2
Inhaltsverzeichnis.................................................................................................................................2
I. Einleitung. 3
II. Félix Vallotton und die Romantik? 4
1. Vallotton - Ein Künstler mit differenziertem Œuvre. 4
1.1 Eigenwilliger Charakter. 4
1.2 Druckgraphisches Werk. 5
1.3 Malerei. 7
2. Vallottons Verhältnis zur Deutschen Romantik. 9
2.1 Einführung mit Hilfe Werner Buschs Aufsatz „Hodler und die Romantik“ 9
2.2 Widersprüche: Abwehrhaltung - Gemeinsame Ansätze, Themen und Motive. 13
2.3 Vallotton und C.D. Friedrich im direkten Bildvergleich: Idylle, Sehnsucht, Rückenfigur. 17
2.3.1 Landschaften. 17
2.3.2 „Hautes Alpes, glaciers et pics neigeux“(1919) - „Das Eismeer“(1823/24) 19
2.3.3 „Le beau soir“(1892) - „Abendlandschaft mit zwei Männern“(1830-35) 21
2.3.4 „Marée montante, Houlgate“(1913) - „Der Wanderer über dem Nebelmeer“(1818)
„Der Mönch am Meer“(1809/10) 22
III. Schluss. 24
Literaturverzeichnis. 25
Anhang 27
3
I. Einleitung
Félix Vallotton gehört zu den Künstlern, die ein so differenziertes Gesamtwerk hervorgebracht haben, dass es unmöglich ist, ihn in eine Schublade der Kunstgeschichte zu verbannen. Sein „Œuvre umfasst über 1700 Gemälde, etwa 240 druckgrafische Arbeiten, 6 Kleinplastiken sowie einige Entwürfe für Anzeigen, Vignetten und verschiedene Objekte wie Lampenschirme oder Spielkarten.“ 1 Daneben war er als Autor tätig, verfasste Theaterstücke, Romane, Kunstkritiken, Ausstellungsberichte und Nachrufe. 2 Abgesehen von den Strömungen, die ihn während seines Lebens (1865-1925) umgeben und geprägt haben (Impressionismus, Pointillismus, Symbolismus, Jugendstil, die „Nabis“, Cloisonnismus, usw.) 3 , könnte auch die Romantik eine Inspiration für ihn gewesen sein. Inwiefern er mit dieser Epoche der Kunstgeschichte zu vereinbaren ist, untersucht die vorliegende Arbeit. Zuerst wird Vallotton als Künstlerpersönlichkeit gefasst, d.h. sein Charakter und sein vielgestaltiges Werk. Anschließend steht die Frage nach seinem Verhältnis zur Deutschen Romantik im Fokus der Arbeit. Als Einführung dient hier der Aufsatz „Hodler und die Romantik“ von Werner Busch, wovon ausgehend auch Beziehungen zwischen Vallotton und Hodler angedeutet werden. Danach wird die Themenfrage konkretisiert: Wie stemmt sich Vallotton gegen die Romantik und was hat sein Werk mit der Romantischen Kunst gemeinsam, welche Ansätze, Themen und Motive? Um die aufgezeigten Theorien zu verdeutlichen, folgt ein direkter Bildvergleich des Lausanners mit Caspar David Friedrich - dem Inbegriff des deutschen, Romantischen Künstlers.
Die Romantik (mit Caspar David Friedrich) ist mittlerweile gut erforscht und hier ist reichlich Literatur vorhanden. Bei Félix Vallotton ist bisher in etlichen Bereichen wenig wissenschaftliche Forschung betrieben worden. Dass der Künstler überhaupt aus der Vergessenheit geholt wurde, ist wohl Rudolf Koella zu verdanken, der sich im Zuge seiner Dissertation seit 1969/70 intensiv mit dem Leben und Werk Vallottons auseinandergesetzt hat und dessen Texte in sämtlichen Ausstellungskatalogen zu finden sind. Erst die Kataloge zu den Ausstellungen in Bietigheim-Bissingen (2003), Winterthur (2007/08) und Hamburg (2008) weisen noch ausführlichere Beobachtungen auf, die der vorliegenden Arbeit als Stütze dienen konnten.
