1. Einleitung
Am 11. und 12. Juli 1995 eroberten bosnischen Serben unter General Ratko Mladić die UN‐Schutzzone Srebrenica in Ostbosnien und töteten mehrere Tausend meist unbewaffnete bosnische Muslime, die dort Schutz gesucht hatten. In der folgenden Untersuchung möchte ich darauf eingehen wie es zu diesem größten Kriegsverbrechen in Europa nach dem 2. Weltkrieg kommen konnte und wieso die UNO‐Soldaten nicht eingriffen um tausende Menschenleben zu retten.
Zunächst werden die Vorgeschichte des Konflikts in Bosnien‐Herzegowina sowie die Umstände, die zur Schaffung der so genannten Schutzzonen führten, grob beschrieben und anschließend das Verhalten der niederländischen Soldaten, welche das Kommando in der Schutzzone Srebrenica innehatten, analysiert.
Die wichtigste Literatur stellen Analysen verschiedener Autoren dar, die wie David Rohde sowie Jan Willem Honig und Norbert Both bereits 1997, also gerade mal zwei Jahre nach der Katastrophe in Bosnien, ihre Werke veröffentlichen. Außerdem werden die Arbeiten von Annette Simon zu den Schutzzonen aus dem Jahr 2005 und von Angela Wieser zum Völkermord in Bosnien aus 2007 hinzugezogen. Diese beiden Werke haben einen größeren zeitlichen Abstand zu den Geschehnissen und vielleicht deshalb auch einen größeren Horizont und mehr Objektivität. Alle sind sich einig darin, dass das Massaker von Srebrenica einen schrecklichen Völkermord darstellt. Doch wer trägt die Schuld? Liegt die Schuld allein bei den Serben oder hätte die UNO gezielter eingreifen müssen um den Völkermord zu verhindern? Oder sind gar die niederländischen Soldaten schuld, welche ja die Verantwortung trugen? Ist die UNO selbst aufgrund mangelnder Effizienz und großer Bürokratisierung nicht fähig schnelle und vor allem richtige Entscheidungen zu treffen? Ist es nicht paradox, dass ausgerechnet in einer „Schutzzone“ so viele Menschen starben!? Schutzzone? Was bedeutet dieses Wort überhaupt? War man darin wirklich sicher? Wie konnte die UNO so versagen? All diese Fragen zeigen schon die Komplexität dieses Themas und die genaue und endgültige Klärung der genannten Fragen würden den Rahmen dieser Arbeit sprengen, doch werde ich versuchen wenigstens einen Teil davon zu beantworten um zu verstehen wieso niemand das Massaker verhinderte.
~ 2 ~
2. Die Vorgeschichte des Konflikts in Bosnien‐Herzegowina
Die im Folgenden genannten Begriffe „Schutzzonen“, „safe area“ und „Sicherheitszone“ werden alle synonym verwendet.
