2
Gliederung
1. Einleitung 3
2. Begriffsbestimmung und Abgrenzung des Bibliodramas 4
3. Der Gegenstand des Bibliodramas: Der biblische Text 6
3.1 Welchen Sinn hat es, sich mit der Bibel zu beschäftigen? 6
3.2 Schwierigkeiten, die Bibel heute zu verstehen 9
3.3 Notwendigkeit und Ergänzungsbedürftigkeit
15
der historisch-kritischen Methode
3.4 Ergänzungen der historisch-kritischen Bibelauslegung 17
3.4.1 Erfahrungsbezug 17
3.4.2 Gruppengeschehen 22
3.4.3 Ganzheitlichkeit 24
3.4.4 Berücksichtigung tiefenpsychologischer Aspekte 27
3.5 Der biblische Text im Bibliodrama 30
4. Ansätze in der Bibliodramabewegung 33
4.1 Textzentriertes Bibliodrama 35
4.2 Spielpädagogisches Bibliodrama 36
4.3 Seelsorgerliches Bibliodrama 37
4.4 Hagiodrama 39
4.5 Mimesis 42
4.6 Psychodramatisches Bibliodrama 44
5. Psychologische Komponenten im Bibliodrama 47
5.1 Problematisierung
47
5.2 Widerstand 49
6. Methoden 50
6.1 Einstieg: Einleitung und Körperarbeit 51
6.2 Identifikation 53
7. Arbeitsgebiete und Zielgruppen 54
8. Abschließende Bemerkungen 56
3
9. Literatur- und Quellenverzeichnis 58 10. Abkürzungen 64
1. Einleitung
Im Wintersemester 1994/95 wurde an der Gesamthochschule Kassel das Seminar „Religion in meinem Leben“ von Prof. Dr. Gremmels angeboten. Studierende des Lehramtes Religion befaßten sich an einem Wochenende außerhalb der Universität mit ihrer eigenen Religion. Für mich erfolgte in dem Seminar eine erste Konfrontation mit dem Bibliodrama, da die Veranstaltung bibliodramatisch orientiert war. Das Seminar war ausschließlich praktisch ausgerichtet. Die dort gewonnenen Erfahrungen motivierten mich zu dieser Arbeit, in der ich mich mit den theoretischen Hintergründen der Bibliodramaarbeit auseinandersetzen werde.
Um im Fach Religion mit den Unterrichtsinhalten reflektiert umgehen zu können, erscheint mir die Auseinandersetzung mit dem Bibliodrama wichtig; der Rahmenplan Grundschule sieht eine Beschäftigung mit biblischen Te xten im evangelischen Religionsunterricht vor. 1 Auch der Frage, inwi eweit das Bibliodrama dazu Anregungen bieten kann, soll in dieser Arbeit nachgegangen werden.
Nach einem ersten Überblick über die Thematik, geht es um den Gegens-tand des Bibliodramas, nämlich den biblischen Text. Darin soll die Relevanz der Bibel für aktuelle Lebensfragen dargestellt werden. Anschließend wird eine Strukturierung der zahlreichen Veröffentlichungen zum Bibliodrama in ve rschiedene Ansätze vorgenommen. Diejenigen Artikel, die sich mit den Erfahrungen der Autoren 2 , die sie durch die Teilnahme an einem Bibliodrama gewonnen haben, befassen, finden hier keine Erwähnung. Diese lassen sich nicht verallgemeinern, liefern jedoch einen weitgefä- 1 Vgl.Hessisches Kultusministerium, Rahmenplan Grundschule, S. 36
2 Auf eine Erwähnung der weiblichen Form wird in dieser Arbeit verzichtet. Sie soll jedoch immer mitgedacht werden, gemeint sind Autoren und Autorinnen, Bibliodramaleiter und -leiterinnen, u.s.w..
4
cherten Einblick in individuelle Erfahrungen und können Interesse für ein eigenes Erleben eines Bibliodramas wecken. 3 Da im Bibliodrama auch psychologische Aspekte eine Rolle spielen, ist diesen das darauf folgende Kapitel gewidmet. Die abschließenden Kapitel beschäftigen sich mit Voraussetzungen und praktischen Möglichkeiten der Durchführung.
