INHALTSVERZEICHNIS Seite
A. EINLEITUNG 4-5
B. DIE FRÜHE MALEREI TATLINS 5-6
1. FARBE, FAKTUR UND FORM DER FRÜHEN
BILDER 6
C. TATLINS MALEREI NACH 1910 7-16
1. STILLLEBEN UND AKTE NACH 1910 9-13
2. THEATERARBEITEN UND BUCHILLUSTRATIONEN
1911-1913 14
3. DIE ALLMÄHLICHE HERAUSBILDUNG EINES
EIGENEN STILS 15-16
D. DIE BILD- UND DIE KONTERRELIEFS 16-21
1. THEATERARBEITEN ZUR ZEIT DER BILD- UND
KONTERRELIEFS 1913/14 19
2. DIE KOMBINATIONEN HÖHEREN TYPS-
KONTERRELIEFS 20-21
E. DIE ARBEITEN TATLINS NACH 1917 21-23
F. TATLIN - DER KÜNSTLER DER MATERIALKULTUR 24-28
1. DER TURM DER III. INTERNATIONALE 25-27
2. KLEIDERENTWÜRFE 27
3. DER LETATLIN 27-28
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G. TATLINS SCHAFFEN NACH 1932 29-32
1. THEATERARBEIT NACH 1932 29-32
H. DAS SPÄTWERK TATLINS IN DER MALEREI UND
IN DEN ZEICHNUNGEN 33-34
I. SCHLUSSBETRACHTUNG 35-36
J. BENUTZTE LITERATUR 37-38
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A. EINLEITUNG
Tatlins Œuvre kann man grob in fünf verschiedene Werkphasen unterteilen:
1. Die erste Schaffensperiode Tatlins weist eine gegenständliche Malweise auf und sein Debüt als Bühnen- und Kostümbildner beim Theater.
2. Danach folgt eine Phase, die durch Abstraktion gekennzeichnet ist, wobei die Werke zwischen Malerei und Bildhauerei einzuordnen sind.
3. In der dritten Werkphase beschäftigte sich Tatlin mit der Architektur, wobei nicht die traditionelle Architektur für ihn im Vordergrund stand, sondern das künstlerische Moment vor der Architektur im utilitaristischen Umfeld Vorrang hatte. 4. Die vierte Schaffensperiode Tatlins ist durch industrielle Formgestaltung gekennzeichnet.
In allen Schaffensperioden, außer in der fünften, war Tatlin auch ein Erneuerer der Kunst; er suchte ständig nach neuen Formen der Kunst. Er beschäftigte sich neben Farbstudien, Materialstudien auch mit der Ornithologie und dem Traum des Menschen zu fliegen. Der „Letatlin“ bildet den Abschluss in dieser Phase. 5. Im Spätwerk wandte er sich wieder der traditionellen gegenständlichen Malerei zu, wie in der ganz frühen Werkphase; die Farbpalette des Künstlers, die Expressivität seiner Bilder und die Pinselführung spiegeln jedoch eine Veränderung wieder. Parallel zur Entwicklung der Malerei und den folgenden Werken, ist die Handschrift Tatlins auch in seinen Theaterarbeiten zu finden. Farbe, Faktur und Material, Linie und Formgestaltung haben in den Werken besonderen Stellenwert und tragen zur Ausbildung seiner Handschrift bei. Die politisch-ideologische Gesinnung Tatlins spielte in seinen Werken eine besondere Rolle. Unter diesem Aspekt prägte er neue künstlerische Formen und Ideen bis zu der Zeit, in der sich die Malweise wieder der Gegenständlichkeit zuwandte, ohne dass er sich mit den neuen Kunsttheorien des „Sozialistischen
4
Realismus“ auseinandersetzte, geschweige denn, sich von den Dogmen der pseudorealistischen Richtung beeinflussen ließ.
