Inkompetenz der Vermittler zugrunde. Deswegen haben bisher die afrikanischen Empfänger sowohl den Inhalt als auch die Darstellungsmittel kaum aufgenommen. Der Prozess der Gegenstandsrezeption des Kunstwerks kann nur erfolgen, nachdem der Empfänger die literarische Mitteilung wahrgenommen hat. In diesem Sinne werde ich die Rolle der Literatur in der Gesellschaft analysieren. Das dialogische Verhältnis zwischen den deutschen Künstlern und den afrikanischen Lesern in der ganzen
Rezeptionsästhetik bleibt immer noch gestört, weil den Auslandsgermanisten sowohl die Vermittlungskompetenz als auch die Immersion in die Xenologie, das Bad in der fremden Kultur, als auch in die Aufsatz-Kultur fehlen.
Der Empfänger soll das literarische Produkt vor dem Hintergrund seines literarischen und kulturellen Erwartungshorizonts und seiner Lebenserfahrung sowie seiner Weltanschauung rezipieren. Die Grundlegung der >Konstanzer Schule< von Hans R. Jauß (Literaturgeschichte als Provokation, Suhrkamp, Frankfurt am Main, 1970) war auf sieben Thesen gegründet. Insgesamt stellt Jauß die Rolle des Lesers beim literarischen Schaffen dar; diese Funktion aber kann der Rezipient nur erfüllen, wenn der Autor bzw. der Künstler gewisse Bedingungen zur Verfügung gestellt hat. Erstens ist der Prozess der Produktion und Rezeption eines literarischen Werkes nicht konstant. Er verhält sich sowohl bei den zeitgenössischen Rezipienten als auch bei den nachfolgenden Lesern je nach Rezeptionsbedingungen unterschiedlich. Zweitens soll jedes Kunstwerk für die Leser ein Zusammenspiel von Fiktion und Wirklichkeit auf der einen Seite und auf der anderen Seite eine Wechselwirkung zwischen ihrer Lebenserfahrung und ihrem Erwartungshorizont sein. Drittens existiert eine ästhetische Distanz zwischen den sich wandelnden Horizonten früherer und späterer Werke. Der Künstler muss damit rechnen, die Publikumserwartungen regelmäßig unterhalten zu können. Viertens könnten die Einschätzungen und Auswertungen des Erstpublikums von späteren Rezipienten begutachtet und rekonstruiert werden. Fünftens ist der Verlauf der literarischen Evolution unberechenbar. Daher müssen sowohl die Künstler als auch die Literaten ihre Bildung und Weiterbildung stets akribisch und heuristisch aktualisieren. Sechstens sind literarische Reihen aus produktionsästhetischer Perspektive immer heterogen; was dabei konstant bleibt, ist die Syntax: Gattungen, Stilarten, rhetorische Figuren, während variable Faktoren die Semantik ausmachen: Themen, Motive und Bilder. Außer diesen ist nichts homogen. Siebtens ist keine Literaturgeschichte eine literarische Insel außerhalb der allgemeinen gesellschaftlichen Geschichte. In dieser Weise soll die Literatur für die entsprechende Gesellschaft relevant sein. Jeßling und Köhnen (2007: 296) haben diese Leitthesen Jauß‘ im Folgenden weiter erklärt: Jauß hat für seinen Ansatz, dass nun die Mitarbeit des Lesers am Text untersucht wird, einen Paradigmenwechsel proklamiert. Denn es sei der Leser, der prinzipiell erst das Kunstwerk >realisiert<, das heißt es durch seine Arbeit in seinen mannigfachen Aspekten einlöst bzw. zur Geltung bringt. Insofern sei auch die Literaturgeschichtsschreibung so zu konzipieren, dass sie vor allem die Leserreaktion auf Texte beschreibt. Diese sollen im Spiegel ihrer Wirkungsgeschichte dargestellt werden, die sie in unterschiedlichen historischen Epochen entfaltet haben. Erst
im Lauf einer langen Rezeptionsgeschichte - so die Arbeitshypothese der von Jauß begründeten >Konstanzer Schule< - entfaltet ein Text seine Potenziale, und deshalb sollte man sollte man ihn vor allem dadurch bestimmen, wie er gelesen worden ist. Dabei sollen nicht nur wissenschaftliche, sondern ebenso Laienlektüren zu Wort kommenauch sie stehen zu den Texten in einem dialogischen Verhältnis. Die entscheidende Frage, die dabei geklärt werden soll, ist das ganze Phänomen ästhetischer Wahrnehmung und des Erwartungshorizonts afrikanischer Leser/Partner im Prozess der Propagierung und Situierung deutscher Literatur in Afrika. Hier gehe ich auf die Schwierigkeiten ein, die bisher die Germanisten bei ihren Bemühungen um die Hochschulgermanistik in Afrika haben. Meines Erachtens ist insofern die Anwendung der Adressaten-orientierten und kulturkontrastiven Methode der Betrachtung deutscher Literatur in Afrika unerlässlich. Die Gesellschaft für interkulturelle Germanistik (GIG) und seine zahlreichen Mitarbeiter haben unter ihrem Gründer Alois Wierlacher zwar die Problematik der Konzeption und der Praxis der Auslandsgermanistik identifiziert und konsequenterweise entsprechende
wissenschaftliche Debatten, Sammelbände, einzelne Veröffentlichung, Konferenzen, gelehrte Abhandlungen zwischen Wirtschaftsführern, Medienexperten, Politikern und Akademikern gründlich in Gang gesetzt, um anschließend Prolegomena einer neuen Disziplin zu diskutieren. Fraglich aber ist, inwiefern diese theoretischen und ideologischen Schritte durch methodische und praktikable Gründlichkeit untermauert sind. Um mögliche Wege zur Praktikabilität dieser regionalen und Adressatenspezifischen Vermittlung der deutschen Sprache, Literatur und Kultur insbesondere in Afrika bzw. Nigeria zu finden, werde ich zunächst einen aktuellen Lagebericht der Auslandsgermanistik in Nigeria präsentieren.
