Klaus-Helmut
Schmidt Institut für Arbeitsphysiologie an der Universität Dortmund
Formen der Kontrolle als Puffer der Belastungs-Beanspruchungs-Beziehung
· Kontrollformen · Pufferhypothese · Beanspruchungsindikatoren · Arbeitsorganisation und -gestaltung
Zusammenfassung
Das von Karasek (1979) entwickelte Belastungs-Kontroll-(job demands-control-) Modell der Arbeitsbeanspruchung geht von der Annahme aus, dass Kontroll- und Einflussspielräume bei der Arbeit die ungünstigen Beanspruchungswirkungen hoher Arbeitsbelastungen in der Funktion eines Puffers abschwächen sollten. Zur Überprüfung dieser Annahme wurden in der vorliegenden Untersuchung bei Pflegekräften in der stationären Altenhilfe zwei spezifische Kontrollmaße zu Grunde gelegt. Die Ergebnisse zeigen, dass von den Möglichkeiten, den zeitlichen Arbeitsablauf beeinflussen zu können, stärkere und breitere Pufferwirkungen ausgehen als von dem Ausmaß, in dem man die Art und Weise der Aufgabenbearbeitung beeinflussen kann.
Praktische Relevanz
Arbeitsgestalterische Maßnahmen zur Beanspruchungsprävention im Bereich der Altenpflege sollten demnach insbesondere darauf gerichtet sein, die arbeitsablaufbezogenen Kontrollspielräume zu vergrößern. Hierdurch werden Personen in die Lage versetzt, die Arbeit in einer Weise zeitlich zu organisieren, die an ihre aktuellen Möglichkeiten der Belastungsbewältigung angepasst ist.
1 Einleitung
Das von Karasek (1979) entwickelte Belastungs-Kontroll- (job demandscontrol-) Modell der Arbeitsbeanspruchung hat in den vergangenen 20 Jahren einen nachhaltigen Einfluss auf die Erforschung der Beziehung zwischen Arbeit und Gesundheit ausgeübt. Das Modell basiert auf zwei psychosozialen Merkmalen der Arbeit, denen eine bedeutsame Rolle im Prozess der Beanspruchungsgenese zugeschrieben wird. Das erste Merkmal beinhaltet Arbeitsbelastungen in Form von psychischen Stressoren wie z. B. das Arbeiten unter Zeitdruck oder das Bewältigen von komplexen und mental anspruchsvollen Arbeitsaufgaben. Das zweite Merkmal bezieht sich auf das Ausmaß an Kontrolle und Einflussnahme, das Personen in Bezug auf ihre Arbeitsaufgaben und den Vollzug der Aufgabenbearbeitung erleben. Das Modell geht von zwei Kernhypothesen aus. (1) Psychische und physische Beanspruchungen sind das Ergebnis der Kombination von hohen Arbeitsbelastungen mit niedrigen Spielräumen der Kontrolle und Einflussnahme (sog. ‘high strain jobs’). (2) Arbeitsbedingungen dagegen, in denen sowohl die Belastungen als auch die Möglichkeiten der Kontrolle und Einflussnahme hoch ausgeprägt sind, fördern nicht nur das Wohlbefinden, sondern auch die Arbeitsmotivation und die Persönlichkeitsentwicklung durch arbeitsbezogene Lernprozesse (sog. ‘active jobs’).
