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Inhalt
1. Einleitung
1.1. Problemhintergrund und Forschungstendenzen 3
1.2. Fragestellung und Vorgehensweise 8
Die globale Wirtschaftskrise und Ansätze zu ihrer
2.
Überwindung
S. 12
2.1. Die Weltwirtschaftskrise 1929 und ihre Auswirkungen 12
auf Deutschland
2.2. Arbeitsbeschaffungsprogramme aus der Zeit der
Weimarer Republik 14
2.2.1. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit unter der
Regierung Brüning
S. 17
2.2.2. Die Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen der Regierung
Papen
S. 21
2.2.3. Das "Sofort-Programm" der Regierung Schleicher
S. 24
3. Die wirtschaftspolitische Programmatik der
Nationalsozialisten vor dem Machtantritt
S. 26
3.1. Hitlers Einstellung zu wirtschaftspolitischen Fragen
vor 1933 26
3.2. Das "Wirtschaftliche Sofortprogramm" der NSDAP 27
4. Die zivilen Arbeitsbeschaffungsprogramme unter der
Regierung Hitler - Auftakt und Verwirklichung der
"Arbeitsschlacht"
S. 31
4.1. Unmittelbare Arbeitsbeschaffung 35
4.1.1. Das „Reinhardt-Programm“
S. 35
4.1.2. Reichsautobahnbau - Die Bewerkstelligung des
Baus der „Straßen des Führers“
S. 38
4.1.3. Sonderprogramme
44
3
4.2. Mittelbare Arbeitsbeschaffung S. 45
5. Die Organisation der Arbeitsbeschaffung S. 56
5.1. Aufgaben der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung
und Arbeitslosenversicherung (RAA) S. 56
5.2. Die Rolle der "Deutschen Arbeitsfront" S. 60
6. Die Auswirkungen der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen S. 62
6.1. Konjunktur- und Wirtschaftsentwicklung in den
Jahren 1933-1936 S. 64
6.2. Entspannung des Arbeitsmarktes S. 65
6.3. Wertung der nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik S. 66
7. Die Finanzierung der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen S. 70
7.1. Spende zur Förderung der nationalen Arbeit S. 71
7.2. Die Vorfinanzierung der Staatsaufträge S. 73
7.3. Auswirkungen auf den Reichshaushalt S. 75
8. Schlußbetrachtungen S. 77
9. Quellen- und Literaturverzeichnis S. 80
9.1. Quellenverzeichnis S. 80
9.2. Literaturverzeichnis S. 83
4
1. Einleitung
1.1. Problemhintergrund und Forschungstendenzen
Zur Zeit der nationalsozialistischen "Machtergreifung" im Januar 1933 umfaßte die Arbeitslosigkeit in Deutschland ein Drittel der arbeitsfähigen Bevölkerung, die industrielle Produktionskapazität lag fast zur Hälfte brach. Die Weltwirtschaftskrise von 1929 und wirtschaftspolitische Zurückhaltung der Regierungen Brüning, Schleicher und Papen schufen eine Rekordarbeitslosigkeit von über 6 Millionen Menschen. Nach der nationalsozialistischen "Machtergreifung" im Januar 1933 setzte die Regierung Hitler ein Arbeitsbeschaffungsprogramm in Kraft, durch welches mit den verschiedensten Maßnahmen zur Beeinflußung des Arbeitsmarktes innerhalb von 4 Jahren Vollbeschäftigung erreicht werden konnte. 1
Von der Wirtschaftspolitik des "Dritten Reiches" sind im kollektiven Gedächtnis im wesentlichen ihre spektakulären Seiten haften geblieben: der Bau der Autobahnen, das Versprechen von Massenwohlstand, der Auftrieb der deutschen Wirtschaft und natürlich die Beseitigung der Arbeitslosigkeit. Neben dem Interesse am Aufstieg der NSDAP, ihrer Machtpolitik und Deutschlands Rolle im 2. Weltkrieg, fragt sich die Geschichtswissenschaft verstärkt nach der Strategie des Regimes zum schnellen Aufschwung der deutschen Wirtschaft und dem Weg zur Vollbeschäftigung. Die Beurteilung dieser Aspekte unterlagen meist unterschiedlicher Ansatzpunkte und Sichtweisen. Eine Hauptfrage beschäftigte sich hierbei vor allem damit: Welches Gewicht hatten solche "zivilen" Projekte beim Abbau der Massenarbeitslosigkeit gegenüber denen, die klar der Aufrüstung dienten? Daß dies zweifelsfrei vom Beginn der "Machtergreifung" an nur selten zu trennen ist, wird die Arbeit versuchen darzustellen.
