Inhaltsverzeichnis:
1. Einleitung S 3
2. Zum zeitgenössischen Menschenbild S 4
2.1. Lessing und die emotionale Seite der Aufklärung S 4
2.2. Lessings Emilia und Rousseaus Emile S 6
2.3. Wirkungsästhetische Aspekte der Emilia Galotti S 7
3. Odoardos Scheitern in Emilia Galotti als Symbol
für einen unreflektierten Idealismus S 9
3.1. Das gesellschaftliche Umfeld der Figuren im Drama S 9
3.2. Disharmonie von Gefühl und Vernunft
in der Figur des Odoardos S 10
3.3. Die Problematik der Erziehung Emilias S 12
3.4. Odoardos Unfähigkeit der Konfliktbewältigung S 14
4. Resümee: Lessings Emilia als Kritik an einem
blinden Tugendrigorismus S 16
Bibliographie S 19
2
„Aufklärung ist der Ausgang des Menschen aus seiner selbst verschuldeten Unmündigkeit. Unmündigkeit ist das Unvermögen, sich seines Verstandes ohne Leitung eines anderen zu bedienen.
Selbstverschuldet ist die Unmündigkeit, wenn die Ursache derselben nicht am Mangel des Verstandes, sondern der Entschließung und des Mutes liegt, sich seiner ohne Leitung eines anderen zu bedienen! Ist also der Wahlspruch der Aufklärung.“
Imanuel Kant
1. Einleitung:
In Lessings 1772 uraufgeführtem bürgerlichen Trauerspiel Emilia Galotti wird auf eindrucksvolle Weise das Scheitern einer auf pervertierten Tugendidealen gegründete Erziehung dargestellt. Für Emilia, einer Tochter aus bürgerlichem Hause, sind die extrem hohen Tugendansprüche ihres Vaters Odoardo nicht mit der Wirklichkeit vereinbar. Nur durch ihren Tod kann sie diesen gerecht werden.
Es ist zum einem das Drama um ein Mädchen, das von einem fatalen Erziehungskonzept zu Grunde gerichtet wird, s ie selbst ist dabei aber nur das unschuldige Opfer. Gleichzeitig ist das Drama auch die Geschichte ihres Vaters, der für einen speziellen Bürgertypus im 18. Jahrhundert steht, der sich durch ein Leben in der Abgeschiedenheit jeglicher Kritik oder Reflexion um seine Ideale und Handlungen entzieht. Es ist ein Bürgertypus, der die gängigen Ideale der Aufklärung so gar nicht zu leben oder verstanden zu haben scheint. Um dies zu klären, möchte ich im Folgenden erst einmal den geschichtlichen Kontext des Dramas untersuchen. Herauszufinden gilt es dabei, welche Erziehungsansichten vorherrschend waren und welche Aufgabe der Literatur, besonders dem Drama zu dieser Zeit zuzurechnen war.
Die größte Aufmerksamkeit innerhalb dieser Hausarbeit gilt aber selbstverständlich dem Werk selbst. Der Schwerpunkt bei meiner Untersuchung wird bei einer Figurenanalyse Odoardos liegen. Für ein Verständnis der Rahmenbedingungen der Konfliktsituation die später zur Katastrophe im Drama führt, stelle ich zunächst den gesellschaftlichen Hintergrund vor, in welchem das Figurenensemble situiert ist. Als nächstes nähere ich mich Odoardo in seinen grundsätzlichen Charaktereigenschaften, um dann deren Auswirkung auf die Erziehung Emilias zu untersuchen. Da alle Entscheidungen und Handlungen, die schließlich zur Katastrophe, dem Freitod Emilias,
3
führen, stellvertretend für alle Charaktereigenschaften der Figuren im Drama sind, unterziehe ich
dieser einer genausten Betrachtung. In einem Resümee möchte ich dann die hier meiner Meinung
nach von Lessing geübte Kritik an einem falsch verstandenen Idealismus der Ideen der Aufklärung
zusammenfassen.
Die bei der Beschäftigung mit Odoardo verwendete psychologisierende Vorgehensweise bietet
sich an, da ein immer stärker werdendes Interesse an der affektiven Disposition des Menschen
auch Lessing seine Figuren in Emilia Galotti als individuell problematische Charaktere
konstruieren lässt. Die komplexen Figuren, auf die wir in Lessings Familienschauspiel 1 , treffen, verleiten dazu, sie wie reale Menschen zu behandeln, bei denen nach Denkmustern,
Handlungsmotivation und Vergangenheit gefragt werden kann. Dabei geht es nicht darum ihren
Status als literarisch imaginierte Figuren zu ignorieren oder zu leugnen. Vielmehr fordern uns die
als widersprüchlich dargestellten Charaktere dazu auf die Hintergründe ihrer „Seelen“ zu
durchleuchten, um sie in der Gesamtheit ihrer literarischen Funktion erfassen zu können.
