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Inhalt
1. Vorwort 3
2. Einleitung 3
3. Episches Theater eine nicht aristotelische Dramatik 5
4. Elemente des „Epischen Theaters“ 8
4.1. Verfremdungstechniken 8
4.1.1. Verfremdungseffekte der Dramaturgie und Inszenierung 9
4.1.2. Historisieren 10
4.1.3. Brechts neue Schauspielkunst 11
5. Schlussbemerkungen 14
6. Quellenverzeichnis 16
6.1. Primär und Sekundärliteratur 16
6.2. Internetquellen 17
6.3. Aufführungsnachweis 17
7. Anhang 18
7.1. Gegenüberstellung des drama schen und epischen Theater 18
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1. Vorwort
Spätestens mit dem Au`ommen der sozialen Frage, der Industrialisierung im 19. Jahrhundert und den damit verbundenen Veränderungen für das individuelle Leben, kann das Geschehen auf den Theaterbühnen dieser Welt nicht mehr nur für sich alleine stehen, sondern muss dem Auarag nachgehen ein Abbild von der veränderlichen Welt zu erstellen. 1 Die aufgrund des Widerspruchs von drama_scher Form und undrama_schen Stoff eingetretene „Krise des Dramas“ 2 führt mehr und mehr zum Einbau bis dahin ausschließlich dem Epos vorbehaltener erzählender, also epischer Gestaltungsmicel, in den von Aristoteles definierten drama_schen Gacungen. 3 Aus dieser Entwicklung heraus entstand im 20. Jahrhundert das „Epische Theater“, dass im Rahmen dieser Arbeit näher beschrieben werden soll.
2. Einleitung
Mit seiner Auffassung vom epischen Theater als Lehrtheater steht Bertolt Brecht zunächst in typisch au`lärerischer Tradi_on, allerdings mit ganz anderen Prämissen und Inten_onen. Hace Lessing die Aufgabe der Tragödie etwa in der Erweiterung der „Fähigkeit, Mitleid zu fühlen“ 4 gesehen, so ging er davon aus, dass der Zuschauer durch die kathar_sche Wirkung des Fühlens von Furcht und Mitleid das Theater als besserer Mensch verlässt 5 , wobei die Katharsis in der Verwandlung der Leidenschaaen in tugendhaae Fer_gkeiten bestehe. Lessings erzieherisches Ziel des allseits gebildeten Bürgers versuchte Gefühl und Ra_o zu verbinden. Durch das Fühlen mit dem Helden auf der Bühne und der Wendung auf sich selbst im Sinne eines Transfers auf die eigene Situa_on soll der einzelne Mensch geläutert werden. 6 Gerade diese Einfühlung ist es, die Brecht als „Grundpfeiler“ der von Aristoteles
1 Brecht, Bertolt: Schri&en zum Theater. Über eine nicht‐aristotelische Drama8k. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1993, S. 137.
2 Szondi, Peter: Theorie des modernen Dramas: 1880‐ 1950. Frankfurt a. M.: Suhrkamp, 1965. S. 20‐73.
3 Aristoteles: Poe8k. Griechisch/Deutsch. Übers. u. hrsg. v. Manfred Fuhrmann. Stucgart: Philipp Reclam jun. 1982.
4 Gochold Ephraim Lessing: „Briefwechsel über das Trauerspiel. An [Friedrich] Nicolai (November 1756)“, S. 23‐26. In: G. E. Lessing Literaturtheore8sche und ästhe8sche Schri&en, hrsg. v. Albert Meier, Stucgart 2006, S. 24f.
5 vgl. ebenda
6 Vgl. ebenda
4
bes_mmten „herrschenden Ästhe_k“ 7 ablehnt, weil sie dem modernen wissenschaalichen Zeitalter nicht mehr angemessen sei. Stac sich mit dem Bühnenhelden zu iden_fizieren, soll der Zuschauer die distanzierte Beobachtungshaltung des forschenden Wissenschaalers einnehmen, denn „[d]as Wesentliche am epischen Theater ist vielleicht, dass es nicht so sehr an das Gefühl, sondern mehr an die Ra_o des Zuschauers appelliert. Nicht miterleben soll der Zuschauer, sondern sich auseinandersetzen.“ 8 Bei Benjamin heißt es dazu, dass das Publikum für das epische Theater „nicht mehr eine Masse hypno_sierter Versuchspersonen sondern eine Versammlung von Interessenten“ 9 sei, deren Anforderungen es zu genügen habe. Der Zuschauer soll sich nicht mit dem dargestellten Stoff mitleidig iden_fizieren, sondern einen Erkenntnisgewinn davontragen und mitdenken. „Mitdenken erfordert jedoch einen klaren Kopf, den Abstand, der es ermöglicht, einen Vorgang von allen Seiten zu sehen“ 10 . Brechts „Erziehungsziel“ ist der kri_sche und intelligente Zuschauer, der nie vergisst, dass er im Theater sitzt und das Geschehen auf der Bühne vor dem Hintergrund der gesellschaalichen Situa_on reflek_eren kann:
„Der Zuschauer des drama_schen Theaters sagt: Ja, das habe ich auch schon gefühlt. ‐ So bin ich. ‐ Das ist nur natürlich. ‐ Das wird immer so sein. ‐ Das Leid dieses Menschen erschücert mich, weil es keinen Ausweg für ihn gibt. ‐ Das ist große Kunst: das ist alles selbstverständlich. ‐ Ich weine mit den Weinenden, ich lache mit den Lachenden. Der Zuschauer des epischen Theaters sagt: Das häce ich nicht gedacht. ‐ So darf man es nicht machen. ‐ Das ist höchst auffällig, fast nicht zu glauben. ‐ Das muss ausören. ‐ Das Leid dieses Menschen erschücert mich, weil es doch einen Ausweg für ihn gäbe. ‐ Das ist große Kunst: da ist nichts selbstverständlich. ‐ Ich lache über den Weinenden, ich weine über die Lachenden.“ 11
7 Brecht, Bertolt: Werke. Große kommen8erte Berliner und Frankfurter Ausgabe. Hrsg. v. Werner Hecht, Jan Knopf, Werner Micenzwei, Klaus‐Detlef Müller. Berlin, Weimar: Autau‐Verlag u. Frankfurt a. M.: Suhrkamp Verlag 1994, Bd. 22 , S. 551.
