Inhaltsverzeichnis
Einleitung 1
1. Bedeutung Voltaires als Repräsentant der Aufklärung 3
2. Candide als conte philosophique 6
2.1. Kurze Inhaltsdarstellung 6
2.2. Merkmale des conte philosophique 8
3. Voltaires „philosophischer Garten“ 16
3.1. Kritik an der Leibniz-Theodizee oder die Frage nach dem Bösen in der
Welt 16
3.2. Candides Desillusionierung 22
3.3. Die conclusion 27
Literaturverzeichnis 31
A. Text 31
B Sekundärliteratur 31
Einleitung
...mais il faut cultiver notre jardin.
Diesen letzten Satz aus Voltaires Erzählung „Candide ou l’optimisme“ wird der aufmerksame Leser so schnell nicht vergessen. Er liefert gleichsam eine Lebensweisheit sowie eine Art Lösung der philosophischen Probleme, mit denen der Protagonist in der Abenteuergeschichte konfrontiert wird. In meiner Arbeit geht es darum, diese aufzuzeigen und zu zeigen, wo der Aufklärer Voltaire sich in ihnen wiederfindet.
Bemerkenswert ist, daß niemand vor Voltaire im 18. Jahrhundert eine Erzählung geschrieben hat, die nicht nur viele aufklärerische Gedanken in sich vereint, sondern sie sogar so geschickt mit der Geschichte verknüpft, ohne daß diese wie eine schlichte Ansammlung von Maximen wirkt., was Voltaire gerade im Candide besonders gut gelungen ist, was am damaligen Erfolg des Buches erkennbar ist. Mein Thema stellt sich insofern als reizvoll dar, als daß zwar viel Sekundärliteratur zum Candide zu finden ist, daß sich aber nur wenige damit beschäftigt haben, herauszufiltern, wie genau die in die Geschichte verkleidete aufklärerische Intention, die dahinter steckt, auf den Leser wirkt und mit welchen Mitteln Voltaire versucht, auch beim Leser ein aufgeklärtes Denken zu evozieren. Zunächst werde ich den Autor kurz in die Epoche des 18. Jahrhunderts einordnen und erklären, daß er dieses Zeitalter der Aufklärung mit vorangetrieben und geprägt hat in der ihm eigenen kämpferischen und mutigen Weise, wobei deutlich werden soll, wie vielseitig Voltaire selber war, wenn man bedenkt, daß er nicht nur Schriftsteller, Dichter und Denker, sondern auch Literaturkritiker und Geschichtskenner war, was auch erklärt, wieso das Werk an sich so vielschichtig ist.
Dann werde ich zum besseren Verständnis den Inhalt von Candide gekürzt wiedergeben und einige hervorstechende Merkmale dieses conte philosophique mit Textbeispielen erläutern. Dabei soll unter anderem deutlich werden, warum sich gerade der Roman in der hier
1
dargestellten Weise als Medium für die aufklärerischen Gedanken Voltaires so gut eignet. Nicht berücksichtigen kann ich hier, daß der conte an sich gleichzeitig auch eine Parodie des typischen idealen Abenteuerromans, so wie er zu dieser Zeit verfaßt wurde, darstellt. Im folgenden werde ich einige der philosophischen Fragestellungen, die im Candide behandelt werden, aufgreifen. Dabei werde ich mich hauptsächlich auf Voltaires satirische Kritik an Leibniz‘ Theodizee und die Optimismus-Philosophie konzentrieren, um aufzuzeigen, wie schnell Spekulationen vom menschlichen Sein lächerlich erscheinen können. Voltaire stellt jedoch durch die Erlebnisse seines Helden nicht nur eine Theorie, sondern auch das Leben an sich und seinen Schöpfer in Frage, was ich auch ansprechen möchte. Es soll deutlich werden, wie komplex das Werk ist, und dies ist auch der Grund dafür, weshalb ich sehr viele Zitate aus dem Text genommen habe, da dieser selbst am besten widerspiegelt, worum es Voltaire geht, wenn man auf die leisen und auch lauten Untertöne achtet.