Die Beschäftigung mit der Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus seitens der wirtschaftshistorischen Literatur besteht seit den 30er Jahren. Dabei ist meist eine bewundernde Meinung der ausländischen Wirtschaftshistoriker festzustellen, die meinten, daß die Nationalsozialisten die globale Wirtschaftskrise für Deutschland am schnellsten lösen konnten. Für deutsche Historiker in der Zeit des National -
1 zur Entwicklung der Arbeitslosenquote zwischen 1928 und 1938 vgl.: Mitchell, B.R.:
Statistischer Anhang 1920-1970, in: Cipolla, Carlo M./Borchardt, Knut (Hg.): Europäische
Wirtschaftsgeschichte, (Bd.5: Die europäischen Volkswirtschaften im zwanzigsten
Jahrhundert, Stuttgart 1986, S. 440; zit. nach Walter, Rolf: Wirtschaftsgeschichte. Vom
Merkantilismus bis zur Gegenwart, Köln/Weimar/Wien 1998, S. 177;
(zit. Walter, Wirtschaftsgeschichte)
5
sozialismus trifft meist die Beurteilung zu, daß sie, verblendet durch Propaganda oder kontrolliert durch Zensur, den Wirtschaftsaufschwung in den höchsten Tönen lobten. 2 Die Forschung nach dem 2. Weltkrieg stützte sich zuerst auf die Ergebnisse des United States Strategic Bomb Survey, welches eingesetzt wurde, um die Auswirkungen der alliierten Luftangriffe auf Deutschland auszuwerten. Diese Wissenschaftler kamen zu dem Ergebnis, daß sich die Westmächte ein falsches Bild von der wirtschaftlichen Stärke Deutschlands machten. Vertreten durch u.a. Kaldor oder Klein 3 konnten sie feststellen, daß die Vorstellung von einem hochgerüsteten Deutschland, welches auf eine lange Kriegsführung vorbereitet war, nicht mit der Realität übereinstimmte. 4
Das Ausmaß an Quellen zur Geschichte des National -sozialismus in Deutschland macht eine weitreichende Forschung zu allen Themen-bereichen möglich. Durch Luftangriffe, aber auch Vernichtungsmaßnahmen seitens der Beamten und Funktionäre, gingen jedoch auch wichtige Quellen verloren. Deshalb ist vielfach ein Rückgriff auf Sekundärliteratur nötig, wenn primäre Zeugnisse fehlen. Einsicht in die Arbeit der Ministerien, welche bei der Umsetzung der Arbeitsbeschaffungsprogramme von großer Bedeutung waren, bieten die Akten des Oberkommandos der Wehrmacht (OKW) und des Wehrwirtschafts- und Rüstungsamtes. 5 Akten aus dem Reichsfinanz-, Reichswehr- und Reichswirtschaftsministerium ruhen im Bundesarchiv (BA) in Koblenz. Um sich die von der Reichsregierung im Bezug auf die Arbeitsbeschaffung geschlossenen Maßnahmen näher zu führen, helfen die Aufzeichnungen der Reichsgesetz- und Reichsarbeitsblätter. Wie der Historiker Jürgen Stelzner feststellte, bieten die Bestände des Reichsfinanzministeriums für die Aufarbeitung der Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen reichlich Material; wenig ergiebig dagegen sind die Akten des Reichsarbeits- und Reichswirtschaftsministeriums, da sie überwiegend Schriftgut nach 1936 beinhalten. 6 Reden und Ausschnitte aus Besprechungen der Reichsregierung sind den Akten der Reichskanzlei zu
2 Priester, Hans: Das deutsche Wirtschaftswunder, Amsterdam 1936;
(zit. Priester, Wirtschaftswunder)
3 Kaldor, N.: The German War Economy, in: The Review of Economic Studies, Bd. 13,
1945/46; Klein, Burton H.: Germany´s Economic Preparation for War, Cambridge/Mass. 1959
4 Blaich, Fritz: Wirtschaft und Rüstung im Dritten Reich, Düsseldorf 1987, S. 285;
(zit. Blaich, Wirtschaft)
5 verzeichnet im Findbuch (Band 7) der "NAW - Guides to German Records microfilmed at
Alexandria/Va.
6 Stelzner, Jürgen: Arbeitsbeschaffung und Wiederaufrüstung 1933-1936. Nationalsozialistische
Beschäftigungspolitik und der Aufbau der Wehr- und Rüstungswirtschaft, Diss. Tübingen
1976, S. 6; (zit. Stelzner, Arbeitsbeschaffung)
6
entnehmen, so die "Chefbesprechung" zur Arbeitsbeschaffung, Aufrüstung und der Planung zum Autobahnbau. Desweiteren können die statistischen Ausführungen im Statistischen Jahrbuch für das Deutsche Reich, im Statistischen Handbuch für das Deutsche Reich, welches von den Alliierten herausgegeben wurde, und die Publikationen des Instituts für Konjunkturforschung benutzt werden. Die Aufarbeitung der vorhandenen frei verfügbaren, primären Quellen durch die Geschichtswissenschaft ist größtenteils abgeschlossen. Aktenveröffentlichungen seitens der Regierungen der Vereinigten Staaten von Amerika oder des jetzigen Rußlands seit dem Ende des "Kalten Krieges" lassen die Hoffnungen aufkeimen, in den Besitz weiterer Dokumente aus der Zeit des NS-Regimes zu gelangen. Von den gedruckten Quellen sind die Aufzeichnungen der führenden Vertreter des Nationalsozialismus wie z.B. von Adolf Hitler 7 , Gregor Strasser 8 , Friedrich Syrup 9 oder Fritz Todt 10 von großer Hilfe. Ebenso bieten die Parteiprogramme der NSDAP 11 oder die Schriften des Exilvorstandes der SPD (Sopade) 12 Einblicke z.B. in die Wirtschaftstheorie der jeweiligen Gruppierungen. Weitere zeitgenössische Literatur, welcher aber teilweise der Makel der ideologischen Beeinflußung anhängt, sind die Werke von Karl Schiller 13 , Leo Grebler 14 und Hans Priester.
Damit soll auf die Darstellungen der Wirtschaftsgeschichte des "Dritten Reiches" verwiesen werden, welche danachgehend ausgesucht wurden, ob sie die in der Arbeit angesprochenen Fragen beantworten könnten. Dem Problem der Wirtschaftspolitik der Präsidialkabinette widmen sich besonders Knut Borchardt 15 , der in seinen Aufsätzen vor allem versucht die Ursachen der deutschen Wirtschaftskrise herauszuarbeiten; und Carl-Ludwig Holtfrerich 16 , der das jeweils
7 Hitler, Adolf: Mein Kampf, München 1936
8 Strasser, Gregor: Kampf um Deutschland. Reden und Aufsätze eines Nationalsozialisten,
München 1932
9 Syrup, Friedrich: Arbeitseinsatz und Arbeitslosenhilfe in Deutschland, Berlin 1936
10 Todt, Fritz: Adolf Hitler und seine Straßen, in: Adolf Hitler. Bilder aus dem Leben des Führers,
Hamburg 1935
11 Wirtschaftliches Sofortprogramm der NSDAP, ausgearbeitet von der Hauptabteilung
IV (Wirtschaft) der Reichsorganisationsleitung der NSDAP, München 1932
12 Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade).
