Without education, you're not going anywhere in this world.
Malcolm X (1925 - 1965)
So weit du gehst, so hoch du steigst - du musst mit einem einfachen Schritt beginnen.
Japanisches Sprichwort
Vorwort
Was ist Mathematik?
Viele verbinden mit dem Wort Mathematik vor allem das Rechnen. Dies liegt wohl darin begründet,
dass in der Schule bis zur 10. Klasse genau das gefordert ist. Doch was heißt Mathematik eigentlich?
Im wissenschaftlichen Bereich existiert keine allgemeine Definition des Wortes und bei der
Bedeutungsklärung könnte der altgriechische Wortstamm helfen:
Mathematik ist also die Kunst des Lernens.
Wahrheit, als weithin angenommen.
Warum dieses Buch?
kann heute dank CAS-Taschenrechnern nur noch müde darüber gelächelt werden.
Die Aufgabensteller sind damit endlich zum Umdenken gezwungen. Bereits jetzt wird deutlich, dass
immer mehr das Verständnis mathematischer Zusammenhänge in den Vordergrund rückt als die
einseitige Rechenarbeit.
Das Ziel dieses Buches ist, ein umfassendes Verständnis über die Raumgeometrie zu bekommen.
Dabei werden zwei didaktische Ansätze verfolgt:
Der visuelle Ansatz: Was ich sehe, kann ich mathematisch beschreiben.
Das Baukastenprinzip:
Das charakteristische am Fach Mathe ist, dass etwas umso leichter wird, je mehr darüber
nachgedacht wird. Es lohnt sich also, keine Mühen zu scheuen um den Stoff zu durchdringen. Gerade
r meistern lassen.
Ist das nicht anstrengend?
Im Gegenteil, Mathe mit dem Willen, die Dinge zu verstehen, macht tatsächlich jede Menge Spaß.
Unser Gehirn verfügt über ein Belohnungssystem, welches im Moment des Verstehens Dopamin
ausschüttet. Dieser Botenstoff löst gute Gefühle aus und versetzt uns augenblicklich in einem
Aufgaben ist eng ans Verstehen gekoppelt und damit bestens geeignet, das Gehirn mit
glückbri
angepasst sein. Eine Grundregel ist hier, sich selbst zu fordern, aber nicht zu überlasten.
oft wichtiger als
Isaac Newton lag unter einem Obstbaum, als ihm ein Apfel auf den Kopf fiel. Entrüstet stellte er sich
die Frage, was die Frucht eigentlich zum Fallen bewegt hatte und fand als Antwort die Schwerkraft.
Was ist der Nullplan?
Die Übersetzung von Sachverhalten in die Sprache der Mathematik erfolgt durch Gleichungen. Dabei
wichtig, denn alle Rechenkünste sind vergeblich, wenn die mathematische
Fragestellung nicht eindeutig formuliert wurde. In der Analysis werden die Gleichungen oft höheren
Grades sein. Diese sind nur lösbar, wenn auf einer Seite eine Null vorzufinden ist. Auf dieser
Tatsache fußt die Grundidee des Buches:
Es wird immer etwas gleich Null.
Jede Aufgabe kann gelöst werden, indem etwas gefunden wird, dass gleich Null ist. Bei der Suche
danach ist es hilfreich, den Blick eine Dimension tiefer als auf die Aufgabendimension zu richten.
Der Bereich der Raumgeometrie befindet sich in der 3. Dimension und es wird deshalb ein
Nullpendant in der 2. Dimension gesucht - genauer eine Nullfläche. Diese ist entweder ein Rechteck
0. Dimension ebenfalls genutzt werden, so dass
die Nullpunkte auch hier wieder eine Rolle spielen (z.B. haben Spurpunkte eine Nullkoordinate).
D einer Aufgabe in der Raumgeometrie geschieht also mit Nullpunkten oder Nullflächen.
Zum Arbeiten mit diesem Buch
gibt es zu jeder Thematik Erklärungsbeispiele.
estalten. Es kann also durchaus richtig sein, sich weniger in ein Thema zu vertiefen, wenn
es sowieso nicht gebraucht wird (z.B. werden nicht immer sämtlichen Spiegelungen verlangt).
Umgekehrt kann es von Vorteil sein, sich mit Dingen vertraut zu machen, die über die normale
Stoffvermittlung hinausgehen (z.B. ist für ein umfassendes Verständnis der Ebenengleichungen die
selten aufgezeigte geometrische Bedeutung des Skalarprodukts als orientierte Fläche notwendig).