2. Zum zeitgenössischen Menschenbild
2.1. Lessing und die emotionale Seite der Aufklärung
Die Aufklärung wird gemeinhin als Zeitalter der Vernunft bezeichnet. Aussagekräftig ist die
berühmte Definition Kants, nach der Aufklärung der Versuch ist, den Menschen theoretisch über
die Möglichkeiten seiner Freiheit in Kenntnis zu setzen, um ihn, praktisch, zu deren Vollendung zu
führen. 2 Ich werde nun zunächst kurz die vorherrschende zeitgenössische Idee der Aufklärung skizzieren um dann auf eine Unterströmung zu sprechen zu kommen, die diese Theorie im
Wesentlichen übernimmt, sich aber in bestimmten Punkten auch von ihr unterscheidet.
Der Aufklärungsbegriff, wie wir ihn heute verwenden, stimmt nicht mit dem Verständnis im 18.
Jahrhundert überein. Als Epochenbezeichnung setzt er sich erst im 19 Jahrhundert durch. Vertreter
der Aufklärung, wie der oben zitierte Kant, sehen diese vielmehr als einen nicht abgeschlossenen
Prozess an, in dem sie selbst inbegriffen sind. Sie begreifen sich also nicht als aufgeklärtes
Zeitalter, sondern sehen sich selbst in eine Entwicklung dorthin eingeschlossen. Diese
1 Günther Sasse definiert das Familienschauspiel als: „die Gattung, auf die hin sich der breite Strom von bürgerlichen
Trauerspielen, die in der Regel immer auch Familiendramen sind, bewegt.“ (Günter Saße. Die aufgeklärte Familie.
Untersuchungen zur Genese, Funktion und Realitätsbezogenheit des familialen Wertesystems im Drama der
Aufklärung. Tübingen 1988, S.174-175 im Folgenden: GS)
2 Vgl. Peter-André Alt. Tragödie der Aufklärung. Eine Einführung. Tübingen, Basel: 1994, S.7 (im Folgenden: ATdA)
4
Entwicklung findet hauptsächlich im „ öffentlichen Gebrauch“ 3 . der Vernunft statt, also jenseits der reinen Privatsphäre des Menschen und außerhalb seines ausschließlich individuellen
Interessenbereichs 4 . Aufklärung in diesem Sinne findet demnach in einem öffentlichen Diskurs statt. Der Aufklärer selbst sieht sich dabei als Erzieher der Menschen an.
Dem gegenüber steht die „empfindsame Unterströmung“, wie Peter André Alt 5 sie bezeichnet. Sie kennzeichnet sich durch ein vermehrtes Interesse an der affektiven Disposition des Menschen und
durch die Vorstellung einer Synthese von Empfindungen und Moralität. In diesem Zusammenhang
ist auch Lessing zu sehen. Mit seinem Ausspruch „der mitleidigste Mensch ist der beste Mensch“ 6 , werden starke Emotionen mit ausgeprägten Tugendqualitäten gleichgesetzt, wie er es auch in
seinem rührseligen Trauerspiel Miss Sarah Sampson (1755) in literarischer Form zum Ausdruck
bringt. Später, in seiner Hamburgischen Dramaturgie (1767), entwickelt er seine Theorien weiter
und es geht ihm nun um eine Mittelung der Gefühle in Form eines ausgeglichenen Verhältnisses
von Gefühl und Vernunft, wie es in Emilia Galotti realisiert wird. Trotzdem geht es ihm immer
noch um ein Einbeziehen der affektiven Seite des Zuschauers im Gegensatz zu einer rein auf
Vernunft angelegten Erziehung des Menschen.
Die größere Gewichtung von Gefühl und psychologisierenden Elementen, stellt sicherlich eine
Distanzierung von diesem Menschenbild dar. Trotzdem schließt sie sich der wesentlichen Idee der
Aufklärung an, bei der es um die freie Entfaltung des Einzelnen und sein persönliches Gluck im
Diesseits geht. Verbunden mit dem Wunsch der emotionalen Seite beim Aufklärungsprozess des
menschlichen Charakters einen größeren Stellenwert einzuräumen, ist oft ein Rückzug ins Private
zu sehen. Es kommt vermehrt der Wunsch auf, das persönliche Glück und die freie Entfaltung der
Moralität im geschützten Raum der Familie zu realisieren.