Jahrgänge 1934-1940, Frankfurt/M. 1980
13 Schiller, Karl: Arbeitsbeschaffung und Finanzordnung in Deutschland, Berlin 1936
14 Grebler, Leo: Die deutsche Arbeitsbeschaffung 1932-1935, Genf 1935, in: Internationale
Rundschau der Arbeit, (15. Jg.) 1937
15 Borchardt, Knut: Zwangslagen und Handlungsspielräume in der großen Weltwirtschaftskrise
der frühen dreißiger Jahre: Zur Revision des überlieferten Geschichtsbildes, S. 165-182;
ders.: Wirtschaftliche Ursachen des Scheiterns der Weimarer Republik, S. 183-205,
in: Borchardt, Knut: Wachstum, Krisen, Handlungsspielräume der Wirtschaftspolitik. Studien
zur Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 1982
16 Holtfrerich, Carl-Ludwig: Zur Debatte über die deutsche Wirtschaftspolitik von Weimar zu
7
Typische aus den Wirtschaftsprogrammen der letzten Weimarer Regierungen zusammenstellt. Einen großen Beitrag zur Forschung schufen für diesen Komplex außerdem Gerhard Kroll 17 , Helmut Marcon 18 und Henning Köhler 19 , die die wichtigsten Stationen der Krisenbekämpfung vor Hitler aufzeigen. Eine Publikation, welche die Hauptprobleme der deutschen Wirtschaft anspricht und deren Aufzeichnungen noch heute ihre Gültigkeit besitzt, ist die von Dieter Petzina. Ein kritischer Umgang mit Quellen, vor allem die Analysen der Kabinettssitzungen der Präsidialkabinette, machen diese Arbeit so wertvoll. Als wichtige Quellensammlung hat sich die Arbeit des Schweizer Historikers René Erbe 20 durchgesetzt. In ihr findet sich eine hervorragende Auswertung aller Wirtschaftsstatistiken des "Dritten Reiches". Einen Beitrag zur Diskussion um Hitlers Einstellung zu Wirtschaft und Gesellschaft vor dem "Machtantritt" gibt u.a. Henr y A. Turner 21 in seinem 1976 erschienenen Aufsatz. Arbeiten, die sich konkret auf die Arbeitsbeschaffung der Nationalsozialisten beziehen, stellen die Dissertationen von Jürgen Stelzner 22 und Guido Golla 23 dar. Deren präzise Quellenarbeit, der logische Aufbau ihrer Aufzeichnungen und die genaue Darstellung der von den Nationalsozialisten eingeführten Maßnahmen machen ihre Literatur zu Stützen der folgenden Arbeit. Wichtige Beiträge zum Verständnis des Baus der Reichsautobahnen schufen Kurt Kaftan 24 und Erhard Schütz 25 . Dieser Arbeit wurde außerdem die Arbeit von Claudia Brunner 26 zugrunde gelegt, die sich mit dem staatlichen Zugriff auf die Arbeitslosen beschäftigt und die Institutionen, die sich bei der Arbeitsbeschaffung bewährten, näher vorstellt. Weitere wichtige Hilfestellungen bei der Erfassung des Themas boten
Hitler, in: VfZ (44. Jg.) 1996; (zit. Holtfrerich, Wirtschaftspolitik)
17 Kroll, Gerhard: Von der Weltwirtschaftskrise zur Staatskonjunktur, Berlin 1958;
(zit. Kroll, Weltwirtschaftskrise)
18 Marcon, Helmut: Arbeitsbeschaffungspolitik der Regierungen Papen und Schleicher.
Grundsteinlegung für die Beschäftigungspolitik im "Dritten Reich", in: Schulz, Gerhard/Born,
Karl-Erich/Scholder, Klaus (Hg.): Moderne Geschichte und Politik, Nr. 3, Bern/Frankfurt/M.
1974; (zit. Marcon, Arbeitsbeschaffungspolitik)
19 Köhler, Henning: Arbeitsbeschaffung, Siedlung und Reparationen in der Schlußphase der
Regierung Brüning, in: VfZ 17 (1969)
20 Erbe, René: Die nationalsozialistische Wirtschaftspolitik 1933-1939 im Lichte der modernen
Theorie, Zürich 1958; (zit. Erbe, Wirtschaftspolitik)
21 Turner jr., Henry A.: Hitlers Einstellung zu Wirtschaft und Gesellschaft vor 1933, in:
GG (2. Jg.) 1976; (zit. Turner, Hitlers Einstellung)
22 Stelzner, Arbeitsbeschaffung
23 Golla, Guido: Nationalsozialistische Arbeitsbeschaffung in Theorie und Praxis 1933-1936,
Köln 1994; (zit. Golla, Arbeitsbeschaffung)
24 Kaftan, Kurt: Europa braucht Straßen, Berlin 1936
25 Schütz, Erhard: "Mythos Reichsautobahn" - Bau und Inszenierung der "Straße des Führers",
Berlin 1996
26 Brunner, Claudia: Arbeitslosigkeit im NS-Staat. Das Beispiel München, Pfaffenweiler 1997
8
die Arbeiten von Dietmar Petzina 27 über den Arbeitereinsatz vor und während des 2. Weltkrieges, sowie die Ausführung des Franzosen Charles Bettelheim 28 zur Finanzierung der Arbeitsbeschaffungs-programme.
Entscheidend beeinflußt hat die Diskussion zur deutschen Wirtschaft in der Zwischenkriegszeit die Frage nach dem Charakter des wirtschaftlichen Aufschwungs unter Adolf Hitler. Dabei spielt der Einfluß des "Keynesianismus" 29 eine entscheidende Rolle; vor allem aber interessiert der Anteil der Aufrüstung an der Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit. So bleibt der Aufsatz von Werner Abelshauser zu nennen, welcher sich damit beschäftigt, ob der wirtschaftliche Aufschwung in Deutschland eine notwendige Voraussetzung für die Mobilisierung aller Ressourcen, oder ob er eher ein Abfallprodukt der Rüstungsanstrengungen darstellte. 30 Dabei stößt man auf verschiedene Thesen bei der Analyse der Literatur: Die DDR-Geschichtsschreibung stellt vor allem das Schicksal und die Lebens- und Arbeitsbedingungen der Arbeiterklasse in den Mittelpunkt und kam zum Ergebnis, daß "der deutsche Faschismus [...] die grausamste Form der Herrschaft des Monopolkapitals" 31 darstellte. Bei der Schuldzuweisung für den deutschen Faschismus entwickelten die DDR-Historiker die "Agententheorie", nach der die Eigentümer und Manager der Industriekonzerne und Großbanken die Hauptverantwortlichen an der Rüstungspolitik waren und nicht Hitler und seine Paladine. Historiker im Westen Deutschlands und im nichtmarxistischen Ausland vertraten eher der "Unterordnungsthese". Ihr Kernpunkt besagt, daß mit Verkündung des Vierjahresplanes das NS-Regime seinen Führungsanspruch gegenüber Großindustrie und Banken durchsetzte.
