Joachim Cotaru Matrikelnr.: 6053742
1. Hauptteil
1.1. Einleitung
Im Sommer d.J. fanden in Rumänien Kommunal-, Bürgermeister- und Kreisratswahlen statt. Der seit dem Jahr 2000 amtierende Bürgermeister von Sibiu/ Hermannstadt 1 , Klaus-Werner Johannis, wurde mit 88% der abgegebenen Stimmen im Amt bestätigt. In den Stadtrat wählte die Hermannstädter Bevölkerung die lokale Liste des DFDR 2 mit ca. 60%, wo so daß es über eine absolute Mehrheit verfügt. Auf Kreisebene erreichte das Forum eine relative Mehrheit von knapp 30% und stellt nun mit Martin Bottesch den Vorsitzenden des Kreisrates. 3
In Rumänien wird der außergewöhnliche Wahlerfolg des DFDR in den drei größten Städten des Kreises 4 sowie auf Kreisebene gemeinhin eng mit der Person des Hermannstädter Bürgermeisters Johannis in Verbindung gebracht. Der Begriff „Johannis-Effekt“ ist hierfür prägend.
Das DFDR ist - im Gegensatz zu den Parteien - keine politische Organisation, sondern anerkannte Minderheitenvertretung der Rumäniendeutschen. Ihr Bevölkerungsanteil beträgt in Hermannstadt etwa 1,6%. Auf Kreisebene reduziert sich diese Zahl nochmals. Vor allem im so genannten Alten Land zwischen Sighişoara/ Schäßburg, Mediaş/ Mediasch und Hermannstadt stellten die Siebenbürger Sachsen bis 1990 eine große historische Bevölkerungsgruppe (WAGNER: 11-13).
Die der Arbeit zugrundeliegende Hypothese lautete: Das DFDR wurde aufgrund sachkompetenter Spitzenkandidaten als Alternative zu den als korrumpiert geltenden Parteien gewählt. Die Motive liegen in einer Mischung aus positiven Stereotypen 5 , der Parteienkorruption sowie der Annahme, daß der Einflußgewinn des DFDR direkt mit wirtschaftlichem Aufschwung und EU-Integration verbunden sei. Anhand von sechs Experteninterviews sollten erste Erkenntnisse gewonnen werden, um diese Hypothese zu überprüfen. Im einer Hausarbeit angemessenen Rahmen ist dabei von Interesse, ob es tatsächlich einen „Johannis-Effekt“ gab oder andere Gründe - politischer, ökonomischer oder ethnisch-stereotyper Art - von Belang waren. Als Interviewpartner stellten sich führende Vertreter des Heltauer, Hermannstädter und Mediascher Forums zur Verfügung. Ihnen sei hierfür gedankt sowie der Journalistin Han-nelore Baier für die Hilfe bei der Zeitungs- und Literaturrecherche und meiner Schwester stud. pol. Karoline Langer bei der Auswertung der Interviews.
1.2. Geschichtlicher Exkurs
Rumänien ist - vor allem durch die Angleiderung Siebenbürgens infolge des Ersten Weltkriegs - bis heute ein Vielvölkerstaat. In der Zwischenkriegszeit lag der Anteil der nichtrumänischen Nationalitäten und Ethnien bei etwa 30% (BRICKE: 107), welcher laut Bevölkerungszählung 2002 auf mittlerweile 10,5 % zurückging; der Anteil der rumäniendeutschen Bevölkerung beträgt mit 0,3% etwa 60.000 Personen (BAIER: 19). 6 Es
1 Hermannstadt lautet der amtlich zugelassene deutschsprachige Name von Sibiu. Aufgrund der Geschichte Siebenbürgens existieren i.d.R. deutsche, rumänische und ungarische Orts- und Flurnamen. Im folgenden wird bei erster Verwendung der rumänische, gefolgt vom deutschen Ortsnamen, später lediglich die deutschsprachige Bezeichnung verwandt.
2 Forumul Democrat Germanilor al României (FDGR), Demokratisches Forum der Deutschen in Rumänien (DFDR)
3 Consiliul Judeţean Sibiu (CJS), Rat des Kreises Hermannstadt
4 Hermannstadt, Mediaş/ Mediasch und Cisnadie/ Heltau
5 Gegenüber den Rumäniendeutschen gibt es eine Reihe positiver Vorurteile; so steht zum Beispiel der Term „etwas deutsch machen“ für besondere Genauigkeit und Qualität. Zu den rumänischzentrierten Stereotypen vgl. u.a. BOIA
6 Die Zuverlässigkeit der angegebenen Nationlität/ Ethnie ist jedoch bspw. bei den Roma/ Zigeunern umstritten, da dieser Bevölkerungsgruppe mehr Angehörige zugeschrieben werden als sich zu dieser „bekennen“.