1 Krämer, Felix: Félix Vallotton. Leuchtendes Schwarz. In: Krämer, Felix und Gaßner, Hubertus (Hrsg.): Félix Vallotton - Idylle am Abgrund. Grafik. (Ausst.-Kat. Hubertus-Wald-Forum in der Hamburger Kunsthalle, 2008). Zürich 2008. S.7-46. Hier: S.7.
2 Vgl. Schultze, Jürgen (u.a.): Félix Vallotton. Das druckgraphische Werk. (Ausst.-Kat. Kunsthalle Bremen, 1981). Bremen 1981. S.12f.
3 Vgl. ebd. S.13f.
4
II. Félix Vallotton und die Romantik?
1. Vallotton - Ein Künstler mit differenziertem Œuvre
1.1 Eigenwilliger Charakter
Ohne zu weit in Biographisches ab zu driften, seien an dieser Stelle doch einige prägende Situationen im Leben von Félix Vallotton erwähnt, die Einfluss auf seinen Charakter und damit zwangsweise auch auf sein Schaffen hatten. Zwar geboren in Lausanne (Schweiz), verbrachte er den Großteil seines Lebens aber in Paris. 4 1900 erwarb er die französische Staatsbürgerschaft. 5 Das weist auf den grundlegenden Konflikt hin, dem Vallotton ausgesetzt war: Gehörte er in die Schweiz oder nach Frankreich? Eine Identitätsfrage, die den Künstler im Innersten zerrissen haben muss. 1892 trat Vallotton der Künstlergruppe der „Nabis“ bei, doch blieb er, wie für ihn typisch, auf Abstand: „Man nannte ihn 'le nabi étranger', wobei die zweifache Bedeutung des Wortes - 'fremd' und 'seltsam' - seine Eigenart charakterisierte.“ 6 Sein Leben war geprägt von finanziellen Schwierigkeiten, die sich mit zunehmendem Ruhm immer weiter verflüchtigten und durch die Heirat mit der vermögenden Gabrielle Rodrigues-Henriques 1899 schlagartig zu Ende waren. 7 Zugleich barg die „Mitgliedschaft“ in der Bourgeoisie Potenzial für einen weiteren inneren Konflikt in sich. Vallotton scheint ein sehr zurückgezogener, ruhiger, schüchterner Mensch gewesen zu sein, der sich nun in einem Milieu der Gesellschaft wiederfand, das er zuvor in seinen Werken karikiert hatte und in dem er sich nicht wohl fühlte: „Das Leben, das ich lebe, ist buchstäblich das Gegenteil dessen, was ich mir erträumte. Ich liebe die Zurückgezogenheit, die Stille, die ausgereiften Gedanken und das vernünftige Tun - und da schlage ich mich herum in Umtrieb, albernem Geschwätz und eitlem Getue.“ 8 Einen wichtigen Einschnitt bildet außerdem der Erste Weltkrieg. Vallotton meldete sich freiwillig zum Kriegsdienst, doch wurde er aufgrund seines Alters abgelehnt. „Diese Zurückweisung traf ihn sehr, machte sie ihn doch zum Außenstehenden, der seiner Wahlheimat weder als Soldat dienen konnte noch durch seine Kunst, die ihm angesichts des Krieges irrelevant erschien.“ 9 „Die Kriegszeit machte den Maler depressiv und gesundheitlich anfällig“ 10 , doch waren das nicht die einzigen Konsequenzen. Der Kunstmarkt erfuhr einen starken Bruch und Vallotton konnte kaum noch Verkäufe verzeichnen. 11 „Als er einige bissige Karikaturen
4 Vgl. Becker, Christoph u. Schädler, Linda: Félix Vallotton. Idylle am Abgrund. (Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, 2007; Hubertus-Wald-Forum in der Hamburger Kunsthalle, 2008). Zürich 2007. S.9.