B. DIE FRÜHE MALEREI TATLINS
Zunächst spielte in Tatlins Werken die traditionelle altrussische Malerei, die Ikonenmalerei, eine Rolle. Als Ikonenmaler arbeitete er in privaten Ateliers. 1 Neben dieser für Russland typischen Kunstgattung, war er ein ausgezeichneter Banduraspieler, der seine Instrumente selber baute, sowie ein Kenner der volkstümlichen Volksbilderbögen. Auch wurde sein Malstil vom französischen Impressionismus beeinflusst, besonders im Zusammenhang mit der sich fruchtbar auswirkenden Zusammenarbeit mit Larionow. Seine frühen Stillleben mit Blumen, Vasen und Gartenlandschaften mit Bäumen sind vom Impressionismus und vom Malstil Larionows geprägt worden. Die Farbpalette weist kräftige Farben auf. Sattes Grün der Bäume, z.B. im "Sommer" ( von kurz vor 1910 ), findet man neben leuchtendem strahlendem Blau des Himmels; helle Farben neben dunklen. Der pastose dicke Pinselstrich in "Nelken" (von 1908), sowie die Sujets finden sich auch im Impressionismus wieder. Tatlins Freund Larionow malte in impressionistischer, später in neoimpressionistischer Weise; aus dieser Quelle schöpften die ersten Werke Tatlins. Ebenso sind Einflüsse des "Neo-Primitivismus", des Kubismus und Cezannes festzustellen.
1 „Nachdem ich mir als Schiffsjunge etwas Geld verdient hatte, begab ich mich nach Moskau, wo es mir gelang, mit jungen Künstlern bekannt zu werden, mit denen ich mich befreundete. …und ich begann zusammen mit ihnen Ikonen zu malen." ZGALI, Manuskript, 21 Blätter,(1953), Schriften von Tatlin, in: Tatlin, Hrsg. Shadowa, Larissa Alexejewna, S.346
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1. FARBE, FAKTUR UND FORM DER FRÜHEN BILDER Larionow und auch sein Freund Tatlin verknüpften die Stilelemente der postimpressionistischen Malerei mit dem russischen Impressionismus. Im Bild "Nelken" ( von 1908 ) bediente sich Tatlin neben dem zufälligen Bildausschnitt eines veränderten Farbaufbaus. Die Farbflächen sind größer als in impressionistischen Bildern und pastos gemalt; Lichtreflexe sind als große Flecken dargestellt. Die Art des Farbauftrags bezeichnete Punin als ein "Wiederaufleben der alten Maltradition". Die sogenannte "Korpusfarbe", die Tatlin in diesem Bild verwandte, war ein Begriff der altrussischen Malerei, der eine mit Deckweiß gemischte, nicht transparente Farbe bezeichnete.
Der einheitliche Ton, das Fehlen der Lasur, sowie die rohe Farboberflächenbehandlung stehen hier in der Tradition der altrussischen "Korpusmalerei". 2 Durch das halb geöffnete Fenster in „Nelken" ist das Interieur mit der Welt außerhalb des Raumes verbunden. Auch dies steht in der Tradition des russischen Impressionismus. 3 Schnelle entschlossene Pinselstriche und die Faktur erinnern an eine Van-Goghsche Malweise. Auch die anderen Werke Tatlins aus dieser Zeit, z.B."Dämmerung", "Sommer"u.a., zeugen von dem Einfluss Larionows, der Impressionisten, sowie z.T. der Malweise der Peredwishnikis. Auffallend sind die starken Konturen und Umrisse in "Nelken" und im „Männerportrait ", sowie die flächige, pastose Malweise, die starke Kontrastwirkung der Farben im Bild "Sommer" und das Genre der Naturbilder, Stillleben, mit Ausnahme des "Männerportraits " von 1908.