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gibt im Land 19 anerkannte Minoritäten, von denen die Magyaren (Ungarn und Szekler) als größte etwa 6,6% der Gesamtbevölkerung (ebd.) sind und auch politisch von Gewicht sind. 7
Die rumäniendeutsche Bevölkerung unterteilt sich in verschiedene Gruppen, wobei vor allem die Einwanderungsphase nach Siebenbürgen bzw. Rumänien ausschlaggebend ist. Während die Siebenbürger Sachsen seit dem 12. Jahrhundert ansässig sind, kamen Gruppen wie die Banater Schwaben, Berglanddeutschen, Landler - um nur einige zu nennen - erst ab dem 18. Jahrhundert, großteils in der Periode der Kaiserin Maria Theresia, ins Land. Dies geschah z.B. als Wiederbesiedlung des entvölkerten Banats oder als Deportation von Oberösterreich und Kärnten in Dörfer zwischen Hermannstadt und Sebeş/ Mühlbach von Evangelischen während der Gegenreformation.
Die Siebenbürger Sachsen sind über die Jahrhunderte sprachlich, kulturell und konfessionell eine Einheit geblieben. Sie können gar - im Gegensatz zu den anderen rumäniendeutschen Gruppen - auf einen eigenen Nationalmythos verweisen: „Sie [die Ansiedlung von Deutschen - J.C.] erfolgte unter König Geisa (Géza) II. (1141-1162)(...) Die Siedler (...) wurden vom ungarischen König als dem Landesherrn gerufen (...). Sie kamen „ad retinendam coronam“ - zum Schutze der Krone, also des Landes (...)“ (WAGNER: 16). Die Arbeiten des Historikers Horst Klusch (KLUSCH) , die diese - unter den Siebenbürger Sachsen quasi verinnerlichte - Theorie wohlbegründet in Frage stellen, vermochten es bislang nicht, breiteres Gehör zu finden. Kritiker nationaler Mythen erfahren gewohnheitsgemäß entweder Nichtbeachtung oder lösen z.T. sehr emotionale Gegenreaktionen aus, wohl wegen des Eingeständnisses, daß es „keine objektive Geschichte gibt“ (BOIA: 5-37).
Die oben erwähnte Einheit der siebenbürgisch-sächsischen Kultur erfuhr durch den (in zeitlicher Reihenfolge) ungarischen, rumänischen und deutschen Nationalismus ihr Ende 8 , gipfelnd im Exodus von ca. 100.000 Personen in den Jahren 1990/91 nach Deutschland. 9 Dies machte für die Elite der verbliebenen Rumäniendeutschen eine Umorientierung nötig, welche - nach Jahren des Übergangs und der Depression - sich vor allem in der EU-Integration des Landes profiliert (FLEISCHER: 157-162).
1.3. Zur Hypothese
Zur Erinnerung nochmals die Hypothese dieser Arbeit: Das DFDR wurde aufgrund sachkompetenter Spitzenkandidaten als Alternative zu den als korrumpiert geltenden Parteien gewählt. Die Motive liegen in einer Mischung aus positiven Stereotypen, der Parteienkorruption sowie der Annahme, daß der Einflußgewinn des DFDR direkt mit wirtschaftlichem Aufschwung und EU-Integration verbunden sei. Das Forum stellt nach den Kommunalwahlen des vergangenen Sommers rumänienweit neun Bürgermeister, fünf davon im Sathmarer Kreis, drei im Kreis Hermannstadt sowie einen im Kreis Caras-Severin (UNGAR: HZ 1883). 10 Weiter wurden in „die Gemeinde-und Stadträte (...) landesweit 99 Forumskandidaten gewählt, in die Kreisräte elf (alle im Kreis Hermannstadt). Die meisten Kommunalräte gibt es im Kreis Sathmar (52), gefolgt vom Kreis Hermannstadt mit 34.“ (ebd.)
