Inhaltsverzeichnis
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1. Einleitung. 1
2. Die Rolle der französischen Sprache - von der
Vergangenheit bis in die Gegenwart 4
2.1. Das Zeitalter Louis XIV und der Absolutismus. 4
2.2. Das Zeitalter der Aufklärung. 7
2.3. Die Dritte Republik 9
2.4. Frankreich und der Kolonialismus 11
2.4.1. Grundzüge der französischen Kolonialpolitik. 12
2.4.2. Interessen und Nutzen der Kolonien 15
2.4.3. Das Ende der kolonialen Herrschaft. 19
2.5. Frankreich im 21. Jahrhundert. 23
2.5.1. Die Verbreitung der französischen Sprache. 23
2.5.2. Der politische Status Frankreichs. 24
3. Herausforderungen für die französische Sprache vor dem
Hintergrund der Globalisierung. 26
3.1. Englisch als lingua franca. 26
3.2. Mandarin und Hindi - zukünftige Weltsprachen? 30
3.2.1. Der Aufstieg der Schwellenländer China und Indien 30
3.2.2. Wirtschaftliche und sprachliche Folgen. 32
3.3. Die Renaissance des Arabischen in Nordafrika 35
4. Frankreichs Maßnahmen zum Schutz und zur Verbreitung
der französischen Sprache 39
4.1. Nationale Maßnahmen 40
4.1.1. Das Verbot sämtlicher Fremdwörter 40
4.1.2. Diskurswechsel in der französischen Sprachpolitik 42
4.2. Maßnahmen in der Europäischen Union. 45
4.2.1. Rolle des Französischen in der EU 45
4.2.2. Förderung des Französischen in den europäischen
Institutionen 47
4.3. Die Frankophonie 51
4.3.1. Entstehung und Ideologie. 52
4.3.2. Die Frankophonie als Global Player 55
4.3.3. Die Bedeutung der Frankophonie für Frankreich 59
4.4. Frankreichs Kampf für den Erhalt der französischen
Sprache am Beispiel Afrikas 64
4.4.1. Das Französische in Afrika 66
4.4.2. Maßnahmen zur Förderung des Französischen in
Afrika. 67
4.4.3. Gründe für eine französische Präsenz in Afrika. 71
5. Schlussbetrachtung und Ausblick 77
Literatur - und Quellenverzeichnis
Abkürzungsverzeichnis
Agence de Coopération Culturelle et Technique ACCT
Agence intergouvernemental de la Francophonie AIF
Agence universitaire de la Francophonie AUF
Common Market for Eastern and Southern Africa) COMESA
Conférence des ministres de l’Éducation des Etats CONFEMEN d’expression française Conseil supérieur de la langue française CSLF
Départements d’outre-mer, Territoires d’outre-mer DOM-TOM
Fonds de solidarité prioritaire FSP
Organisation Internationale de la Francophonie OIF
Southern African Development Community SADC
Secrétariat général des affaires européennes SGAE
Danksagung
Diese Diplomarbeit entstand am Fachbereich für Politikwissenschaften der Freien Universität Berlin unter der Leitung von Herrn Prof. Dr. Hajo Funke.
Daher möchte ich zunächst Herrn Prof. Dr. Funke danken. Nur durch sein mir entgegengebrachtes Vertrauen, war es möglich, diese Diplomarbeit anfertigen zu können. Nicht zuletzt hat mir durch die freundliche und stets hilfreiche Unterstützung diese Arbeit viel Freude bereitet.
Außerdem gilt mein Dank Herrn Prof. Dr. Winfried Engler, der mir durch sein überdurchschnittliches und nicht immer selbstverständliches Engagement eine große Hilfe und Stütze war.
Außerordentlicher Dank gebührt meinem Freund Sven und meiner Freundin Jana für das Korrekturlesen dieser Arbeit, für die konstruktiven Anmerkungen und für die einzigartige Unterstützung in den vergangenen Monaten.
Über allem steht natürlich meine geliebte Familie, ohne die dieses Studium nie möglich gewesen wäre. Sie gab mir vor allem in schweren Momenten den nötigen Halt. Durch ihre moralische und finanzielle Unterstützung ermöglichten sie mir fünf schöne Jahre in Berlin sowie zwei unvergessliche universitäre Auslandsaufenthalte in Frankreich.
1. Einleitung
Das kulturelle Bewusstsein und nationale Selbstverständnis der Franzosen drückt sich in der Wertschätzung und in dem Schutz der eigenen Sprache aus. Was in anderen europäischen Mitgliedsstaaten eher skeptisch wahrgenommen und als rückwärtsgerichtete nationalistische Tendenz gewertet wird, ist in Frankreich Ausdruck eines unbelasteten Kulturbewusstseins. 1 Schon längst leitet Frankreich seine Stellung in der Welt und in Europa nicht mehr wie zu napoleonischer Zeit aus einer politischen und militärischen Vormachtsstellung ab, sondern aus den Eigenheiten seiner Geschichte und seines kulturellen Erbes. Demnach ist die weltweite Verbreitung der französischen Sprache eine traditionelle und universelle Priorität der französischen Kulturdiplomatie. 2
Die Globalisierung hat den weltweiten Wirtschaftsraum in seiner Einheit als auch den weltweiten Kulturbereich durch seine vielschichtigen und komplexen Prozesse grundlegend verändert. Verschiedene Kulturkreise greifen ineinander, überlappen und gleichen sich einander an, so dass teilweise traditionelle Formen der kulturellen Identität vermehrt in Frage gestellt oder sogar aufgelöst werden. Hier zeigt sich, dass der mögliche Verlust der eigenen Identität von vielen als Bedrohung wahrgenommen wird - so auch in Frankreich. Die Geschichte der ‚Grande Nation’ verdeutlicht, dass Sprache kulturelle Identität schafft. 3
Im Zuge der Globalisierung finden auch sprachliche Veränderungen statt - das Gewicht der Weltsprachen verschiebt sich. Die meisten Weltsprachen entstanden hauptsächlich durch Expansionen von Staaten und andauernde Hegemonie. Galt in der Antike noch das Babylonische und im 17. Jahrhundert das Französische als bevor-