2. Begriffsbestimmung und Abgrenzung des Bibliodramas
In der Literatur findet man für den Begriff „Bibliodrama“ aufgrund verschiedener Ansätze mehrere Definitionen. Sie unterscheiden sich in der Zielsetzung, der Methodik und den inhaltlichen Schwerpunkten. Diese Fak-toren sind abhängig von der Persönlichkeit des Bibliodramaleiters und dessen Zielgruppe. Die Unterschiede der Ansätze werden unter dem Gliederungspunkt 4 näher erläutert, hier soll es zunächst um deren Gemeinsamkeiten, also um das was das Bibliodrama definiert, gehen. Allgemein läßt sich über das Bibliodrama sagen, daß der Begriff aus den USA stammt und in Anlehnung an das „Psychodrama“, das in den fünfziger Jahren von J.R. Moreno ins Leben gerufen wurde, entstanden ist. 4 Die Bildung des Begriffes weist auf gemeinsame Elemente beider Arbeitsformen hin. Das Psychodrama wird als „dramatische Darstellung von persönlichen oder allgemeinen Konflikt- und Entscheidungssituationen zu diagnostischen und therapeutischen Zwecken sowie zur Einübung ungewohnter Ve rhaltensweisen“ 5 definiert. Die Teilnehmer übernehmen für eine begrenzte Zeit bestimmte Rollen. Im Rollenspiel ist die Handlung nicht festgelegt, die Entscheidung über das Geschehen bleibt weitestgehend den Spielern überlassen. Das Psychodrama wird als einzel- oder gruppenpsychothera-
3 Indem von Heidemarie Langer verfaßten Buch „Vielleicht sogar Wunder“ sind beispielsweise Schilderungen von Erlebnissen in durchgeführten Bibliodramen zu finden.
4 Vgl. Teichert im Gespräch mit Hildegunde Wöller (in: Seifert/Waiblinger, Therapie und Selbsterfahrung, S. 69)
5
peutische Methode benutzt, um Patienten von emotionalen Spannungen zu befreien. Ve rschiedene Techniken unterscheiden sich zum Beispiel in der Größe der Gruppen, im Spielcharakter (patient- oder themenzentriert), in den Ausdrucksmitteln oder in der Einflußnahme des Leiters. 6 In Deutschland wurde das Bibliodrama laut Teichert gegen Ende der siebziger Jahre von Hilarion Petzold und Gerhard Marcel Martin eingeführt. 7 Wie im Psychodrama werden Konflikt- und Entscheidungssituationen in dramatisches Spiel umgesetzt. Die wesentlichen Unterschiede zum Psychodrama liegen zum einen in der Intention, da das Bibliodrama nicht der Therapie dient, auch wenn es seelsorgerisch sein kann, und zum anderen in der Beschäftigung mit einem biblischen Text, der dem Spiel zugrunde liegt 8 . Bubenheimer spricht von dem „Postulat eines doppelten Zieles der bibliodramatischen Arbeit: Bibelauslegung und Selbsterfahrung werden in einem integrierten Prozeß angestrebt.“ 9 Die Methode stellt ein ganzheitliches Konzept dar, es wird sowohl text- als auch erfahrungs- und körperbezogen gearbeitet. Die Teilnehmer sollen dadurch zu einem neuen Ve rständnis des Te xtes gelangen. Diese Zielsetzung deutet ein Defizit der herkömmlichen Bibelauslegung an. Darauf werde ich unter Gliederungspunkt 3.3 näher eingehen.
Das Bibliodrama wurde nicht völlig neu entwickelt, es hat seine Wurzel im Bibelspiel, das schon im Mittelalter Laien einen Zugang zur Bibel bot. 10 Abgesehen von Rollenspielen, Krippenspielen oder Ähnlichem in der Kinder- und Jugendarbeit, brach die Tradition des Bibelspiels jedoch durch Einfluß des Rationalismus zugunsten einer Theologie des Wortes ab. Im
5 Schmidt, Psychodrama, Sp. 945 (in: Lexikon der Psychologie)
6 Vgl. Schmidt, Psychodrama, S. 945 (in: Lexikon der Psychologie)
7 Vgl. Teichert im Gespräch mit Hildegunde Wöller (in: Seifert/Waiblinger, Therapie und Selbsterfahrung, S. 69)
8 Warns berichtet in seinem Aufsatz „Bibliodrama - Hermeneutik und Theologie“(in: Warns/ Fallner, Bibliodrama als Prozeß) von einem Bibliodramaverständnis, das nicht auf die Beschäftigung mit biblischen Texten beschränkt ist, sondern einen „methodischen Zugang zu Literatur überhaupt“ umfaßt. (S. 127) Dieser Aspekt wird in meiner Arbeit vernachlässigt, hier soll es um die Beschäftigung mit biblischen Texten gehen.