Einen weiteren Diskussionspunkt bot die Frage nach dem Ende der Arbeitsbeschaffung und dem Beginn der Aufrüstung. So sahen einige Historiker, unter ihnen Gerhard Kroll 32 , die ersten Jahre des Nationalsozialismus unter dem Vorzeichen eines friedlichen Aufschwungs der Wirtschaft, bei dem sich alle
27 Petzina, Dietmar: Die Mobilisierung deutscher Arbeitskräfte vor und während des
Zweiten Weltkrieges, in: VfZ (18. Jg.) 1970
28 Bettelheim, Charles: Die deutsche Wirtschaft unter dem Nationalsozialismus,
München 1974
29 Eine Wirtschaftstheorie, welche nach dem englischen Ökonomen John M. Keynes benannt
wurde. Der Keynesianismus entwickelte sich zum festen Bestandteil der
nationalsozialistischen Wirtschaftspolitik.
30 Abelshauser, Werner: Kriegswirtschaft und Wirtschaftswunder, in: VfZ (47. Jg.) 1999
31 Kuczynski, Jürgen: Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1933 bis 1945. Die
Geschichte der Lage der Arbeiter in Deutschland von 1789 bis zur Gegenwart, Bd. 6,
Berlin (O.) 1964
32 Kroll, Weltwirtschaftskrise, S. 7f.
9
Maßnahmen der Beseitigung der Arbeitslosigkeit unterordneten. Seit der Arbeit von Wolfram Fischer 33 geht die Geschichtsschreibung jedoch davon aus, daß jegliche Anstrengungen seitens des Staates in wirtschaftlicher Sicht sofort nach der "Machtergreifung" der Vorbereitung eines Krieges dienten. Von diesem Standpunkt wichen die Historiker bis auf den heutigen Tag nicht ab. Der von Adolf Hitler vorgetragene "Aufruf der Reichsregierung an das deutsche Volk" vom 1. Februar 1933 versprach "die Rettung des deutschen Bauern zur Erhaltung der Ernährungs- und damit Lebensgrundlage der Nation" sowie die "Rettung des deutschen Arbeiters durch einen gewaltigen und umfassenden Angriff gegen die Arbeitslosigkeit" innerhalb von vier Jahren. 34 Da Adolf Hitler in "Mein Kampf" der Wirtschaft nur eine untergeordnete Rolle in Staat und Gesellschaft zubilligte und in ihr nur eine "notwendige Dienerin im Leben eines Volkskörpers" 35 sah, hatte auch er keine zwingenden Antworten parat, die wirtschaftliche Situation entscheidend zu beeinflußen und vor allem die Arbeitslosen von der Straße zu holen. Und trotzdem war sich das nationalsozialistische Regime darin bewußt, "daß ihr Machterhalt und die Verwirklichung ihrer Ziele von der wirtschaftlichen Lage Deutschlands abhingen." 36
1.2. Fragestellungen und Vorgehensweise
Die vorliegende Arbeit untersucht und durchleuchtet das Phänomen des „deutschen Wirtschaftswunders“ der 30er Jahre. Dabei wird sie sich in Form einer Literaturstudie mit folgenden Fragen beschäftigen: Inwieweit wurde die wirtschaftliche Krise der 20er und 30er Jahre von den Regierungen vor Hitler erkannt und worin bestanden die
33 Fischer, Wolfram: Deutsche Wirtschaftspolitik 1918-1945, Opladen 1968, S. 61
34 zit. nach Wendt, Bernd-Jürgen: Das nationalsozialistische Deutschland, Opladen 2000, S. 53;
(zit. Wendt, Deutschland)
35 zit. nach Turner jr., H. A.: Hitlers Secret Pamphlet for Industrialists, in: Journal of Modern
History, Vol. 40 (1968), S. 362
36 Hummel, Karl-Joseph u. M. von Dierker, Wolfgang: Deutsche Geschichte 1933-1945,
München 1998, S. 94; oder auch Sopade-Jahresband 1934,in: Deutschland Berichte der
Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade). Jahrgänge 1934-1940, Frankfurt/M.
1980, S. 582: "...keine Wahl hatten, ob sie [die Nationalsozialisten] eine großzügige
Arbeitsbeschaffung durchführen wollen oder nicht. Sie mußten gerade auf diesem Gebiet
schnell zu sichtbaren Erfolgen kommen, um ihre Macht zu halten und zu sichern.";
(zit. Hummel, Geschichte)
10
ersten Vorkehrungen seitens der Kabinette zum Aufschwung der Wirtschaft und der Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit ?
Aufgrund unserer Aufgabenstellung wird vor allem zu prüfen sein, inwieweit das nationalsozialistische Regime durch eigene Maßnahmen zur Beseitigung der Massenarbeitslosigkeit in Deutschland beigetragen hat. Ansatzpunkt für das Wirtschaftsprogramm des NS-Regimes bot das vom ehemaligen Reichskanzler Kurt von Schleicher vorbereitete Sofortprogramm, da es nach Hitler "...besonders geeignet [wäre], den Interessen der Wiederaufrüstung dienstbar gemacht zu werden. Es ermöglichte am ehesten die Tarnung der Arbeiten für die Verbesserung der Landesverteidigung." 37 Es soll veranschaulicht werden, inwieweit die
wirtschaftspolitischen Programme der Kabinette Brüning, Schleicher und Papen die wirtschaftlichen Probleme hätten lösen können und was die Gründe dafür waren, weshalb sie nicht zur Ausführung kamen. Welche Voraussetzungen wurden durch die Vorarbeiten dieser Kabinette geschaffen, die es Hitler ermöglichten, eine Politik zu führen, „die von Anbeginn in den verschiedensten Ausprägungen aus dem Vollen zu schöpfen schien.“? 38 Das Volumen der Aufzeichnungen zur Wirtschaftspolitik der Präsidialkabinette ist deshalb so groß gewählt, da die Regierung Hitler, wie sich zeigen wird, sich größtenteils auf diese Programme stützte.
Ein kurzer Einblick in die Situation der deutschen Wirtschaft der 20er und 30er Jahre soll vorerst verdeutlichen, mit welchen ökonomischen Problemen sich die Regierungen Brüning bis Hitler zu befassen hatten. Dabei wird wichtig sein, zu fragen, inwieweit sich Adolf Hitler und die NSDAP vor 1933 wirtschaftspolitischen Fragen zuwendeten und mit Hilfe welcher Maßnahmen sie der Wirtschaftskrise in Deutschland begegnen wollten.