Weitere Beispiele der Kritik an der politischen, sozialen und religiösen Realität des 18. Jahrhunderts würden allerdings den Rahmen dieser Arbeit sprengen, darum werden sie nur am Rande erwähnt. Schließlich werde ich die Entwicklung der Hauptfigur mit seiner kontinuierlichen Desillusionierung, aber Reifung darstellen, um auf die anschließende conclusion hinzuführen, die Voltaires Absicht klar ausdrücken soll, daß der Mensch sich von allen Illusionen und Spekulationen freimachen solle, um durch Arbeit dem Leben einen Sinn zu geben.
2
1. Bedeutung Voltaires als Repräsentant der Aufklärung
Das Zeitalter der Aufklärung, das vom Tode Ludwigs, des XIV. 1715 bis zur Französischen Revolution 1789 gerechnet werden kann, nannten die Franzosen selbst das „siècle des lumières“. Das „Licht“ bestand vor allem darin, daß überlieferte Grundvorstellungen in Frage gestellt wurden. Ausgehend vom methodischem Denkansatz Descartes‘, der auf dem Zweifeln beruhte, sollte nun alles kritisch durch den eigenen Verstand überprüft werden. Dies führte dazu, daß nicht nur Aberglaube und Fanatismus bekämpft wurden, sondern daß auch Autoritäten wie Kirche und Staat nicht mehr ohne weiteres akzeptiert wurden. Angriffspunkte waren die absolutistische Macht des Königs und die Vormachtstellung der Kirche. Um 1750 als einem Zeitpunkt, zu dem die Monarchie infolge von Staatsschulden und Unzufriedenheit mit dem König eine schwere Krise durchlief, häuften sich auch die Texte, die sich in aufklärerischer Weise Kritik am ancien régime übten und zu denen auch Voltaire seinen Beitrag leistete. Die Haltung vom selbstbestimmten Handeln und Denken, und daß Verstand und Tugend zu einer besseren Moral, zu Glück und Freiheit führen würden, war revolutionär. Das Bürgertum begann, sich zu emanzipieren.
Die Skepsis als Grundhaltung ist wohl am wichtigsten. Ein Denken in Systemen und abstrakten Theorien wurde angegriffen von denen, die sich philosophes nannten. Diese waren naturwissenschaftliche Denker, die sich bei ihrer Erkenntnis auf Erfahrung stützen. Voltaire identifizierte sich mit der Lehre Newtons. Neue wissenschaftliche Entdeckungen führten zur Zerstörung des mittelalterlichen Weltbildes und so zu einer Verunsicherung der Menschen und teilweise zu Glaubensverlust. Zunehmend deistische und atheistische Positionen bildeten einen Gegenpol zur Kirche. Als 1751 die Encyclopédie erschien, die alles kritische Wissen bündelte, und an welcher auch Voltaire ab 1754 mitarbeitete, hatte zur Folge, daß die Repressalien von Regierung und Kirche zunahmen.
3
Mit Mitteln wie Verfolgungen, Verbannungen, Verurteilungen und Bücherverbrennungen versuchten sie, ihre Macht auszuspielen und die Aufklärungsbewegung zu verhindern. Der 1694 in Paris geborene Sohn eines Notars, François-Marie Arouet der sich später erst Voltaire nannte, kämpfte immer wieder gegen diese Bestrebungen, aufklärerisches Denken zu verhindern. Er war gleichzeitig Poet, Schriftsteller, Historiker und eben philosophe. Voltaire wurde vor allem durch seinen Bastille-Aufenthalt, den er 1717 wegen seiner satirischen Verse gegen den Regenten zu verdanken hatte, geprägt. Des weiteren führten auch sein Exil in England, wo er wichtige englische Geisteshaltungen kennenlernte wie die von Newton, Locke, Pope, Swift und Shakespeare, sein späteres produktives Exil auf dem Schloß Cirey, wo er sich verstärkt mit wissenschaftlichen Dingen beschäftigte, die preußischen Erfahrungen bei Friedrich dem II., sein Lebensabend am Genfer See insgesamt zu einem immensen literarischen Werk, was zur Verbreitung der Aufklärung beitrug.
