dennoch räumlich betrachtet werden können. Die verschiedenen Facetten der Realität werden in räumliche Beziehungen gesetzt, als Beispiel nennt Lotman u. a. die Dreiteilung von Himmel, Erde und Unterwelt. Es entsteht ein Raum, der gekennzeichnet ist, durch die Erde als „Mitte“ und einen darüber liegenden Himmel und eine darunter liegende Unterwelt. Die Bedeutsamkeit derartiger Modelle korreliert stark mit den kulturellen Bedingungen einer Gesellschaft. 8
Daraus leitet Lotman ab, dass „das räumliche Modell der Welt in diesen Texten zum organisierenden Element wird, um das herum sich auch die nichträumlichen Charakteristiken ordnen.“ 9 Er bringt dann auch den ethischen Raum in die Kollokation ein. Bei dem oben angeführten Beispiel ist das Böse „unten“, also in der Unterwelt, und das Gute „oben“, also im Himmel, angesiedelt.
6 Martinez, Matias/ Scheffel, Michael: Einführung in die Erzähltheorie. München 1999. S. 143.
7 Lotman, Jurij M.: Die Struktur literarischer Texte. München 1972. S. 312.
8 vgl. ebd., S. 313.
9 ebd. S. 316.
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Dass diese Ordnung auch umgedreht gelten kann, zeigt er am Beispiel der Atombombe, die das Böse symbolisiert, aber von „oben“ kommt. 10 Lotman ergänzt seine Theorie durch den Begriff der Bewegung, den er als Verwandlung deutet. Allerdings sind „vorherbestimmte, vollständig determinierte Bewegungen“ und „mechanische Ortsveränderungen“ 11 gleichbedeutend mit Unbeweglichkeit und Sklaverei. Lotman grenzt die Kultur von der Natur ab, er lokalisiert die Kultur als Teil des „oben“, während er die Natur „unten“ ansiedelt.
Er stellt noch eine weitere Opposition vor, den Gegensatz von „offen“ und „geschlossen“. Dabei steht der „geschlossene“ Raum für Haus oder Heimat, während der „offene“ Raum für Fremde oder Feindschaft steht. 12
2.2 Die Charakteristika der Grenze und des Sujets
Der zentrale Bestandteil der narrativen Theorie Lotmans ist die Grenze. 13 Er beschreibt die Grenze als das wichtigste topologische Merkmal des Raumes, die diesen in zwei getrennte Teilräume zerteilt. 14 Dabei müssen die beiden Teilräume strukturell differieren und die Grenze darf nicht überwindlich sein. Daraus ergeben sich verschiedene Möglichkeiten der Figurenkonstellation. Eine wichtige Möglichkeit ist, dass jede Figur zu einem der Teilräume gehört. Figuren können aber auch zu mehreren Räumen gehören und die Grenze überschreiten. Lotman setzt seine Ausführungen mit der Beschreibung des Sujets fort, dessen kleinste Einheit das Ereignis ist, auch Motiv genannt. 15 Hartmut Heuermann, Peter Hühn und Brigitte Röttger interpretieren Lotman sogar soweit, dass sie das Sujet stets als „revolutionäres“ Ereignis in Relation zum Weltbild“ ansehen. 16 Das Ereignis definiert Lotmann folgendermaßen: „Ein Ereignis im Text ist die Versetzung einer Figur über die Grenze eines semantischen Feldes.“ 17
Die besondere Rolle der Position einer beschriebenen Tatsache in der semantischen Struktur wird hierbei deutlich. Inwiefern eine solche Tatsache zum Ereignis wird, hängt ab von der Konstruktion einzelner semantischer Felder. Diese Konstruktion
11 Lotman, S. 320.
12 vgl. ebd., S. 327.
13 vgl. Renner. S. 25.
14 vgl. Heuermann, Hartmut/ Hühn, Peter/ Röttger, Brigitte. S. 61.
15 vgl. Lotman. S. 327 ff.
16 Heuermann, Hartmut/ Hühn, Peter/ Röttger, Brigitte. S. 580.
17 Lotman. S. 332.
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Arbeit zitieren:
Jan Schüttler, 2003, George Simenons "Maigret und die junge Tote" und die Grenze nach Jurij M. Lotman., München, GRIN Verlag GmbH
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