9 Bubenheimer, Bibliodrama- Selbsterfahrung und Bibelauslegung im Spiel, S. 534-535 (in: Baumgartner, Handbuch der Pastoralpsychologie)
6
Unterschied zum Bibelspiel geht es im Bibliodrama jedoch, wie oben gesehen, um Selbsterfahrung und deren Reflexion. Deshalb sind die Texte und Personen nicht vorgegeben, sondern werden von den Spielern auf der Grundlage des Textes, erweitert um eigene Erfahrungen, neu entfaltet. 11 Grundlegende Elemente des Bibliodramas sind die Körperarbeit, eine Spielphase und deren Aufarbeitung. 12
3. Der Gegenstand des Bibliodramas: Der biblische Text
3.1 Welchen Sinn hat es sich mit der Bibel zu beschäftigen? Die Bibel ist die Grundlage der christlichen Religion; Langer bezeichnet ihre Texte als gesammelte „Urzeugnisse der Geschichte Gottes mit den Menschen“ 13 . Zu ihrer Wirkungsgeschichte gehört die Orientierung der Lebenspraxis einzelner an ihr und die Bildung von Gemeinden. Obwohl die biblischen Texte aus einer lange vergangenen Zeit stammen und deswegen eine schwer verständliche Sprache sprechen, soll die Wirkungsgeschichte der Bibel auch heute noch weitergehen. Sie wird nicht nur gelesen, um etwas über ihre Inhalte zu erfahren, die die abendländische Kultur geprägt haben, sondern sie wird auch als „Wort Gottes“ gelesen. D.h. von der Heiligen Schrift wird erwartet, daß sie die Existenz betrifft und Veränderung für die Gegenwart bewirken kann. Durch die Bibel wollen Menschen Orientierung finden, Hoffnung und Mut schöpfen und nicht zuletzt soll die Bibel eine Veränderung der Menschen bewirken. Sie sollen befreit werden, um verantwortlich handeln zu können. Berg formuliert in seinem Buch „Grundriss der Bibeldidaktik“ Möglichkeiten, die in der Beschäftigung mit den biblischen Texten liegen. Er nennt diese „Erfahrungs- und Lernchancen“, um deutlich zu machen, daß es nicht nur um Inhalte geht, die vermittelt werden sollen, sondern um einen Pro- 10 Vgl.Teichert, in der Einleitung zu Kiehn, Laeuchli, u.a., Bibliodrama, S. 7
11 Vgl. Bubenheimer, Selbsterfahrung und Bibelauslegung im Spiel, S. 533 (in: Baumgartner, Handbuch der Pastoralpsychologie)
12 Vgl. Martin, Bibliodrama, S. 306 (in: Langer, Handbuch der Bibelarbeit)
7
zeß, der ausgelöst werden kann, wenn jemand für sich selbst etwas sucht und wahrnimmt. Die Lernchancen ergeben sich aus Motiven biblischer Inhalte. Aus der Beschreibung der Lernchancen geht hervor, daß es auch Berg um die Verbindung eigener Erfahrungen mit denen der biblischen Personen geht: I. Hoffnung und Mut zur Veränderung
„Die erste Lernchance betrifft die Erfahrungen der Bedrohung und das Gefühl der Hoffnungslosigkeit.“ 14 Hierzu nennt der Autor Beispiele biblischer Texte, in denen sich Lebensfreundlichkeit gegen Resignation und Aussichtslosigkeit durchsetzt, wie es bei den Heilungswundern Jesu erzählt wird.