Viele Erklärungsbeispiele sind bewusst ohne
gerne zum
Taschenrechner gegriffen werden - er ist ein nützliches Instrument, dessen Umgang oft geübt werden
Danksagung
Dieses Buch wäre ohne die Offenheit meiner Schüler für neue Methoden nie entstanden. Vor allem
ihre einfachen Fragen haben zu den wesentlichen Erkenntnissen geführt und ich habe dadurch jede
Stunde mehr von ihnen gelernt als sie von mir - ihrem Vertrauen gebührt mein Dank!
geschaffene Möglichkeit langjähriger Mitarbeit. Ohne die dort vorgefundene individuelle und freie
Unterrichtsgestaltung wäre auch ein ausgiebiges Testen der Idee nicht möglich gewesen.
Fragen unterstützt hat und immer wieder eine inspirierende Quelle neuer Motivation war.
mich obendrein mit ausgesprochen leckerem Essen beköstigt haben. Ebenso danke ich allen, die es
mir während dieser Zeit ermöglichten, Aikido zu trainieren oder Tischtennis zu spielen und mich
Da ich vollkommen ahnungslos ins Buchgeschehen eingetaucht bin, freue ich mich, auf Menschen
getroffen zu sein, die bereit waren, ihre langjährige Erfahrung und ihr Fachwissen zu teilen und mir
sehr großzügig hilfreiche Erklärungen und Ratschläge gegeben haben. Namentlich danke ich:
- Ilka für die zahlreichen Gestaltungtipps,
- Maxi für die erfrischende Einführung ins Verlagsgeschäft,
Auch diesmal hat Schorsch mich in zahlreichen Gesprächen auf mathematische Zusammenhänge
einer tiefverschneiten Schleppliftfahrt, der dazu führte, die Darstellung des Skalarprodukts als
orientierte Fläche zu gestalten.
Schließlich danke ich allen Menschen, die mich darin bestärkten, dieses Buch zu schreiben und
ungeachtet aller Bedenken in meinem Sinne umzusetzen. In diesem Zusammenhang seien besonders
Denis und Wilson erwähnt.
Du wolltest doch Algebra, da hast du den Salat.
Jules Verne (1828 - 1905)
Inhalt
1. Einleitung 1
2. Grundbegriffe 2
3. Betrag der Vektorenprodukte 6
4. Geradengleichung 10
4.1. 10
4.2. Koordinatenform 10
4.3. Wandlung 11
5. Ebenengleichung 15
16
5.2. Normalenform 16
5.3. Allgemeine Koordinatenform 17
5.4. 17
5.5. Wandlung 18
6. Spurpunkt 22
6.1. Geradenspurpunkt 22
6.2. Ebenenspurpunkt 23
7. Spurgerade 27
8. Lagebeziehung 30
30
30
8.3. Gerade und Ebene 31
8.4. Gerade und Gerade 32
8.5. Ebene und Ebene 34
9. Abstand 46
46
46
46
9.4. Gerade und Gerade 47
9.5. Gerade und Ebene 47
9.6. Ebene und Ebene 47
10. Projektion 51
10.1. Normalprojektion 52
10.2. Zentralprojektion 54
11. Spiegelung 59
60
11.2. An Gerade 62
11.3. An Ebene 65
12. Wissenswertes 75
Man kann einen Menschen nichts lehren, man kann ihm nur helfen, es in sich selbst zu entdecken.
Galileo Galilei (1564 - 1642)
1. Einleitung
Die Raumgeometrie wird auch analytische Geometrie oder lineare Algebra genannt und beschäftigt
sich mit der Beschreibung von Punkten, Geraden und Ebenen im Raum. Dies geschieht mit Hilfe von
Vektoren und findet in verschiedensten Bereichen Anwendung. Die Vektorrechnung ist für
Vektorgrafiken in Computern oder für das richtige Funktionieren von Videokompression
unerlässlich. Auch punktgenaue Navigation im Flugverkehr wäre ohne Vektoren undenkbar.
Als Bezugssystem dient dabei ein dreiachsiges kartesisches Koordinatensystem, in welches Punkte,
Geraden und Ebenen eingetragen werden können. Zunächst soll es darum gehen, wie diese Elemente
mit Vektoren beschrieben werden. Sobald darin Sicherheit besteht, werden die für den Schulstoff
wichtigsten Anwendungsmöglichkeiten vorgestellt. So lassen sich Lagebeziehungen untersuchen,
Abstände bestimmen sowie Projektionen und Spiegelungen vornehmen. Dabei ist die Reihenfolge
nicht ohne Grund gewählt, denn eine Projektion ist zum Beispiel ohne die Kenntnis der
Lagebeziehungen nicht möglich. Deshalb ist die Anordnung einzelner Kapitel aufeinander aufbauend
dargestellt und es wird oft inhaltlicher Rückgriff auf Vorhergehendes genommen.
