1. Einleitung
“Ein ausschließlich auf politischen und wirtschaftlichen Abmachungen von Regierungen beruhender Friede kann die einmütige, dauernde und aufrichtige Zustimmung der Völker der Welt nicht finden“. 1 So formulieren die Gründerstaaten der UNESCO ihre Überzeugung in der Präambel der organisationseigenen Verfassung. Sie betonen damit die Notwendigkeit einer Wechselwirkung zwischen der Regierung und dem Volk, dem nicht einfach ein Modell, eine Idee oder gar ein ganzes Wertesystem übergestülpt werden kann. Dieser Teil, der Grundsatz des Handelns der UNESCO ist, lässt viel mehr erkennen, dass Zufriedenheit und mit ihr auch der Wille zum Frieden in der Bevölkerung erst Frieden ermöglicht.
Es sollen also nicht ausschließlich die politischen Entscheidungsträger strategische Maßnahmen treffen, mit denen eine Bevölkerung leben muss. Viel eher sollten politische Strukturen und Maßnahmen an die gesellschaftlichen Bedürfnisse einer Bevölkerung angepasst werden. Es liegt nahe, dass sich dauerhafter Frieden vor allem dann ergibt, wenn Gerechtigkeit, Chancengleichheit, Mündigkeit und Weiteres innerhalb einer Gesellschaft vorhanden sind und als solche wahrgenommen werden.
In Zeiten von Globalisierung und klimatischen Veränderungen, die soziale und politische, ökonomische und ökologische Unterschiede zu verschärfen drohen, sehen sich internationale Institutionen wie die UNESCO vor eine anspruchsvolle Herausforderung gestellt, wenn es um die genannte Zielsetzung gilt. Die UNESCO reagiert darauf unter anderem mit dem Programm zur Gestaltung des Sozialen Wandels (engl. „Management of Social Transformation“), dem MOST‐Programm. In seinem Rahmen kommt die UNESCO seiner sich selbst zum Ziel gemachten Beratungsleistung nach, indem es durch relevante Forschungsprojekte aus dem Bereich der Sozial‐, Kultur‐ und Geisteswissenschaften aktuelle und zukünftige gesellschaftliche Veränderungen deutlich macht. 2 Die Ergebnisse dieser Projekte werden über öffentlich zugängliche Datenbanken, internationalen Foren oder Tagungen und andere Kanäle weltweit an politische Entscheidungsträger vermittelt. So soll sicher gestellt werden, dass die Gestaltung politischer Institutionen den gesellschaftlichen Herausforderungen angepasst wird, beispielsweise bei steigender Überalterung geeignete Maßnahmen zur sozialen Absicherung gewählt werden.
1 Z.B. Profil der UNESCO über die Internetpräsenz des Auswertigen Amtes: http://www.auswaertiges‐
amt.de/diplo/de/Aussenpolitik/KulturDialog/ZieleUndPartner/UNESCO.html
2 Internetpräsenz des MOST‐Programms: http://portal.unesco.org/shs/en/ev.php‐
URL_ID=7239&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html
Die Organisation und Verwaltung von dieser Art Wissenstransfer zwischen wissenschaftlicher Forschung und politischer Praxis stellt jedoch hohe Anforderungen den das Programm. Neben der Tatsache, dass über sechzig Staaten involviert 3 sind und eine hohe Anzahl an Forschungsprojekten bewertet, betreut und finanziert werden müssen, ist es vor allem auch die Frage seiner Wirksamkeit, die für das MOST‐Programm selbst eine Herausforderungen darstellt. Für interne und externe Kritiker mag also die Kosten‐Nutzen‐Bilanz des MOST‐ Programms recht unausgeglichen sein 2. Gestalt des MOST‐Programms
2.1 Aufgaben und Vorgehensweise
Das MOST‐Programm zählt aufgrund der hier behandelten Themenschwerpunkte zum UNESCO‐Fachbereich für Geistes‐ und Sozialwissenschaften. Es macht sich dabei zur Aufgabe durch empirisch begründete Forschungsergebnisse eine Brücke zwischen Wissenschaft und politischen Institutionen auf der ganzen Welt herzustellen. 4 Ermöglicht werden soll dies durch einen Wissenstransfer zwischen den Forschungsprojekten des MOST‐Programms, die hier als eine Art Beratung fungieren sollen, und politischen Entscheidungsträgern. Dem Namen entsprechend behandelt das Programm in erster Linie Veränderungsprozesse innerhalb einer Gesellschaft, die es in ihrem Wesen zu erkennen, beschreiben und interpretieren gilt. Daraus ableitend sollen zukünftige Entwicklungen und Herausforderungen identifiziert werden, stets mit dem letztendlichen Ziel, der Politik eine entsprechende Handlungsempfehlung zur Verfügung zu stellen. So sollen politische Strukturen wie Gesetze und regulierende Maßnahmen genauer an die gesellschaftliche Gestalt und die sozialen Bedürfnisse eines Volkes angepasst werden.