1 Vgl.Ikonomu, Detmer Michael (2008): Mehrsprachigkeit und ihre Rahmenbedingungen. Bern: Lang: S. 63.
2 Vgl. Trabant, Jürgen: Die politische und kulturelle Bedeutung des Französischen. In: Kolboom, Ingo/ Kotschi, Thomas/ Reichel, Edward (Hrsg.) (2008): Handbuch Französisch: Sprache - Literatur - Kultur - Gesellschaft. Berlin : Schmidt : S. 128 f.
3 Vgl. Argod-Dutard, Françoise (Hrsg.) (2003): Quelles perspectives pour la langue française? Histoire, enjeux et vitalité du français en France et dans la Francophonie. Rennes: Presses Universitaire de Rennes: S. 27.
zugte Sprachen, nehmen gegenwärtig das Spanische oder das Arabische an Bedeutung zu.
Es stellt sich demnach die Frage, ob sich die Franzosen und auch der frankophone Sprachraum aufgrund der Globalisierung und der daraus resultierenden Veränderungen vor dem Geltungsverlust des Französischen fürchten müssen. Geografisch gesehen wird die französische Sprache unter einen harten Wettbewerb gestellt, sowohl in Europa als auch in Afrika. Das Englische hat sich nicht nur in Frankreich, sondern auch in Europa als lingua franca 4 gefestigt, auf einem Kontinent, wo es eigentlich keine Geschichte hat. Auf dem afrikanischen Kontinent, wo sich die Mehrheit der Französischsprechenden befindet, gibt der Wettbewerb mit anderen Sprachen Anlass zur Sorge. Eigentlich soll Afrika dem Französischen einen stetigen Anwachsen sowie einen Platz in der internationalen Sprachgemeinschaft des 21. Jahrhunderts garantieren.
Ziel dieser Arbeit ist es einerseits aufzuzeigen, wie Frankreich mit den aus der Globalisierung erwachsenen Herausforderungen hinsichtlich seiner sprachlichen Vormachtstellung umgegangen ist und derzeit immer noch umgeht. Andererseits soll dargelegt werden, welche Rolle die französische Sprache in einer Welt einnehmen muss, in der sich kulturelle und linguistische Ambitionen ausbreiten, um sich selbst eine Zukunft zu garantieren. Die Arbeit ist in fünf Teile gegliedert:
Nach dem einleitenden Kapitel beleuchtet der zweite Teil Die Rolle der französischen Sprache - von der Vergangenheit bis in die Gegenwart die Geschichte der französischen Sprache und ihrer Sprachpolitik von ihren Anfängen bis hin ins 21. Jahrhundert. Hierbei wird der Zusammenhang von nationalem Sprachpatriotismus und kulturellem Selbstverständnis der Franzosen verdeutlicht. Die Ausführungen tragen hinsichtlich der multikulturellen Herausforderungen für die französische Sprache zu einem besseren Verständnis bei. Diese werden im anschließenden Kapitel erarbeitet.
4 Eine Sprache, die zwischen verschiedenen Sprechgemeinschaften als Verkehrssprache genutzt wird. So etwa Latein, Französisch und Englisch in der europäischen Geschichte.
Der dritte Teil Herausforderungen für die französische Sprache durch die Globalisierung umfasst eine Analyse der für mich drei wichtigsten globalen sprachpolitischen Herausforderungen für die französische Sprache: Englisch als lingua franca, Mandarin und Hindi als neue Weltsprachen und die Arabisierungstendenzen im Maghreb. Hierbei werden die genannten globalen Herausforderungen für die französische Sprache einzeln analysiert und es wird aufgezeigt, welche Gefahr diese für ihre Prestigebewahrung darstellen.
Der vierte Punkt Frankreichs Maßnahmen zum Schutz und zur Verbreitung des Französischen stützt sich neben dem Konzept der Frankophonie auf die Untersuchung der nationalen sprachpolitischen Maßnahmen sowie die Rolle des Französischen in der Europäischen Union 5 . Abschließend wird Frankreichs Wille und seine Maßnahmen zum Schutz und zum Erhalt des Französischen anhand des Beispiels Afrika verdeutlicht. Der schwarze Kontinent stellt im Zuge der wachsenden Globalisierung die wichtigste Basis für die Zukunft der französischen Sprache dar.
In der Schlussbetrachtung werden die zu bewältigenden Probleme für die französische Regierung im 20. und 21. Jahrhundert - national als auch global - bewertet, um abschließend eine Perspektive für die Zukunft der französischen Sprache zu geben.
