Inhaltsverzeichnis
1. Einleitung. Seite 3
2. Entstehung und Verschwinden von Beinamen Seite 5
2.1. Beinamen im alten Rom Seite 5
2.2. Beinamen im germanischen Raum Seite 6
2.3. Arten von Beinamen. Seite 7
3. Historische Beinamen Seite 9
3.1. Auftreten, Verbreitung und Vergabe Seite 9
3.2. Arten von historischen Beinamen Seite 10
4. Der bedeutendste Beiname: „der Große“ Seite 11
5. Exemplarische Darstellung historischer Beinamen. Seite 15
5.1. Wechselhafte Interpretationen: Ludwig der Fromme Seite 15
5.2. Von der Legende zum Beinamen: Heinrich der Löwe Seite 16
5.3. Zerrütteter Geist oder ausländische Propaganda:
Iwan der Schreckliche Seite 17
5.4. Herausragende Körperkräfte oder unglaublicher
Fortpflanzungsdrang : August der Starke Seite 19
5.5. Militär als Lebensmittelpunkt:
Friedrich Wilhelm I., der Soldatenkönig Seite 20
6. Fazit: Reichlich Forschungsbedarf
auf dem Feld der historischen Beinamen Seite 23
Anhang: Literaturverzeichnis Seite 24
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1. Einleitung
Einen der wohl originellsten Beiträge zum Thema Beinamen historischer Persönlichkeiten hat Theodor Fontane in seinem Gedicht „Nordische Königsnamen“ verfasst:
» ... Da (so heißt es in hochgelahrten Schriften)
Begann das heillose Beinamen -stiften; Statt Zahlen, die klarer doch und reeller, So die Hochgelahrten, die Weisen und Kam Auceps, Finkler, Vogelsteller, Alten.
Kam Löwe, Rotbart. Und gar nicht lange, Ich kann es für so schlimm nicht halten, Gab's einen »mit der gebissenen Wange«, Geschicht' und Dichtkunst sind zweierlei Dazwischen, blasphemisch und wie zum Zünfte, Spott, Mir gefällt nicht der »Erste«, der »Dritte«, Sogar einen Heinrich Jasomirgott. der »Fünfte«, So ging es in Deutschland. Anderswo Zahlen und wieder Zahlen bloß War's, wenn nicht schlimmer, ebenso; Scheinen mir tot und charakterlos. Geschmacklos war die ganze Zeit, Ragnar Pechhos' und Iwar Klaftergriff Und die Dänen waren die Führer im Streit. Haben schon andern Schneid und Schliff, Thyra Dänentrost oder »Danebod«, Harald Blauzahn und Rolf Krake der Erik Seelensgut oder »Eiegod«, Zwerg
Erik Hasenfuß oder Laufgeschwind, Helfen schon anders über den Berg, Erik Lamm, Erik Pommer, Erik Kind, Swend Gabel- und Hakon Borkenbart, Erik Pflugpfennig, Erik Pfaffentort, Das sind Namen nach meiner Art, Erik Mendved oder Manneswort, Fleckauge, Schönhaar, Sigurd Ring, Erik Glipping, der mit den Wimpern Alles schon ein ander Ding, glippt, Gorm Grymme, Frede Harde-Schnut, Erik Kipping, der die Münzen kippt, Olaf Hunger vor allem gefällt mir gut, Ein Glück, daß der Eriks nicht mehr Und zum letzten: Olaf Kragebeengewesen, Tretet vor und verneigt euch und laßt euch sehn. 1 Wir würden sonst noch viel Schlimmeres lesen.«
Mit dieser Meinung steht Theodor Fontane nicht alleine da. Historische Persönlichkeiten, die über einen mehr oder weniger wohlklingenden Beinamen wie etwa „Löwenherz“, „Barbarossa“, aber auch „der Bucklige“ oder „die Wahnsinnige“ verfügen, genießen gegenüber ihren herrschaftlichen Zeitgenossen, die hinter ihrem Namen nur eine römische Zahl stehen haben, unter Schülern wie Erwachsenen in der Regel einen deutlichen Popularitätsvorsprung. Das liegt daran, dass man sie sich viel leichter bildlich vorstellen kann. Kaiser Friedrich Barbarossa wird durch seinen Beinamen in der Phantasie der Schüler zu einem Herrscher mit leuchtend rotem Rauschebart. Markgraf Albrecht der Bär zu einem hühnenhaften Krieger. Zu einem Heinrich II. oder Otto IV. hat man nicht sofort ein Bild im Kopf, also geraten sie viel leichter in Vergessenheit.