Der Krieg in Bosnien‐Herzegowina und das damit verbundene Scheitern der Vereinten Nationen in der UN‐Schutzzone in Srebrenica hängt stark mit den Ereignissen nach dem Zerfall Jugoslawiens zusammen. Der Österreichische Publizist Paul Lendvai stellte diesbezüglich fest: „Das auslösende Moment der jugoslawischen Tragödie war jedenfalls der militante groß‐serbische Kurs Belgrads.“ 1 Bereits im Januar 1991, 6 Monate vor Beginn der Kriegshandlungen in Jugoslawien drohte der damalige Präsident Serbiens Slobodan Milošević den Botschaftern der Europäischen Gemeinschaft damit, dass er einen neuen groß‐serbischen Staat errichten würde, wenn diese zuließen, dass Jugoslawien auseinanderbreche: „Die Position, die ich Ihnen soeben skizziert habe, ist der äußerste Kompromiß, den Serbien zu akzeptieren gewillt ist. Wenn dies nicht auf friedlichem Wege erreicht werden kann, zwingt man Serbien, die Machtmittel einzusetzen, die uns zur Verfügung stehen, den anderen hingegen nicht“ 2 Für die Bewohner des Vielvölkerstaats Jugoslawien und vor allen für jene aus der Teilrepublik Bosnien‐Herzegowina bedeutete die Haltung von Milošević nichts Gutes. Um dieses Problem zu verstehen, muss man sich die verschiedenen Bevölkerungsgruppen in Bosnien‐Herzegowina vergegenwärtigen: „Vor dem Ausbruch des Krieges zählte diese Teilrepublik 4,3 Millionen Einwohner: 1,9 Bosniaken (43,7%), 1,3 Millionen Serben (31,4%) und 756.000 Kroaten (17,3%). Desweiteren deklarierten sich noch rund 240.000 Menschen (5,5%) als Jugoslawen.“ 3
Der Unterschied zwischen bosnischen Muslimen (Bosniaken), bosnischen Serben und bosnischen Kroaten liegt in der Religion. Die bosnischen Kroaten sind Katholiken, die bosnischen Serben orthodoxe Christen und die Bosniaken konvertierten zum Islam. 4 Vor diesem Hintergrund sind die Pläne von Milošević zu sehen, welcher auch die Stadt
1 Paul Lendvai: Haß und Grausamkeit auf dem Balkan. In: Internationale Politik, 50. Jg., Nr. 3/1995, S. 3‐8.
2 Jan Willem Honig & Norbert Both: Srebrenica. Der größte Massenmord in Europa nach dem Zweiten Weltkrieg. München, 1997. S. 113‐114.
3 Jochen Stöger: Krisen und Kriege. Münster, 2008. S. 120.
4 Vgl.: David Rohde: Die letzten Tage von Srebrenica. Reinbek bei Hamburg, 1997. S. 12. ~ 3 ~
Srebrenica zum Teil des neuen „Großserbien“ machen wollte 5 und die „ethnische Säuberung“ in Bosnien‐Herzegowina als Ziel hatte. 6 Nachdem bereits im Sommer 1991 die jugoslawischen Teilrepubliken Slowenien, Kroatien und Mazedonien mit ihren Unabhängigkeitserklärungen voranschritten, erklärte auch Republik Bosnien‐Herzegowina am 15. Oktober 1991 ihre Unabhängigkeit von Jugoslawien. Damit stand der Zerfall des Vielvölkerstaates Jugoslawien praktisch fest und wurde durch die völkerrechtliche Anerkennung der Republik Bosnien‐Herzegowina durch die Europäische Gemeinschaft und die USA im April 1992 besiegelt. 7 Sofort kam es zu kriegerischen Auseinandersetzungen zwischen der Jugoslawischen Volksarmee (JVA), welche unter dem Kommando von Milošević von Belgrad aus befehligt wurde, und den bosnischen Muslimen. 8 Die JVA wandelte sich allerdings sehr schnell zur serbischen Armee, da sie schon zuvor von Serben dominiert wurde und viele Offiziere als ethnische Herkunft „serbisch“ angaben. 9 In der Folge eroberten die serbischen Truppen bis Mai 1992 60% des Territoriums von Bosnien‐Herzegowina. 10
Srebrenica liegt im äußersten Osten von Bosnien‐Herzegowina und damit in unmittelbarer Nähe zu Serbien. Die Stadt liegt in einem drei Kilometer langen und 800 Meter breiten Tal.
Die Stadt zählte nach der Volkszählung 1991 von den rund 9000 Einwohnern 75% bosnische Muslimen und 25% bosnische Serben. 11 Die Zahl der muslimischen Zivilisten in Srebrenica erhöhte sich durch Flüchtlinge aus anderen Landesteilen, wie Zvornik, Bratunac, Rogatica, und Han Pijesak 12 bis Mitte März 1993 auf 60.000 Menschen. 13 Der United Nations High Commissioner for Refugees (UNHCR) und das Internationale Komitee vom Roten Kreuz (IKRK) leisteten humanitäre Hilfe, 14 wurden aber immer wieder durch die serbische Bürgerkriegspartei, daran gehindert. Da Srebrenica von der Außenwelt abgeschnitten war und die UN‐Hilfslieferungen mit Lebensmitteln wegen der serbischen