Inwiefern kann wirklich von einem "nationalsozialistischen Wirtschaftswunder" gesprochen werden ? Eine oberflächliche Sicht über die statistischen Daten der deutschen Wirtschaft der Jahre 1933 bis 1936 zeigt, daß mit dem Jahre 1936 die Vollbeschäftigung 39 in der deutschen Wirtschaft erreicht wurde und sich bereits ein Arbeitskräftemangel in bestimmten Bereichen der Industrie abspiegelte. So will diese Darlegung versuchen, althergebrachte Legenden von der Wirtschaftspolitik Hitlers, welche auch bis heute noch nicht beseitigt wurden und einerseits auf den Erfolg der NS-Propaganda, andererseits auf den Mißerfolg aller Aufklärungsversuche zurück-
37 Hitler in der Sitzung des Ausschusses für Arbeitsbeschaffung am 9.2.1933, Bundesarchiv
(BA) R 43 II/540; gemeint war der sogenannte "Gerecke-Plan"
38 Stelzner, Arbeitsbeschaffung, S. 3
11
zuführen sind, aufzuklären. Zwei der bedeutendsten Legenden im Bezug auf die NS-Arbeitsbeschaffung stellen Hitler als den Wirtschaftsstrategen dar, der erstens die Arbeitslosigkeit in Deutschland beseitigte, und zweitens, dies mit Hilfe "seines" Projektes Autobahnbau erfolgreich erreichte. Es soll eine Analyse der ergriffenen wirtschaftspolitischen Maßnahmen auf dem Gebiet der zivilen Arbeitsbeschaffung durchgeführt werden. Dabei stellt sich die Frage mit welchen arbeitsmarkt- und sozialpolitischen Instrumentarien die N ationalsozialisten die Arbeitslosigkeit in Deutschland verringern konnten. Den Schwerpunkt hierbei bildet ein Blick auf die „unmittelbaren“ und „mittelbaren“ Maßnahmen im Rahmen der nationalsozialistischen „Arbeitsschlacht“, der unmittelbare Regierungseing riff in die Wirtschaft, die Vergabe von öffentlichen Aufträgen und deren fiskalpolitischen Finanzierungsmöglichkeiten. Anhand des "Reinhardt-Plans" vom 1. Juni 1933 40 und des "2. Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit" vom 21. September 1933 41 werden die wichtigsten Eckpunkte im Programm der Reichsregierung zur Beseitigung der Arbeitslosigkeit vorgestellt. Der Blick führt vom Bau der Reichsautobahnen zu den Sonderprogrammen von Reichsbahn und Reichspost; im Bereich der "Mittelbaren Arbeitsbeschaffung" sollen diverse Steuervergünstigungen, das "Ehestandsdarlehen", das "Gebäude-Instandsetzungs-Gesetz" (GIG) und Anordnungen zum Abzug von Arbeitskräften vorgestellt werden. Daran anschließend wird versucht, anhand der Reichsanstalt für Arbeitsvermittlung und Arbeitslosenversicherung (RAA) und der "Deutschen Arbeitsfront", die Radikalität des Regimes bei der Beeinflußung der Arbeiter und der Instrumentalisierung des Volkskörpers zur Vorbereitung des Krieges darzustellen. Radikale Arbeitsmarktpolitik, Finanzpolitik und Beeinflußung der betrieblichen Strukturen stellten sich als die Grundfesten des nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffungsprogramm dar.
Desweiteren soll geklärt werden, wie sich die Arbeitsbeschaffungsprogramme der Regierung Hitler auf die konjunkturelle Entwicklung der Wirtschaft und die Arbeitslosigkeit auswirkten. Welche Maßnahmen, parallel zu den arbeitsschaffenden, wurden getroffen, um temporär bestimmte gesellschaftliche Gruppen, wie Frauen, Jugendliche oder ältere Arbeitnehmer vom Arbeitsmarkt auszuschließen ? Einen wichtigen Aspekt dieser Arbeit bildet die Bewertung der Arbeitsbeschaffungsprogramme. Worin lagen trotz des sichtlichen Erfolgs aller Maßnahmen die negativen
39 vgl. u.a. Hummel, Geschichte, S. 106
40 "Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit" vom 1. Juni 1933, Reichsgesetzblatt (RGBl.) I,
1933, S. 323-329
12
Nebenerscheinungen, und welchen Einfluß hatte die "Wiederwehrhaftmachung des deutschen Volkes" auf die Wirtschaftsprogramme ? Abschließend wird der finanzielle Hintergrund der Arbeitsbeschaffungsprogramme zur Sprache kommen. Wie wurde es möglich, nach all den finanzpolitischen Problemen zur Ankurbelung der Wirtschaft unter den Vorgängerregierungen, jetzt ein Programm zur Schaffung von Arbeit zu entwickeln und erfolgreich durchzuführen ?
Die Arbeit wird zeitlich beginnen mit dem Höhepunkt der Weltwirtschaftskrise 1929; enden im Jahre 1936, da in diesem Jahr die Vollbeschäftigung erreicht wurde und Arbeitsbeschaffung nicht das Hauptanliegen der Regierung darstellte, sondern Aufrüstung. Alle weiteren Programme seitens der Regierung dienten nicht vorsätzlich dem Abbau der Arbeitslosigkeit, sondern richteten sich zweifelsfrei auf die Vorbereitung eines Krieges. Die NS-Regierung setzte ihre radikale Wirtschaftsstrategie weiter fort und forcierte alle wirtschaftlichen Bestrebungen Richtung Aufrüstung und Kriegsvorbereitung. Es soll eine Analyse der zivilen Arbeitsbeschaffung versucht werden, wobei die Außenwirtschafts- und Agrarpolitik bewußt ausgeklammert werden. Diese Arbeit wendet sich hauptsächlich dem Abbau der Arbeitslosigkeit unter den Nationalsozialisten zu, zur Sprache kommen die Maßnahmen der Regierung Hitler zur Beseitigung dieses Problems. Fragen nach Lohn-, Freizeitpolitik, oder sozialen Umständen der Arbeiter werden nicht beantwortet. Einen entscheidenden Moment bei der Konsolidierung der Macht der Nationalsozialisten bildete die Propaganda. Auch wenn gerade in der Frage der Arbeitsbeschaffung und damit bei der Beseitigung der Arbeitslosen in Deutschland die propagandistischen Mittel entscheidend zum Erfolg beitrugen, wird diese Arbeit sich nicht damit beschäftigen.