2 Punin, Nikolai Nikolajewitsch, Tatlin ( Gegen den Kubismus ), Izdanie Otdela, IZO, Petrograd 1921, in: Tatlin, Hrsg. Shadowa L.A., S. 416
3 Sarabjanow, Dmitri Wladimirowitsch, Die Malerei Tatlins, in: Tatlin, Hrsg. Shadowa, L.A., S.53
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C. TATLINS MALEREI NACH 1910
Ab 1910 vollzog sich in der Malweise eine Veränderung. Die Vielfalt der Einflüsse verdichtete sich in einer Reihe von Aquarellen, die bereits von der Themenwahl auffällig sind: Das Seemannsleben in diversen Situationen. Die Farbenskala beim "Der Verkäufer von Seemannsuniformen" ( von 1910 ) ist nicht so reichhaltig wie die der Bilder, die in der postimpressionistischen Tradition stehen. Der Farbauftrag ist nicht mehr pastos, sondern flächiger und transparenter. Dunkle Blau-Töne und Orange werden durch schwarze starke Konturen eingegrenzt und zu Flächen geordnet. Die Menschen werden in epischer Weise dargestellt. Das Bild enthält kein Zufälligkeitsmoment, sondern einen konstruktiv durchdachten Aufbau mit epischem Charakter. Die Linienführung wird einer Geometrie unterzogen; die gebogene Linienführung wird typisch für spätere Werke Tatlins (Kaimauerrand und Figuren). 4 Diese Entwicklung zur Abstraktion, Geometrie mit dynamischer Linienführung findet man in Bildern und Illustrationen im zweiten Jahrzehnt dieses Jahrhunderts bei Tatlin; z.B. in "Seemannsuniformen " ( von 1910 ), "Fischverkauf " ( von kurz nach 1910 ),"Angler" ( von kurz nach 1910 ) und "Fischverkäufer " ( von 1911 ). Auf dem Bild "Seemannsuniformen" ( kurz nach 1910 ) werden die Gegenstände und die Figur durch einen schwungvollen Rhythmus zu einer Kreisform zusammengeschlossen. Beim "Matrosen" ( von 1911 ) ist ebenso eine Kreiskomposition erkennbar, wobei der Kopf der großen Matrosenfigur das Zentrum des Werkes bildet, um das sich die Linienführung erstreckt. Beim "Akt" ( von 1913 ) wird diese Linienführung fortgesetzt. Bei allen drei obengenannten Werken ist die Körperhaltung der dargestellten Person auffällig. Die Köpfe sind jeweils zur Seite gewandt; die Körperdrehung ist der Kopfhaltung entgegengesetzt. Die Konturen sind stark und dynamisch gezeichnet. Die Kreiskomposition findet man bereits in der altrussischen Ikonenmalerei des 15.
4 Strigaljow, Anatoli Anatolewitsch, Von der Malerei zur Materialkonstruktion, in: Tatlin, Hrsg. Shadowa L.A., S.25
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Jahrhunderts. 5 Beim " Fischverkäufer " ( von 1911 ) ist der Bildaufbau besonders durch eine geometrische Formengestaltung sowie durch den Gebrauch von Rottönen neben dem Gebrauch von reinem Weiß auffällig. Hier wandte Tatlin statt des kubistischen Zersplitterungsprinzips gespannte dynamische Linien als Grundlage der Formgebung und des räumlichen Aufbaus an. Der Eindruck einer Ellipsenform entsteht durch die Linie, die der Fisch auf dem gebogenen Tisch, der Einkäufer mit der Tasche, der Fisch, den der Fischverkäufer in der Hand hält und die schwarz-violetten Linien bilden. Der Fischverkäufer an sich bildet durch seine leicht nach vorn gebückte Haltung ein Kompositionselement, das einerseits durch die schwarze Linie des linken Arms die Bogenform des Tisches fortsetzt, andererseits in die große Kreisform hineinragt. Durch eine dicke schwarze Linie mit violettem Rand werden der Fischeinkäufer mit der Tasche und der Fisch des Verkäufers verbunden. Die schwarz-violette Linienführung wird am Rücken des Einkäufers fortgesetzt und erscheint am rechten oberen Bildrand erneut.
Führte man die Linie gedanklich weiter, würde sie mit der Linie der linken Schulter des Fischverkäufers und mit dem angewinkelten Arm fortgesetzt. Der gebogene Tischrand und die Kontur des Fisches und der Schwanzflosse führen die Linie weiter ins Zentrum des Bildes. Die Kontur des Hutes, die Wangenpartie und die Nasenlinie führen die Linie ins Zentrum des Bildes: das Auge. Insgesamt könnte man hier von einer sowohl ellipsenförmigen, als auch von einer spiralförmigen Komposition sprechen, die öfter durch verschiedene, die Linie kreuzende, Elemente unterbrochen wird. Auffallende, die Linienführung kreuzende, Elemente bilden: ein dicker schwarzer gebogener Strich am oberen Bildrand (1); die Hand des Fischverkäufers und die Hutkrempe (2,3). Insgesamt zeigt der rhythmische Bildaufbau das Interesse Tatlins am Bildaufbau altrussischer Kompositionen und Ikonen. Dieser rhythmische Aufbau wird später in seiner Theaterarbeit und anderen räumlichen Konstruktionen fortgeführt und weiterentwickelt.
5 vgl. Gray, Camilla, Die russische Avantgarde der modernen Kunst, 1863 - 1922, Abb.120
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Arbeit zitieren:
M.A. Anna Boszko, 1990, Entwicklung und Bruch - Wladimir Tatlin (1885 - 1953), München, GRIN Verlag GmbH
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