2
„Jede Erklärung des Opfers
ist in der Tat eine
Theorie der Religion
en miniature.“ 1
1. Annäherung an den Opferbegriff. 3
2. Das Opfer in den Religionen. 5
2.1. Wer opfert? 5
2.1.1. Gemeinschaft 5
2.1.2. König 6
2.1.3. Priester 6
2.1.4. Gottheiten. 7
2.2. Was wird geopfert? 8
2.2.1. Tier- und Menschenopfer 8
2.2.2. Unblutige Opfer. 10
2.2.3. Ersatzopfer. 10
2.2.4. Göttliche Opfer. 12
2.3. Wie wird geopfert? 12
2.4. Wann wird geopfert? 13
2.5. Wo wird geopfert? 14
2.6. Wem wird geopfert? 15
2.7. Warum wird geopfert? 16
2.7.1. Gabenopfer 17
2.7.2. Sühneopfer. 18
3. Opferkritik 19
4. Theorien vom Ursprung des Opfers. 20
4.1. Das Opfer als Wiederholung primordialer Ereignisse in einer Welt göttlicher Wesen. 21
4.2. Das Opfer als Angstreaktion. 21
4.3. Das Opfer als Ventil für Gewalt. 22
4.4. Das Opfer als Reaktion auf Katastrophen in der Bronzezeit 22
5. Schlußbemerkung. 23
Literaturverzeichnis 25
Es herrscht allgemeine Verwirrung, wenn es um den Begriff des Opfers geht, denn insbesondere im deutschen aber auch in anderen Sprachbereichen sind mehrere Deutungen und Herleitungen denkbar.
Im Deutschen wird das Wort Opfer heute meist in säkularisierter Weise benutzt. Menschen werden Opfer von Verkehrsunfällen, Krankheiten, Kriminalität und anderen „Schicksalsschlägen“,deren Sinnhaftigkeit sich, wenn überhaupt, nur schwer erschließt. Das Opfer ist hierbei von passiver Natur. 2 Es werden aber auch aktive Opfer verlangt - für den Umweltschutz beispielsweise oder für die „neuen Bundesländer“ und den „Wirtschaftsstandort Deutschland“. In diesem Zusammenhang beinhaltet der Opferbegriff vor allem Verzicht, und zwar Verzicht zugunsten von etwas vermeintlich Wertvollerem. An diesem Opfer sind die Menschen mehr oder weniger freiwillig und aktiv beteiligt. Es kommt damit der religiösen Opferhandlung näher als die zuerst genannte passive Variante.
Etymologisch wird das deutsche Wort Opfer entweder von lat. offerre (darbringen, schenken) oder lat. operati (ausführen, verrichten) hergeleitet. Die korrekte Ableitung ist unklar. Es besteht von daher die Gefahr, daß dieses oder jenes Lehnwort zugrunde gelegt wird, um diese oder jene Opfertheorie zu untermauern.
Zu einer zusätzlichen Verkomplizierung trägt bei, daß das Wort Opfer im Deutschen eine dreifache Bedeutung hat. Es bezeichnet sowohl die Opferhandlung als auch das Objekt der Opferung sowie die Opfergabe. Im englischen und französischen Sprachbereich gibt es dafür unterschiedliche Bezeichnungen. Opferhandlung heißt engl. und franz. sacrifice (von lat. sacer facere: sakral/heilig machen). Das Objekt der Opferung wird engl. victim und franz. victime genannt und die Opfergabe engl. offering und franz. offrande. Die Tatsache, daß die englischen Begriffe sacrifice und offering teils synonym, teils mit unterschiedlicher Bedeutung
1 The Harper Collins Dictionary of Religion, zit. nach: Heinsohn, Gunnar: Die Erschaffung der Götter. Das Opfer als Ursprung der Religion, Reinbek 1997, S. 16
2 Vgl. Schenk, Richard, in: Schenk, Richard (Hrsg.): Zur Theorie des Opfers. Ein interdisziplinäres Gespräch, Stuttgart-Bad Cannstatt 1995, S. 3
4
verwendet werden, zeigt, daß das Problem der Mehrdeutigkeit nicht nur im Deutschen gegeben ist. Auch im angelsächsischen Sprachraum ist es denkbar, daß je nach Erkenntnisinteresse dieser oder jener Begriff benutzt wird. 3
Der Sprachraum, der für die Vergleichende Religionswissenschaft von Bedeutung ist, ist damit aber noch lange nicht abgesteckt. Will mensch etwas erfahren über Opfer in Religionsgemeinschaften außerhalb der oben genannten Sprachräume, so scheint es nahezu unumgänglich, sich mit den entsprechenden Termini zu befassen.