5 Fortlaufend: EU.
2. Die Rolle der französischen Sprache - von der
Vergangenheit bis in die Gegenwart
„L’histoire de France commence avec la langue française. La langue est le signe principal d’une nationalité.“ 6 Die französische Sprache spielt in Frankreich eine weitaus größere Rolle als andere Nationalsprachen in ihren Ländern. Dabei ist der Schlüssel für die besondere Einstellung der Franzosen zu ihrer Sprache in ihrer Kultur zu sehen: „Que serait la France, je vous en prie, sans la culture française?“ 7 betont der Sprachkritiker René Étiemble. Seiner Meinung nach zieht die sprachliche Beeinflussung zwangsläufig eine politische, ökonomische und auch kulturelle Einflussnahme nach sich. Diese Haltung wird dadurch unterstrichen, dass der französischen Sprache die Funktion verliehen wird, Trägerin der Kultur sowie Identitätsstifterin für die Franzosen zu sein. 8 Die genaue Darstellung dieser Zusammenhänge ist notwendig, um das besondere Sprachbewusstsein der Franzosen von heute verständlich zu machen.
2.1. Das Zeitalter Louis XIV und der Absolutismus
Dass heutzutage auf französischem Territorium Französisch als Nationalsprache dominiert, liegt an der langen Tradition seiner Sprachpolitik. Das Französische soll schon in den Anfängen der Sprachhistorie einen besonderen Status erlangen und somit werden erste sprachpolitische Entscheidungen frühzeitig Ende des 15. Jahrhunderts getroffen. 9 Zu dieser Zeit geht ein Aufstieg des Französischen zum einen mit der allgemeinen europäischen Hinwendung zur Nationalsprache und zum anderen mit dem Machtzuwachs der französischen Könige einher. Die Herrschaftszeit von Francois Ier (1515- 1547) ist der Beginn der absolutistischen Regierungsform in
6 Argod-Dutard (2003): S. 27. (Übersetzung : Die Geschichte Frankreichs beginnt mit der französischen Sprache. Die Sprache ist das Hauptzeichen einer Nationalität)
7 Trescases, Pierre (1982): Le franglais vingt ans après. Montréal/Toronto: Guérin : S.128.
8 Vgl. Ehlich, Konrad (2002): Sprachen und Sprachenpolitk in Europa. Tübingen: Stauffenburg Verlag: S. 16.
9 Vgl. Haas, Rainer (1990): Französische Sprachgesetzgebung und europäische Integration. Tübin- gen: Duncker & Humblot: S. 13 f.
Frankreich. 10 Diese Regierungsform bedeutet „[…] im Kern eine Anpassung mittelalterlicher Gesellschaften an neue soziale und kulturelle Entwicklungsbedingungen.“ 11 Die bestehende Vielsprachigkeit erschwert den französischen Königen eine einheitliche Ordnung zu etablieren. Der Unterschied der Dialekte und Sprachen ist so groß, dass eine Verständigung unter Franzosen in den Regionen fast unmöglich ist. Neben der Grenze zwischen langue d’oc im Süden Frankreichs und langue d’oïl im Norden (und ihren Dialekten) wird baskisch, bretonisch, deutsch und flämisch gesprochen. 12 Die einende Sprache auf administrativer Eben ist vorerst das Lateinische. Der Machtzuwachs des französischen Königtums erzielt auch ein immer weiteres Aufsteigen des französischen Dialekts um Paris. Vor allem begünstigt es seinen situationellen Aufstieg in höhere Diskurswelten:
„Die Sprache war Begleiterin der Herrschaft, und mit der Ausdehnung der kapetingischen Macht von der Ile de France aus ist auch der Dialekt des Zentrums mitgereist und
hat das Königtum in die königlichen Domänen und Verwaltung begleitet.“ 13
Durch Feldzüge in Italien Ende des 15. Jahrhunderts wird das französische Königsreich mit der italienischen Kultur und dem Stolz auf ihre Sprache, sowie italienischer und griechischer Gelehrsamkeit konfrontiert. Der darauf einsetzende und in der Sozialgeschichte bezeichnete „defensive Moderinisierungsdruck“ 14 Frankreichs äußert sich in ersten Normierungsversuchen des Französischen.
Mit dem 16. Jahrhundert zieht eine neue Epoche herauf. Eingebettet in den wirtschaftlichen und sozialen Aufschwung, entwickelt sich das Französische zu einer bemerkenswerten homogenen Nationalsprache. Da das Französische bisher jedoch eine Volkssprache ist, verfügt es nicht wie das gebildete Lateinische über grammatische Regelwerke. Als Geburtsstunde der französischen Sprachenregelung das entscheidende Datum, ist das von François Ier 1539 erlassene sprachpolitische Edikt von Villers-Cotterêts. Trabant bezeichnet den König als „sprachnormativen Agen-
10 Vgl.Erfurt, Jürgen (2005): Francophonie. Sprache-Diskurs-Politik. Tübingen: Francke: S. 82.
11 Ebd.
12 Vgl. Stein, Achim (1998): Einführung in die französische Sprachwissenschaft. Stuttgart: Metzler: S. 86.
13 Trabant, Jürgen (2002): Der Gallische Herkules. Über Sprache und Politik in Frankreich und Deutschland. Tübingen: Francke: S. 21.