Dabei richten sich die Forschungsprojekte des MOST‐Programms vorwiegend an drei Politikbereiche, die unter den Multikulturalismus und Multi‐Ethnizität, Stadtpolitik‐ und Stadtpolitik sowie lokale und regionale Strategien im Umgang mit den Folgen der Globalisierung 5 zusammengefasst werden können. Diese Einteilung ist vor allem von
3 MOST‐Informationsbroschüre des UNESCO Bureau of Public Information:
http://www.unesco.org/bpi/pdf/memobpi18_transformation_en.pdf
4 Internetpräsenz des MOST‐Programms
5 MOST‐Informationsbroschüre des UNESCO Bureau of Public Information
Bedeutung, um den Kreis der adressierten politischen Institutionen einzugrenzen und die Forschungsergebnisse so präziser auf deren Handlungsmöglichkeiten zuzuschneiden. Dieser Gliederung steht eine weitere inhaltliche Ordnung gegenüber, die sich auf die Themenschwerpunkte der Forschungsprojekte bezieht. Das MOST‐Programm wählte eine Kategorisierung nach Weltregionen, wie sie auch für einige andere Projekte der UNESCO typisch ist. Jeder dieser sechs Regionen ist ein thematischer Schwerpunkt zugeordnet, der als ein roter Faden zu verstehen ist, an dem sich die jeweiligen Forschungsprojekte im Idealfall orientieren. So sollten sich die Arbeiten über Lateinamerika und die Karibik mit der Armutsbekämpfung beschäftigen, während für den gesamten afrikanischen Kontinent regionale Integration zum Thema gemacht wurde. Projekte über die arabischen Staaten sollten die Rolle des Staates in der gesellschaftlichen Entwicklungspolitik behandeln. Soziale Sicherheit sollte im Fokus der Forschung über die Asien‐Pazifik‐Region stehen. Nordamerika und Europa wurden zu einer Region zusammengefasst, für die der Überalterung und Alterungsprozessen im Allgemeinen größte Relevant zugesprochen wurde. Die Vereinten Nationen definierten außerdem eine letzte Region als Kleine Inselentwicklungsländer, die vor allem afrikanische, ozeanische und karibische Inseln umfassen. Forschungsprojekte, die sich mit diesen Staaten befassen, erhielten von dem MOST‐Programm den thematischen Schwerpunkt der nachhaltigen gesellschaftlichen Entwicklungshilfe. 6 Darauf, wie die Zuordnung eines Themas zu einer Region erfolgt, wird in den Erläuterungen der UNESCO über das MOST‐Programm nicht näher eingegangen. Es ist jedoch anzunehmen, dass diese Themen anhand der in der Region vorherrschenden ökologischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Bedingungen und entsprechenden Prognosen über deren zukünftige Entwicklung formuliert werden. Wissenschaftliche Projekte über diese Themen können dem MOST‐Programm mit offiziellem Antrag vorgelegt werden. Dies geschieht meist durch Forschungsinstitutionen, Universitäten oder neu gegründete Kooperationen einzelner Forscher. Sie greifen in ihrer Arbeit vor allem auf empirische Methoden der Sozialforschung zurück, verwenden Statistiken, Erhebungen, aber auch Umfragen und Delphi‐Interviews, in denen Experten verschiedener Fachrichtungen ihre Einschätzungen über zukünftige Entwicklungen und Trends abgeben. Das MOST‐ Programm stellt außerdem selbst Forschungsinstrumente zur Verfügung, so etwa umfangreiche Datenbanken mit bereits erstellten empirischen Untersuchungen und Forschungsberichten, aber auch Instrumente zur Datenerfassung, um eigene Erhebungen