3 Imanuel Kant. „Werkausgabe“. 12 Bde., hg. v. Wilhelm Weischedel, Frankfurt a.M., S.55, zit. in: Peter-André Alt
Aufklärung. 2. Auflage. Stuttgart, Weimar: 2001, S.2 (im Folgenden: PAA)
4 Vgl. PAA
5 Die folgenden Ausführungen beruhen auf PAA
6 Lessing in einem Brief an Mendelsohn, November 1756. zit. in: PAA
5
2.2. Lessings Emilia und Rousseaus Emile
Neben dem Anspruch auf Erziehung der Menschheit überhaupt beschäftigen sich die Theoretiker
der Aufklärung im 18. Jahrhundert auch zum ersten Mal spezifisch mit der Erziehung des Kindes.
Die besondere Stellung, die man damit Kindern zum ersten Mal zuspricht gründet sich darauf, dass
das Kind als Symbol für eine bessere Welt angesehen wird. Im Unterschied zum vorherigen, eher
mittelalterlich geprägten Weltbild, in dem man die Kinder als kleinere und unvollkommenere
Ausgabe des Erwachsenen betrachtete, ist man nun bestrebt, dem Kind durch einen speziellen
Schonraum einen gesonderten Status zuzusprechen. Man spricht bei dieser Entwicklung auch von
der Erfindung der Kindheit, was eng mit dem Namen Rousseau verbunden ist 7 .
In diesem Schonraum, sollen die freie Entfaltung des Kindes und dessen Heranwachsen zu einem
mündigen Bürger gesichert werden. Genau dafür plädiert Rousseau, wenn er in seinem
Erziehungsroman Émile (1762) Prinzipien für eine naturgemäße Erziehung entwirft In diesem
Sinne stimmt er mit anderen Aufklären, wie z.B. Kant überein Das Heranwachsen zum mündigen
Bürger, davon ist man überzeugt, setzt eine Erziehung voraus, die die Eigengesetzlichkeit des
Kindes beachtet, um nicht zur Dressur zu geraten 8 . Neben dem Garantieren einer freien Entwicklung der natürlichen Anlagen, will man jedoch sicherstellen, dass diese in den richtigen
Bahnen verläuft. Daraufhin werden methodische Kriterien für das Pädagogische Handeln
entwickelt, bei denen als das oberste Prinzip jedoch immer die Entwicklung der ganzen Person
steht.
Erziehung, und das ist hier wichtig zu betonen, ist bei Rousseau sowie dem vorherrschenden
Verständnis um die Jahrhundertwende, immer geschlechtsspezifisch. Die Mädchenerziehung soll
dabei auf die Vorbereitung der Rolle als Hausfrau und Mutter ausgerichtet sein. In Bezug auf die
Frau wird betont, dass sich bei ihr eine engere Bindung zum Wesen der Natur herleiten lässt als
beim Mann. So werden, nicht nur in Rousseaus Emile, sondern auch bei Fichte und Humboldt
immer wieder Natürlichkeit und Ehrlichkeit mit „ Geduld und Zärtlichkeit, Eifer und Liebe 9 “ als Kennzeichen weiblichen Verhaltens gepriesen. Allen gemein ist dabei die hohe Wertschätzung
weiblicher Tugend, verbunden mit Begriffen wie Sittlichkeit und Reinheit. Dies zeige sich bei der
Frau durch Zurückhaltung und Scham. 10 Wo der Mann dem Naturtrieb unterliegen dürfe, solle bei der Frau Liebe dominieren. Der Geschlechtstrieb der Frau wird als das „widrigste und ekelhafteste,
7 Vgl. Edgar Beckers: „Kinder Hochleistungssport.“ In: Die Grünen im Bundestag (Hg.): Kinderhochleistungssport &
Sportpolitische Konsequenzen. Positionen und Dokumentation. Bonn 1990, S. 57 (im folgenden EB)
8 Vgl. EB, S.57
9 Jean-Jacques Rousseau: Emil oder über die Erziehung, Paderborn u.a. 1991, S.389 (Im folgenden JJR)
10 Vgl. JJR 886
6
Arbeit zitieren:
Lena Puppel, 2003, Das Scheitern einer bürgerlichen Erziehung in Lessings Emilia Galotti, München, GRIN Verlag GmbH
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