Auch wenn die meisten Gemeinderäte für das DFDR im Sathmarer Kreis gezählt werden, bleibt der Kreis Hermannstadt eine Besonderheit. Hier gewann das Forum die drei größten Städte. Besonderes Augenmerk muß dabei Hermannstadt gelten, wo das Forum an Mandaten eine Zweidrittelmehrheit erreichte. Warum legten die Wahlberechtigten das
7 Z. B. als Koalitionspartner der Regierungspartei PSD 2000-2004. Anzumerken ist, daß z.B. in den Kreisen Covasna und Harghita die Ungarisch sprechenden Szekler über 80% der Bevölkerung ausmachen.
8 vgl. auch HOCHSTRASSER
9 Eingehend untersucht werden der Exodus und seine Folgen bei WEBER
10 Drei Forumsmitglieder wurden auf Listen anderer Parteien zu Bürgermeistern gewählt. Hinzu kommen auch rumäniendeutsche Kandidaten anderer Parteien, die nicht Mitglied des DFDR sind.
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Geschick der 170.000-Einwohner-Stadt in die Hände einer kleinen Minderheiten-organisation, die nur ca. 1,6% der Stadtbevölkerung 11 vertritt? Die Korruption stellt in Rumänien ein gravierendes Problem dar und hat unter der Regierung Nastase wieder zugenommen (HABERSACK: 50). Auch für Rumänien läßt sich von „A Culture of Corruption“ sprechen 12 , einem in den Ländern Osteuropas omnipräsenten Phänomen. Im Falle Rumäniens stellt die Korruption weiterhin einen konkreten Hinderungsgrund für den mit 01. Januar 2007 angepeilten EU-Beitritt des Landes (EU-KOMMISION: 23) und angesichts einer alternativlosen Politik der verschiedenen Bukarester Regierungen seit 1990 eine Gefahr für die Stabilität des Landes selbst (HABERSACK: 44) dar.
In Rumänien - in Siebenbürgen besonders - haben Stereotype von Angehörigen anderer Ethnien/ Nationalitäten Tradition und Funktion (FORNA: 178-179, MISKOLCZY: 172-174). Daher ist die mögliche Bedeutung solcher Zuschreibungen im gegebenen Kontext unbedingt mit zu untersuchen.
So bundesdeutsche Politiker nach Rumänien reisen, besuchen sie in der Regel auch Hermannstadt als Zentrum deutschsprachigen Lebens im Lande. Innenminister Otto Schily kam sowohl im April wie November 2004 - als auch für die deutschsprachigen Minderheiten zuständiger Minister; in Hermannstadt haben ein Generalkonsulat und ein „Deutsches Kulturzentrum“ ihren Sitz. Des weiteren existiert eine Vielzahl „deutscher“ Institutionen, von denen hier nur der Deutsche Wirtschaftsclub Siebenbürgen 13 genannt sein soll. All dies vermittelt deutlich eine enge Verbindung der rumäniendeutschen Bevölkerung mit Deutschland, vor allem wahrgenommen als Brücke in Richtung EU (WELT: 55). Weitere, enge Beziehungen gibt es mit Luxemburg 14 und Österreich.
1.4. Datenentstehung und -aufbereitung
Für eine nachvollziehbare Bewertung der vorliegenden Daten erläutere ich im Folgenden kurz die Hintergründe der Arbeit, die Auswahl der Probanden sowie der Interviewsituationen. Dabei halte ich mich im wesentlichen an die Beurteilungskriterien bei Attes-lander (ATTESLANDER: 19).
Kritisch ist die von mir unternommene Anonymisierung zu betrachten. Die deutsche Minderheit in Rumänien ist mikroskopisch klein, mehr noch der Kreis der politisch Aktiven. Eine „absolute“ Anonymisierung hätte wesentlichen Informations-, sprich: Datenverlust, zur Folge gehabt. Und dennoch würden mit der Situation Vertraute die einzelnen Probanden ohne Probleme identifizieren können. So bleibt es bei einer Anonymisierung, die lediglich für den Rahmen dieser Hausarbeit gültig ist und für weitere Verwendungen modifiziert werden muß.
