Inhaltsverzeichnis
Einleitung
Hauptteil
Textinterpretation in der gegenwärtigen geschichtlichen Lage 3
Dichterische und kommunikative Sprache im Spätwerk 4
Erhaben oder lächerlich? 6
Archaisierung und jüdische Mystik 8
Hegel und das Begrenzte als Bedingung der Großheit 11
Der gesellschaftliche Aspekt des Begrenzten als Bedingung der Großheit 15
Suspendierung des Rechts durch die Liebe 16
Die Wiederkunft des Vergessenen 18
Schluss 20
Literaturverzeichnis
1
Einleitung
Georg Lukács schreibt in „Die Seele und die Formen“: „Der Essay spricht immer von etwas bereits Geformtem, oder bestenfalls von etwas schon einmal Dagewesenem, es gehört also zu seinem Wesen, dass er nicht neue Dinge aus einem leeren Nichts heraushebt, sondern bloß solche, die schon irgendwann lebendig waren, aufs neue ordnet.“ 1 Theodor Adorno zitiert diesen Abschnitt zustimmend in seinem die „Noten zur Literatur“ eröffnenden „Der Essay als Form“. Dementsprechend behandelt auch der später im Band folgende Essay „Zur Schlußszene des Faust“ keinen ganz neuen Gedanken, sondern ist eine Verknüpfungsarbeit. 2 Adorno verknüpft die Gedanken anderer, vornehmlich Goethes, Hegels, Mahlers und der jüdischen Mystiker.
Gemäß dem in „Der Essay als Form“ dargestellten Wesen des Essays beleuchtet Adorno diesen Gedanken von verschiedenen Seiten. Die höchst interessanten Beziehungen, die er dabei zu dem von anderen Gedachten knüpft, werden meist lediglich angedeutet, und oft geschieht selbst das nur sehr subtil. Die vorliegende Arbeit soll daher in erster Linie diese Beziehungen nachweisen und erläutern. Dabei soll zum einen die Schlüssigkeit dieser Beziehungen kommentiert werden, zum anderen wird auch versucht werden, Verbindungen zu knüpfen, die Adorno vielleicht gar nicht im Sinn hatte, die der Text aber zu knüpfen ermöglicht.
Alexander Kluge sagte in seiner Rede anlässlich der Verleihung des Adorno-Preises 2009, eines der Hauptthemen Adornos sei die Verschränkung von Inhalt und Form: „Die Form, sagt er, erzeugt die Sache. Und die Sache regiert die Form.“ 3 Das kann man auch an dem hier behandelten Essay „Zur Schlußszene des Faust“ feststellen, beispielsweise an den Stellen, die den Klang eines Wortes im Zusammenhang mit seinem Inhalt reflektieren, oder im Phänomen der Anschaulichkeit einer Idee. Diese beiden Punkte besonders hervorzuheben ist ein Nebenanliegen der Arbeit.
Die Gliederung des Hauptteils orientiert sich an den Absätzen des Adornotextes, die Ausführungen beziehen jedoch - wo es sinnvoll ist - auch Aussagen aus anderen Absätzen mit ein. Dies scheint angebracht, da auch Adornos Abschnitte eher Gedankensprünge als in sich geschlossene Einheiten markieren.
1 Lukács, Georg: Die Seele und die Formen, Berlin 1911, Seite 29, zitiert nach: Adorno, Theodor W.: Noten zur
Literatur, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1974, Seite 9
2 Mein Begriff der „Verknüpfungsarbeit“ ist der Adornopreisrede Alexander Kluges entlehnt. Vgl.:
http://www.kluge-alexander.de/zur-person/reden/2009-adorno-preis.html, 25.03.2010 08:47
3 http://www.kluge-alexander.de/zur-person/reden/2009-adorno-preis.html, 25.03.2010 08:47
2
Hauptteil
Textinterpretation in der gegenwärtigen geschichtlichen Lage
Adorno begründet die Wahl seines Gegenstandes damit, dass in der gegenwärtigen Lage man sich scheue, Metaphysisches zu äußern, weshalb der Gedanke Schutz bei Texten suche. 4 Da der Text von 1961 stammt, ist man versucht, mit der „gegenwärtigen geschichtlichen Lage“ den Mauerbau zu assoziieren. Dies ist jedoch nicht ertragreich, obwohl die Mauer als Begrenzung zunächst ins Themenfeld zu passen scheint. Weiter führt es, die geschichtliche Lage in Hinblick auf die ebenfalls genannten „metaphysischen Intentionen“ zu betrachten. Nur drei Jahre später, 1964, schreibt Adorno in „Jargon der Eigentlichkeit“ über die deutsche Ideologie. Ihren Anhängern wirft er unter anderem vor, dass sie bestimmte Worte mystifizieren und ihnen dadurch mehr Bedeutung beimessen, als sie für sich genommen haben und zwar - und das ist das Entscheidendelosgelöst von den die Worte umgebenden Gedanken. Dies ist der wesentliche Unterschied zur Dialektik: „Philosophische Sprache geht, ihrem Ideal nach, hinaus über das, was sie sagt, vermöge dessen, was sie sagt, im Zuge des Gedankens. Sie transzendiert dialektisch, indem in ihr der Widerspruch von Wahrheit und Gedanken sich seiner selbst bewusst und damit seiner mächtig wird.