II. Beispiele gelingender Lebensentwürfe
Die zweite Lernchance liegt in der Wahrnehmung von Gegenwelten. Die Zusage einer heilvollen Herkunft und Bestimmung des Menschen bildet die Grundlage der Kritik Gottes am menschlichen Verhalten, wie sie zum Beispiel in Exodus 22,20 oder auch in den Seligpreisungen verkündet wird. Die zweite Lernchance lautet:„Die Bibel bietet Modelle gelingenden Lebens an“. 15 Diese „könnte den bedrückenden und lähmenden Erscheinungen der Bedrohung In der ‘Dschungelwelt’ die Gegenwelten des Schalom für alle befreiend entgegenhalten.“ 16 III. Ursprungserfahrungen christlichen Glaubens Die dritte Lernchance geht von der Annahme aus, daß die biblischen Texte durch ihre Symbolsprache tiefenpsychologisch verstanden werden können, d.h. die biblischen Erfahrungen werden als Ursprungserfahrungen christlichen Glaubens gedeutet und diese sind typisch, sie werden immer noch von Menschen gemacht. 17 Die Chance liegt darin, daß „die Bibel […] heilvolle und heilende Erinnerungen, die auch heute wirksam werden können
13 Langer, Handbuch der Bibelarbeit, S. 7
14 Berg, Grundriss der Bibeldidaktik, S. 50
15 Berg, ebenda, S. 40
16 Berg, ebenda, S. 50
17 Vgl. dazu Kassel, Sei, der du werden sollst, S. 159
8
(bewahrt)“ 18 . Diese Erinnerungen sollen psychische Defizite aufdecken und eine Hilfe zur Lebensbewältigung sein. IV. Erkenntnis der Geschöpflichkeit und Sündhaftigkeit „Die vierte Lernchance könnte helfen, sich - gegen alle Perfektionszwänge - auch als begrenzten und fehlerhaften Menschen zu bejahen und kleine Lernschritte zu wagen.“ 19 Motive, die zu dieser Erkenntnis führen, finden sich u.a. im Schöpfungsbericht (Gen 2,4b ff) und in der als „lebensfeindliche Macht“ 20 verstandenen Sünde z.B. in Gen 4,7. V. Verständigung
Diese Lernchance lautet nach Berg: „Die Bibel hat eine kommunikative Grundstruktur; dem entsprechen kommunikative Verstehensprozesse.“ 21 Diese These leitet er vom Anredecharakter der biblischen Texte und von dem Inhalt, der immer eine konkrete Situation behandelt, ab. Gott wird als Gesprächspartner der Menschen gesehen, er tritt auf unterschiedliche Weise mit ihnen in Kontakt. Die biblischen Texte sprechen also die Leser in ihrem alltäglichen Lebenskontext, in ihren Beziehungen zu Mitmenschen, zur Welt und zu Gott, an. 22
Berg folgert daraus: „Die ‘Schreibtischhermeneutik’ ist zu ergänzen durch eine Erfahrungshermeneutik.“ Diese werde z.B. in den lateinamerikanischen Basisgemeinden realisiert. 23 VI. Ganzheitlichkeit
In der sechsten Lernchance geht es um die Ganzheitlichkeit, in der die Bibel Menschen anspricht. Die Texte wollen auch emotional verstanden we rden und sind nicht nur „Lehr-Texte“. Damit richten sie sich gegen die „Künstlichkeit der Lebenswelt“. 24 Deutlich wird die ganzheitliche Ausrich-
18 Berg,Grundriss der Bibeldidaktik, S. 43
19 Berg, ebenda, S. 50
20 Berg, ebenda, S. 45
21 Berg, ebenda, S. 46
22 Vgl. Kollmann, Bibliodrama in Praxis und Theorie, S. 30 (in: Der Evangelische Erzieher)
23 Vgl. Berg, Grundriss der Bibeldidaktik, S. 47
24 Berg, ebenda, S. 49
9
tung zum Beispiel in dem Bibelwort „Schmecket und sehet, wie freundlich der Herr ist“ (Ps 34,9).
Auch im Bibliodrama wird von einer Relevanz der biblischen Texte im Sinne einer heilsamen Botschaft für den Menschen ausgegangen. Mit dem Spiel verbunden ist die Hoffnung, daß die Teilnehmer durch die ganzheitliche Beschäftigung mit Geschichten, die von Glaubenserfahrungen handeln, „den eigenen Platz […] in der Glaubensgeschichte von Gott mit den Menschen […] entdec??ken“ 25 , d.h. das Bibliodrama hat eine seelsorgerische Intention. Das Verständnis des Textes soll auf Handlung bezogen sein.