Entdeckungs-, Begründungs-, Verwertungszusammenhänge
Die vorliegende Untersuchung möchte die Hintergründe für die lokalen und regionalen Erfolge des DFDR mit erhellen helfen. Dies ist nicht nur von Belang bezüglich der Tatsache, daß es sich beim DFDR nicht um eine Partei, sondern einer solchen gleichgestellten Minderheitenorganisation handelt. Vielmehr steht dahinter die Frage, inwiefern Sachpolitik als Angebot an die Wählerschaft für diese wesentlich attraktiver ist als Parteipolitik. Dieses mag besonders für Transitionsländer gelten, ist eventuell jedoch auch für weiterreichenden Vergleich von Interesse. Meine Motivation für diese Arbeit war vordergründig mit dem Abschluß des Grundstudiums Politologie verbunden; hintergründig jedoch mit dem Umstand, daß ich selber als Deutschsprachiger im Kreis Hermannstadt
11 Offizielle Website der Stadt Hermannstadt, rumänische Fassung: http://www.sibiu.ro/ro/info.htm (Stand: 20.12. 2004)
12 Siehe MILLER
13 Im Internet: www.dws.ro
14 Eine Herkunftsregion der Siebenbürger Sachsen
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lebe. Ich ergänze, daß ich mit einer Reihe von DFDR-Vertretern bekannt bin und einen kritisch-positiven Bezug zum Forum habe. Entstehung der Daten
Die Untersuchung ist als Hausarbeit im Grundstudium Politologie erarbeitet worden und will die Motivation, das DFDR zu wählen, in der Wählerschaft im Kreis Hermannstadt zu erkunden. Die vorliegenden Interviews geben dabei die Perspektive von Vertretern des Forums als Deutschsprachigen wieder.
Alle potentiellen Interviewpartner waren mir von Personen aus dem deutschsprachigen öffentlichen Leben im Kreis Hermannstadt empfohlen worden. Zu Experten gehören für mich solche Personen, die seit der Gründung des DFDR Mitglied in einem Lokalforum und dies wiederum in exponierter Stellung als Vorstandsmitglied, Stadt- oder Kreisrat waren oder sind (MEUSER, NAGEL: 442-445). Ich verschickte einen Brief bzw. eine Email mit der Bitte um Teilnahme sowie beiliegend den Interviewleitfaden zur Einsichtnahme; diesem ging in fünf Fällen ein Telefonat voraus. Später meldete ich mich nochmals telefonisch und vereinbarte mit den Probanden einen Termin. Die Gespräche wurden im November 2004 geführt - etwa fünf Monate nach den behandelten Kommunalwahlen und wenige Tage vor den Wahlen zu Abgeordnetenkammer, Senat und Präsidentschaft.
Verständnisschwierigkeiten mag verursachen, daß Rumäniendeutsch bisweilen andere Konnotationen aufweist als Hochdeutsch. Ich selbst bin seit mehreren Jahren im historisch-österreichischen Sprachraum ansässig, so daß möglicherweise Begriffe ungeklärt bleiben, die mir selber nicht als schwer- bzw. unverständlich auffielen. Die Interviewpartner gehören sämtlich zur ersten Generation des DFDR, sind zum Teil wichtige Gründungspersonen. Ihre Motivation ist im wesentlichen gespeist aus den Erfahrungen im rumänischen Nationalkommunismus und den Umbrüchen der „Revolution“. 15 Daher habe ich einleitend mehr Platz für biographische Exkurse gelassen, die im Kontext dieser Arbeit nur teilweise von Gehalt sind. Die Interviews beginnen mit Fragen zu Biographie und Sozialisation. Dies ist hier für die Einordnung der Interviewpartner (Alter, Geschlecht, Beruf, Funktion etc.) von Belang, inhaltlich jedoch nicht für das Thema selbst; überdies wäre aufgrund der extrem kleinen Gruppe in Frage kommender Personen ihre Anonymität nicht mehr gewährleistet. Ebenso verzichte ich hier auf die Angabe des Geschlechtes aus selbem Grund. In den Beschreibungen der Gespräche habe ich daher diesen Einstieg fortgelassen. Die Probanden werden nur als „Person“ bezeichnet, woraus sich bisweilen die Verwendung des weiblichen Personalpronomens ergibt - dieses erlaubt keinen Rückschluß auf das Geschlecht des Probanden. Die Stadt, in der die Pro-banden jeweils Mitglied des Lokalforums sind, bezeichne ich mit „XXX“. Dies habe ich auch so belassen, wenn aus dem Kontext der Aussagen bisweilen ohne weiteres der Ort erkennbar ist.