41 RGBl. I, 1933, S. 651-653
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2. Die globale Wirtschaftskrise und Ansätze zu ihrer Überwindung
2.1. Die Weltwirtschaftskrise 1929 und ihre Auswirkungen auf
Deutschland
Der verlorene 1. Weltkrieg versetzte Deutschland in eine Zwangslage der Reparationszahlungen und der damit verbundenen internationalen Verschuldung. Deutschland entwickelte sich vom ehemaligen Gläubigerland zum nunmehr Schuldner der anderen Staaten. Verhängnisvoll für die Wirtschaft Deutschlands gestaltete sich vor allem der immer stärker vorangetriebene Protektionismus. Alle Länder versuchten durch hohe Zollmauern oder Einfuhrquoten ihre eigene Ökonomie zu schützen. Der Grund dafür war, daß durch die "kriegsbedingten Verwerfungen langfristiger Trends zuungunsten der etablierten europäischen Wirtschafts-standorte" 42 neue Wirtschaftszentren gegründet wurden, die diese Waren nun produzierten. Um den Absatz dieser Güter sicherzustellen, wurde der freie Welthandel aufgegeben. Beispiele dafür bringt Christoph Buchheim 43 , der auf den 1930 von den USA eingeführten "Smoot-Hawley-Zolltarif" e ingeht, welcher ein Spitzenniveau des Protektionismus darstellte. Weiterhin verließ das bis dahin durch eine Freihandelspolitik glänzende Großbritannien diese Prinzipien und ging mit den Commonwealth-Ländern eine Präferenzzone ein, in der ebenfalls durch verschiedene Zolltarifgesetze die inländischen Märkte und Unternehmen geschützt werden sollten.
Da Deutschland, einst wie auch heute, seine Wirtschaft größtenteils auf den Export abstimmte, fiel mit der Ausfuhrquote 44 und der Anzahl der Aufträge auch die Industrieproduktion, das Volkseinkommen und somit die Höhe der beschäftigten Arbeiter.
Seit 1927 steuerte die Welt in eine globale Wirtschaftskrise 45 , die im Jahre 1929 ihren Höhepunkt erreichte.
42 Plumpe, Gottfried: Wirtschaftskrise, Wirtschaftspolitik und Nationalsozialismus, in:
Malettke, Klaus (Hg.): Der Nationalsozialismus an der Macht, Göttingen 1984, S. 56;
(zit. Plumpe, Wirtschaftskrise)
43 vgl. Buchheim, Christoph: Einführung in die Wirtschaftsgeschichte, München 1997, S. 96;
(zit. Buchheim, Wirtschaftsgeschichte)
44 die deutsche Exportquote sank in den Jahren 1929 bis 1932 um 57,7%, zit. nach Stelzner,
Arbeitsbeschaffung, S. 15; vgl. Konjunkturstatistisches Handbuch 1936, Berlin 1935, S. 93;
(zit. Konjunkturstatistisches Handbuch 1936)
45 die Ursachen, die Entwicklung vor und in der Weltwirtschaftskrise, sowie erste Anfänge zur
14
Allgemein wird der 25. Oktober 1929 als der Beginn der Weltwirtschaftskrise gesehen, als es am sogenannten "Schwarzen Freitag" zu einem Börsencrash in der Wertpapierbörse von New York kam. Friedrich-Wilhelm Henning charakterisiert den Weg zur Wirtschaftskrise so: "Die relativ langfristige Prosperitätsperiode für die industrielle Produktion, die Gewinne und die Börsenkurse hatten zu der verbreiteten Annahme verleitet, daß wesentliche wirtschaftliche Schwankungen, wie sie vor allem in der Zeit von 1850 bis zum Ersten Weltkrieg noch verbreitet waren, nicht mehr eintreten würden. Es herrschte ein allgemeiner Fortschrittsglaube." 46 Durch den globalen Aufschwung in Industrie und Landwirtschaft ab Mitte der 20er Jahre wurden mehr Gelder in Investitionen von Industrieanlagen gepumpt als sich am Ende wirklich rechnete. Der Verbrauch der Bevölkerung war nicht spürbar gestiegen, jedoch setzten sich die Investitionen weiter fort, so daß es zu Überkapazitäten kam. Das Vertrauen in die Konjunkturphase erzeugte eine Überproduktion von Gütern, welcher nicht genügend Nachfrage entgegenstanden. Also konnten die inneren und äußeren Märkte diese Produkte nicht aufnehmen. Seit dem Konjunkturbeginn Mitte der 20er Jahre hatten vor allem amerikanische Kapitalimporte in Deutschland zu einem Kapazitätsausbau der Industrie geführt. Diesem vorausgegangen war eine Fehleinschätzung der Aufnahmefähigkeit des Marktes. In den Zeiten steigender Börsenkurse wollte niemand an ein mögliches Abflachen oder Stocken dieser Konjunkturphase glauben. 47
Um die Auswirkungen auf die deutsche Wirtschaft zu untersuchen, lehnt sich die Arbeit an Jürgen Stelzners Vorgehensweise zur Untersuchung des Volkseinkommens und der Produktion und dem wichtigsten Indikator der Wirtschaft, der Arbeitslosigkeit an. 48 Aufgrund des fehlenden Absatzes der Waren auf dem Weltmarkt mußte die Industrie Rationalisierungsmaßnahmen durchführen, um ihr Fortbestehen zu gewährleisten. Wem das nicht mehr gelang, mußte die Produktion einstellen und seinen Betrieb schließen, so daß es allein im Jahre 1932 in Deutschland zu 62.000 Konkursen in der Industrie kam. Die Zahl der jährlichen Konkurse verdoppelten sich von 1928 bis 1932. 49
Überwindung stellen u.a. dar: Henning, Friedrich-Wilhelm: Das industrialisierte Deutschland
1914 bis 1992, Paderborn 1993, S. 90-140; (zit. Henning, Deutschland);
Kindleberger, Charles P.: Die Weltwirtschaftslage 1929-1939, 3. Aufl., München 1984
46 Henning, Deutschland, S. 92
47 zit. nach Stelzner, Arbeitsbeschaffung, S. 13; vgl. Born, Karl Erich: Die deutsche Bankenkrise.