8 Brecht,Bertolt: „Betrachtung über die Schwierigkeit des epischen Theaters“, in: Ders.: Gesammelte Werke, Bd. 1, Frankfurt a.M. 1963, S.186.
9 Benjamin, Walter: Was ist das epische Theater? Eine Studie zu Brecht. hrsg. v. Rolf Tiedemann. Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1971. S. 8.
10 Esslin, Mar_n: Brecht. Das Paradox des poli8schen Dichters. Frankfurt a. M., Bonn: Athenäum 1962, S. 183. 11 Bertolt Brecht: „Das epische Theater“, in: Ders.: Gesammelte Werke, Frankfurt a. M: Suhrkamp 1963, Bd. 23, S. 54f.
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Hintergrund für Brechts Theatertheorie ist seine Auseinandersetzung mit dem Marxismus, die sich erstmals in seinen Lehrstücken niederschlägt. Insbesondere die Lehrstücke haben immer wieder die Erkenntnis der Veränderbarkeit der gesellschaalichen Zustände zur Inten_on. Das von Brecht abgelehnte Einfühlungstheater war ihm hierfür nicht geeignet. Als Gegenkategorie zur aristotelischen Einfühlung entwickelt Brecht für das Epische Theater den Verfremdungseffekt 12 . Im Anschluss soll zunächst untersucht werden, was unter dem Terminus des „epischen Theaters“ zu verstehen ist und welche Bedeutungen dabei den Techniken der Verfremdung zukommen.
3. Episches Theater ‐ eine nicht‐aristotelische DramaKk
Die Verbindung des Mediums Theater mit der literarischen Form des „Epischen“ erscheint zunächst äußerst widersprüchlich, da nach dem Beispiel von Aristoteles die epische und die drama_sche Form eines Vortrags voneinander grundverschieden seien. Brecht war allerdings der Ansicht, dass sich Epik und Drama_k nicht ausschließen, sondern vielmehr gegensei_g bedienen und betont in Über eine nichtaristotelische Drama8k wie beispielsweise der bürgerliche Roman des 19. Jahrhunderts eine starke Affinität zum Drama_schen entwickle. Er zi_ert in diesem Zusammenhang den Schriasteller Alfred Döblin, der sagte, dass man Epik „im Gegensatz zu Drama_k sozusagen mit der Schere in einzelne Stücke schneiden“ könne und trotzdem jedes dieser einzelne Teile für sich „lebensfähig“ bleibe. 13 Die Vorläufer des epischen Theaters finden sich in der europäischen Theatergeschichte wieder, unter anderem in Passionsspielen und Mysterienspielen, in denen das Spiel durch einen Spielleiter bereits einen zeigenden, also epischen Charakter, erhält. Auch hier iden_fizierten sich die Schauspieler nicht mit den von ihnen dargestellten Figuren, sondern blieben immer sie selbst. In den 1920er Jahren wurde das epische Theater vom Namensgeber Erwin Piscator und Bertolt Brecht zu einer eigenständigen Theaterform weiterentwickelt. Anlässlich der Inszenierung von Alfons Paquets „Fahnen“ 14 unter der Leitung des Regisseurs Piscator an der Berliner Volksbühne tauchte der Begriff des epischen Theaters erstmals auf, da „Fahnen“ „den ersten konsequenten Versuch [bedeutete], das Schema der drama_schen
12 Im weiteren Verlauf wird der Terminus „Verfremdungseffekt“ durch „V‐Effekt“ abgekürzt.
13 Vgl. Brecht, Bertolt: „Über eine nichtaristotelische Drama_k“, in: Gesammelte Werke, Frankfurt a. M.: Suhrkamp 1967, Bd. 15, S. 263.
14 Fahnen Alfred Paquet, Aufführung: 26.05.1924.
Arbeit zitieren:
Thilo Fischer, 2010, Brechts Theatertheorie, München, GRIN Verlag GmbH
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