Im Bereich Literaturwissenschaft zum Beispiel wird bisher der Frage der afrikanisch orientierten Methode der Interpretation deutscher literarischer Texte keine Beachtung geschenkt - oder man hat sich dazu entschieden, dasselbe Grundmuster wie bei der Begegnung mit anderen Kulturen auch in Afrika anzuwenden. Hier werde ich eine Lösung finden, indem ich den Womanismus als geeignete Methode der Interpretation ausgewählter deutscher literarischer Texte in Afrika ausweise. Obwohl dieser ideologisch feministisch orientiert ist, zielt er grundsätzlich auf das holistische Wohl beider Geschlechter ab, und darauf, das Wohl der ganzen Familie zu fördern. In diesem Zusammenhang versuche ich also die deutsche Literatur Afrika- spezifisch zu machen und dadurch ihrer ästhetischen Wahrnehmung und dem angetroffenen Erwartungshorizont bei den Afrikanern einen fruchtbaren Boden zu schaffen.
Literatur und die Gesellschaft. Erwartungs- und Rezeptionshorizont
Die Literatur ist nicht losgelöst von einem sozialen Milieu vorstellbar, und als gesellschaftliche Institution weist die Literatur eine gewisse ästhetische
Milieuzugehörigkeit auf, die unersetzlich ist. Als Teil einer vorgegebenen Kultur bedient sich die Literatur der Schöpfung von Kultur bzw. von Gesellschaft zur Verwirklichung ihrer Ziele. Zeichen, Symbol und Normen sind entsprechende gesellschaftliche Eigenschaften, die sie der Literatur als Medium zur Verfügung gestellt hat. Nach dem die Literatur ihre Kunst geschaffen hat, kann man sie nur im Kontext des Milieus, der Ethnien und der Epoche einer gewissen Gesellschaft interpretieren. Auch die Künstler selbst gehören der Gesellschaft an und tragen durch ihre Arbeit zur ästhetischen Entwicklung dieser Gesellschaft bei. Diese Idee habe ich in: 'Women's Experiences in Selected African Feminist Literary Texts' (Dissertation, 2006), vgl. auch Orjinta(Women in World Religions and Literatures (2007: 85) diskutiert: […]Literature exists only in a social milieu, as part and parcel of a given culture. One could interpret a literary work within the context of race, milieu and moment. Race refers to the human population involved; milieu applies to the socio-political or cultural setting. In a word literature depends on the society.