5 Vgl. ebd. S.14.
6 Schultze: Félix Vallotton. Das druckgraphische Werk. S.14.
7 Vgl. Becker: Félix Vallotton. Idylle am Abgrund. S.10-14.
8 Tagebucheintrag vom 14.01.1918. Félix Vallotton zitiert nach ebd. S.18.
9 Schenk-Weininger, Isabell: C'est la guerre! Ist das der Krieg? Zu Félix Vallottons Auseinandersetzung mit dem Ersten Weltkrieg. In: Eichhorn, Heribert (u.a.): Félix Vallotton. Maler und Grafiker im Paris der Jahrhundertwende. (Ausst.-Kat. Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen, 2003). Ostfildern-Ruit 2003. S.104-119. Hier: S.104.
10 Becker: Félix Vallotton. Idylle am Abgrund. S.17.
11 Vgl. ebd.
5
schuf, in denen er die Deutschen als Barbaren darstellte […], verebbte die Sympathie für den Künstler schnell.“ 12 Im November 1916 beschlossen der Kriegs- und der Kultusminister Frankreichs ausgewählte Künstler an die Front zu schicken, um die Geschehnisse festzuhalten, darunter war auch Vallotton. Und so konnte er im Juni 1917 mit zwei weiteren Künstlern die Front in der Champagne besuchen. 13 Den Krieg aus nächster Nähe zu erleben, hat ihn sicher tief berührt. Nach Ende des Krieges liefen die Geschäfte zwar wieder besser, doch verschlechterte sich Vallottons Gesundheitszustand immer mehr - er war an Krebs erkrankt und starb am 29. Dezember 1925 an den Folgen einer Operation. 14 „Sympathisch war Félix Vallotton nicht. Als reserviert und zugeknöpft beschrieben ihn seine Freunde und Kollegen. Ein Eigenbrötler, der sich häufig verächtlich über seine Mitmenschen äußerte, der sein selbst gewähltes Schicksal bedauerte und stets um Kontrolle bemüht war. Alles Unerwartete störte. Immer tadellos gekleidet, immer unauffällig.“ 15 Hier sei noch eine sehr richtige Bemerkung Günter Buschs über Vallotton angeführt: „Der Betrachter seines Werkes könnte versucht sein, die sehr sonderbare Kunst dieses Mannes aus den beunruhigenden Widersprüchen seiner komplizierten Psychologie zu erklären […]. So wenig das künstlerische Werk eines Besonderen von den äußerlichen Besonderheiten oder Absonderlichkeiten seiner Person und seines Lebensganges zu trennen ist, so sehr lebt es in Wahrheit zugleich nach eigenen Rhythmen und eigenen Gesetzen“ 16 .
1.2 Druckgraphisches Werk
Schon im Jugendalter hatte Vallotton die Technik des Radierens erlernt, sie jedoch erst in den 1880ern ernsthaft betrieben, angeregt durch den Freund und Künstler Félix Jasinski. 17 Zu dieser Zeit beschäftigte sich Vallotton aufmerksam mit alten Meistern und fertigte Kopien nach ihren Werken, wobei „ihn jeweils diejenigen Meister besonders [interessierten], bei denen er die graphischen Werte einer klar konturierenden Linie und die Struktur der Fläche studieren konnte: Holbein, Ingres oder Dürer“ 18 . Nur bis 1893 radierte Vallotton, dann wendet er sich dem Holzschnitt zu, den er 1891 für sich entdeckt hatte. 19 Seit Ende des 16. Jhs. war diese Technik fast völlig vergessen gewesen und Ende des 19. Jhs. von u.a. Charles Maurin wiederentdeckt worden, der mit Vallotton befreundet war und so sein Lehrmeister in der neuen, alten Technik wurde. Vallotton war stark von Gauguin und Rousseau beeindruckt, was zu einem Primitivismus, d.h. einer vereinfachten Darstellung, in seinem eigenen Werk führte und wurde, wie viele seiner Zeitgenossen, vom japanischen Holzschnitt