Formal war er jedoch ein Klassizist. Zur Zeit seines Todes 1778 galt er als einer der größten Theaterdichter aller Zeiten. Er verfaßte 39 Theaterstücke, schrieb ein Epos, Tausende von Versen und 26 contes, obwohl man sagen muß, daß die kleine Zahl der Erzählungen keine enorme Verbreitung bei der Leserschaft erfuhr. Eine Ausnahme hingegen bildet Candide.
Von ihm stammen. zahlreiche historische Schriften und Abhandlungen sowie bedeutende philosophische Werke, die vor allem religionskritisch waren. Seine große Bedeutung als
Geschichtsschreiber und Literaturkritiker: hat dem Jahrhundert Ludwigs XIV. seine Geltung bis heute verschafft. Festzuhalten bleibt, daß er im „Brennpunkt der Zeit“ stand und als „Mann der Öffentlichkeit“, sogar als „öffentliche Macht“ bezeichnet werden kann, was es so vorher nicht gegeben hat, so wie es Stackelberg sieht. 1 Besonders auch durch das Medium des Briefs -Voltaire-Forscher Bestermann schätzt deren Bestand auf ca. 40000war er den Schriftstellern und aufgeklärten Herrschern ganz Europas
1
Jürgen von Stackelberg,
Kleine Geschichte der französischen Literatur
(München: Beck,1990), S.133.
4
präsent. Dabei ist besonders der Austausch und die Freundschaft mit dem preußischen König Friedrich dem Großen zu erwähnen, der für Voltaire das Vorbild eines aufgeklärten, modern Herrschenden darstellte.
Darüber hinaus führte er einige heftige literarische Fehden. Denn um 1762 griff Voltaire in zweifelhafte Gerichtsverfahren ein, wird zum Menschenrechtsverteidiger, z.B. beim Justizmord am Kaufmann Calas, Sirven La Barre und anderen. Sein „Traité sur la tolérance à l’occasion de la mort de Jean Calas“ von 1763 führt beispielsweise zwei Jahre später sogar zur Rehabilitation Calas. Die „weltweite Anerkennung der Toleranzidee“ sei weitgehend sein Werk gewesen. 2 Zeit seines Lebens waren ihm Toleranz, Gerechtigkeit und Freiheit wichtige Werte, für die er sich einsetzte. Daraus resultiert ein energisches Vorgehen gegen die Willkür und Irrtümer der Justiz und der absolutistischen Herrscher und die in deren Umfeld gedeihende Heuchelei, Niedertracht, Korruption und deren Folgen wie Folter, Verfolgung, Ungerechtigkeit, religiöse Unduldsamkeit, Krieg und Unmenschlichkeit
Er war es auch, der die Formel: Ecrasez l’infâme aufstellte, daß also die Kirche, die „Unverschämte“, zerschmettert werden sollte. Dies war ein Zeichen, daß er zu einem immer resoluteren Kämpfer für Aufklärung und Toleranz gegen geistige Bevormundung durch Zensur und Klerus wurde und allgemein gegen das Unrecht, das im Namen von Religion geschah. 3
3 Vgl. Cerstin Bauer-Funke (Hg.), Die französische Aufklärung: Literatur, Gesellschaft und Kultur des 18. Jahrhunderts
2. Candide als conte philosophique
Candide: ist 1759 anonym erschienen. Er wurde viel gelesen, aber auch belacht und sogar auf den Index gesetzt. Seine bleibende Aktualität wurde erst spät erkannt.
Von den aufklärerischen Erzählungen Voltaires stellt sich Candide als das am meisten geglückte Werk im Hinblick auf die „Synthese von Ideenpropaganda und Erzählung“ dar, die in ähnlicher Form nur im L’ingénu und Zadig zu finden ist, obwohl Voltaire oft zur Waffe der „pointierten, einem aufklärerischen Thema gewidmeten
Kurzerzählung“ griff, einer Gattung also, die in der klassischen Hierarchie der literarischen Produktion als unbedeutend galt, dem Roman. 4
Durch seine Herausgebertaktik verhinderte Voltaire den Vertrieb seines Buches so lange, bis alle Bücherpakete nach Paris geschafft waren, was. So erschien der Roman überall gleichzeitig, und konnte von der Zensur nicht schnell genug konfisziert werden. Auf der einen Seite stand die Bevölkerung, die begeistert von dem Werk war, auf der andren Seite die gelehrten Kritiker, die nicht verstehen konnten, warum Voltaire sich auf eine so “verachtenswerte Gattung” einließ. 5
2.1. Kurze Inhaltsdarstellung
Es geht um die Geschichte der Abenteuer des jungen, gutgläubigen Candide, der zu Beginn noch im idyllischen Schloß des westfälischen Barons „Thunder-ten-tronckh“ wohnt. Dort wird er von „Maître Pangloss“ unterrichtet, der ihn den Optimismus lehrt, sprich, daß die Welt gut sei, und daß alles, was geschieht, unausweichlich auch gut wird, was sein Schüler auch allzu leichtfertig glaubt. Wegen verliebter Vertraulichkeiten mit der Tochter des Hauses, „Cunégonde“, wird Candide vom Schloß verjagt.