Während das theoretisch in der zweiten Hypothese angenommene Potenzial von ‘aktiven’ Arbeitsbedingungen, Beanspruchungen minimieren und Lernanregungen maximieren zu können (Parker & Sprigg 1999), erst in jüngster Zeit einige Beachtung gefunden hat (siehe z. B. de Rijk et al. 1998; Parker 1998), liegen zahlreiche Studien vor, die die Validität der ersten Hypothese auf der Grundlage verschiedenster Beanspruchungsindikatoren als Kriteriumsvariablen überprüft haben. Wie van der Doef & Maes (1999) sowie Beehr et al. (2001) im Rückblick auf diese Studien zutreffend festgestellt haben, ist diese Hypothese allerdings auf recht unterschiedliche Weise ausgelegt worden, so dass unklar ist, welche empirischen Ergebnisse eigentlich zur Stützung dieser Hypothese beitragen. So geht eine einfache Variante der Hypothese davon aus, dass Arbeitsbeanspruchungen lediglich aus additiven oder Haupteffekten der Belastungen und der Kontrolle resultieren, mit positivem Vorzeichen für die Belastungen und negativem für die Kontrolle. Eine theoretisch spezifischere Variante sagt dagegen darüber hinaus auch eine Wechselwirkung beider Arbeitsmerkmale auf Indikatoren der Beanspruchung vorher. Demnach sollten die situativen Spielräume der Kontrolle und Einflussnahme die ungünstigen Beanspruchungswirkungen, die mit zunehmenden Arbeitsbelastungen einhergehen, in der Funktion eines Puffers mildern und moderieren. Diese Pufferfunktion leitet sich aus den Möglichkeiten ab, die große Kontrollspielräume den Personen zur aktiven Belastungsbewältigung bieten. Personen mit großen Kontrollspielräumen können z. B. die zu erledigenden Aufgaben in einer Weise organisieren, die ihren aktuell verfügbaren Bewältigungsressourcen angepasst ist. Bei geringen Spielräumen der Kontrolle und Einflussnahme sind diese Möglichkeiten der Selbstorganisation der Arbeit dagegen weit weniger gegeben. Beehr et al. (2001) betonen, dass gerade die Wechselwirkung zwischen Belastungen und Kontrolle den theoretischen Gehalt des Modells ausmacht und in seiner Eigenständigkeit begründet.
Neueren Überblicksdarstellungen der Literatur zufolge (z. B. de Jonge & Kompier 1997; Karasek & Theorell 1990; van der Doef & Maes 1999) können die Haupteffekte beider Arbeitsmerkmale als empirisch gut belegt gelten. Zunehmende Arbeitsbelastungen verstärken in der Regel die Beanspruchung, während große Kontrollspielräume, unabhängig von den Belastungen, mit einer Beanspruchungsminderung einhergehen. Die empirische Evidenz zugunsten der Pufferhypothese fällt dagegen weit weniger eindeutig aus. Auf der Grundlage von insgesamt 31 Studien, die die Wechselwirkung zwischen Belastungen und Kontrolle an Kriterien allgemeinen Wohlbefindens überprüft haben, konnten van der Doef & Maes (1999) lediglich 15 Studien identifizieren, die zumindest teilweise die Pufferhypothese stützen. Das in derselben Literaturübersicht ermittelte Verhältnis von 10 hypothesenkonformen Studien zu insgesamt 23 Studien, welche die Pufferhypothese am Kriterium der Arbeitszufriedenheit untersuchten, vermittelt kein eindeutigeres Bild.
Zur Erklärung dieser diskrepanten Befunde sind eine Reihe von Argumenten ins Feld geführt worden (siehe im Überblick: de Jonge & Kompier 1997). Dabei wurden insbesondere die jeweils gewählten Operationalisierungen und Messungen der Modellvariablen einer kritischen Prüfung unterzogen. So haben Ganster & Fuselier (1989), Kasl (1989) sowie Frese (1989) bereits recht früh darauf hingewiesen, dass viele Untersuchungen zur Überprüfung der Pufferhypothese der von Karasek (1979) begründeten Tradition gefolgt sind, bei der Messung der Kontrollund Einflussspielräume zwei Sachverhalte abzubilden und in einem Maß zusammen zu fassen. Entsprechend dieser Tradition wurden neben den situativen Möglichkeiten der Einflussnahme auf den Prozess der Aufgabenbearbeitung häufig auch das Ausmaß erfasst, in dem Personen ihre Fähigkeiten und Fertigkeiten bei der Arbeit nutzen sowie neue Lernpotenziale erschließen können (‘skill discretion’). Den Überlegungen von Ganster & Fuselier (1989) und Kasl (1989) zufolge stellt dieser Sachverhalt der Fähigkeitsnutzung und des Lernens jedoch einen theoretischen Fremdkörper dar, dessen Berücksichtigung die empirischen Nachweischancen für die Pufferfunktion der Kontrolle schmälert. Denn im Gegensatz zu den Möglichkeiten, den Prozess der Aufgabenbearbeitung kontrollieren und beeinflussen zu können, sollten Möglichkeiten der Fähigkeitsnutzung und des Lernens den Personen kaum irgendwelche Ansatzpunkte zur aktiven Belastungsbewältigung bieten.
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Arbeit zitieren:
Klaus-Helmut Schmidt, 2004, Formen der Kontrolle als Puffer der Belastungs-Beanspruchungs-Beziehung, München, GRIN Verlag GmbH
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