12 Ebd.
13 Vgl. Schenk-Weininger: C'est la guerre! S.111.
14 Vgl. Becker: Félix Vallotton. Idylle am Abgrund. S.18.
15 Krämer: Félix Vallotton. Leuchtendes Schwarz. S.7.
16 N.N.: Félix Vallotton. Gemälde und Zeichnungen. (Ausst.-Kat. Galerie Nathan Zürich, 1975). Zürich 1975. S.7.
17 Vgl. Koella, Rudolf: Vom Bild zur Grafik, von der Grafik zum Bild. Wechselwirkungen im Schaffen von Félix Vallotton. In: Eichhorn, Heribert (u.a.): Félix Vallotton. Maler und Grafiker im Paris der Jahrhundertwende. (Ausst.-Kat. Städtische Galerie Bietigheim-Bissingen, 2003). Ostfildern-Ruit 2003. S.18-53. Hier: S.21f.
18 Schultze: Félix Vallotton. Das druckgraphische Werk. S.11.
19 Vgl. ebd. S.12.
6
beeinflusst. Auf diese Weise hielten formale Eigenheiten wie sehr schmale Bildformate, breite schwarze Konturen und die dekorative Art der Stilisierung von Natur und Umwelt Einzug in seine Holzschnitte. 20 „Die Bedeutung der fließenden Linie, der Umgang mit Tiefenräumlichkeit und der Einsatz der leeren Fläche sind genauso wie Vallottons Bemühen um eine Konzentration der Erscheinung auf die wesentliche Form durch dieses Vorbild inspiriert.“ 21 1892 konnte Vallotton erstmals seine Holzschnitte ausstellen und diese Ausstellung erweckte große Begeisterung vor allem bei den Symbolisten. Literaten, Redakteure, Verleger und Graphikhändler kauften seine Blätter und vermittelten ihm Aufträge für Illustrationen und Werbegraphik. Im Zuge dessen griff er auch auf die Techniken der Lithographie und Zinkographie zurück, da hier größere Auflagen möglich waren. 22 Vallotton hat im druckgraphischen Werk oft zyklisch gearbeitet. So entstanden von 1892-1916 Graphik-Reihen zu Themen wie „Berge der Schweiz“, „Ansichten von Paris“ und die Zyklen „Immortels passés, présents ou futurs“ (Karikaturen von Künstlern), „Paris intense“, „Les petites baigneuses“, „Portraits choisis“ (Bildnisse skandalträchtiger Personen), „Instruments de musique“, „Intimités“ (Thema: Beieinandersein von Frau und Mann), „Crimes et châtiments“ (Gesellschaftskritik), „Exposition universelle“ (Thema: Weltausstellung) und „C'est la guerre“ (Thema: Erster Weltkrieg) 23 . Die Themen (auch außerhalb der Zyklen) umfassen Alltagsszenen aus dem Leben (in Paris), Landschaften, Porträts und einschneidende Ereignisse wie die Weltausstellung und den Ersten Weltkrieg. Oft findet sich in den Blättern Gesellschaftskritik, Kritik an den vorherrschenden politischen und gesellschaftlichen Umständen, eingefasst in Sarkasmus und Ironie. Stilistische Merkmale, die für Vallotton als typisch gelten können sind folgende: Jedes Blatt ist eingerahmt von einer dicken Kontur, wie auch die Figuren stark schwarz eingefasst sind. In der linken unteren Ecke ist der Bildtitel eingefügt, in der rechten unteren die Initialen des Künstlers. Es weist eine klare Komposition auf, die Szene ist von allen Bildrändern angeschnitten, zeigt einen Ausschnitt. Die Graphiken sind geprägt von einem starken Hell-Dunkel-Kontrast und von der Verteilung der hellen bzw. dunklen Flächen - Die Darstellung befindet sich stets in Höchstspannung zwischen Weiß und Schwarz, zwischen Leere und Ballung. In späteren Blättern nehmen die Details in der Darstellung ab, das Weiß bzw. Schwarz bildet größere zusammenhängende Flächen, die Darstellungen werden abstrakter, geringste Formen und Linien bedeuten viel oder wie Julius Meier-Gräfe schon 1898 schrieb: Vallotton verwendet „Den knappsten Ausdruck für den größten Inhalt“ 24 .