Am Ende eines jeden Kapitels finden sich Erklärungsbeispiele, welche teilweise auch durch mehrere
Gebiete gezogen sind. Deshalb wird unter Umständen auf Ergebnisse vorheriger Kapitel verwiesen.
So tauchen bei den Aufgaben für Spiegelungen die Ergebnisse von den Projektionen und dort
wiederum diejenigen der Lagebeziehungen auf. Fehlt also einmal eine ausführliche Berechnung,
kann davon ausgegangen werden, dass diese bereits vorher erfolgt ist.
Für die Rechenansätze eilt wieder die Null zur Hilfe - genauer Nullpunkte und Nullflächen.
Da ein Vektor aus drei Zahlen besteht, ist es möglich, sich aus der horizontalen Anordnung von
Vektoren ein lineares Gleichungssystem aus drei Zeilen zu erstellen. Dies wird weitestgehend
vermieden, da das Lösen eines Gleichungssystems oft umständlicher und weniger aussagekräftiger ist
als die hier vorgeschlagene Alternative des konsequenten Rechnens mit Vektoren. Lediglich für zwei
Fälle ist ein lineares Gleichungssystem als Lösungsansatz von Vorteil. Diese sind die Bestimmung
von Schnittpunkten und Schnittgeraden.
Wieder einmal ist ein tiefergehendes Verständnis der Materie nicht zu erlangen, ohne sich über die
Bedeutung einiger Begriffe im Klaren zu sein. Es kann dabei nicht oft genug wiederholt werden, dass
die Kenntnis der geometrischen Bedeutung der Vektorenprodukte (Skalar- und Vektorprodukt) und
ihrer Beträge von immenser Wichtigkeit ist. Nützlich ist auch, sich immer zu überlegen, ob es sich
bei einem gegebenen Vektor um einen Orts- oder Richtungsvektor handelt.
© Thomas Pientka - Mathe mit Nullplan (Raumgeometrie) 1
2. Grundbegriffe
Auch in der Raumgeometrie ist die Kenntnis einiger Begriffe sowie deren Bedeutung notwendig.
Beim kartesischen Koordinatensystem mit drei aufeinander senkrecht stehenden Koordinatenachsen
wurde sich auf ein rechtshändiges System geeinigt. So unbekümmert das Sein in der dritten
Dimension auch sein mag, umso erstaunlich schwerer ist das Zurechtfinden desselben in einem
Koordinatensystem. Es kann also nicht schaden, sich einige Punkte in ein selbstgemaltes
Koordinatensystem einzutragen, um ein Gefühl für die Darstellung des Raums zu bekommen.
Wie zu sehen, tragen alle Pfeile den Begriff des Vektors. Allgemein gesprochen ist ein Vektor ein
freischwebenden Pfeil, welcher nicht im Koordinatenursprung verankert sein muss. Die Tatsache,
dass der Pfeil im Raum freibeweglich ist, führt meist zu Darstellungsproblemen, denn im Grunde
kann der Vektor nicht nur an einem bestimmten Ort des Koordinatensystems sein, sondern sich über
eine Parallelverschiebung überall hin bewegen. Da diese Bewegung gleichzeitig erfolgt, ist ein
Vektor eigentlich überall im Raum und es ist deshalb auch von Pfeilklassen die Rede.
© Thomas Pientka - Mathe mit Nullplan (Raumgeometrie) 2
Vektor: Freibeweglicher Pfeil bestimmter Länge und Richtung (lat.: "Träger").
Punkt: Nocke oder Spitze des Vektorpfeils
Addition: Positives Anheften eines Vektors an einen anderen (kurz: an Spitze heften)
Subtraktion: Negatives Anheften eines Vektors an einen anderen (kurz: an Nocke heften)
Vektorbildung: Vektor = Ende (Spitze) - Anfang (Nocke)
a AB B A
Vielfaches: Jeder Vektor kann durch eine (reelle) Zahl vervielfacht oder geteilt werden.
Bei Geraden und Ebenen dient der so genannte Parameter als Schrittweite.
Multiplikation: Skalarprodukt (Punktprodukt) Vektorprodukt (Kreuzprodukt)
Ergebnis = orientierte Fläche Ergebnis = Normalenvektor
Betrag: Länge oder Norm eines Vektors
Vektor o Nullvektor: mit dem Betrag 0.
aufgefasst werden.
Jeder Punkt A kann als Nullvektor AA
a Einheitsvektor: Vektor 0 mit dem Betrag 1.
Ortsvektor: Nocke ist der Koordinatenursprung.