Nun stellt sich die Frage, was diese Persönlichkeiten getan haben, um in den Besitz eines Beinamens zu kommen. Wer verfügte, dass uns der Sachsenherzog Heinrich heute als „der Löwe“, der russische Zar Ivan IV. aber als „der Schreckliche“ begegnet? Waren Ludwig der Fromme wirklich christlicher und August der Starke kräftiger als ihre Zeitgenossen? In dieser Arbeit soll geklärt werden, wie und wann historische Persönlichkeiten zu ihren Beinamen kamen und nach welcher Systematik diese vergeben wurden. Allerdings kann dies leider nur als Überblick bzw. exemplarisch geschehen, da eine detaillierte Untersuchung dieser Fragestellung den Umfang dieser Arbeit bei Weitem sprengen würde. Zunächst wird allgemein erörtert, welche Rolle Beinamen im alten Rom hatten und wie sich das System der Beinamen in Mitteleuropa etablierte, ausbreitete und wieder verschwand. Danach wird darauf eingegangen, wie historische Persönlichkeiten zu ihren Beinamen kamen und welche Arten von Beinamen existierten. Die Entstehung des Beinamens „der Große“ und auf welche Art und Weise er verliehen wurde wird erklärt und es wird letztlich exemplarisch an den historischen Figuren Ludwig der Fromme, Heinrich der Löwe, Ivan der Schreckliche, August der Starke und dem Soldatenkönig dargestellt, wie, wann und von wem diese Personen ihren Beinamen erhielten und wie sich diese teilweise in der Geschichte wandelten. Als Literaturgrundlage dienen vor allem die Arbeiten „Familiennamen“ von Walter Wenzel (2004), „Regensburger Beinamen des 12. bis 14. Jahrhunderts“ von Rosa Kohlheim (1990), „Die deutschen Personennamen“ von Adolf Bach (1953), „Über den Beinamen ‚der Große’ -Reflexion über historische Größe“ von Theodor Schied (1984) und „War Kahl der Kahle wirklich kahl? Historische Beinamen - und was dahinter steckt“ von Reinhard Lebe (1969).
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2. Entstehung und Verschwinden von Beinamen
2.1. Beinamen im alten Rom
Während in Deutschland Beinamen erst im 12. Jahrhundert gehäuft aufkamen, waren sie in Frankreich schon im 10. und 11. Jahrhundert, in Venedig sogar schon im 9. Jahrhundert gebräuchlich. Ihren Ursprung haben sie im Römischen Reich, wie Walter Wenzel schreibt: „An dieser Stelle sei jedoch vermerkt, dass die Römer in einer Zeit, als die Germanen und andere Völker nur Rufnamen kannten, bereits ein Drei-Namen-System entwickelt hatten, das aus einem Rufnamen (= Praenomen), einem Sippennamen (= Nomen gentile) und einem Beinamen (= Cognomen) bestand: Quintus Horatius Flaccus ‚der Fünfte, aus der Sippe der Horatier, der Blonde‘.“ 2 Da es nicht unüblich war, dass in Familien mehrere Personen die selben Vornamen und natürlich die selben Sippennamen trugen, werden zur Unterscheidung wichtiger geschichtlicher Persönlichkeiten die Beinamen häufig als Hauptnamen verwendet. Dies ist zum Beispiel bei Imperator Caesar Divi filius Augustus („der Erhabene“) oder dessen Enkel, dem Feldherren Nero Claudius Germanicus der Fall. Es war auch nicht ungewöhnlich seinen Cognomen zu vererben. So hat etwa Germanicus diesen Beinamen nicht wegen seiner Siege in Germanien erhalten, sondern von seinem Vater geerbt. Augustus gab seinen Namen an seinen Adoptivsohn Tiberius Caesar Augustus, der diesen ebenfalls vererbte, weiter. Die Beinamen konnten im Laufe der Zeit wechseln, wie auch die Ruf- und Sippennamen. Augustus erhält seinen z.B. erst mit der Kaiserwürde. Bevor er von Gaius Julius Caesar adoptiert wurde, hieß er Gaius Octavian Thurinus. In sehr seltenen Fällen werden sogar inoffizielle Beinamen, also im Grunde Spitznamen, als Hauptnamen benutzt, wie dies bei Kaiser Gaius Caesar Augustus Germanicus, den man besser als Caligula („das Soldatenstiefelchen“) kennt, der Fall ist.
