1. Einleitung
Maria Montessori (1870-1952) war die wohl populärste Pädagogin des zwanzigstens Jahr-hunderts. Ihre Pädagogik hat sich weltweit verbreitet und erfreut sich nach wie vor großer Beliebtheit.
„Schaut nicht auf meinen Finger, der euch die Richtung weißt, sondern schaut auf das Kind.“ (Maria Montessori 1940) Bereits in unseren Ausbildungen zur Erzieherin und Heilerziehungspflegerin kamen wir in Kontakt mit biographischen und pädagogischen Daten rundum Maria Montessori. Jedoch konnte eine intensive Betrachtungsweise ihrer nicht gewährleistet werden. Im Rahmen dieses Seminars lag es demnach nahe dieses Thema in unserem Interesse noch einmal aufzugreifen und zu vertiefen. Nach einer intensiven Sichtung fachliterarischer Werke von und über Maria Montessori entstanden folgende zwei Fragen zum Thema. Der erste Teil der Hausarbeit befasst sich mit der Fragestellung: „Wie lässt sich anhand der Biographie Maria Montessoris ihr Wandel von der Medizin hin zur Erziehungswissenschaft erklären?“. Zur Klärung der Fragestellung wird zunächst auf biographische Eckdaten Maria Montessoris eingegangen welche einen komprimierten Überblick über ihr Leben geben. Weiterführend geht die Hausarbeit auf biographische Besonderheiten Montessoris ein, die zur Beantwortung der Fragestellung ausschlaggebend sind.
Der zweite Teil beschäftigt sich mit einer aktuellen Thematik und lässt folgende Frage aufkommen: „Ist in der heutigen Zeit die Montessori Pädagogik das Ideal für schulische Erziehung oder ist sie diesbezüglich reformbedürftig?“ Hierbei geht die Hausarbeit vorab auf die Pädagogik nach Maria Montessori ein. Anschließend wird an dieser Stelle ein Beispiel, das der Montessori- Oberschule Potsdam, vorgestellt. Die Konzeption und die Grundsätze bilden die Grundlage für den abschließenden Teil. Dieser gestaltet sich in Form einer zusammenfassenden Betrachtung der Schule und einer kritischen Würdigung der Montessori Pädagogik.
2. Biographie Maria Montessoris
2.1 Biographische Eckdaten
•geboren am 31. August 1870 in Chiaravalle, einem kleinen Ort nahe Arcona in Italien •1875 Umzug nach Rom, um Maria Montessori eine bessere Schulbildung zu gewährleisten -1876- 1883 Besuch der Grundschule
•1883- 1890 Besuch der naturwissenschaftlichen- technischen Knabenschule •1890- 1892 Studium der Naturwissenschaften an der Universität Rom
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•1892- 1896 Studium der Medizin an der Universität Rom
•mit 26 Jahren, im Jahre 1896 erste Ärztin Italiens und im selben Jahr Abgeordnete im internationalen Frauenkongress in Berlin
•ab 1897 Tätigkeit an der Psychiatrischen Klinik der Universität Rom; Studium der medizinisch-heilpädagogischen Schriften Itards und Séguins •31.03.1891 Geburt des Sohnes Mario
•1897 - 1899 hielt M. Montessori Vorträge über Frauenemanzipation und Sozialreform auf Kongressen in Turin, Rom und London
•1900 die Nationale Liga zur Erziehung behinderter Kinder eröffnet in Rom ein medizinischpädagogisches Institut zur Ausbildung von Lehrern für Behinderte unter der Leitung von Maria Montessori - Entwicklung einer spezifischen Methode zur Erziehung und Unterrichtung geistig behinderter Kinder unter der Anwendung der Prinzipien und Erziehungsmethoden von Itard und Seguin
•1904 - 1908 Vorlesungen über Anthropologie und Biologie am Pädgogischen Institut der Universität Rom und Lehrtätigkeit am Ausbildungsinstitut für Lehrerinnen - Zahlreiche medizinische Veröffentlichungen
•06.01.1907 Eröffnung der ersten Casa dei bambini (Kinderhaus) im römischen Stadtteil San Lorenzo