Finanzen und Politik, München 1967, S. 32
48 vgl. Stelzner, Arbeitsbeschaffung, S. 14 -18
49 vgl. Statistisches Jahrbuch 1932, S. 374
15
Die Hauptindikatoren der deutschen Wirtschaft besagten folgendes: Das Volkseinkommen fiel in den Jahren 1928 bis 1932 um rund 40%, das Einkommen aus unselbständiger Arbeit, also Löhne und Gehälter, sank um 50%. Der Handel und die Gewerbe hatten ebenfalls einen Rückgang um rund 50% zu verbuchen. Die gesamte deutsche Industrieproduktion ging in diesen vier Jahren um 46,8% zurück, die landwirtschaftliche Erzeugung sank um 36%. 50 Da die allgemeine Produktion abnahm und die Mittel für neue Investitionen nicht zur Verfügung standen, wurden auch kaum noch Kredite für Neuinvestitionen gewährt. Ausländische Finanzmittel, welche in der Konjunkturphase in Deutschland angelegt worden waren, wurden nun schnell wieder abgezogen, die inländischen Geldmittel schwanden. 51 Eine Abschwächung der Konjunktur mit dem Anwachsen der Arbeitslosenzahl 52 auf 2,6 Mill. Personen begann schon im Winter 1928/1929. Im Laufe der Weltwirtschaftskrise mit ihren n egativen Folgen auf die Industrieproduktion, wie die Rationalisierungsmaßnahmen mit der Schließung von Betrieben und der Entlassung von Beschäftigten, stieg die Arbeitslosenzahl bis 1932 auf einen Höchststand von 6,128 Millionen. 53
2.2. Arbeitsbeschaffungsprogramme aus der Zeit der
Weimarer Republik
Die Klärung der Reparationsfrage gehörte zu den zentralen Inhalten der Weimarer Wirtschaftspolitik. "Das Ziel der sogenannten "Erfüllungspolitik" der Weimarer Reichsregierungen lag darin, d ie Unerfüllbarkeit der Reparationsforderungen nachzuweisen, indem das Reich seinen Verpflichtungen bis an die Grenzen des Möglichen nachkam und somit die Absurdität der Auflagen unter Beweis zu stellen versuchte." 54
Das Bestreben der letzten 3 Präsidialkabinette der Weimarer Republik war klar auf die Beseitigung der Arbeitslosigkeit und dem Austritt aus der Wirtschaftskrise gerichtet. Jedoch war die Bereitschaft zum Risiko unter den Kabinetten noch nicht
50 Konjunkturstatistisches Handbuch 1936, S. 95, 52 und 176f.; vgl. Statistisches Handbuch
von Deutschland 1928-1944, München 1949, S. 600; (zit. Statistisches Handbuch)
51 vgl. Henning, Deutschland, S. 103
52 vgl. die Arbeitslosenstatistik bei Erbe, Wirtschaftspolitik, S. 26
53 Konjunkturstatistisches Handbuch 1936, S. 16
54 Feldenkirchen, Wilfried: Die deutsche Wirtschaft im 20. Jahrhundert, Enzyklopädie deutscher
Geschichte, München 1998, S. 19; (zit. Feldenkirchen, Wirtschaft)
16
gegeben, welche die deutsche Wirtschaft aus ihren Tal hätten führen können. Die Ansatzpunkte der Regierungen Brüning, Papen und Schleicher waren ähnlich, aber kamen zu spät oder wurden nicht konsequent genug durchgesetzt. Wissenschaftler der Geschichte wie der Ökonomie versuchten seit jeher die Ursachen für die Wirtschaftskrise in Deutschland und die Entstehung von Massenarbeitslosigkeit zu deuten. Abgesehen davon, daß diese depressiven Merkmale global auftraten und auch dort kaum Wege gefunden wurden, der Krise zu entrinnen, stand in der Forschung eine gena uere Klärung der spezifisch deutschen Verhältnisse im Mittelpunkt. Die sogenannte "Borchardt-Kontroverse" 55 ging seit Anfang der 80er Jahre dem Problem nach, woran die Wirtschaft der Weimarer Republik krankte und weshalb ein Ausbrechen aus der Krise erfolglos blieb. Genauer wurde hier gefragt, ob die Lohn- und Sozialkostenentwicklung der Weimarer Wirtschaft schon vor der großen Weltwirtschaftskrise überfordert wurde durch die begrenzten Möglichkeiten der Volkswirtschaft. Trugen diese Faktoren neben anderen d azu bei, daß die Deflationspolitik des Reichskanzlers Brüning die einzige Möglichkeit darstellte ? Nach Knut Borchardt waren die zu hohen Reallöhne seit 1925 mitverantwortlich für die krisenhafte Existenz der deutschen Wirtschaft. Dies stellte unter anderem den Hauptgrund für die niedrige Investitionsquote dar, welche immer noch unter dem Vorkriegsniveau verharrte. 56
Rolf Walter sieht in der durch Abzug ausländischer Finanzmittel eingetretenen Geldknappheit die Hauptursache der Wirtschaftskrise in Deutschland, wobei Brüning die Umstände seiner "Deflationspolitik" nicht beseitigen konnte, ja sogar die wirtschaftliche Talfahrt beschleunigte. 57 Carl-Ludwig Holtfrerich und Christoph Buchheim kamen in ihren Ausführungen zum Ergebnis, daß es mit der Deflationspolitik Brünings und der Verringerung der Staatsausgaben im März 1930 zu Lohn- und Gehaltssenkungen im öffentlichen Dienst und im privatwirtschaftlichen Bereich kam. 58 Buchheim gibt Borchardt zwar Recht und spricht von einer positiven Lohnentwicklung, vergleicht aber den Lohnanstieg der Jahre 1925 bis 1930 und den der Jahre 1950 bis 1955. Er kommt zu dem Ergebnis, daß in diesen Zeiträumen der
55 ausgelöst durch die Aufsätze von:
Borchardt, Knut: Zwangslagen und Handlungsspielräume in der großen Weltwirtschaftskrise
der frühen dreißiger Jahre: Zur Revision des überlieferten Geschichtsbildes, S. 165-182;
ders.: Wirtschaftliche Ursachen des Scheiterns der Weimarer Republik, S. 183-205;
in: Borchardt, Knut: Wachstum, Krisen, Handlungsspielräume der Wirtschaftspolitik. Studien
zur Wirtschaftsgeschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, Göttingen 1982
56 zit. nach Buchheim, Wirtschaftsgeschichte, S. 98
57 vgl. Walter, Wirtschaftsgeschichte, S. 167
17