2 Walter Wenzel: Familiennamen, in: Andrea Brendler; Silvio Brendler (Hg.), Namenarten und ihre
Erforschung. Ein Lehrbuch für das Studium der Onomastik, Hamburg 2004, Seite 707.
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2.2. Beinamen im germanischen Raum
Im Heiligen Römischen Reich Deutscher Nation war es bis ins 12. Jahrhundert üblich gewesen, nur einem Rufnamen zu tragen. Es lassen sich zwar auch schon bei den Germanen und im frühen Mittelalter vereinzelt Beinamen finden, aber Adolf Bach schreibt hierzu: „Für die älteren Beinamen ist kennzeichnend, daß sie mehr zufällig und willkürlich gebraucht werden.“ 3 Unterschiedliche Faktoren die während des 12. Jahrhunderts auftraten machten es erforderlich, von der Einnamigkeit zur Zweinamigkeit überzugehen. Zum einen führte das Wachstum von Städten dazu, dass eine Vielzahl von Individuen auf engem Raum zusammenlebten. Des Weiteren ist eine Reduktion der Rufnamen zu beobachten. Rosa Kohlheim begründet dies folgendermaßen: „Dadurch, daß die Bestandteile germ. RN im Laufe der Zeit unverständlich geworden waren, war die Möglichkeit durch neue Kombinationen der RN-Glieder neue Namen zu bilden, wesentlich eingeschränkt worden.“ 4 Das Aufkommen von Modenamen, wie zum Beispiel Heinrich oder Konrad, führte zu einer weiteren Reduktion der Namensvielfalt und trotz der Übernahme von Namen aus der Bibel, trugen bald viele Personen den gleichen Rufnamen. Dadurch war es gerade in den Städten schwierig, einzelne Personen zu identifizieren. Dies wurde jedoch mit der Verbreitung der Schriftlichkeit und der aufkommenden Bürokratie immer wichtiger, wie Walter Wenzel beschreibt:
„Eine genaue Personenidentifizierung bildet die Voraussetzung für das Funktionieren der sich im Spätmittelalter immer stärker herausbildenden Verwaltung, für die Verhandlung von Straf- und Zivilsachen vor Gericht, für die Sicherung von Erbschaftsrechten, für die Erhebung von Steuern und Abgaben. Gerade der zuletzt genannte Grund führte zu einer zügigen Ausbreitung der Zweinamigkeit über die Städte hinaus auch auf das flache Land.“ 5 Besonders das Durchsetzten von Erbansprüchen auf Lehen, Besitzungen, Kapital oder Privilegien machten für den Adel und das städtische Bürgertum eine eindeutige Identifizierung notwendig.
Um dieses Problem zu lösen, wurden den Personen Beinamen gegeben. Diese Namen wurden nicht bei der Geburt verliehen und sie konnten im Laufe der Zeit auch wechseln. Genauso war
3 Adolf Bach, Die deutschen Personennamen. Die deutschen Personennamen in geschichtlicher,
geographischer, soziologischer und psychologischer Betrachtung, 2. Auflage, Heidelberg 1953, Seite 73.
4 Rosa Kohlheim, Regensburger Beinamen des 12. Bis 14. Jahrhunderts, Hamburg 1990, Seite 9.
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Arbeit zitieren:
Peter Oehlenberg, 2008, Die Beinamen historischer Persönlichkeiten, München, GRIN Verlag GmbH
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