•1909 erster Ausbildungskurs in Cittá di Castello Il metodo della pedagogica scientifica •1911 Einführung in italienischen und Schweizer Volksschulen, in englischen und argentinischen Schulen praktiziert, Modellschulen in Paris, New York und Boston. Gründung von nationalen Montessori - Gesellschaften. Montessori gibt Arztpraxis auf, auch Dozentur, und widmet sich ausschließlich der internationalen Verbreitung ihrer Methode. •1912 überwältigender Erfolg von “Il metodo” in den USA - Erster internationaler Ausbildungskurs in Rom - Tod der Mutter Renilde. •1913 erste Reise in die USA; Vortragserfolge •1914 Dr. Montessoris own Handbook •1915 zweite Reise in die USA, Tod des Vaters Alessandro •1916 Übersiedlung nach Barcelona
•1924 Einführung der Montessori- Methode in den italienischen Schulen nach einer Begegnung mit Mussolini. Opera Montessori von faschistischer Regierung unterstützt •1929 Gründung der Association Montessori Internationale (AMI) mit Sitz in Berlin bis 1935, dann Amsterdam
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•1932 zweiter Internationaler Montessori Kongress in Nizza - “The Mass Explainned to Children”
•1933 dritter Internationaler Montessori- Kongress in Amsterdam und der Nationalsozialismus zerstört die Montessori- Bewegung
•1934 vierter Internationaler Montessori- Kongress in Rom, nach Konflikt mit dem italienischen Faschismus Schließung der Montessori- Schulen, Anwendung der Methode auf mathematische Bereiche
•1936 Bürgerkrieg in Spanien. Montessori verlässt Barcelona. Neuer Wohnsitz in Amsterdam. Fünfter Internationaler Montessori-Kongress in Oxford- „The Secret of Childhood“ •1937 sechster Internationaler Montessori-Kongress in Kopenhagen, zugleich Friedenskonferenz
•1938 siebter Internationaler Montessori-Kongress in Edinburgh
•1939 Montessori verlässt Europa und lebt bis 1946 in Adyar (Indien). Aufschwung der indischen Montessori- Bewegung •1945 Allindische Montessori- Konferenz in Jaipur. •1946 Rückkehr für ein Jahr nach Europa
•1947 Neugründung der Opera Montessori in Italien. Feier des 40. Jahrestages der Gründung der ersten Casa dei bambini, Pläne für Aufbau einer Montessori- Universität in Madras •1949 The Absorbet Mind und andere Schriften, Ausbildungskurs in Parkistan, Endgültige Rückkehr nach Europa, Achter Internationaler Montessori-Kongress in San Remo •1950 Vortragsreise nach Norwegen und Schweden, Feier des 80. Geburtstages auf einer internationalen Konferenz in Amsterdam
•1951 neunter Internationaler Montessori-Kongress in London, letzter Ausbildungskurs in Innsbruck
•06.05.1952 Tod in Nordwijk aan Zee (Niederlande)
2.2 Biographische und geistesgeschichtliche Voraussetzungen des pädagogischen Denkens
Maria Montessori
Die Auseinandersetzung mit der Literatur von und über Maria Montessori lässt sehr schnell deutlich werden, dass zur Klärung der heilpädagogischen und pädagogisch-didaktischen Relevanz ihres Erziehungsentwurfes nicht darauf verzichtet werden kann, die historische Entwicklung ihres Denkens darzustellen. Besonders die Entstehungsgeschichte der Montessori-Pädagogik beinhaltet wichtige Hinweise für die im Rahmen dieser Arbeit zu diskutierende Phänomene und somit werden diese Abschnitte im Schaffen Montessoris und diejenigen Ein-
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flussgrößen auf ihr Werk, die auf eine heilpädagogische sowie pädagogisch-didaktische Bedeutsamkeit ihrer Konzeption hinwiesen, näher beschrieben. 1
2.2.1 Biographische Besonderheiten
Mit Sicherheit wird es Rahmen dieser Hausarbeit nicht möglich sein Charakter, Leben und Werk Montessoris in ihrer Gesamtheit darzustellen. Die folgenden Ausführungen geben lediglich Aufschluss über besondere Umstände und Motive unter deren Einfluss sich Maria Montessori in ihrer ersten Schaffensperiode dem heilpädagogischen und später dem allgemeinpädagogischen Feld zuwandte. 2
„Die Frau, unter deren Händen diese Methode geboren wurde, hatte ursprünglich nicht die geringste Absicht, Erzieherin zu werden, geschweige denn, eine Erziehungsmethode zu erfinden.“ 3