Darüber hinaus haben René Wellek und Austin Warren bereits früher die These wesentlich weiterentwickelt, dass die Literatur das Leben imitiert. Anders ausgedrückt kann man auch die Theorie vertreten, dass die Literatur die Gesellschaft widerspiegelt. Die Gesellschaft ist allerdings heute so weit globalisiert, dass der gängige Satz : The world is a global village eine gewisse Berechtigung hat. Daher ist heute zumindest theoretisch mit sofortiger Wirkung die weltweite Resonanz und Einprägung eines lokal determinierten ästhetischen Werks zu bemerken. In diesem Zusammenhang gehe ich davon aus, dass die Kunst nicht nur die einheimische Gesellschaft spiegelt, sondern das globale Dorf ausdrückt. Jeder Künstler verfolgt, je nach Begabung, eine gegebene Richtung in diesem Prozess der Spiegelung seiner aktuellen Gesellschaft. Wellek und Waren (1963:79) haben diese Auffassung wie folgt untermauert: Bei der Betrachtung der Beziehung zwischen Literatur und Gesellschaft geht man für gewöhnlich von dem von De Bonald übernommenen Satz aus, dass ,,Literatur ein Ausdruck der Gesellschaft'' sei. Aber was bedeutet dieser Satz? Wenn er annimmt, dass Literatur zu irgendeiner gegebenen Zeit die gesellschaftliche Situation 'richtig' widerspiegelt, so ist er falsch . Er wäre bloß ein vager Gemeinplatz, unklar, bedeutete er nur, dass die Literatur das Leben spiegele oder ausdrücke. Ein Dichter drückt unvermeidlich seine gesamte Lebenserfahrung und Lebensanschauung aus. Doch es wäre ganz offensichtlich unwahr, wollte man behaupten, dass er die Ganzheit des Lebens - oder auch nur das ganze Leben einer gegebenen Zeitvollständig und erschöpfend ausdrücke. Es ist ein bestimmtes Kriterium der Wertung, wenn man sagt , ein Dichter solle das Leben seiner eigenen Zeit vollständig ausdrücken, er solle seine Zeit und seine Gesellschaft 'repräsentieren'[…]. Im größten Teil der soziologischen Literaturkritik scheinen (die Begriffe)zu bedeuten, dass ein Dichter eine bestimmte gesellschaftliche Situation, z.B. den traurigen Zustand des
Proletariats, beachten müsse, oder gar, dass er eine bestimmte Haltung und Ideologie des Kritikers teilen solle.
In dieser Weise spielt der Künstler je nach Gattung und Tendenz die Rolle des Propheten, des Komikers, des Satirikers, des Mahners, des Propagandisten, Bürgerrechtlers, des Kulturaktivisten etc. Weiterhin bemühen sich die Künstler ihre Schöpfung gesellschaftlich relevant und aktuell zu machen, indem sie unterschiedliche Haltungen, Einstellungen und Intensitäten einsetzen und verfechten, wie etwa die Engagierten, die Konservativen, die Radikalen, die Marxisten, die Kapitalisten und die Liberalen. So versteht man die soziologische Methode der Literatur. Also versucht der Künstler, seine Aufgabe so zu verstehen, aus seiner Schöpfung gewisse gesellschaftlichen Fragen zu rekonstruieren, nach dem Geschmack bzw. Erwartungshorizont seines Konsumenten. In Nigeria zum Beispiel hat sich der erste Nobelpreisträger des Landes für Literatur, Wole Soyinka, bemüht, durch sein satirisches Schreiben und durch sein Theater eine bestimmte literarische Gattung zu vertreten. Er engagiert sich als moralisches Gewissen seiner Leute, und durch seine Zivilcourage und seinen zivilen Ungehorsam ist er eine moralische Autorität in einem reichen Land, das tief von Korruption, schlechter Verwaltung und Misswirtschaft geprägt ist. So muss literarisches Schaffen und Hermeneutik für die aktuelle Gesellschaft relevant sein. Wellek und Waren (1963: 86) kommen zu der Überzeugung, dass die Wirkung der Gesellschaft auf den Dichter im Zusammenspiel zwischen Fiktion und Wirklichkeit auch eine Gegenleistung vom Dichter zu erwarten hat:
Der Dichter wird nicht nur durch die Gesellschaft beeinflusst: er beeinflusst sie. Die Kunst gibt nicht nur das Leben wieder, sondern sie formt es auch. Es ist möglich, dass Menschen ihr Leben nach dem Vorbild fiktiver Helden und Heldinnen gestalten.
Die beide Autoren (1963: 87) führen das Argument fort, dass die Literatur die Erlebnisse, Sitten, Lebenserwartungen und Weltanschauungen der gegebenen Gesellschaft abstrahieren solle:
Die innerhalb der Beziehung zwischen Literatur und Gesellschaft bei weitem am häufigsten benützte Methode ist die Untersuchung literarischer Werke als gesellschaftlicher Dokumente, als vermutlicher Gemälde einer gesellschaftlichen Wirklichkeit. Es besteht allerdings kein Zweifel, dass irgendein Gesellschaftsbild von der Literatur abstrahiert werden kann. Dies war sogar eine der ersten Methoden, in der systematische Gelehrte von der Literatur Gebrauch gemacht haben. Thomas Warton, der erste wirkliche englische Literaturhistoriker, führte aus, die Literatur habe ,,das besondere Verdienst, die Merkmale der Zeiten treulich wiederzugeben sowie die malerischste und ausdrucksvollste Darstellung der Sitten zu bewahren. Für ihn und viele seiner gelehrten Nachfolger war die Literatur in erster Linie eine
Arbeit zitieren:
Ikechukwu Aloysius Orjinta, 2011, Die Schwierigkeiten bei der Vermittlung der deutschen Sprache und Literatur in Nigeria bzw. Afrika, München, GRIN Verlag GmbH
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