genommen worden waren, kam der später überaus erfolgreiche Film auch im Westen in die deutschen Kinos (vgl. STAUER 2001, S. 12).
WOLFGANG STAUDTE setzt in seinem Film „Der Untertan“ die Gestaltungsmöglichkeiten der „Mise-en-cadre“ detailliert und wohldurchdacht ein, um die in Roman und Film so deutlich thematisierten unterschiedlichen Machtpositionen in den Vordergrund zu stellen. Um die technischen Möglichkeiten der Kadrierung und deren Wirkung besser verstehen zu können, soll im Folgenden zunächst eine theoretische Einführung über dieses wichtige filmische Gestaltungselement gegeben werden. Im Anschluss daran soll ein exemplarischer Ausschnitt aus der Literaturverfilmung STAUDTES „Der Untertan“ gezeigt werden. Dieser soll veranschaulichen, wie die „Mise-en-cadre“ gestaltet werden kann und welche Wirkung die Kadrierung zu erzeugen vermag.
Die „Mise-en-cadre“ - Das Filmbild als optisches System
Die so genannte „Mise-en-cadre“, auch als Kadrierung, Kadrage bzw. cadrage (frz. cadre = Rahmen, Einfassung; engl. framing) bezeichnet, stellt ein wichtiges Element der filmischen Gestaltung dar. Der Begriff geht auf den bedeutenden französischen Filmkritiker ANDRÉ BAZIN (1918 - 1958) zurück. Mit der „Mise-en-cadre“ ist das Verfahren gemeint, die dreidimensionale fiktionale Welt des Films, also das Produkt der so genannten „Mise-en-scène“, in einem zweidimensionalen Bild von festgelegtem Format darzustellen und die einzelnen Bildelemente innerhalb des begrenzten Bildfeldes anzuordnen (vgl. KÜHNEL 2004, S. 87).
Zu dem Bereich der filmischen Darstellungs- und Ausdrucksmittel der „Mise-encadre“ gehören unter anderem die Kameraeinstellungsgrößen und -weiten, die Kameraperspektiven, die Veränderung von Einstellungsgrößen („Zoom“), die Kameraposition und -bewegung sowie die Objektbewegung und die Achsenverhältnisse
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(s. FAULSTICH 2002, S. 113). Diese Elemente bestimmen die exakte Komposition eines von einem Kameraobjektiv aufgenommenen Bildes, einschließlich der Bestimmung der Bildgrenzen und der Position von Figuren und Gegenständen. Die Kadrierung kann je nach Einstellung der Kamera und damit der Bildkomposition, die wie in statischen Bildern bis ins Detail genau durchdacht ist, eine bestimmte Wirkung auf den Zuschauer, also den Rezipienten erzeugen und dessen Blick lenken. Der Rezipient ist auf diese Weise den Ausschnitten des Geschehens ausgesetzt. Die Bildkomposition ermöglicht es, Hinweise auf bestimmte Personen- und Objektbeziehungen zu geben. Durch wiederholende Einblendungen von Personen bzw. Objekten kann zudem deren Bedeutung bzw. Symbolwert fokussiert werden. Ein Filmbild ist unterteilbar in Vorder-, Mittel- und Hintergrund und erzeugt Dreidimensionalität. Der Vordergrund dient der Zuordnung von Größenverhältnissen, im Mittelgrund werden Objekte gezeigt, die noch deutlich wahrgenommen werden können und durch den Hintergrund wird die Atmosphäre des Bildes vermittelt. Durch diese Anordnung des Filmbildes wird Raumtiefe erzeugt. Auch sie kann wiederum Figuren und Gegenstände hervorheben und miteinander in Beziehung setzen.
Mit der Kadrierung wird somit festgelegt, welcher Ausschnitt der sichtbaren Wirklichkeit als Filmbild inszeniert wird. Wesentlich für das Entstehen einer Illusion eines szenischen Raumes ist das Vorhandensein des Bildrahmens (engl. frame). Die üblicherweise rechteckige Form des sichtbaren Feldes ist mehr als nur die physikalische Begrenzung des Bildes. Der frame hebt den fundamentalen Unterschied zwischen der natürlichen Wahrnehmung von realen Dingen und Bildern hervor. Während die optische Wahrnehmung unserer Umgebung nur durch das Sichtfeld unseres Sehapparates begrenzt ist, sind Bilder künstlich „gerahmt“, also ausschnitthaft. Die Rahmung von Filmbildern erfolgt nicht beliebig, sondern wird bewusst gewählt. Daher entspricht jedes Filmbild einem bedeutungsvollen Ausschnitt (vgl. NEUHAUS 2008, S. 44), der entweder angeschnitten oder nicht angeschnitten bzw. offen oder geschlossen ist. Das Begriffspaar „geschlossene Form“ vs. „offene Form“ stammt ursprünglich aus der Kunsttheorie und geht auf den Schweizer Kunsthistoriker HEINRICH WÖLFFLIN zurück und findet auch oft Erwähnung im Zusammenhang mit der Montage (KÜHNEL 2004, S. 99). Man spricht bei einer angeschnittenen Kadrierung auch von einer offenen Bildkomposition. Die offene Gestaltungsform spielt mit dem Vorstellungsvermögen des Zuschauers, der aufgefordert wird, etwas zu erschließen, was nicht durch
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die Einstellung gezeigt wird. Die offene Form legt Wert auf eine eher lockere, weniger kontrolliert erscheinende Anordnung der Bildelemente, da Bildelemente über den Bildrand hinausreichen und auf andere Bilder verweisen können. In einer offenen Bildkomposition kann beispielsweise eine Figur angeordnet werden, deren überraschter Blick über die Bildgrenze hinausweist. In der darauf folgenden Einstellung könnte dann das Objekt, auf das der Blick geworfen wurde, gezeigt werden. Offene Einstellungen werden oft dazu genutzt, um u.a. Spontaneität und eine größere Authentizität zu vermitteln. Liegt eine nicht angeschnittene Kadrierung vor, entspricht die Einstellung einer geschlossenen und sorgfältig arrangierten Bildkomposition. Meistens sind dies Bilder, die in der totalen oder halbtotalen Einstellung gefasst sind 1 . Da alles Wichtige in den Bildrahmen gefasst ist, vermittelt die geschlossene Bildkomposition eine Ordnung und einen übersichtlichen Strukturierungsgrad. (vgl. MEYERS LEXIKON und KÜHNEL 2004, S. 99).