3.2 Schwierigkeiten, die Bibel heute zu verstehen
Trotz der positiven Lernchancen nimmt die Beschäftigung mit biblischen Texten ab. Wie eine Untersuchung von Horst Klaus Berg zeigt, ist sie für die meisten Schüler, unter denen er eine Umfrage durchführte, nicht relevant für ihr persönliches Leben. Die Kenntnisse der Schüler über biblische Inhalte sind sehr gering und beziehen sich nicht auf das Wesentliche. 26 Marie Veit kommt zu dem gleichen Ergebnis, als sie ihre Schüler in einem Gymnasium nach den wichtigsten Themen des Christentums, mit denen sie einem Buddhisten die Religion Europas erklären könnten, fragt. In den Schülerantwo rten kam weder die Gnade Gottes noch Jesus Christus vor. Veit schreibt über die Äußerungen der Schüler, die alle zur Kirche gehörten: „Moral und Gott und Jenseits, das war die Essenz“ 27 . Aus diesen Beobachtungen ergibt sich die Fragestellung: Welche Schwierigkeiten haben wir heute, die Bibel zu verstehen?
25 Andriessen/Derksen, Lebendige Glaubensvermittlung…, S. 21
26 Vgl. Berg, Grundriss der Bibeldidaktik, S. 11
Berg befragte im Frühjahr 1989 Schüler des fünften bis zehnten Schuljahres im Raum Weingarten in Würtemberg und in Ravensburg. Die Klassen sind „relativ zufällig“ ausgewählt worden. Die Fragebögen wurden in Weingarten in Haupt- und Realschulen und in einem Gymnasium verteilt, dort beteiligten sich 1150 Schüler. In Ravensburg beteiligten sich an Berufsschulen 3000 Schüler.
In Oberschwaben ist von einem Anteil der Bevölkerung evangelischer Konfession von ca 20 % auszugehen. Da sich aber kaum Unterschiede in den Antworten der Schüler aus den unterschiedlichen Konfessionen feststellen ließen, wurde auf eine Differenzierung verzic h- tet.
10
I. Langeweile
Als einen Hinderungsgrund, die biblische Botschaft wahrzunehmen, führt Dormeyer die Bekanntheit der Texte und die daraus resultierende Langeweile an. Diese wird durch eine Bibeldidaktik unterstützt, die von einem Problem der Gegenwart ausgeht und nach erarbeiteter Problemstellung ein Bibeltext herangezogen wird, dem unterstellt wird, daß er auf diese Fragestellung antwortet. Die Gefahr liegt in einer schnellen Unterordnung des Textes unter dieses Problem, so daß der Text nichts Anderes, Überraschendes beitragen kann. Als Beispiel einer solchen, schon vorher bekannten, Erkenntnis nennt Dormeyer: „Jesus kann, weiß, macht alles besser“ 28 . Diese Form des Umgangs mit biblischen Texten ist häufig verbunden mit einer Moralisierung derselben.
Martin schreibt zu dem Problem der Bewegungslosigkeit: „Bestimmte Denk- und Wahrnehmungsmuster können isoliert und dann wenig problem-orientiert reproduziert werden“ 29 Er führt dieses Phänomen auf ein „Grundbedürfnis des Menschen […], eine Sache unter Kontrolle zu bekommen, eine Kommunikation mit anderen solange zu ordnen, bis alles erstarrt ist“ 30 , zurück. Die Folge ist eine Konsolidierung in fixierte Lehren und Normen.