20 Vgl. Koella: Vom Bild zur Grafik, von der Grafik zum Bild. S.24-27.
21 Krämer: Félix Vallotton. Leuchtendes Schwarz. S.8.
22 Vgl. Koella: Vom Bild zur Grafik, von der Grafik zum Bild. S.30f.
23 Vgl. ebd. Katalog der ausgestellten Werke. S.31-143.
24 Meier-Gräfe, Julius: Im Anfang war die Linie. (Aufsatz von 1898), vollständiger Wiederabdruck in: Krämer, Felix und Gaßner, Hubertus (Hrsg.): Félix Vallotton. Idylle am Abgrund. Grafik. (Ausst.-Kat. Hubertus-Wald-Forum in der Hamburger Kunsthalle, 2008). Zürich 2008. S.59-82. Hier: S.68.
7
Das druckgraphische Werk konzentriert sich auf die 1890er Jahre. Im Werkverzeichnis stehen 237 Druckgraphiken: U.a. 141 Holzschnitte, von denen 123 in der Zeit von 1891-98 entstanden sind, 54 Lithographien (1891-1901) und 37 Radierungen (seit 1887) 25 . „Daß er auch Bilder malte, war damals nur wenigen Freunden bekannt. Und auch für ihn selbst ist in dieser Zeit [...] die Druckgraphik, vor allem der Holzschnitt, das wichtigste Arbeitsgebiet. […] Das malerische Werk […] wurde erst danach bekannt, aber auch erst danach ausgebildet, getragen und geprägt durch grundlegende Erkenntnisse, die der Künstler als Graphiker gemacht hatte.“ 26 Laut Koella vollzieht sich 1901 ein Bruch in Vallottons Werk, die Druckgraphik nimmt ab und der Künstler legt den Fokus auf seine Malerei. 27
1.3 Malerei
Sozusagen geleitet von einem Wegbereiter der Moderne - Paul Gauguin - „strebten die Postimpressionisten nach einer klar konturierten, flächig-dekorativen Gestaltungsweise, die, anknüpfend an archaische Kunstformen, dem Bild zu einer elementaren, symbolgeladenen Ausdruckskraft zurückverhelfen sollte.“ 28 Ein Schüler von Gauguin, Paul Sérusier, sollte bald die treibende Kraft hinsichtlich der Gründung der „Les Nabis“ werden, denen Vallotton 1892 beitrat. 29 Doch die Nabis waren keine Künstlergruppe mit fester Ordnung und stilistischer Einheit, im Gegenteil, hier waren Künstler mit verschiedensten Ansichten und Ausdrucksweisen in großer Offenheit vereint, sodass nicht ganz klar ist, wer als Mitglied gezählt werden kann. Sicher ist, dass Sérusier, Bonnard, Denis, Ibels, Ranson, Vuillard, Roussel, Verkade, Lacombe, Vallotton, Rippl-Rónai und Maillol (für eine bestimmte Zeit) Nabis waren. 30 Denis' Aussage von 1890: „Sich ins Gedächtnis rufen: ein Bild ist - bevor es ein Schlachtpferd, eine nackte Frau oder irgendeine Anekdote darstellt - vor allen Dingen eine plane Fläche, die in einer bestimmten Ordnung mit Farben bedeckt ist“ 31 macht die Forderung der Gruppe nach Rücktritt des Bildgegenstandes hinter die Bildmittel Fläche und Farbe deutlich. Zwar verabschiedeten sich die Nabis nicht gänzlich vom Figurativen, dennoch sollte der Bildgegenstand zugunsten der rein bildnerischen Mittel zurücktreten, man wollte das Wesen der Dinge und Gefühle ausdrücken. 32 „Linien, Formen und Farben sollten nicht mehr etwas Sichtbares beschreiben, sondern Ausdrucksträger für etwas