6 Online‐Präsentation über das MOST‐Programm:
http://portal.unesco.org/shs/en/files/3849/11381121305MOST_Execution.eng.short.pdf/MOST%2BExe
cution.eng.short.pdf S. 4
einzuspeisen. 7 Allgemein werden der internationale wissenschaftliche Austausch und die Verknüpfung relevanter Forschungsergebnisse durch die betreuenden Organe des MOST‐ Programms gefördert. Sie fördern außerdem interdisziplinäre Forschung, indem ein aktiver Dialog mit anderen UNESCO‐Sektoren wie dem Bereich für Bildung oder dem Bereich für Naturwissenschaften, hergestellt wird. 2.2 Aufbau und Struktur
Festlegung wie auch Koordination und Durchsetzung von Zielen, Aufgaben und Zuständigkeiten des MOST‐Programms sind wie wohl alle Einrichtungen der UNESCO präzise strukturiert. Die Notwendigkeit dazu ergab sich in erster Linie aus dem weitläufigen Tätigkeitsfeld des Programms: Nicht nur ein möglichst vielfältiger Themenbereich soll zum Schwerpunkt gemacht, sondern auch alle Weltregionen durch die interdisziplinären Forschungsarbeit thematisiert und involviert werden.
Gesteuert werden Struktur und Aktivitäten des MOST‐Programms von zwei Gremien. Für die Setzung eines groben Rahmens in allen Hinsichten ist der Zwischenstaatliche Rat (engl. „Intergovernmental Council“) zuständig, der zunächst vor allem Prioritäten, Anliegen und Ziele des MOST‐Programms bespricht und festlegt. Dieser Rat besteht aus insgesamt 35 Mitgliedern, die im Rahmen der UNESCO‐Generalkonferenz gewählt werden. Der Zwischenstaatliche Rat tagt im Abstand von zwei Jahren, nach denen jeweils festgehalten wird, in welchem Maße Ziele erreicht wurden. Außerdem lassen die Mitglieder Revue passieren über Erfolge und Misserfolge, Stärken und Schwächen, die sich in den vergangenen zwei Jahren gezeigt haben. 8
Das zweite Steuerungsgremium wird vom Wissenschaftlichen Beratungsausschuss (engl. „Scientific Advising Comitee“) gestellt. Seine sechs Mitglieder tragen die Verantwortung für eine Reihe von Aufgaben, unter die vor allem die Bewertung, Auswahl und Bewilligung von vorgeschlagenen Forschungsprojekten fallen. Gegenüber dem Zwischenstaatlichen Rat bilden sie also das ausführende Organ, das durch die Selektion der Projekte sicherstellt, dass die
7 Online‐Präsentation über das MOST‐Programm S. 5ff
8 Internetpräsenz des MOST Intergovernmental Council via:
http://portal.unesco.org/shs/en/ev.php‐URL_ID=3757&URL_DO=DO_TOPIC&URL_SECTION=201.html
Arbeit zitieren:
Katharina Grimm, 2010, Chancen und Herausforderungen des UNESCO MOST-Programms, München, GRIN Verlag GmbH
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