- 1 - Vorwort
Ob Szene- oder Kiezdeutsch - Jugendsprache rückt trotz der Sprachforschung in der Öffentlichkeit immer mehr in ein schlechtes Licht. Mit ihr wird ein fortschreitender Sprachverfall assoziiert. Jugendsprache wird als ein abschreckendes Beispiel für den Verfall der deutschen Sprache ohne annähernde sprachwissenschaftliche Betrachtung dargestellt. Vertreter aus Industrie und Wirtschaft beklagen, dass jugendliche Berufsanfänger nachlassende Grammatik- und Rechtschreibkenntnisse aufweisen würden. Lehrer und Dozenten sprechen von einer "Regression der sprachlichen Beherrschung" 1 . Auch in der Politik und Presse scheint die Sprache der Jugend nicht mehr geschätzt, wenn von "Dialogverweigerung" bzw. "Dialogunfähigkeit" 2 gesprochen wird. In Leserbriefen lassen sich Ältere über diesen "Vulgärjargon" 3 aus.
Geht man der Frage nach, welche Ursache dieser Meinungspluralität zugrunde liegt, so kann man sie unter anderem auch in dem Einfluss der Medien finden. Presseberichte und publizierte Sprachkritik wirken sich auf die Meinung der älteren Bevölkerung entschieden aus. Die Presse sprach bereits von einer "analphabetischen Generation" und einem "Bildungsnotstand" in den 60-er Jahren ebenso wie von der "Bedrohung der akademischen Werte des Sprachgebrauchs" 4 . Als ein Musterbeispiel der Einstellung der Presse gegenüber Jugendsprache gilt die vom Spiegel 1984 veröffentlichte Publikation "Deutsch: Ächz, Würg. Eine Industrienation verlernt ihre Sprache".
Folge der Massenmedieneinflüsse sind eine vorschnelle, einseitige Meinungsbildung in der Öffentlichkeit. Sprachliche Veränderungen werden als falsch empfunden und als Fehler, Mängel und Defizite betrachtet. Die Bildungspolitik fordert mehr Grammatikunterricht und Literaturstudium in den Schulen. Sprachwissenschaftler hingegen sehen Jugendsprache als übliche Prozesse des Sprachwandels, denen jede Sprache, sofern Sprachkontakte vorhanden sind, ausgesetzt ist. Die Wissenschaft spricht von einem Variationsspektrum, dem Ensemble subkultureller Sprachstile.
Sprechen Jugendliche in einer anderen Sprache? Kann man diese Sprache erlernen? Und spricht jeder Teenager in der gleichen Jugendsprache? Diese und andere Fragen soll die vorliegende Arbeit erklären. Sie soll einen Überblick über die verschiedenen Erklärungsansätze der Jugendsprache verschaffen sowie wichtige Aspekte und charakteristische Züge jener Sprachvarietät beleuchten.
1 Neuland 2008: 5
2 Neuland 2008: 7
3 Neuland 2008: 7
4 Dittmar & Bahlo 2010: 5
- 2 - 1.Begriff
Die Jugendsprache ist nicht allein die Sprache der Jugend. Versucht man sie zu definieren, stößt man auf eine Problematik, die in der Sprachwissenschaft viel diskutiert wird, jedoch nicht sofort zu beantworten ist. Da Jugendliche verschiedene komplexe sprachliche Register anwenden, ist eine Verallgemeinerung des Begriffes der Jugendsprache beinahe nicht möglich. Jene sprachlichen Register werden in Abhängigkeit von ihrer Umgebung gewechselt. Daraus resultiert das Ergebnis, dass es keine eindeutige charakteristische Sprache der Jugend gibt. Zwar weist sie bestimmte Merkmale auf, doch variieren diese unter gewissen Gesichtspunkten. So etwa in Abhängigkeit der Herkunft, der Gruppenzugehörigkeit oder des Alters des Sprechers. Nicht alle Jugendlichen nehmen sich einer solchen charakteristischen Sprache an. Hierbei sind selbstverständlich auch die interindividuellen, personenbezogenen Differenzen zu erwähnen.
Ein weiteres Problem ergibt sich bei dem Versuch einer Definition: wer gilt als Jugendlicher? Betrachtet man diese Fragestellung aus der Psychologie heraus, so ist die Jugend zwischen der Pubertäts- und Postadoleszensphase, d.h. zwischen etwa 12 und 18 Jahren, einzuordnen. Jugendsprache wird jedoch nicht nur von Menschen diesen Alters verwendet. Es gibt zahlreiche Persönlichkeiten, die gern jünger aussehen würden und sich nicht nur demnach kleiden, sondern eben auch versuchen, sich der Sprache der Jugend anzunehmen, um jünger zu wirken oder jung zu bleiben.
Des Weiteren stellt sich die Frage, ob Jugendsprache allgemein betrachtet eine Abweichung der Standardsprache darstellt und somit den Sondersprachen zuzuordnen ist. Davon ausgehend könnte man meinen, dass "die Eigenart der Sondersprachen" 5 und damit auch der Jugendsprache darauf beruht, dass "zum einen auf dem abweichenden Gebrauch mehr oder minder alltäglicher Wörter, und zum anderen auf der Tatsache, daß sie bisher nicht gekannte Wörter, so genannte Neologismen, kreieren" 6 .