14 Wehler, Hans-Ulrich (1987): Deutsche Gesellschaftsgeschichte. Band 1. München: Beck: S. 343.
ten“ 15 , der gemäß der Haltung der Renaissance italienische Gebildete nach Paris holt, klassische Gelehrsamkeit anstrebt, aber die landeseigene Vulgärsprache favorisiert. Die Ordonnance von Villers-Cotterêts sieht vor, dass alle Gerichts- und Verwaltungsangelegenheiten nunmehr für ein besseres Verständnis auf Französisch verfasst werden sollen. Die Vereinheitlichung berücksichtigt auch nicht mehr die landeseigenen Dialekte. Das Entscheidende ist dabei nicht der Erlass des Edikts, sondern sein allmählicher Erfolg. In den damals französischen Gebieten verschwinden bis spätestens 1600 die nichtfranzösischen Sprachen aus dem Schriftverkehr. 16 Der Ausbau des Französischen ist aber nicht nur eine Frage der Normierung, sondern auch eine Verteidigung gegenüber äußeren Feinden, wie etwa dem Italienischen. Durch Lobpreisungen und Manifeste von Dichtern, Druckern, Verlegern und Philosophen sollen Leitideen für die Weiterentwicklung des Französischen in den verschiedenen Bereichen ausgearbeitet werden. So ruft auch der bekannte Lyriker Joachim Du Bellay in seinem Manifest Défense et illustration de la langue française (1549) zur Pflege, zur Bereicherung und zum Ausbau des Französischen auf. 17
Wurde im 16. Jahrhundert noch das peuple commun anvisiert, wird im Absolutismus des 17. Jahrhunderts eine höfische Stilisierung, eine zentralistische und aristokratische Normierung des Französischen geplant. Dies setzt sich die unter Kardinal Richelieu 1635 gegründete Académie Française zur Aufgabe. 18 Das angestrebte Programm der staatlichen Institution einer strengen Reglementierung und größtmöglichen Klarheit finden in den Remarques sur la langues françoise (1647) von Claude Favre de Vaugelas seine konsequente Umsetzung. Durch seine Formel des bon usage wird die Sprache einer gesellschaftlichen Elite zum Kriterium einer gehobenen Norm. 19 So bleiben keine Sympathien mehr für die Redeweisen der Provinz, deren
15 Trabant (2002): S. 25.
16 Vgl. Kremnitz, Georg (1977): Die ethnischen Minderheiten Frankreichs. Tübingen: Narr: S. 26.
17 Vgl. Erfurt (2005): S. 84.
18 Website der Académie Française
19 Vgl. Windisch, Rudolf: Externe Geschichte des Französischen. In: Kolboom, Ingo, Kotschi, Thomas, Reichel, Edward (Hrsg) (2003): Handbuch Französisch. Sprache-Litertaur-Kultur-Gesellschaft. Berlin: Schmidt: S. 33.
Vielfalt von dem humanistischen Drucker Geoffroy Tory noch als Reichtum gewürdigt worden war. 20
Eine weitere sprachpolitische Dimension ergibt sich aus der politischen Macht von Louis XIV., der Frankreichs Aufstieg zur europäischen Hegemonialmacht festigt. Durch Förderung der Künste, Wissenschaft und Wirtschaft sowie durch seine kriegerische Außenpolitik erreicht die Absolute Monarchie ihren Höhepunkt. 21 Frankreichs außenpolitische Macht wächst vor allem durch die Kolonialpolitik mit Niederlassungen in Indien, Nordamerika, sowie auf den Antillen. Diese werden vermehrt zu einem Instrument der Wirtschaftspolitik. Der französische Hof will die Eliten in den neun eroberten Gebieten an sich binden und franzisieren. 22
Auch kulturell erlebt Frankreich im Zeitalter von Louis XIV. eine Blütezeit, die Vorbild für ganz Europa wird. Neben berühmten Vertretern aus Theater, wie Molière, Corneille und La Fontaine wird auch das französische Schloss Versailles zur Inspiration für europäische Fürstenhäuser. 23
2.2. Das Zeitalter der Aufklärung
Das Zeitalter der Aufklärung wird durch die Abwendung von der absolutistischen Staatsauffassung hin zu einem Wunsch nach demokratischen Strukturen geprägt. Dabei fällt aber keine Kritik, wie vielleicht vermutet, auf die Sprache. Obgleich sich die sozialen Diskussionen vor allem um die in Frankreich verbotene Encyclopédie von Diderot und d’Alembert hinsichtlich einer Neuordnung des wissenschaftlichen, philosophischen und künstlerischem Wortschatzes dreht, steht eins fest: „Die Anerkennung des von Logik und Klarheit geprägten „génie de la langue francaise“ und dessen universelle Geltung […].“ 24
20 Eine wichtige Rolle bei der Normierung des Französischen spielten die zahlreichen Grammatiken, die im Laufe des 16. Jahrhunderts publiziert wurden. Der Drucker Geoffrey Tory markierte 1529 mit seinem Werk „Campfleury“, mit dem er im Wesentlichen eine Vereinheitlichung der Orthographie für den Buchdruck vorzustellen versuchte.