Lohnanstieg etwa gleich war 59 , jedoch die Begleitumstände völlig verschieden. Das Wirtschaftswachstum und die Investitionsquoten waren in den 50er Jahren viel höher, so daß man den Lohnanstieg zur Klärung des Wachstums nicht heranziehen kann. Jedoch erfüllte die "Borchardt-Kontroverse" ihre Funktion: Sie legte das Hauptaugenmerk der Forschung auf die Ursachen der Krise und stellte die Wachstumsschwäche der deutschen Wirtschaft in den Mittelpunkt des Interesses. Es mußten Wege gefunden werden, die wirtschaftliche Krisenfahrt zu stoppen und den Menschen in Deutschland durch Arbeitsbeschaffung Vertrauen in die demokratischen Verhältnisse der Weimarer Republik zu geben. Denn wie Jürgen Stelzner feststellte, führte die Krise in Industrie, Landwirtschaft und Bankenwelt "mit zunehmender Dauer auch zur wachsenden politischen Radikalisierung der Bevölkerung." 60 Knut
Borchardt leitet daraus das spezifisch deutsche Problem an der Krise ab; "das besondere Maß an Politisierung - eben der enge Verbund von Wirtschafts- und Staatskrise." 61 Diese "Verkoppelung", so Borchardt, "des Schicksals von Gesellschaft, Wirtschaft und Staat hat schließlich zur Fesselung von autonomen Kräften geführt und die Katastrophe nahezu unausweichlich gemacht." 62
Die Erfolglosigkeit der Kabinette Brüning, Papen und Schleicher in der Lösung der wirtschaftlichen Probleme bereitete den Weg zum Machtantritt des Hitler-Regimes im Jahre 1933. Jedoch schufen sie die wirtschaftlichen Hauptansatzpunkte, nach denen die Nationalsozialisten nach ihrem Machtantritt ein Wirtschaftshilfsprogramm einleiten konnten, daß erfolgreich die Massenarbeitslosigkeit beseitigte. Die Frage nach dem Eigenanteil der NSDAP und der späteren Regierung Hitler am nationalsozialistischen Arbeitsbeschaffungsprogramm wurde vom israelischen Historiker Avraham Barkai klar beantwortet: "Die theoretische Diskussion zu Beschäftigungsproblemen geht also schon auf die Zeit vor 1933 zurück. Sie hat von nationalsozialistischer Seite - trotz der nach 1933 in größerem Umfang durchgeführten beschäftigungspolitischen Maßnahmen - keine wesentlichen Impulse erhalten." 63
58 zit. nach Holtfrerich, Wirtschaftspolitik, S. 122
59 vgl. Buchheim, Wirtschaftsgeschichte, S. 98
60 Stelzner, Arbeitsbeschaffung, S. 13
61 Borchardt, Knut: Geleitwort, in: James, Herold: Deutschland in der Weltwirtschaftskrise 1924-
1936, Stuttgart 1988, S. 12; (zit. James, Weltwirtschaftskrise)
62 ders., S. 12
63 Barkai, Avraham: Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus. Ideologie, Theorie, Politik
1933-1945, Frankfurt/Main 1988, S. 22; (zit. Barkai, Wirtschaftssystem)
18
Auch Dieter Petzina verweist eindeutig auf die Unwahrheit der Worte des Hitler-Regimes an ihrem so propagierten "NS-Wirtschaftswunder" und ihrer "NS-Wirtschaftspolitik" in dem er resümiert: "Die Regierung Hitler brauchte sich der bereitgestellten Instrumente nur noch zu bedienen, um das "Wirtschaftswunder" von 1933 zu inaugurieren." 64 Das Wirtschaftsprogramm der Nationalsozialisten lehnte sich also klar an die von den Vorgängerregierungen Brüning, Papen und Schleicher ausgearbeiteten und teilweise schon eingeführten Verordnungen zur Ankurbelung der deutschen Wirtschaft an. Es wurde für das Hitlerregime möglich, die Zahl der Arbeitslosen von der Rekordmarke von über 6 Millionen (1932) auf den Stand von 1936 zu verringern, bei der in einigen Branchen der deutschen Industrie schon ein Mangel an Arbeitskräften vorlag.
Welche Begleitumstände machten es den Vorgängerregierungen unmöglich, die wirtschaftlichen Probleme mit Hilfe schon ausgearbeiteter Programme zur Bekämpfung der Arbeitslosigkeit derart zügig zu lösen ?
2.2.1. Die Bekämpfung der Arbeitslosigkeit unter der
Regierung Brüning 65
Durch die Weltwirtschaftskrise des Jahres 1929 und ihre langwierigen Folgen stürzte die deutsche Wirtschaft in eine Phase der Stagnation und der Inflation der Währung. Belastet durch die Folgen des 1. W eltkrieges und die für Deutschland finanziell ungünstigen Zahlungen der Reparationen 66 bot sich der Regierung Brüning ein Handlungsspielraum, der politische Prioritäten auf die Stabilisierung der Staatsfinanzen und damit der Vertrauensbildung für die Reparationsgläubiger setzte. So konnte die Regierung Brüning nur eine Wirtschaftspolitik 67 gestalten, die als "klassische Deflationspolitik" in die Geschichte eingegangen ist. 68
64 Petzina, Dieter: Hauptprobleme der deutschen Wirtschaft 1932/33, in: VfZ (15. Jg.) 1967,
S. 29; (zit. Petzina, Hauptprobleme)
65 Regierungszeit vom 30.3.1930 bis zum Rücktritt am 30.5.1932
66 zu den wirtschaftlichen Folgelasten des 1. Weltkrieges vgl.:
Helbich, Wolfgang J.: Die Reparationen in der Ära Brüning. Zur Bedeutung des Young-Plans
für die deutsche Politik 1930 bis 1932 (Studien zur europäischen Geschichte aus dem
Friedrich-Meinecke-Institut der Freien Universität Berlin, Band V), Berlin 1962;
(zit. Helbich, Reparationen)
67 zur Wirtschaftspolitik des Reichskanzlers Brüning vgl.:
Erbe, René: Die nationalsozialistische Beschäftigungspolitik im Lichte der
Beschäftigungstheorie von Keynes, in: Schweizerische Zeitschrift für Volkswirtschaft und
Statistik, (90. Jg.) 1954, S. 463ff.; Kroll, Weltwirtschaftskrise; Henning: Arbeitsbeschaffung,
Siedlung und Reparationen in der Schlußphase der Regierung Brüning, in: VfZ (17. Jg.) 1969,
Arbeit zitieren:
Andre Bastisch, 2000, Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen im Dritten Reich von 1933-1936, München, GRIN Verlag GmbH
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