“ 5 Nicht so in der Sprache des Jargons: „Was die Worte mehr sagen als sie sagen, wird ihnen ein für allemal zugeschanzt, Dialektik abgebrochen; die von Wort und Sache ebenso wie die innersprachliche zwischen den Einzelworten und ihrer Relation.“ 6 Über Goethe sagt Adorno in „Zur Schlußszene des Faust“ er habe nicht „mit der Kommunikation gebrochen und dem reinen Wort eine Autonomie zugemutet“ 7 . Demnach ist Goethes Sprache in dieser Hinsicht für Adorno das Gegenstück zur Sprache des Jargons. Die gegenwärtige „geschichtliche“ Lage, ist für Adorno aber auch eine Lage nach Auschwitz, in der „alles verwehrt [ist], was irgend dem Dasein Sinn zuschriebe“. 8 Metaphysische Gedanken, die dennoch einen Sinn im Dasein suchen, finden deshalb ihren Ort in der Interpretation von Texten. Diese Interpretation proklamiert nicht, was sie in den Texten entdeckt, als Wahrheit. Vielmehr sendet die Wahrheit ein Licht aus, dessen Spur der Gedanke der Interpretation folgt. Hier sei noch einmal an das obige Zitat zur philosophischen Sprache
4 Vgl.: Adorno, Theodor W.: Noten zur Literatur, In: Adorno, Theodor W.: Gesammelte Werke, Band II,
Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1974, Seite 129
5 Adorno, Theodor W.: Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1964,
Seite 13
6 Ebenda, Seite 14
7 Adorno, Theodor W.: Noten zur Literatur, In: Adorno, Theodor W.: Gesammelte Werke, Band II, Frankfurt a.
M. (Suhrkamp) 1974, Seite 130
8 Ebenda, Seite 129
3
aus „Jargon der Eigentlichkeit“ erinnert: „Sie transzendiert dialektisch, indem in ihr der Widerspruch von Wahrheit und Gedanken sich seiner selbst bewusst und damit seiner mächtig wird.“ So auch in der Textinterpretation. Sie macht einen Widerspruch bewusst (zwischen metaphysischem Gedanken und dem Dasein) und hilft dadurch dieses Widerspruchs mächtig zu werden, also ihn wahrzunehmen und mit ihm umzugehen, nicht aber ihn zu lösen.
Adorno schließt diese einleitenden Worte zur Interpretation mit einem Verweis auf Bloch: „Blochs alter Begriff der Symbolintention zielt wohl auf diese Art der Interpretation.“ 9 Hier ist es wieder hilfreich, Adornos spätere Schrift „Jargon der Eigentlichkeit“ hinzuzuziehen: „Schon in der ersten Fassung des Utopiebuchs von Bloch heißt es, die Symbolintentionen, die ihm die Spuren des messianischen Lichts in der verfinsterten Welt sind, seien gerade nicht einfachste Grundverhältnisse und -worte wie ‚der alte Mann, die Mutter und der Tod’“ 10 Er zitiert hier Bloch als Antipoden zu Heidegger, den Jargonschreiber, der das Schlichte und Archaische als das Wahre preise. 11
Dichterische und kommunikative Sprache im Spätwerk
Dichterische Sprache und kommunikative Sprache, „die beiden feindlichen Medien“ 12 , sind zugleich dasselbe Medium: Sprache; niemals richtig voneinander zu trennen. Mit der kommunikativen Sprache geht eine Abnutzung, ein Sprachverfall einher, dem Goethe seine Dichtung abzwingen musste, da es nur eine Sprache gibt. Adorno vergleicht das mit einem Verfall in der Musik: Durch Benutzung von verminderten Septimakkorden in der Salonmusik, bekommen diese einen anderen Klang: „Er [der verminderte Septakkord, Anm. E. W.] war zusammen mit dem Neapolitaner über lange Zeit das stärkste Ausdrucksmittel (beide haben mehrere Strebetöne) für seelische Zustände wie Schmerz, Todesbewusstsein, Sehnsucht und Leid. […] Ab der Romantik - bei allmählich schwindender Symbolkraft, bedingt u. a. durch sehr häufigen Gebrauch - verschob sich dessen Bedeutung und er wurde in erster Linie universales Modulationsmittel.“ 13 Dieser Vergleich legt einen Akzent darauf, dass es auch bei Worten um einen Klang geht, dessen
9 Ebenda, Seite 129
10 Adorno, Theodor W.: Jargon der Eigentlichkeit. Zur deutschen Ideologie, Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1964,