21 Vgl. Klare, Johannes (1998): Französische Sprachgeschichte. Leipzig: Klett: S. 117.
22 Vgl. Erfurt (2005): S. 85.
23 Vgl. Babel, Rainer: Frankophone Räume. In: Kolboom/Thomas/Reichel (2008): S. 398.
24 Erfurt (2005): S. 86.
Die Französische Revolution 1789 wird zu einem weiteren Höhepunkt des 18. Jahr-hunderts, denn sie verleiht der Idee einer Universalsprache einen besonderen Status. Der Leitgedanke der Revolutionäre ist Staat mit Nation und Nation mit der gemeinsamen Sprache gleichzusetzen: „Die Sprache nimmt für die Nation die Rolle eines identitätsstiftenden Grundmittels ein.“ 25 Die ethnischen Sprachen und Dialekte, die als patois 26 abqualifiziert und damit äußerst negativ konnotiert werden, gelten in Frankreich als gefährliche Relikte des Ancien Régime. Sie stehen somit im Widerspruch zu der einen und unteilbaren Französischen Republik. Die französische Nationalsprache wird zur Trägerin der revolutionären Propaganda und die sprachliche Gesetzgebung steht somit in Opposition zum Recht der Minderheiten. Welche negative Konnotation der jakobinische Diskurs gegenüber den Regionalsprachen trägt, verdeutlicht folgende berühmte Passage aus dem Bericht des Abgeordneten Bertrand Barère:
„ […] Le fédéralisme et la superstition parlent bas-breton; l’émigration et la haine de la République parlent allemand ; la contre-révolution parle l’italien, et le fanatisme parle le
basque.“ 27
Eine solche Denkweise findet sich schon im Titel des Rapport des Abbé Grégoire über die sprachliche Situation Frankreichs von Mai 1794 wieder: Rapport sur la nécessité et les moyens d’anéantir les patois et d’universaliser l’usage de la langue française. 28 Zudem wird in der revolutionären Ideologie das Französische durch die Tatsache aufgewertet, dass es die erste Sprache ist, in der die Menschen- und Bürgerrechte von 1789 deklariert werden. 29
Die ideologischen Prämissen ziehen eine Französisierungspolitik nach sich. Die jakobinische Ernsthaftigkeit einer sprachlichen Vereinheitlichung der Republik reflektieren ihre volkserzieherischen Projekte und Reden. Barère, der eine enge Verknüpfung zwischen politischem Erfolg der Revolution und einem sprachlichen vereinheit-
25 Ehlich(2002): S. 16.
26 Patois ist eine abfällige Bezeichnung für die Regionalsprachen und Dialekte in Frankreich
27 Trabant (2002): S. 44. (Übersetzung: „Der Föderalismus und der Aberglaube sprechen bretonisch, die Emigration und der Hass der Republik sprechen deutsch, die Gegenrevolution spricht italienisch und der Fanatismus spricht baskisch“.)
28 Grégoire, Henri (1995): Rapport sur la nécessité et les moyens d’anéantir les patois et d’universaliser l’usage de la langue française et Essai historique et patriotique sur les arbres de la liberté. Nîmes : Lacour.
29 Vgl. Déclaration universelle des droits de l'homme.
lichtem Volk sieht, schlägt eine Entsendung von Lehrern in die einzelnen Departements vor, die deutsch, italienisch, baskisch und bretonisch sprachen. Der Instituteur, der „Propagandist der Republik“ 30 , fungiert in der Rolle des Vorlesers und Übersetzers der Gesetze der Republik, um einzelne Gebiete propagandistisch zu sichern. Doch die sprachliche Vereinheitlichung Frankreichs unter Napoléon Bonaparte trägt kaum Früchte.
Der Übergang zum 18. Jahrhundert wird durch das Aufblühen von Industrie und Handel, durch den Aufschwung der Wissenschaften und das Erstarken des Bürgertums geprägt. Die nachlassende politische und gesellschaftliche Vorbildfunktion des Hofes spiegelt sich auch in der Sprache wider. Die Ausbreitung im Inneren wird im 18. und 19. Jahrhundert von einer europaweiten Verbreitung des Französischen begleitet. Als internationale Sprache der Diplomatie, der adeligen Gesellschaft und der Gebildeten hat das Französische seine zweite universalité erreicht. 31
Die Gründe hierfür liegen weniger in den häufig pauschalisierend genannten Vorzügen der französischen Sprache, sondern vielmehr in der internationalen Stellung Frankreichs und seinen außenpolitischen Aktivitäten in jener Zeit. 32 Das wichtigste Ergebnis der Sprachpolitik des 17. und 18. Jahrhunderts bleibt damit - neben dem Auf- und Ausbau der Nationalsprache und deren Standarisiserung - vor allem die Durchsetzung des Französischen in den europäischen wie außereuropäischen Provinzen. Das ist die Grundlage der heutigen Frankophonie.