Fragen, die den Rahmen der Kommunalwahl zu übersteigen scheinen, sind insofern interessant, als daß über diese eine Vertiefung des individuellen Selbstbildes als aktives Mitglied des DFDR durchscheinen kann. Begriffe
15 Der für die 1989er Ereignisse gebräuchliche Begriff „Revolution“ steht hier stets in Anführungsstrichen, um aufgrund von Erkenntnissen (vgl. u. a. RUIZ: 59-66 und CROITORU) auf meine Distanz dazu zu verweisen.
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1.5. Auswertung und Überprüfung der Hypothese
Selbstbild und „Bild vom Andern“
Durchweg wiesen die Interviewpartner eine enge Bindung an die Gruppe der Rumäniendeutschen auf, in den vorliegenden Fällen zu den Siebenbürger Sachsen, auf. Die Selbsteinschätzung ist sehr positiv, auch wenn die „Tugenden“ oft als Fremdzuschreibung durch die rumänische Bevölkerung formuliert werden; „Ehrlichkeit“ und „Zuverlässigkeit“ tauchten vermehrt auf. Typisiert wurden die beiderseitigen Stereotype von Person E: Die Rumänen „sehen uns Deutsche wie einen älteren Bruder an, der auch Fehler machen kann, aber im Grunde dann doch mehr weiß“.
Kritisch formulierte lediglich Person D solche selbst- oder fremdzugeschriebenen Charaktereigenschaften.
Einige Interviewpartner äußerten, daß die rumänische Bevölkerung die Auswanderung der Rumäniendeutschen bedauere. Immer wieder klang ein vage formulierter kulturmissionarischer Anspruch gegenüber der rumänischen Bevölkerung durch. Aufgabe der Rumäniendeutschen sei es laut Person A,
das eigene Erbe der „nicht so begnadeten Bevölkerung der Rumänen zu übergeben. Es geht um Ehrlichkeit, (...) Vertrauen, (...) Arbeitslust“.
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Person D stellte einen Mangel an Konfliktfähigkeit und anderen soft skills in der rumänischen Bevölkerung fest, wobei später festgestellt wurde, daß Dialog- und Konfliktfähigkeit auch die Rumäniendeutschen noch lernen müßten.
Das Verhältnis zur rumänischen Bevölkerung wurde stets als gut beschrieben. Existente nationalromantische Vorstellungen, so Person F, hätten sich in den Wahlen keine Dominanz verschaffen können: am Ende habe die „gegenseitige Loyalität“ überwogen.
Wahlentscheidende Faktoren
Der Blick nach Hermannstadt hat aus Sicht aller Interviewpartner eine wichtige Rolle gespielt bei der Entscheidung, das DFDR zu wählen. Hermannstadt ist zum einen für alle Bewohner des Kreises als Sitz der Regionalverwaltung von Bedeutung, zum andern ist die Präsenz des Forums - mit Sitz des Zentral-, Siebenbürgen- und Lokalforums - dort am stärksten. Das „Phänomen Johannis“ (Person B) konnte so über die Stadtgrenzen ausstrahlen und andernorts für eine Wahlentscheidung zugunsten des DFDR motivieren. Die Befragten ließen jedoch auch deutlich erkennen, daß man Protestwähler für das DFDR habe gewinnen können; Person C sprach von einem „Anti-Votum gegen die andern“. Den Befragten ist klar, daß in der Öffentlichkeit zumeist die Aktivitäten des DFDR, der Evangelischen Kirche sowie diesen nahestehenden Vereinen in der Wählerschaft unter „Forum“ summiert werden. Das soziale Engagement würde von der Bevölkerung deutlich wahrgenommen - damit kann sich das DFDR anders profilieren als die Parteien. Im Gegensatz zu dieser sozialen Kompetenz ist die administrative Kompetenz wahrscheinlich gering - Person C kritisiert dies deutlich, wenn sie sagt, daß „keiner unserer jetzigen Stadträte vom Deutschen Forum (...) in Verwaltungsfragen eine Ahnung“ hat.
Gleichwohl äußerten die Probanden wiederholt den Anspruch, daß sich das Forum weniger politisch profiliere als mit dem Anspruch einer good governance für Stadt und Kreis. Zweimal fiel in den Interviews der Begriff „Lokomotive“ als Synonym für klare Führungspersonen in den Lokalwahlkämpfen. Der Kandidat Johannis habe einen wichtigen Vorlauf als Generalschulinspektor in Hermannstadt gehabt, sagte Person B, und daß „der Name (dort) angefangen“ habe.