Es geht bei der „Mise-en-cadre“ bzw. Kadrierung darum, die Einstellungen (engl. shots) der Kamera passend ins Bild zu setzen. Als Einstellungen werden die kleinsten kontinuierlichen belichteten Einheiten des Films bezeichnet, in denen sich sowohl Kameraperspektive als auch die gewählte Einstellungsgröße nicht verändern und mit denen Informationen vermittelt werden, die eine filmische Aussage beinhalten. Einstellungen entsprechen der Abfolge von Phasenbildern und beginnen bzw. enden jeweils mit einem Schnitt. Mehrere Einstellungen bilden als kleineres dramaturgisches Element eine Subsequenz, mehrere Subsequenzen werden wiederum als Sequenz bezeichnet und mehrere Sequenzen ergeben letztlich den Film (vgl. KORTE 2004, S. 27). SILBERMANN bezeichnet die Verbindung mehrerer Einstellungen auch als Syntagma, einem Begriff aus der Sprachwissenschaft (Syntagma = syntaktisch gefügte Wortgruppe, in der jedes Glied seinen Wert erst durch die Fügung bekommt). Syntagmen, so SILBERMANN, enthalten einen inhaltlich geschlossenen Abschnitt einer Handlung (s. SILBERMANN 1980, S. 50). Eine einzige Einstellung liefert aber nicht grundsätzlich hinreichende Informationen zur Bildung einer inhaltlichen Aussage. Keine Einstellung, also kein Filmbild, existiert für sich. Jede Einstellung existiert nur in Relation zu anderen Einstellungen, da sie aufeinander verweisen. Erst durch die Kombination zweier oder mehrerer Einstellungen und damit durch die Verbindung zweier oder mehrerer Informationen wird die filmische Aussage erzeugt. Die Kadrie-
1 Einstellungsgrößen, s. Seite 4
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rung ist demnach der Filmhandlung und damit auch der Montage untergeordnet (vgl. SILBERMANN 1980, S. 50 und KÜHNEL 2004, S. 112 f.).
Aus dem Bereich der Darstellungsmittel der „Mise-en-cadre“ (s. S. 2) sollen im Folgenden näher beschrieben werden:
1. die Einstellungsgröße,
2. die Kameraperspektive und
3. die Kamerabewegung.
1. Einstellungsgröße
Die Einstellungsgröße der Kamera bestimmt maßgebend den Bildausschnitt und die Tiefe des Raumes und bezeichnet die Distanz oder Nähe, mit der der Zuschauer mit dem Filmgeschehen konfrontiert wird. Sie ist die relative Größe, die ein Objekt im Verhältnis zum Rahmen während einer fortlaufenden Aufnahme einnimmt. Die Einstellungsgröße wird entweder durch die Wahl des Objektivs und der entsprechenden Brennweite (Weitwinkel- bis Teleobjektiv) oder durch den realen Abstand von Kamera und Aufnahmeobjekt bestimmt. Bei der Verwendung eines Weitwinkelobjektivs wird die Perspektive zugleich gedehnt und der Raum erscheint weiter als er eigentlich ist. Ein Teleobjektiv dagegen komprimiert die Perspektive, der Raum wirkt eng (SILBERMANN 1980 et al, S. 48). Da die Distanz zum gemeinten Objekt - neben den Konsequenzen für die Verständlichkeit von Handlung - vor allem atmosphärische und emotionale Qualitäten hat und beispielsweise durch Nähe oder Abstand zu den Akteuren den Einfühlungsprozess der Rezipienten steuert, ist die gewählte Einstellungsgröße von zentraler Bedeutung. Sie ist dazu in der Lage, die Aufmerksamkeit und Identifizierungsbereitschaft des Publikums gezielt zu beeinflussen. Zur Differenzierung des jeweiligen Abstandes bzw. der Abbildungsgröße des gemeinten Objekts
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Arbeit zitieren:
Katharina von Lehmden, 2009, Filmanalyse im Deutschunterricht, München, GRIN Verlag GmbH
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