Andererseits liegt diesem Problem ein bestimmtes Textverständnis zugrunde. Es wird davon ausgegangen, daß der Text nur eine bestimmte Intention besitzt, die es gilt herauszubekommen. Dieses ist jedoch bei den biblischen Texten nicht der Fall. Martin macht auf die Verwandtschaft des Wortes „Text“ mit dem Begriff „Textil“ aufmerksam: „Texte sind Gewebe, in denen verschiedenste Fäden hineingewoben und entsprechend auch wi eder herausgezogen werden können, Gewebe, deren verschiedene Fäden ganz verschiedene Muster entdecken lassen (wie beispielsweise der Reichtum des Ornaments orientalischer Teppiche gerade darin besteht, daß sich
27 Veit, Theologie muß von unten kommen, S. 133
28 Dormeyer, Die Bibel antwortet, S. 30
29 Martin in der Einleitung zu: Wink, Bibelarbeit, S. 7
30 Martin, ebenda, S. 7
11
ganz verschiedene Muster überlagern und es naiv ist, eines für das Grundmuster zu erklären).“ 31 In einem Text sind viele Erfahrungen und Entdeckungen zusammengetragen. Ihm nur eine Absicht zu unterstellen ist also unangemessen, vielmehr ist es möglich, bei mehrmaligem Lesen, besonders in unterschiedlichen Lebensaltern, verschiedene Aspekte zu entdecken.
Martin vergleicht die Wirkung der biblischen Botschaft mit der eines Kata-lysators, „der umfassende Umsetzungsprozesse in Gang bringt, dessen Präsenz dabei unabdingbar ist, der sich aber nicht verändert oder gar verbraucht wird.“ 32 Ein wiederholtes Lesen sollte also nicht zu Langeweile führen, ein Text sollte nicht konsumiert und anschließend abgelegt werden, so daß dessen Vielschichtigkeit erkannt werden kann. 33 Denn über mehrere tausend Jahre „kommen Einsichten zum Vorschein, die ‘irgendwie’ schon ‘drin’ gewesen sein müssen - in uns selbst und im Text - und die doch erst jetzt hell und bewußt und damit hilfreich we rden.“ 34 Diese Textauffassung, verbunden mit einer entsprechenden Aneignung des Textes, wirkt der Langeweile, die durch Bekanntheit der Inhalte entsteht, entgegen. Um eine „vorschnelles“ Urteil zu vermeiden, sind verlangsamende Methoden zur Texterschließung zu entwi ckeln.
31 Martin, ebenda, S. 10 , vgl. auch Martin, Sachbuch Bibliodrama, S. 34
32 Martin, Das Bibliodrama und sein Text, S. 523 (in: Evangelische Theologie) und Martin, Sachbuch Bibliodrama, S. 35
33 Herbert Böhringer, der Pastor in einer evangelisch freikirchlichen Gemeinde, in der ich vor ungefähr acht Jahren einen Gemeindeunterricht besucht habe, hat die Aufschlüsselung von Schichten der Wirklichkeit eines biblischen Texten einmal folgendermaßen vorgenommen:
„Einmal: Den buchstäblichen Sinn so ernst zu nehmen, daß eine verantwortliche, anspruchsvolle, distanzierte Wissenschaft möglich ist.
Zum Zweiten: Diesen selben biblischen Text aber auch so zu lesen, als wäre er ein Gespräch unserer Seele und mit ihr (archetypische Ebene )
Zum Dritten: Diesen selben Text so zu lesen, daß wir den ungeheuren Hintergrund der Bildwelt des Mythos wahrnehmen können, und das Bekenntnis des christlichen Glaubens auf diesem Hintergrund verstehen und in unsere Zeit hinüberdenken. Zum Vierten: Den Geist Gottes bitten, daß die Schrift lebendiges Wort Gottes wird; ein Wort, das Zugang zur Wahrheit wird. (religiöse Offenbarung)“
34 Martin in der Einleitung zu: Wink, Bibelarbeit, S. 10
12
III. Fremdheit der biblischen Inhalte