25 Vgl. Schultze: Félix Vallotton. Das druckgraphische Werk. S.10.
26 Ebd.
27 Vgl. Koella: Vom Bild zur Grafik, von der Grafik zum Bild. S.48.
28 Ebd. S.25.
29 Vgl. ebd.
30 Vgl. Fréches-Thory, Claire und Perucchi-Petri, Ursula (Hrsg.): Die Nabis. Propheten der Moderne. (Ausst.-Kat. Kunsthaus Zürich, 1993). München 1993. S.17f.
31 Denis zitiert nach ebd. S.19.
32 Vgl. ebd.
8
'Unsichtbares' sein.“ 33 „Innerhalb der gemeinsamen stilistischen Errungenschaften - Betonung der Eigengesetzlichkeit der Bildfläche, Gestaltung von Räumlichkeit und Körperlichkeit in der Fläche, Deformation und zuweilen groteske Übersteigerung als Ausdrucksmittel - hat jeder einzelne Künstler entsprechend seiner Individualität die ihm gemäßen Lösungen erarbeitet und seine eigene Formensprache gefunden.“ 34 So sieht man schon, mit welchen Ansätzen sich Vallotton verbunden fühlte, er stand den Nabis sehr nah und seine Malerei setzt die von ihnen formulierten Forderungen um. Er nutzte als Vorlage für seine Bilder manchmal Photographien und „dieses Vorgehen [lässt] noch viel besser die künstlerische Absicht und Bedeutung von Vallottons Bildern erfassen: nämlich dass nicht der Akt (oder was immer dargestellt ist) der eigentliche Bildinhalt sei und dass das Gegenständliche stets in ein übergeordnetes Ganzes - das Bild als dekorative Einheit - eingefügt werden müsse.“ 35
Die großen Gattungen, die sich durch sein gesamtes Werk ziehen sind: Interieur, Porträt, Akt und Landschaft (Zu seinen Landschaften vgl. 2.3.1). Vallottons Karriere als Künstler begann in den 1880er Jahren als Porträtist. 36 „Der Blick auf die Porträtierten ist ein kühler und distanzierter, und Vallotton war weit davon entfernt, beschauliche oder beschönigende Gemälde zu schaffen. Vielmehr herrschen puristische, strenge, ja fast schon fotorealistische Züge vor“. 37 Es entstanden aber auch Porträts, in denen Vallotton den „Detailreichtum genauso auf[gab] wie die akribische Herausarbeitung der Stofflichkeit, [d.h. er] reduzierte alles aufs Wesentliche.“ 38 Seine Interieurs sind „Schauplätze einer durchaus menschlichen Komödie der Irrungen und Wirrungen, von Sehnsüchten und unerfüllten Hoffnungen.“ 39 Damit erinnern sie an die Holzschnittfolge der „Intimités“, d.h. er scheint einige dieser Blätter in Malerei umgesetzt zu haben. Denn die gemalten Interieurs zeigen ebenso Begegnungen zwischen Mann und Frau in einem Innenraum, gespickt mit verschiedensten Andeutungen.
Seine Akte zeigen komplett das Bild einnehmende, weibliche Figuren, die sich entweder aufgrund verschiedenster, ablenkender Tätigkeiten vom Betrachter abwenden oder auf eben jenen zwar ihren Blick richten, dieser jedoch eine ziemlich deutlich distanzierte, abwesende und kühle Nuance birgt. In seinen Frauenakten brach Vallotton mit dem gängigen Schönheitsideal, d.h. er stellte die Frauen mit allen ihren körperlichen Eigenheiten dar, sie haben keine idealen Proportionen. „Mit diesen
33 Ebd.
34 Ebd. S.19f.
35 Koella, Rudolf (Hrsg.): Félix Vallotton. Bilder, Zeichnungen, Graphik. (Ausst.-Kat. Kunstmuseum Winterthur, 1978; Kunsthalle Bremen, 1978/1979; Kunsthalle Düsseldorf, 1979; Musée du Petit Palais Paris, 1979; Musée Rath Genf, 1979). Winterthur 1978. S.61f.