Als eine der wichtigsten Stationen auf dem Weg zur Pädagogik kann mit Sicherheit die von Montessori mit ungeheurer Hartnäckigkeit und Zielstrebigkeit erzwungene Zulassung zum Studium der Medizin gelten. Angesichts der im Italien des vorigen Jahrhunderts herrschenden und auch gesetzlich verankerten gesellschaftlichen Tabuisierung der medizinischen Wissenschaft für das weibliche Geschlecht kann wohl nur als herausragende Leistung bezeichnet werden, was Montessori im Jahre 1892 im Alter von 22 Jahren erreichte. Als erste Frau Italiens erhielt sie die offizielle Erlaubnis zum Studium der Medizin. Mit Selbstvertrauen, Zielstrebigkeit, Fleiß und Disziplin - Eigenschaften, die das Charakterbild Montessoris zeitlebens prägen sollten - studierte sie vier Jahre in der reinen Männerwelt der medizinischen Fakultät der Universität Rom und wurde 1896 mit ausgezeichneten Abschlussnoten zur ersten promovierten Medizinerin Italiens. 4
Die Wahl des ärztlichen Berufes und die enormen Energien, die Montessori vor und während ihres Studiums zur Realisierung ihrer Ziele aufwenden musste, sprechen letztendlich für eine zurückzuführende psychische Grundposition, die als Voraussetzung für die Arbeit im heilpädagogischen Tätigkeitsbereich unabdingbar ist. 5
„Heilpädagogische Arbeit ist in allen ihren Teilen von den einzelnen Gehalten des Helfens durchtränkt und durch sie bestimmt.“ 6 Der Wunsch anderen Menschen aus einem sozialen Mit- und Pflichtgefühl heraus zu helfen erhielt Maria Montessori schon in der frühen Kindheit und Jugend. Stets wurde sie von ihrer Mutter Renilde zu Hilfs- und sozialer Verantwortungs-
1 Vgl.Igl, J./ Vogl E. (1996), S.4
2 Vgl.ebd.
3 Böhm, W. (1990), S. 7
4 Vgl. Igl J./ Vogl E. (1996), S. 4 f
5 Vgl. Ebd.
6 Rössel, F. in Bleidick, U. (1978), S. 178
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bereitschaft erzogen. Bereits als junge Ärztin zeigte Montessori ein hohes Maß an Fürsorgebereitschaft. Aber auch in späteren Jahren, als sich Montessori bereits der Pädagogik zuge-wandt hatte, äußerte sich ihr soziales Engagement in einer Auffassung, in der Erziehung letztendlich als humanitärer Auftrag begriffen wird. 7
Zur Umsetzung ihres Engagements in aktive Hilfeleistung, die gleichermaßen zur Geburts-stunde des theoretischen und praktischen Schaffens Montessoris in der Pädagogik werden sollte, bot sich die Gelegenheit eine Aufgabe im Rahmen ihrer Tätigkeit als freiwillige Assistenzärztin in der Psychiatrischen Klinik der Universität Rom zu übernehmen. Die Aufgabe bestand darin, aus den „Irrenhäusern“ der Stadt geeignete Patienten zur klinischen Behandlung auszuwählen. Nach heutigen Einschätzungen waren die dortigen Patienten stark geistig behinderte Kinder, die in leeren Räumen ohne jegliches Anregungspotential zusammengesperrt waren. Besonders diese Kinder erweckten das Interesse Montessoris und sie begann sich nach Möglichkeiten umzusehen, wie ihnen geholfen werden könne. 8 Hierfür bediente sich die akademisch ausgebildete Wissenschaftlerin, der einschlägigen Literatur und erkannte schnell den Bedeutungsgehalt der Werke zweier Männer 9 , deren zentrale Aussagen als konstituierende Elemente in ihr eigenes System mit einfließen sollten. Maria Montessori zeigte bei der Auseinandersetzung mit dem heilpädagogischen Wissens-stand ihrer Zeit neben dem Literaturstudium auch Bemühungen praktische Methoden des Umgangs mit geistig behinderten Kindern kennen zu lernen. Zudem stellte sie Studien in den Sonderklassen für geistig zurückgebliebene Kinder der Elementarschule in London und Umgebung an. 10