Die Erwartungen der Wähler an das Forum sind groß bis „überzogen groß“ (Person D). Dieses ist für die Interviewpartner mehrheitlich jedoch mittels Dialog und Ehrlichkeit zu klären, eines in der bisherigen Politik nicht praktizierten Spezifikums.
Perspektiven
Die Erwartungen der Probanden bezüglich der Abgeordneten- und Senatswahlen waren ausgesprochen nüchtern, zum Teil skeptisch. Mehr als den - dem DFDR als Minderheitenvertretung bei Erreichen der notwendigen Stimmen zustehenden - Spitzenkandidaten sah niemand im künftigen Parlament sitzen. Ob der unabhängig kandidierende Senats-kandidat Wittstock erfolgreich sein würde, beantwortete kein Interviewpartner deutlich. Erstrebenswert war für die Befragten das Überspringen der Fünf-Prozent-Hürde bei den Parlamentswahlen 2008. Dies wird sich voraussichtlich auch wegen personeller Probleme kompliziert gestalten.
Person E: „Das wird gar nicht sehr leicht sein, aber fast schwieriger ist es, die Leute zu finden, die dann uns wirklich gut vertreten. Ich denke, daß wir schon jetzt 5% hätten haben können, wenn wir eine gute Propaganda gemacht hätten, aber wir haben nicht die 24 Leute gehabt...“
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Es gibt Äußerungen zum Patriotismus: Bei Person A geht es beispielsweise darum, sich für das „Heimatland“ einzusetzen. Person F konkretisiert dies dahingehend, daß sich das DFDR einbringen sollte bei Bedarf, sich aber bei Problemen z. B. bilateraler Art zurückzuhalten habe:
„Natürlich sind wir froh, wenn wir als rumänische Patrioten das vertreten können, was Rumänien erstrebt, aber wir haben dort keine spezifische Rolle als Minderheit.“
Zwar gehen mehrere der interviewten Personen auf ihre persönlichen Erfahrungen mit dem Exodus der Rumäniendeutschen ein, doch äußert lediglich Person F eine Verbindung zur politischen Aktivität des Forums - ohne dies ausdrücklich auf jene Gruppe zu beschränken:
„Ich hoffe, daß durch unser Wirken manche Leute sich es überlegen, nach Hause zu kommen. (...) Nun, ich hoffe es nicht nur, sondern ich glaube es zu wissen und es wird... es wird werden.“
Überprüfung der Hypothese
Eine Sachkompetenz in Verwaltungsfragen wurde nicht besonders hervorgehoben; alle Spitzenkandidaten sind bzw. waren Quereinsteiger aus dem Bildungs- (Hermannstadt) und Wirtschaftssektor (Heltau, Mediasch). Erfahrung in Bildungs- und Wirtschaftsfragen ist ergo die vorliegende, spezifische Sachkompetenz. Nur Klaus-Werner Johannis in Hermannstadt kann in gewisser Weise administrative Kompetenz nachweisen, da er bereits eine Amtsperiode hinter sich hat. Hingegen gab es unter den Befragten bereits mehrheitlich Erfahrungen als Stadt- und Kreisrat.
Das hypothetische Motiv, Forum zu wählen als Zeichen gegen die Parteienkorruption, ließ sich nicht deutlich erkennen. Mehr wurde die Problematik interessensgeleiteter Politik der Parteien angesprochen, die zumindest teilweise Protestwähler für das Forum motiviert hätten. Den Kandidaten des DFDR wird offensichtlich in verstärktem Maße zugetraut, eine sachorientierte Politik zu betreiben.
Die Suche nach der Bedeutung positiver Stereotype war im gegebenen Kontext erfolgreich, allerdings ließen sie sich wegen der Zugehörigkeit der Probanden zur deutschsprachigen Bevölkerung nur als vermutete - dennoch betont formulierte - oder indirekte Selbstdefinition feststellen.
Insgesamt zurückhaltend waren die Antworten zum möglichen Einflußgewinn des DFDR. Eher war die Assoziation „Forum = Aufschwung“ bzw. „Forum = leichtere EU-Integration“ mit Skepsis belegt.