4
Stackelberg,
französische Literatur,
S.136.
5 Pierre Lepape, Voltaire oder Die Geburt der Intellekturellen im Zeitalter der Aufklärung (Frankfurt am Main u.a.:
Arbeit zitieren:
Eva Neuhaus, 2000, Der Roman als aufklärerisches Instrument - Candide, München, GRIN Verlag GmbH
Dieser Text kann über folgende URL aufgerufen und zitiert werden:
Einbetten
DOI
Voltaire - Candide ou l’Optimisme - Eine Kritik am Optimismus
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 20 Seiten
Zur Kritik an der Leibnizschen Theodizee-Konzeption anhand Voltaires C...
Theologie - Systematische Theologie
Hausarbeit (Hauptseminar), 15 Seiten
Analyse des Romans "Candide" und des Dictionnaire philosophi...
Französisch - Literatur, Werke
Hausarbeit, 13 Seiten
Die Nibelungenklage - Sagenstoff in historischem Gewand?
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 21 Seiten
Voltaires Micromégas, ein Beispiel für Relativismus in der Aufklärung
Romanistik - Französisch - Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Unterrichtseinheit: Bau und Leistung des menschlichen Körpers – Das me...
Einführung in die Arbeit mit M...
Unterrichtsentwurf, 11 Seiten
Die Frauenfiguren in Voltaires Roman L'Ingenu - Eine Betrachtung v...
Romanistik - Französisch - Literatur
Seminararbeit, 17 Seiten
Jean-Paul Sartre: "Der Andere" und weitere Elemente des Exis...
Germanistik - Neuere Deutsche Literatur
Hausarbeit (Hauptseminar), 39 Seiten
Die Bedeutung der französischen Sprache in Marokko seit 1956
Romanistik - Französisch - Landeskunde / Kultur
Hausarbeit (Hauptseminar), 25 Seiten
Geister & Gräber - Die Magie in José Zorrillas "Don Juan Teno...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 20 Seiten
Die Wandlung der Figaro-Gestalt
Deutsch - Deutsch als Fremdsprache / Zweitsprache
Zwischenprüfungsarbeit, 25 Seiten
Die Darstellung Julians in der Kaiserchronik - Historie, Fiktionalität...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 36 Seiten
'Ein Klassentreffen' und 'Madame Ceausescus Schuhe' vo...
Hausarbeit, 22 Seiten
Individuum und Gesellschaft in Pirandellos Il fu Mattia Pascal
Romanistik - Italienische u. Sardische Sprache, Literatur, Landeskunde
Hausarbeit (Hauptseminar), 23 Seiten
Franz Grillparzers Rezeption der antiken Medea-Dramen
Literaturwissenschaft - Vergleichende Literaturwissenschaft
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Friedrich von Hausen: Mîn herze und mîn lîp diu wellent scheiden (MF 4...
Germanistik - Ältere Deutsche Literatur, Mediävistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 28 Seiten
Gattungsspezifische Elemente der comedia de capa y espada und der come...
Romanistik - Spanische Sprache, Literatur, Landeskunde
Seminararbeit, 17 Seiten
Romanistik - Französisch - Linguistik
Hausarbeit (Hauptseminar), 29 Seiten
Eva Wimmer hat den Text Der Roman als aufklärerisches Instrument - Candide veröffentlicht
Eva Wimmer hat einen neuen Text hochgeladen
0 Kommentare