Die Fremdheit der biblischen Texte ist durch die Sprache und das Weltbild biblischer Autoren gegeben. Rudolf Bultmann hat die Erfahrungsferne der Menschen heute von den biblischen Erzählungen beschrieben und analysiert. Er vergleicht die Auffassungen der Menschen, die zur Entstehungszeit des Neuen Testamentes gelebt haben, mit denen der Menschen dieses Jahrhunderts. Die Unterschiede bestehen hauptsächlich in dem Weltbild, das damals ein dreistöckiges mit Himmel Erde und Hölle war, und in dem daraus resultierenden Menschenbild, das zu jener Zeit durch das Eingreifen fremder Mächte bestimmt war, während heute von einem Menschen als relativ einheitliches Wesen ausgegangen wird, der den naturwissenschaftlichen Gesetzen unterworfen ist, sein Leben aber theoretisch trotzdem rational organisieren kann. Die weltbildhaften Vorstellungen liegen den biblischen Erzählungen zugrunde und durchdringen sie. Bultmann kommt zu dem Ergebnis, daß die Menschen sie deswegen nicht mehr verstehen können und entwirft ein Programm der Entmythologisierung. 35 Dormeyer schlägt angesichts der Fremdheit der Texte vor, sich nicht nur mit den übrigbleibenden Gemeinsamkeiten zu befassen, sondern „die Fremdheit der Bibel zur Nähe werden (zu) lassen“. Dieses soll durch die „Erschließung der Gemeinsamkeiten im Unbewußten“ 36 erreicht werden, um die fremde Kultur in ihrer Zusammensetzung verstehen zu können. „Es wird dann deutlich, daß die Menschen in biblischer Zeit sich in gleichen Beziehungsve rhältnissen, Handlungsabläufen und Rahmenbedingungen be-fanden. […] Als Gestaltwerdung der Phantasie können wir wieder anschaulich wie damals von Gott, Engel, Himmel,… reden.“ 37
III. Wirklichkeitsferne der biblischen Inhalte
Marie Veit sieht einen Grund für die Schwierigkeit, sich von der Bibel berühren zu lassen, in einer Desillusionierung durch die Wirklichkeit. Sie
35 Vgl. Bultmann, Neues Testament und Mythologie (verfaßt 1941), S. 15-20
36 Vgl. hierzu 3.4.4 Berücksichtigung tiefenpsychologischer Aspekte, S. 27
37 Dormeyer, Die Bibel antwortet, S. 33
13
beschreibt, was in ihren Schülern vorgeht folgendermaßen: „Was die Kirchen sagen ist zu schön, um wahr zu sein; das Erlebnis ist das bloßer Worte, wovon nichts der Wirklichkeit entspricht, eines frommen Betruges also, und infolgedessen einer tiefen Frustration.“ 38 Dieses entspricht dem Phänomen, das Dormeyer als Bildung einer „traumhaften Gegenwelt“ 39 bezeichnet, insofern, daß der Alltag nicht mit den biblischen Inhalten, die hoffnungsstiftend wirksam werden sollen, in Verbindung gebracht werden kann.
Veit erkennt die Ursache der Frustration in einer Situation, die in der Psychoanalyse „double bind“ genannt wird. Dieser Ausdruck bezeichnet einen Zustand, in dem zwei sich einander widersprechende Botschaften von einer Stelle ausgehen. Die eine Meldung wird bewußt gegeben, die andere, die allerdings die wirksamere ist, unbewußt. D.h. „bewußte Freundlichkeit kann über unbewußte Feindseligkeit, verdrängten Haß auf die Dauer nicht hinwegtäuschen.“ Dieses bringt eine Irritation des Empfängers mit sich. Veit unterstellt der Kirche, daß sie das nicht wirklich glaubt, was sie sagt. Das erkenne man daran, daß „wir (die Kirchenleute) unserer Welt nicht widersprechen, keine Gegengesellschaft bilden, vielmehr die menschenfeindliche Leistungsgesellschaft auch noch stützen.“ 40 Sie nennt einige Beispiele, die ihre These unterstützen. Eines davon betrifft die Ehescheidung bei kirchlichen Mitarbeitern, die den Betroffenen mehr Schwierigkeiten bereitet als jemandem, der nicht von der Kirche angestellt ist. Die Menschen zu verklagen, sei in der Bibel „das Werk des Satans“ 41 , der Schwerpunkt in der Rede Jesu liege auf der Befreiung von Schuldgefühl. Die Möglichkeit zur Bewältigung dieses Problems liegt laut Veit im Bewußtmachen der Wünsche und Klagen, um Chancen ihrer Verwirklichung wahrnehmen zu können. Dabei könnten die „biblischen Texte, die soviel
38 Veit, Theologie muß von unten kommen, S. 136
39 Dormeyer, Die Bibel antwortet, S. 39
40 Veit, Theologie muß von unten kommen, S. 138
41 Veit, ebenda, S. 134
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Dipl. Päd. Inga Koch, 1997, Bibliodrama - Theorie und gegenwärtige Praxis, München, GRIN Verlag GmbH
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