Eine entscheidende Erkenntnis aus diesen Studien, die für ihre Zuwendung zur Pädagogik von großer Bedeutung gewesen sein dürfte und die auch nach dem heutigen Stand heilpädagogischer Diskussion noch volle Gültigkeit hat, kommt zum Ausdruck in der von ihr vollzogene Bestimmung des Arbeitsfeldes Behindertenerziehung als hauptsächlich pädagogischem Aufgabengebiet. „Im Gegensatz zu meinen Kollegen hatte ich jedoch die Eingebung, dass das Problem der geistig Zurückgebliebenen eher ein pädagogisches als überwiegend ein medizinisches war.“ 11 Ein weiteres gegensätzliches Verständnis hatte Maria Montessori zur allgemeinen wissenschaftlichen Auffassung der damaligen Zeit. Sie widersetzte sich der Auffassung des allgemeinen weit verbreiteten Glauben an ein „durch Erbanlagen vorherbestimmtes und daher konstantes Niveau der intellektuellen Leistungsfähigkeit und der damit einhergehenden
7 Vgl. Igl, J./ Vogl E. (1996), S. 5
8 Vgl. Ebd S. 6
9 Gemeint sind hier: J.M.G Itards und E. Seguins, diese Einflussnahme wird in Punkt 2.2.2 näher beschrieben
10 Vgl. Igl, J./ Vogl E. (1996), S. 6
11 Vogel E. zitiert Montessori, M. aus: Entdeckung (1969), S. 26
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Negierung von Möglichkeiten der Einflussnahme auf diese Potentiale“ 12 . Montessori setzte dem eine ‚völlig andere’(stark an die heutigen Maßstäbe erinnernd) Position entgegen. 1898 hielt Maria Montessori beim Pädagogenkongress in Turin eine Rede und präsentierte Ergebnisse neuer wissenschaftlicher Untersuchungen an verminderten, aber bildungs- und erziehungsfähigen retardierten Kindern. Bei ihrer Rede bezog sie sich zudem auf die Arbeit Seguins. Für das dringend reformbedürftige italienische Schulsystem, forderte Montessori eine daran orientierte, gesonderte Erziehungseinrichtung mit ausgebildeten Lehrkräften. Sie begründete ihre Forderung mit einem ökonomischen Nutzen für die Gesellschaft, da ein besserer Umgang mit dem Problem gegeben wäre. Nach Aussagen von Maria Montessori kam es in den folgenden zwei Jahren, in dem sie in einer Behinderteneinrichtung arbeitete, zu einem Interessenwandel von der Medizin zur Pädagogik. 13
Diese Phase dürfe für die Entwicklung ihrer pädagogischen Methode von entscheidender Bedeutung gewesen sein. Montessori konstruierte, orientiert an Ideen von Itard und Seguin, einen Apparat didaktischer Spielmaterialen. Bis heute sind diese Spielmaterialien unter den Namen „Montessori-Material“ bekannt. Zudem formulierte sie pädagogische Grundsätze, deren Wirksamkeit sie in der direkten Anwendung an ihren Schülern erproben konnte. Die Schülerschaft setzte sich aus Insassen der römischen Irrenanstalten und schwer lernbehinderten Kindern zusammen, die nicht in der Lage waren dem in der Elementarschule praktizierten Unterricht zu folgen. Der von Montessori durchgeführte Unterricht hatte auf die kognitiven Fähigkeiten, der als nicht bildbar geltenden Schüler, erstaunliche Wirkung. Laut Maria Mon-tessori lernten einige der Kinder schreiben und konnte somit an einer Prüfung der normalen öffentlichen Schule teilnehmen und bestanden diese mit gutem Erfolg. 14 Bis heute konnte nicht gänzlich geklärt werden, warum Montessori nach zwei durchaus erfolgreichen Jahren das Institut verließ. Vermutungen verschiedener Autoren gehen dahin, dass letztendlich private Gründe den Ausschlag gaben.
Es kann jedoch festgehalten werden, dass diese Phase den Einschnittpunkt bildete an dem die pädagogische Richtung, die Montessori bis dahin eingeschlagen hatte, ihren Kurs änderte. „Es kam mir der Gedanke, dass, würde die besondere Art der Erziehung, die bei den schwachsinnigen Kindern so auffallende Erfolge gezeigt hatte, eine Tages auch auf die normalen angewendet, dann das ‚Wunder’, von dem meine Freude redet, nicht länger als solches halten und die Kluft zwischen dem verkümmerten Intellekt der Schwachsinnigen und dem normalen Ge-
12 VogelE. zitiert Kramer, R. aus: Leben (1977), S.349
13 Vgl. Igl, J./ Vogl E. (1996), S. 7
14 Vgl. Igl, J./ Vogl E. (1996), S. 7f
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Arbeit zitieren:
Stephanie Hofmann, 2008, Die Pädagogik Maria Montessoris, München, GRIN Verlag GmbH
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