Am Beispiel der Mofu in Kamerun sei verdeutlicht, wie komplex, aber auch erkenntnisreich, eine Auseinandersetzung mit dem jeweiligen Sprachgebrauch sein kann. Der Begriff Kuley hat dort, abhängig vom Kontext, unterschiedliche Bedeutungen. Es kann damit „Ahnengeist“, „Altar“, „magischer Zauber“ oder „Opferhandlung“ gemeint sein. Aus dieser Bedeutungsvielfalt könnte in einem anderen Rahmen sicher viel Aufschlußreiches über das dortige Opfer gefolgert werden. Jedenfalls wird deutlich, daß hier eine Opfervorstellung zugrunde liegt, die mit unserem
Opferbegriff nicht ausreichend erfaßbar ist. 4
Festzuhalten bleibt, daß die Anwendung der uns geläufigen Begrifflichkeiten auf sämtliche Opferformen problematisch ist und leicht den Blick verstellen kann. In dieser Hausarbeit kann dieser Erkenntnis jedoch nur insoweit Rechnung getragen werden, als daß der deutsche Opferbegriff in seiner dreifachen Bedeutung Berücksichtigung findet, wobei Opfer gleichgesetzt wird mit Opferhandlung. Objekt der Opferung (im Sinne von engl. victim) und Opfergabe (im Sinne von engl. offering) werden entsprechend benannt.
3 Vgl. Drexler, Josef: Die Illusion des Opfers. Ein wissenschaftlicher Überblick über die wichtigsten Opfertheorien ausgehend von deleuzianischen Polyperspektivismusmodell, München 1993, S. 2
4 Vgl. a.a.O., S. 13
In vielen Religionen sind nicht nur Gemeinschaftsopfer, sondern auch individuelle Opfer möglich. Opferhandlungen einer Gemeinschaft werden häufig von ausgewählten Personen vollzogen, z.B. vom Familienoberhaupt oder der/dem Ältesten. Es kommt auch vor, daß der König für die Opferhandlung verantwortlich ist oder daß eine spezielle Priesterschicht dafür existiert. Auch die Vorstellung, daß die Gottheiten selbst opfern, gibt es in manchen Religionen.
2.1.1. Gemeinschaft
Ein anschauliches Beispiel für ein Gemeinschaftsopfer ist das Opfermahl oder Mahlopfer. Hiervon gibt es im wesentlichen zwei Varianten, zum einen diejenige, bei der das Opfermahl mit der Gottheit gemeinsam eingenommen wird, und zum anderen diejenige, bei der die Gottheit oder ein Teil von ihr verspeist wird.
Das israelitische Schlachtopfer ist beispielsweise ein Opfer, das mit einer Mahlzeit verbunden ist. Blut, Fett und Nieren des Opfertieres werden an Jahwe übergeben und der Rest von der Familie oder dem Clan verzehrt, so daß eine Mahlgemeinschaft zwischen Gott und Opfernden entsteht. 5
Bei der zweiten Variante des Opfermahls wird eine Mahlgemeinschaft mit der Gottheit hergestellt, indem nicht mit sondern von ihr gegessen wird. Hierbei kann die Gottheit verschiedene kultische Vertreter haben, Menschen, Tiere oder pflanzliche Nahrung. Es sind beispielsweise mexikanische Feste bekannt, bei denen ein Götteressen stattfand. „So wurde zweimal im Jahre, im Mai und im Dezember, ein Bild des Gottes Uitzilopochtli verzehrt. Beim Winterfest wurde ein Maisteig zusammen mit Blut von geopferten Kindern zu einem Bilde
5 Vgl. Widengren, Geo: Religionsphänomenologie, Berlin 1969, S.303
6
geknetet, deren Herz der König verzehrte, während der Rest in kleinen Portionen verteilt wurde.“ 6
Wichtig ist, festzuhalten, daß - wenn hier auch von kultischen Vertretern oder symbolischen Repräsentanten die Rede ist - die am Kult teilnehmenden Menschen wirklich meinen, die Gottheit selbst und nicht etwa irgendein Symbol zu verzehren. 7 Der Begriff Symbol wird deshalb hier wie im folgenden mit Bedacht auf diese Problematik benutzt.