Seite 45
11 Vgl.: Ebenda, Seite 45/46
12 Adorno, Theodor W.: Noten zur Literatur, In: Adorno, Theodor W.: Gesammelte Werke, Band II, Frankfurt a.
M. (Suhrkamp) 1974, Seite 130
13 Amon, Reinhard: Lexikon der Harmonielehre. Nachschlagewerk zur durmolltonalen Harmonik mit
Analysechiffren für Funktionen, Stufen und Jazzakkorde, Wien-München (Doblinger/Metzler) 2005, Seite 317
4
Wahrnehmung sich verändert. Zugleich steht die Salonmusik für eine Kommerzialisierung der Musik, im Zuge derer das Kunstwerk zur Ware wird. 14 Der verminderte Septimakkord spielt in der Maestoso-Einleitung Beethovens 32. Klaviersonate op. 111 in c-moll eine dominierende Rolle. Doch auch darüber hinaus ist es interessant, dass Adorno gerade diese Sonate im Zusammenhang mit Goethes Faust als Beispiel wählt. Denn diese Sonate ist eben diejenige, über die Thomas Mann in seinem Doktor Faustus schreibt. Die Anregungen hierzu erhielt er von Adorno; 15 die Ausführungen Manns ähneln sehr denen, die jener in seinem Essay „Spätstil Beethovens“ machte. 16 In diesem Essay von 1937 vergleicht Adorno das Spätwerk Beethovens mit dem Spätwerk Goethes. Eine Gemeinsamkeit scheint ihm die Rolle der Konventionen in ihren späten Werken zu sein: „Die ist beim alten Goethe, beim alten Stifter bekannt; ebenso wohl aber bei Beethoven als dem vorgeblichen Repräsentanten radikal persönlicher Haltung festzustellen.“ 17 Der Gehalt der Spätwerke entspringe dem Verhältnis von Konvention zu Subjektivität: Im Gedanken an den Tod sprengt die Subjektivität die Konventionen, jedoch nicht, „um sich auszudrücken, sondern um ausdruckslos den Schein der Kunst abzuwerfen“ 18 :
„Vom Tode berührt, gibt die meisterliche Hand die Stoffmassen frei, die sie zuvor formte; die Risse und Sprünge darin, Zeugnis der endlichen Ohnmacht des Ichs vorm Seienden, sind ihr letztes Werk. Darum der Stoffüberschuß im zweiten Faust und in den Wanderjahren, darum die Konventionen, die von Subjektivität nicht mehr durchdrungen und bewältigt, sondern stehen
gelassen sind. Mit dem Ausbruch von Subjektivität splittern sie ab.“ 19
Goethes Spätstil zerstört nicht einfach die Konventionen, die der kommunikative Charakter der Sprache mit sich brachte, sondern trotzt diesen Gehalt ab, indem er „zur Metapher verschlissene Wendungen“ 20 buchstäblich nimmt. „Die Atmosphäre verbessern“ ist so eine Wendung. In Konferenzkommuniqués verwendet ähnelt sie dem Jargon der Eigentlichkeit: „Was Jargon sei und was nicht, darüber entscheidet, ob das Wort in dem Tonfall geschrieben
14 Dahlhaus, Carl; Eggebrecht, Hans Heinrich [Hg.]: Brockhaus Riemann Musiklexikon in zwei Bänden. Zweiter
Band L-Z, Mainz (Schott’s Söhne) 1979, Seite 437
15 Vgl. den Brief von Thomas Mann an Adorno vom 30. Dezember 1945, in: Schoenberg, E. Randol (Hg.):
Apropos Doktor Faustus. Briefwechsel Arnold Schönberg - Thomas Mann 1930-1951, Wien (Czernin Verlag)
2009, Seiten 87/88; sowie Mann, Thomas: Doktor Faustus. Das Leben des deutschen Tonsetzers Adrian
Leverkühn erzählt von einem Freunde. Die Entstehung des Doktor Faustus, Frankfurt a. M. (S. Fischer) 1974,
Seite 711
16 Vgl.: Kaiser Joachim: Beethovens 32 Klaviersonaten und ihre Interpreten, Frankfurt a. M. (S. Fischer) 1976,
Seite 609
17 Adorno, Theodor W.: Gesammelte Schriften 17. Musikalische Schriften IV. Moments musicaux. Impromptus,
Frankfurt a. M. (Suhrkamp) 1982, Seite 14
18 Ebenda, Seite 15
19 Ebenda, Seite 15/16. Auf dieses Bild von Sprengung uns Splittern wird im Absatz über jüdische Mystik noch
einmal eingegangen werden.
20 Adorno, Theodor W.: Noten zur Literatur, In: Adorno, Theodor W.: Gesammelte Werke, Band II, Frankfurt a.
M. (Suhrkamp) 1974, Seite 130
5
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Eva Wißkirchen, 2010, Adornos Essay "Zur Schlußszene des Faust" als Verknüpfungsarbeit, München, GRIN Verlag GmbH
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