Ausgehend von Ehmanns Theorie über die Sprache der Jugend muss man sich der Charakteristika dieser Sprachform widmen, die in einem späteren Abschnitt näher betrachtet werden.
5 Ehmann 1992: 13
6 Ehmann 1992: 13
- 3 - 2.Einteilung
2.1 nach Susanne Augenstein
Die Jugendsprache wird von Sprachwissenschaftlern unterschiedlich eingeteilt. Susanne Augenstein zufolge lässt sie sich drei Dimensionen zuordnen.
Die räumliche Dimension spiegelt die Herkunft der Sprecher wider. Aufgrund der räumlichen Gegebenheiten weisen die Sprecher spezifische, lokale und regionale Varianten des Sprechens auf. So spricht eine Jugendgruppe aus dem Dorf in einer anderen Sprachvariante als die Jugend aus der Stadt. Auch kann diese Dimension auf eine ganze Region übertragen werden, da sich manche Jugendwörter beispielsweise auch über die Region verbreiten. Da die Sprache der Jugend zugleich eine Gruppensprache darstellt, verleiht die gemeinsame Verwendung jener Sprachform ein gewisses Wir-Gefühl.
Als weitere Dimension sei die soziale Herkunft der Sprecher bzw. auch die Gruppenzugehörigkeit genannt. Sie trägt entschieden zur Herausbildung des sozial bedingten Wir-Gefühls bei. Hierunter seien alle sprachlichen Formen einer Schichtzugehörigkeit zu zählen.
In diese Dimension fallen jedoch auch die nebeneinander existierenden Gruppen hinein, welche ihre eigenen sprachlichen Besonderheiten haben und sich durch sie von anderen Gruppen unterscheiden. So weisen Jugendliche innerhalb der Szenesprachen wie der Hiphop-Sprache einen anderen Wortschatz auf als beispielsweise Gleichaltrige in der Punker-Sprache. Man kann hierbei eine gewisse soziale Organisiertheit der Sprecher in ihrer sozialen Gemeinschaft annehmen.
Die diaphasische Dimension entsteht aus der Notwendigkeit der Bewältigung spezifischer Aufgaben. So zählt Augenstein darunter die Fachsprache oder bestimmte Gesprächsstile, in denen ein eigener Wortschatz Anwendung findet, der nur für diesen spezifischen Bereich von Bedeutung ist. Daher resultiert die Jugendsprache in dieser Dimension aus einer differenzierten, arbeitsteiligen bzw. fachbereichsorientierten Gesellschaft.
- 4 -2.2 nach Helmut Henne
Helmut Henne ordnet Jugendsprache in Abhängigkeit von ihrer Funktion in vier Dimensionen ein.
Die funktionelle Dimension macht sich als Aufgabe, die Funktion der Jugendsprache im Allgemeinen zu verinnerlichen. Jugendliche grenzen sich durch die Verwendung ihrer Sprache von Erwachsenen, aber auch von jüngeren, deutlich ab. Es wird unterschieden zwischen Ihr und Wir oder dem Ich. Das Ihr sei durch die Verwendung der Jugendsprache, beispielsweise gegenüber Erwachsenen, welche den größten Teil dieses Wortschatzes nicht beherrschen, definiert. Die Abgrenzung der eigenen Identität, dem Ich, von anderen Generationen, dem Ihr, soll als eine Funktion der Sprache betrachtet werden. Daneben stellt die Sprachverwendung eine Identifikation mit der Gruppe dar, die das Wir vermittelt. Manche Sprachwissenschaftler bezeichnen dieses Phänomen als den We-Code. Der Jugendton spiegelt sich in der strukturellen Dimension wider. Sie soll die besondere Struktur dieser Sprache einfangen, um sie näher betrachten und verstehen zu können. Darunter führt Henne als Beispiel die Entwicklung von Sprüchen, die (Sprech-)Syntax, Redensart, Wortbildung und den Wortschatz auf.
Den Bezug zur eigentlichen Praxis, der Verwendung der Jugendsprache, findet man in der pragmatischen Dimension. Sie zeichnet die "kommunikative Wirklichkeit dieser Gruppensprache" 7 nach. Hierunter sei die kommunikative Beziehung innerhalb der Gruppe unter den Sprechern verstanden. Sie tauschen sich in ihrem Jargon über ihre Befindlichkeit und Gefühlslage aus. Auch Musik und bestimmte Reizobjekte werden häufig in Jugendgesprächen vorgefunden. Die Verwendung der Jugendsprache dabei kann eine Erleichterung sein, in dem der Sprecher eventuell weniger Worte verwenden muss und dadurch schneller das Ziel erreicht, dem Gegenüber etwas bestimmtes mitzuteilen. Die Aufgabe der Sprachkritik soll die Kennzeichnung dieser Gruppensprache sein, "auch im Sinne einer Außensicht" 8 . Sie wird von Henne in die "Dimension der inneren Mehrsprachigkeit" 9 eingeordnet und soll die Spielart (Varietät) des Deutschen und deren
7 Henne 1986: 214
8 Henne 1986: 214
9 Henne 1986: 214
Arbeit zitieren:
Christopher Kilian, 2010, Überblick über Erklärungsansätze der Jugendsprache und Betrachtung ihrer Funktion, München, GRIN Verlag GmbH
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