2.1.2. König
Der König kann sowohl Objekt der Opferung als auch Opfernder sein. Im sakralen Königtum des Vorderen Orients beispielsweise, wurde der König, der den Sohn und Liebhaber der Göttin verkörperte, tatsächlich oder symbolisch geopfert. 8 Mancherorts glaubte mensch, „daß durch Tötung oder Selbsttötung des Herrschers die Wohlfahrt der Nation gesichert werde“. 9
Daß der Vollzug der Opferhandlung zu den Aufgaben des Königs gehört, ist in verschiedenen Religionen zu finden. In Ägypten zum Beispiel war der Pharao der einzige legitime Opferherr, und auch in Mesopotamien war es bevorzugt der König, der die Opferhandlung durchführte. 10
2.1.3. Priester
In vielen Religionen ist der Vollzug der Opferhandlung speziellen Opferpriestern vorbehalten, die häufig allerdings auch noch andere kultische Aufgaben haben. Das Amt des Opferpriesters wird meist durch Vererbung oder durch Konsekration, der oft eine sehr lange Vorbereitung vorausgeht, erlangt oder durch beides zugleich. 11
6 a.a,O., S. 310
7 Vgl. a.a.O., S. 314
8 Vgl. a.a.O., S.316-317
9 Heiler, Friedrich: Erscheinungsformen und Wesen der Religion, Stuttgart 1979, S. 213
10 Vgl. Waldenfels, Hans (Hrsg.): Lexikon der Religionen. Phänomene Geschichte Ideen, Freiburg u.a. 1996, S. 483
11 Vgl. Henninger; Joseph in:Eliade, Mircea (Hrsg.): The Encyclopedia of Religion, New York/London 1987, Bd. 12, S. 545
7
Insbesondere im früheren Hinduismus gibt es eine ausgeprägte Priesterschicht, die Brahmanen. Sie stellten den sogenannten Lehrstand, der Vorrang vor allen anderen Ständen hatte. Sieben bis 16 Brahmanen zelebrierten gemeinsam das Opfer. Die drei hauptsächlichen Priester waren der Hotar, der den Opfervorgang mit Gedichtrezitationen begleitete, der Udgatar, der Lieder sang und der Adhvaryu, der für die praktischen Verrichtungen zuständig war. 12 „Betont wurden die äußeren Riten, während die innere Haltung völlig vernachlässigt wurde.“ 13 Da die kosmische Ordnung durch das Opferritual aufrechterhalten wurde und nur die Brahmanen es ausüben durften und konnten, überstieg ihre Macht schließlich sogar die der Götter.
2.1.4. Gottheiten
Verschiedentlich ist die Vorstellung zu finden, daß Gottheiten selbst Opfer vollziehen oder selbst Objekt der Opferung sind - freiwillig oder unfreiwillig.
Im Rigveda beispielsweise, einer Sammlung religiöser Texte der Hindus, wird die ganze Schöpfung auf die Opferung des gewaltigen Purusha, der uranfänglichen Person, zurückgeführt, die von den Göttern vollzogen wurde. 14 Eine ähnliche Vorstellung von der Entstehung der Welt kommt in dem babylonischen Weltschöpfungsepos Enuma Elis zum Ausdruck. Der Gott und König Marduk zerschneidet hier den Körper der älteren Göttin Tiamat in zwei symmetrische Hälften und erschafft so die Welt. 15 Auch der Kreuzestod Christi kann als Selbstopfer Gottes in Gestalt seines Sohnes interpretiert werden. 16
12 Vgl. Lommel, Herman: Gedichte des Rig-Veda, München 1955, S. 10-12
13 in: Waldenfels, Hans (Hrsg.): a.a.O., S. 490
14 Vgl. Lommel, Herman: a.a.O., S. 114-116
15 Vgl. Eliade, Mircea/Culianu, Ioan P.: Handbuch der Religionen, Frankfurt 1995, S. 147-148
16 Vgl. Goldammer, Kurt: Die Formenwelt des Religiösen. Grundriß der systematischen Religionswissenschaft, Stuttgart 1960, S. 337
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Ramona Lenz, 1998, Bedeutung und Zweck von Opfer, München, GRIN Verlag GmbH
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