5 Vgl.: Honig & Both: 1997. S. 114.
6 Vgl.: Stöger: 2008. S. 121
7 Vgl.: Stöger: 2008. S. 120
8 Vgl.: Rohde: 1997. S. 15.
9 Vgl.: Honig & Both: 1997. S. 114.
10 Vgl.: Ebd.: S. 116.
11 Vgl.: Angela Wieser: Ethnische Säuberungen und Völkermord. Frankfurt am Main, 2007. S. 85.
12 Vgl.: Honig & Both: 1997. S. 123.
13 Vgl.: Rohde: 1997. S 15.
14 Vgl.: Anette Simon: UN‐Schutzzonen - Ein Instrument für verfolgte Personen?. Heidelberg 2005. S. 22. ~ 4 ~
Blockade nicht dort ankamen, wurde zwischen März und Juni 1993 etwa 1900 Tonnen Nahrungsmittel in der Umgebung von Srebrenica aus Flugzeugen der NATO abgeworfen. 15
3. Die UNPROFOR und die Einrichtung der so genannten „safe areas“
Bereits am 08.06.1992 wurde im UN‐Sicherheitsrat die Resolution 758 verabschiedet, welche das Mandat der United Nations Protection Force (UNPROFOR) auf Bosnien ausweitete. 16 Zunächst operierte die UNPROFOR nämlich nur im Gebiet von Kroatien und hatte vor allem Friedensicherungsaufgaben und kontrollierte die humanitären Hilfslieferungen. 17
Die Situation in Srebrenica im Frühjahr 1993 war aussichtslos. Die Stadt war komplett von der serbischen Armee umzingelt und die muslimischen Zivilisten starben aufgrund fehlender medizinischer Versorgung. Ein UNHCR‐Bericht vom 19. Februar 1993 beschrieb die Lage der Menschen rund um Srebrenica so: „Es gibt nichts, was Ähnlichkeit mit Nahrungsmitteln hätte, wie wir sie kennen. Sie haben seit Monaten nichts Richtiges zu essen gehabt. Sie überleben mit Weizenspreu und Baumwurzeln. Jeden Tag sterben Menschen vor Hunger und Erschöpfung. Die medizinische Situation könnte schlimmer nicht sein. Verwundete werden ins Krankenhaus gebracht, wo sie an den einfachsten Verletzungen sterben, weil die notwendigen medizinischen Mittel fehlen.“ 18
Im März 1993 fuhr der damalige UNPROFOR‐Kommandeur für Bosnien Herzegowina, der französische General Philippe Morillon, nach Srebrenica um sich persönlich von der Lage dort ein Bild zu machen. 19 Er wollte erreichen, dass die Hilfskonvois mit Nahrungsmitteln und Medikamenten sicher nach Srebrenica gelangten 20 und dass Frauen und Kinder die Stadt mit UN‐Konvois verlassen durften 21 Die Menschen in Srebrenica waren so verzweifelt, dass sie ihn schließlich als Geisel gefangen nahmen weil sie glaubten dass die
15 Vgl.: Honig & Both: 1997. S. 128.
16 UN‐Security Council Resolutions - 1992 in: http://daccess‐dds‐ ny.un.org/doc/RESOLUTION/GEN/NR0/011/17/IMG/NR001117.pdf?OpenElement (22.08.2010)
17 Vgl.: Simon: 2005. S. 23.
18 Honig & Both: 1997. S. 128.
19 Vgl.: Ebd.: S. 133.
20 Vgl.: Ebd.: S. 133.
21 Vgl.: Ebd.: S. 141. ~ 5 ~
Arbeit zitieren:
Andreas Ratz, 2010, Das Massaker von Srebrenica, München, GRIN Verlag GmbH
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