2.3. Die Dritte Republik
Innenpolitisch bleibt die sprachliche Einheit im Rahmen der administrativen Zentralisierung Frankreichs weiterhin vorrangiges Ziel. Zwar hat die französische Sprache Anfang des 19. Jahrhunderts international seinen Durchbruch erzielt, sie ist national jedoch immer noch mit der Sprachenvielfalt konfrontiert. 33 Erst rund hundert Jahre nach der Revolution, während der Dritten Republik (1871-1940), erfolgt eine nach-
30 Trabant(2002): S. 53.
31 Vgl. Windisch (2003): S. 34.
32 Vgl. Erfurt (2005): S. 92.
33 Vgl. Windisch (2003): S. 35.
haltige Französisierung und der entscheidende Schlag gegen die ethnischen Sprache: Jules Ferry setzt 1881 die Einführung der allgemeinen Schulpflicht und somit den französischen Zentralismus durch. Das staatliche Schulwesen schreibt den Gebrauch des Französischen vor. Die Lehrer der Dritten Republik unterscheiden sich zu ihren Vorgängern der Revolution dahingegen, dass ihre Aufgabe nun nicht mehr in der Verbreitung von erfolgsnotwendiger Propaganda liegt, sondern in der Vermittlung der französischen Sprache und somit in der Verdrängung der Dialekte. 34 Jede Verwendung des patois wird disziplinarisch geahndet.
Die Ideologie der Revolutionäre einer Nationalsprache soll erst am Ende der Dritten Republik erreicht sein, als annähernd alle Franzosen dem Französischen mächtig sind:
„Dass am Ende der Dritten Republik, wir können sagen in den 30ern-40er Jahren unseres Jahrhunderts, die Franzosen dann Französisch können, ist - wie sprachpolitischen Aktivitäten im 16. Jahrhundert - erneut auch ein Effekt des „defensiven Modernisierungsdrucks“, nämlich eine Reaktion auf die Niederlage von 1870/71. Es wurden nämlich nicht nur die preußischen Kanonen, sondern auch der preußische Schulmeister für den preußischen Sieg verantwortlich gemacht. Gegen den letzteren wurde der instituteur
de Troisième République als Gegenwaffe eingesetzt - mit durchschlagendem Erfolg.“ 35
Doch was oberflächlich ein voller Erfolg scheint, verdeckt die Tatsache, dass das Französische im 19. Jahrhundert allmählich seinen Rang abtreten muss. Die Spannung zwischen Sprachnormbewusstsein und alltagssprachlicher Realität, verbunden mit der Erkenntnis, dass die aus der Literatursprache des 17. Jahrhunderts verfolgte Zielnorm für viele Sprecher unerreichbar zu sein scheint, leistet dem Verfall der französischen Sprache Vorschub. Die Konsequenz ist, dass um die Wende des 19. zum 20. Jahrhunderts erstmals das Schlagwort von der Krise des Französischen aufkommt. Der seit dem 18. Jahrhundert andauernde Verlust der Kolonien und die politisch bedeutsamen Niederlagen im 19. Jahrhundert hat das Prestige des Französischen sinken lassen, während Großbritannien seinen Rang als koloniale Weltmacht und führende Industrienation kontinuierlich ausbauen und festigen konnte. 36 Hinzu
34 Vgl. Trabant (2002): S. 54 f.
35 Trabant (2002): S. 34 f.
36 Vgl. Grüner, Stefan und Wirsching, Andreas (2003): Frankreich : Daten, Fakten, Dokumente. Tü- bingen: Francke: S. 103 ff.
kommt die wachsende wirtschaftliche und politische Bedeutung der USA, womit das Englische im Versailler Vertrag von 1919 gleichen Rang neben dem Französischen erhält und seitdem nicht nur unangefochten seine internationale Vormachtstellung ausbauen kann, sondern auch in Frankreich Einfluss auf den fachsprachlichen Wortschatz gewinnt. 37 Das Ende des Krieges, in welchem Frankreich militärisch die Hauptrolle spielt, führt somit zum Untergang des Privilegs, welches das Französische zur alleinigen Diplomantensprache gemacht hat.
2.4. Frankreich und der Kolonialismus
Die im vorangegangenen Kapitel dargestellte Situation lässt nun verstehen, wieso die französische Sprache zunächst in Frankreich, schließlich auch in Europa zu einer Kultursprache mit außergewöhnlich hohem Prestige aufstieg. Warum das Französische heute auf mehreren Kontinenten und einer großen Anzahl von Ländern verbreitet ist und noch immer dieses Prestige genießt, hat im Wesentlichen mit der Position Frankreichs als Kolonialmacht zwischen 1534 und 1962 zu tun. Dabei war es einer der führenden Kolonialmächte Europas, die mehr als vierhundert Jahre einen über vier Kontinente verstreuten Territorialbesitz kontrollierte. 38 Eine wichtige Rolle als Begleiterin der Macht nimmt dabei die französische Sprache ein, die „als ein Instrument der französischen Kolonialpolitik in Nord- und Mittelamerika, Afrika, Asien und der Inselwelt des Pazifiks verbreitet wird.“ 39
37 Vgl. Hagège, Claude (1996): Welche Sprache für Europa?. Verständigung in der Vielfalt. Frankfurt am Main/New York: Campus Verlag: S. 38 f.
38 Krosigk, Friedrich von: Frankreich: Koloniale Tradition und postkoloniale Transformation. In: Christadler, Marieluise/Uterwedde, Henrik (Hrsg.) (1999): Länderbericht Frankreich. Geschichte, Politik, Wirtschaft, Gesellschaft. Bundeszentrale für politische Bildung. Bonn: Bertelsmann Stiftung: S. 484.