Jeder Punkt A kann als Ortsvektor A aufgefasst werden.
Stützvektor: Ortsvektor, an dessen Spitze ein anderer Vektor haftet.
Ortsvektoren in Geraden- und Ebenengleichung sind immer Stützvektoren.
Richtungsvektor: Vektor, dessen Nocke an der Spitze eines Stützvektors haftet.
Spannvektor: Einer von zwei Richtungsvektoren (mit gemeinsamer Nocke).
Die Spannvektoren spannen ein Parallelogramm (in der Ebene) auf.
Normalenvektor: Vektor, der senkrecht (math.: normal) zu zwei Spannvektoren steht.
Länge entspricht dem Flächeninhalt des aufgespannten Parallelogramms.
Achsenvektor: Ortsvektor mit 2 Nullkoordinaten, der auf einer Koordinatenachse liegt.
© Thomas Pientka - Mathe mit Nullplan (Raumgeometrie) 3
Erklärungsbeispiele
B 4;5;6 ges.: Vektor AB geg.: Bsp. 1
Lsg.: 1. Ortsvektoren
A OA A O 2 0
B OB B O 5 0
Werden direkt die Koordinaten eines Punkts genommen, so handelt es sich immer um einen
Ortsvektor, dessen Nocke im Ursprung verankert ist und dessen Spitze zum Punkt weist.
2. Verbindungsvektor
AB B A
C 4;2;0 ges.: Schwerpunkt im ABC geg.: Bsp. 2
Lsg.: 1. Ortsvektor
A B C
S
3
1 4 4
2 5 2
3 6 0
S
3
S
2. Schwerpunkt
S 3;3;3
© Thomas Pientka - Mathe mit Nullplan (Raumgeometrie) 4
Lsg.: 1. Addition
a b 0
2. Subtraktion
a b 0
3. Vervielfachung
4. Multiplikation
a b
a b
Es gibt keine vektorielle Division, dafür aber zwei Arten der Multiplikation.
5. Quadrierung
2 a a a
6. Betrag
3. Betrag der Vektorenprodukte
Die Beträge der Vektorenprodukte sind immer Flächen, die ihrem Inhalt nach Längen oder gar
Winkelbeziehungen entsprechen können. Sie besitzen eine Schlüsselfunktion bei der Strukturierung
der Raumgeometrie und sind als Visualisierung äußerst nützlich, um den Stoff wirklich zu verstehen.
Seitenlängen
Winkelbeziehungen
© Thomas Pientka - Mathe mit Nullplan (Raumgeometrie) 6
Mit dem Betrag der Vektorenprodukte lassen sich jeweils die Bedingungen für die Parallelität und
die Orthogonalität zweier Vektoren sehr eingängig herleiten:
Vektorprodukt Skalarprodukt
a b a b
Vektoren liegen übereinander Kein Schatten (wegen Normalprojektion)
Keine Fläche zwischen Schatten und Vektor! Keine Fläche zwischen Vektoren!
Auch die bestehenden Winkelbeziehungen erschließen sich nun ohne weiteres:
Vektorprodukt Skalarprodukt
sin a b cos a b
0 0 0 0
Warum wird zur Winkelberechnung dann das Skalarprodukt ohne Betragszeichen verwendet?
Das Skalarprodukt als vom Winkel abhängig orientierte Fläche hat mehr Aussagekraft.
a b 0 a b 0 a b 0
90 90 90
Mit dem Betrag wird nur der kleinere Winkel berechnet, da die verwendete Fläche nicht orientiert ist.
Ist , würde mit dem Betrag nur der äußere Winkel erhalten werden.
Ohne den Betrag wird deshalb gleich der richtige Winkel erhalten!
Das Punktprodukt ohne Betrag ist auch einfacher zu berechnen als das Kreuzprodukt mit Betrag.
1 sin a b Neigungswinkel: sin a b
0 0 0 0
Erklärungsbeispiele
geg.: und a 0
4
Lsg.: 1. Vektorprodukt = Normalenvektor
a b 0 0
4 3
2. Betrag des Vektorprodukts = Parallelogrammfläche
3. Betrag des Skalarprodukts = Rechteckfläche
4. Betrag der Vektoren = Vektorlänge
5. Einheitsvektoren = Auf die Länge 1 gebrachte Vektoren
a
0
6. Schnittwinkel
cos a b 0 0
7. Winkelhalbierender Vektor = Rautendiagonale
w a b
0 0
© Thomas Pientka - Mathe mit Nullplan (Raumgeometrie) 8
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Thomas Pientka, 2011, Raumgeometrie, München, GRIN Verlag GmbH
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