Allgemeingültigkeit
Die vorliegende Untersuchung hat nur geringe Reichweite, so sie nicht im Raum anderer Untersuchungen, vor allem in der Wählerschaft, kontextualisiert wird. Die entstandenen Daten liefern lediglich eine Einschätzung aus dem sehr kleinen Kreis führender Forumsmitglieder im Kreis Hermannstadt.
1.6. Fazit
Die Wahlerfolge haben mehr Fragen aufgeworfen, als sie beantworten. Jedem Repräsentanten des DFDR ist bewußt, daß die Erfolge vom Juni 2004 Anlaß für große Sorgfalt sein müssen. Die erfolgreich verlaufene erste Amtszeit des Hermannstädter Bürgermeisters mag sicher auch Wähler letztendlich motiviert haben, ihre Stimme für das DFDR abzugeben. Darauf allerdings scheint sich der „Johannis-Effekt“ doch schon zu begrenzen.
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In den drei betrachteten Städten ist der „deutsche Verbund“ aus Forum, Evangelischer Kirche und diesen nahestehenden Vereinen stark engagiert im sozialen Bereich. Zudem haben sich die Repräsentanten aus parteipolitischen Positionierungen weitgehend herausgehalten. Diese Kombination aus dem faßbaren Einsatz für die Allgemeinheit und parteipolitischer Enthaltsamkeit spielt vermutlich eine weitaus stärkere Rolle bei dem positiven Abschneiden des DFDR. Hier läßt sich auch eine Kontinuität der sächsischen „Vermittlerrolle“ erkennen (MISKOLCZY: 172).
Aus dem hier zusammengestellten Material läßt sich erkennen, daß die Erfolgschancen des DFDR bei Wahlen in solchen Orten wesentlich größer sind, wo das soziale Engagement des „deutschen Verbundes“ für die Gesamtbevölkerung spürbar ist. Die Ausstrahlung von Johannis ist hier vermutlich eher die Ausnahme, das Gesamtbild des DFDR von größerer Bedeutung.
Im Ergebnis der Wahlen zu Abgeordnetenkammer und Senat vom 28. November 2004 ist die Zurückhaltung der Befragten als realistisch zu bewerten. Der Senatskandidat Wittstock 16 erhielt 5,3% der abgegebenen Stimmen 17 im Kreis Hermannstadt. Deutlich sichtbar wird die Konzentration der Wählerschaft auf den Kreis Hermannstadt im Ergebnis der DFDR-Liste: Stimmten landesweit nur 0,35% (36.166 Stimmen) der Wähler für das DFDR, so waren es im Kreis Hermannstadt 10,7% (22.264 Stimmen). Nahezu ein Drittel der Wählerschaft des Forums ist dort beheimatet.
Anhand einer in der ADZ vom 11. Dezember 2004, S. 3, veröffentlichten Tabelle lassen sich noch weitere Bewegungen erkennen, die für die politische Zukunft des DFDR nicht unbeachtet lassen werden sollten:
Zum einen hat das Forum in fast allen Kreisen zum Teil dramatische Stimmenverluste eingefahren.
Zum anderen ist angesichts der Zahlen fraglich, inwiefern das Forum tatsächlich die rumäniendeutsche Minderheit vertritt. Nur in den Kreisen Hermannstadt und Bacau lassen die Zahlen vermuten 18 , daß die Rumäniendeutschen das DFDR gewählt haben. In allen anderen Kreisen gab es deutlich weniger Stimmen für das Forum, als sich bei der Volkszählung 2002 Personen als Rumäniendeutsche bezeichneten. Im Kreis Sathmar - mit den meisten Gemeinderäten des DFDR - haben höchstens 12,4% der Rumäniendeutschen für das Forum votiert; auch das nur unter der Annahme, alle Stimmen stammten von Rumäniendeutschen.
16 Senatskandidaten kandidieren auf Kreisebene und müssen dort die relative Mehrheit erhalten, um in den Senat einziehen zu können.
17 ADZ: http://www.adz.ro/l041203.htm, Stand 29.12.2004
18 Das Nebeneinander von Wahlergebnissen und zahlenmäßiger Größe der Rumäniendeutschen läßt keinen verbindlichen Rückschluß auf das Wahlverhalten zu.
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Arbeit zitieren:
Joachim Cotaru, 2004, „Johannis-Effekt“, Parteienkorruption und Wohlstandswunsch, München, GRIN Verlag GmbH
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