39 Erfurt (2005): S. 7.
2.4.1. Grundzüge der französischen Kolonialpolitik
Frankreichs Blick auf das Phänomen der Kolonisation lässt sich wohl am klarsten mit der Definition vom französischen Essayisten und Ökonomen Leroy-Beaulieu zusammenfassen:
„Die Kolonisation ist die expansive Kraft des Volkes, seine Fähigkeit, sich zu vermehren; sie ist seine Ausbreitung und Vervielfachung über die Erde; sie ist die Unterwerfung der Menschheit oder seines großen Teils derselben unter seine Sprache, seine Sitten, seine Kultur [“ses idées“] und seine Gesetze. Ein Volk, das kolonisiert, legt damit
den Grundstein seiner zukünftigen Größe und Vorherrschaft.“ 40
Der politische Aspekt liegt dabei auf der Ausbreitung der Gattung, verknüpft mit dem Streben nach kultureller Hegemonie. Jene Tendenz würde lange Zeit die französische Expansion kennzeichnen. 41
Unter den Zielen der Assimilation kommt der französischen Sprache eine wichtige Rolle zu: „Die Sprache hat immer die Macht begleitet“ 42 - die Überzeugung von Elio Antonio de Nebrija von 1492 gilt, abgesehen von Ausnahmen, auch noch heute. Wie bereits im vergangenen Kapitel erläutert, verfolgt schon im Absolutismus Louis XIV. die machtpolitische Einflussnahme in den europäischen Gebieten durch die Verbreitung und vor allem durch den verpflichtenden Gebrauch der französischen Sprache. Für den Sonnenkönig ist die sprachliche Vereinheitlichung Voraussetzung für die politische Vormachtstellung in Europa. 43 Und so steht auch die Sprache im Dienst der kolonialen Eroberung. Sie dient als Medium der Herrschaftspraxis. Ob demzufolge auch Herrschaft durch Sprache entstehen kann, wird im weiten Verlauf dieser Arbeit analysiert.
Frankreich bestreitet zwei Expansionsprozesse mit unterschiedlicher geographischer Ausrichtung. Die Kolonialmacht orientiert sich in ihrem ersten Kolonialreich von 1534 bis 1815 auf Nordamerika und die Antillen. Jacques Cartier entdeckt den Sankt-Lorenz-Strom und eröffnet damit die Möglichkeit für die Erschließung eines
40 Riesz, János (1998): S. 110.
41 Vgl. Ebd. S.110.
42 Kühnel, Roland (2007): Die Globalisierung und ihre sprachlichen Folgen. Wien: Praesens Verlag: S. 36.
43 Vgl. Erfurt (2005): S. 94.
amerikanischen Großreiches. 44 Zu einer regelrechten Expansion kommt es schließlich, als Samuel de Champlain und seine Mitstreiter den Handelsstützpunkt Port Royal (1604) im heutigen Neu-Schottland und 1606 die Stadt Québec gründen. Die Städte sollen als künftiges administratives Zentrum, als Warenumschlagplatz und Exporthafen sowie als Ausgangspunkt für weitere Erschließungen auf dem amerikanischen Kontinent dienen. 45 Ende des 17. Jahrhunderts erreicht die Nouvelle-France 46 ihre größte Ausdehnung mit Gebieten des heutigen Ostkanadas bis zum Golf von Mexiko in den Süden. Hinzu kommen französische Besatzungen in der Karibik und im indischen Ozean sowie Handelsposten im heutigen Brasilien, in Französisch-Guayana, in Nord- und Westafrika, auf Madagaskar und an der Ostküste Indiens. 47 Insgesamt umfasst der Territorialbesitz 10 Millionen qkm mit einer Bevölkerung von ca. 40 Millionen Menschen. 48
Das Großreich zerbricht allerdings durch die Verluste im Siebenjährigen Krieg (1763) und wesentliche Teile des Empire müssen an den Hauptkonkurrenten Großbritannien abgegeben werden. 49 Zudem wird Frankreich im Verlauf des 18. Jahrhunderts von Europa aus Nordamerika verdrängt. Außerdem kommt Großbritannien bei der Erschließung und Inbesitznahme von Australien (1770) und Neuseeland (1840) den Franzosen zuvor. 50 Dazu verhindern sie noch Frankreichs Expansion auf dem indischen Subkontinent und Napoléon verkauft letztendlich Anfang des 19. Jahrhunderts Louisiana an die USA. 51 Großbritannien bleibt damit die vorherrschende koloniale Großmacht.
Nach zahlreichen politischen Rückschlägen kommt es schließlich im 19. Jahrhundert zu einem weiteren großen kolonialen Aufbruch Frankreichs, aus dem das zweite Kolonialreich hervorgeht. Frankreichs Kolonialbestrebungen zwischen 1830 und 1945
44 Vgl. Erfurt (2005): S. 96.
45 Von Krosigk (2008): S. 420.
46 So nannten die Franzosen das neu erschlossene amerikanische Großreich unter französische Obhut, was sich von Neufundland, Labrador, dem Hudson Bay und Québec im Nordosten des heutigen Kanadas über das riesige Louisiana-Territorium im Einzugsgebiet vom Mississippi und Missouri erstreckte und bis hin zum Golf von Mexiko (Nouvelle Orléans) reichte. Vgl: Krosigk (2008): S. 419.