36 Vgl. Becker: Félix Vallotton. Idylle am Abgrund. S.47.
37 Ebd. S.48.
38 Ebd.
39 Becker: Félix Vallotton. Idylle am Abgrund. S.19.
9
geringfügigen und unscheinbaren Variationen auf den naturalistischen Körper hintertrieb der Künstler nicht nur die Vorstellung vom idealisierten Akt, sondern auch von einer realistischen Darstellung einer Figur.“ 40
Neben diesen großen finden auch kleinere Gruppen Raum im Œuvre: Stadtlandschaften, Mythologische Szenen und Stillleben.
Und obwohl Vallotton einerseits sehr detailreiche, exakte Bilder schuf, weist sein Werkverzeichnis dazwischen auch immer wieder Gemälde auf, die dem widersprechen. Denn beeinflusst durch seine graphische Tätigkeit, die ja nach Reduzierung auf das Wesentliche verlangt, wurden auch einige seiner Gemälde von dieser Forderung eingeholt. Innerhalb seiner Malerei kann vielfach differenziert werden, zum Einen natürlich nach Thema und Genre, zum Anderen aber auch wiederum innerhalb dieser Kategorien. Malweise und Ausdruck können sehr unterschiedlich sein. Manche Bilder sind in dunklen, trüben Farben gehalten, andere sind mit ihren grellen Farben ganz auf Kontraste hin konzipiert. Manchmal wird Tiefenraum angestrebt, manchmal ist das Bild bewusst flächig gehalten. Einerseits gibt es Bilder, die eher naturalistisch anmuten, d.h. die Wirklichkeit genau wiedergeben, andererseits aber auch Bilder, die durch ihre eigenwillige Farbigkeit und Perspektive irreal wirken. Vallottons Malerei ist derart vielfältig, dass es keinen Sinn macht, hier Bildbeispiele herauszugreifen, da kein isoliertes Gemälde repräsentativ für die übrigen stehen kann. Vallottons widersprüchlicher Charakter spiegelt sich also eindeutig auch in der Vielgestaltigkeit seines Werks. So ein differenziertes Œuvre ist ein Hinweis auf zahlreiche unterschiedliche Anregungen und Einflüsse. Hinsichtlich der Betrachtung des druckgraphischen und malerischen Werks fällt auf, dass stets eine gewisse Melancholie in den Blättern und Gemälden spürbar ist, was auf die Epoche der Romantik verweist. In wie weit dieser Verweis tatsächlich zutrifft, soll nun näher untersucht werden.
2. Vallottons Verhältnis zur Deutschen Romantik
2.1 Einführung mit Hilfe Werner Buschs Aufsatz „Hodler und die Romantik“ 41
Dieser Text bietet sich zum Einen aufgrund derselben Themenfrage - freilich mit einem anderen Künstler - zum Anderen aber deswegen an dieser Stelle zur Diskussion an, weil zwischen Vallotton und Hodler einige Parallelen gezogen werden können.
Buschs Aufsatz zeigt die Schwierigkeiten auf, die auftreten, wenn man einen Künstler mit einer früheren Epoche in Beziehung setzen will. Meist kann es sich bei dieser Beziehung nur um eine
40 Becker: Félix Vallotton. Idylle am Abgrund. S.101.
41 Busch, Werner: Hodler und die Romantik. In: Schmidt, Katharina (Hrsg.): Ferdinand Hodler. Eine symbolistische Vision. (Ausst.-Kat. Kunstmuseum Bern, 2008; Szépművészeti Múzeum Budapest, 2008). Ostfildern 2008. S.35-46. Anm.: Seitenzahlen in Klammern beziehen sich auf diesen Aufsatz.
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Jacqueline Koller, 2009, Félix Vallotton und die Romantik?, München, GRIN Verlag GmbH
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