47 Vgl. Ebd. S. 420.
48 Vgl. Ebd.
49 Vgl. Erfurt (2005): S. 96.
50 Vgl. Von Krosigk (1999): S. 485.
51 Vgl. Von Krosigk (1999): S. 96.
orientieren sich vorwiegend auf Afrika und Indochina. 52 Dabei bildet 1830 Algerien aus Prestigegründen den Ausgangspunkt der Besetzung, bevor der erneute Wettkampf mit Großbritannien um die Einnahme und die Sicherung der Einflusssphäre verschiedener Länder im Nahen Osten (Syrien, Libanon, Ägypten bis 1881) und im Osten Afrikas beginnt. 53 Um das Kriegsrisiko zu vermindern, einigen sich die Großmächte auf eine klare Abgrenzung ihrer Interessengebiete in Afrika. Frankreich errichtet aus taktischen Gründen eine West-Ost-Verbindung vom Senegal bis zum Horn von Afrika, wo im französischen Somalia eine strategisch bedeutende Region am Ausgang des Roten Meeres und in Reichweite zu Madagaskar und den Komoren besetz wird. 54 Die bewusste Einnahme Äquatorial- und Westafrikas schafft eine Einflusssphäre für Frankreich, die bis heute für die französische Afrikapolitik von Bedeutung ist. 55
In Indochina bildet Frankreich zwischen 1858 und 1867 das zweite Zentrum seines neuen Kolonialreiches. Durch den Vertrag von Hué (1883) errichtet Frankreich schließlich ein Protektorat über das Kaiserreich Annam, was sich im heutigen Vietnam befindet. 56 Dieser Vorstoß geschieht mit Hinblick auf die Sicherung eines Zugangs zum begehrten chinesischen Markt gegen den allgegenwärtigen Konkurrenten Großbritannien.
Nachdem das erste Kolonialreich an der Konkurrenz zu Großbritannien zerbricht, besteht im zweiten das oberste Ziel, der britischen Vormachtstellung in Afrika und Fernost, Grenzen zu setzen. Das daraus entstandene französische Imperium umfasst aufgrund der großen territorialen Gewinne rund 12 Millionen qkm und eine Bevölkerung von ca. 68 Millionen. 57
52 Vgl. Von Krosigk (2008): S. 420
53 Vgl.: Ebd.
54 Vgl. Von Krosigk (1999): S. 485.
55 Vgl. Ebd. S. 485 f.
56 Vgl. Ebd.: S. 486.
57 Vgl. Von Krosigk (1999): S. 420
2.4.2. Interessen und Nutzen der Kolonien
Der Begriff Kolonialismus beschreibt in den Geschichtswissenschaften in der Regel „eine auf Erwerb, Ausbeutung und Erhaltung von Kolonien gerichtete Politik und die ihr zugrundeliegende Ideologie. 58 So kämpfen auch Frankreich und Großbritannien in der Hochphase der imperialistischen Konkurrenz um die Erschließung von neuen Gebieten aus machtpolitischen Gründen. Konzentriert man sich auf die Motivationsimpulse Frankreichs entsteht ein komplexes Bild.
Weder die Westexpansion nach Nordamerika im 16. und 17. Jahrhundert noch der imperialistische Aufbruch nach Süden und Osten im 19. Jahrhundert, lassen rein ökonomische und militär-strategische Ziele und Interessen erkennen, obwohl „Jules Ferry (der treibende Politiker der kolonialen Expansion) gegen Ende des 19. Jahrhunderts die koloniale Mission des Hexagons vorwiegend mit Argumenten der Sicherung eines gegen ausländische Konkurrenz abgeschirmten Absatzraumes für franzö-sische Produkte und französisches Kapital begründete.“ 59
Es ist der Merkantilismus 60 , der in den Anfängen des kolonialen Ausbaus den Handlungsrahmen von Frankreichs kolonialen Wirtschaftsbeziehungen bestimmt. 61 Unter dem Finanzminister Jean-Baptiste Colbert erreicht der Merkantilismus in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts in Frankreich seine Blütezeit. Dieser geht mit protektionistischen Maßnahmen einher, um Importe zu beschränken und Exporte zu fördern. Dabei werden die Kolonien über das Regime des Exclusif (häufig auch als pacte colonial betitelt) in die Aufgaben der staatlichen Schatzbildung eingebunden. Die Begriffe bedeuteten die ausschließliche Beziehung zwischen Metropole und Kolonien, wobei letztere nur für die Bedürfnisse des Mutterlandes produzieren sollen und sie
58 Vgl. Meyers Lexikonredaktion (1993): Meyers neues Lexikon. Fünfter Band. Mannheim: Meyers Lexikonverlag. S. 343.
59 Erfurt (2005): S. 99.
60 Im Mittelpunkt merkantilistischer Interessen standen die Förderung der nationalen Handelskraft sowie Ziele, die wir heute „fiskalisch“ nennen, würden, nämlich die Beschaffung von Einnahmen für die fürstliche Schatzkammer; zudem herrschte damals die Ansicht, dass der Wohlstand einer Nation nicht einfach durch Expansion des Außenhandels erreicht wird, sondern durch einen Überschuss in der Handelsbilanz, d.h. einen Überschuss der Ausfuhren über die Einfuhren. Vgl.: Felderer, Bernhard/Homburg, Stefan (2005): Makroökonomik und neue Makroökonomik. Berlin/Heidelberg/New York: Springer: S. 22 und Vgl. Tomann, Horst (2005): Volkswirtschaftslehre. Eine Einführung in das ökonomische Denken. Heidelberg: Springer: S. 6.
61 Encarta: Kolonialismus.
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