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1 Einleitung
„Sommerhaus, später“ ist das im Herbst 1998 erschienene Debüt der jungen Berlinerin Judith Hermann. In neun Erzählungen gibt sie „in atmosphärisch dichter Prosa und mit großer sprachlicher Sicherheit das Lebensgefühl von Menschen [wieder], die in Liebe und Angst befangen das wirkliche Leben verfehlen und das Scheitern der eigenen Lebenspläne mehr melancholisch beobachten als trauernd erleben“ 1 . Ein Buch im „Sound einer neuen Generation“, meint Hellmuth Karasek und Burkhard Spinnen bemerkt, „was darin an Alltäglichem geschieht, kann schon einem Vierzigjährigen als unbekannt und unerhört erscheinen“. 2
Das mag daran liegen, dass in den Geschichten meist junge Menschen 3 dargestellt werden, die „selbst gar keine [geschlossene, Anm. d. Verf.] Vorstellung von sich habennicht von sich selbst und noch viel weniger von ihrem Leben“ 4 . Des Weiteren lässt die Autorin durch ihre reduzierte, aber dennoch atmosphärisch dichte Sprache Fragen entstehen, die nur dann beantwortet werden können, wenn man die Erzählungen - und die darin dargestellten Lebensentwürfe - zumindest halbwegs nachvollziehen kann. 5 Berlin ist der Ort, wo fast alle Erzählungen spielen oder wohin wenigstens Verbindungsfäden verlaufen. Der Ort, wo Orientierungslosigkeit den Geist für die permanenten Einflüsse öffnet, wo neue, alternative Lebensformen ein Podium haben und die vielen Veränderungen der letzten Jahre einerseits Abwechslung und Freiheit brachten und immer noch bringen aber zugleich auch Ungewissheit und Unruhe. Eine ideale Stadt also um diese ständigen Einflüsse und Neuerungen aufzunehmen, auszuprobieren und dabei - wie auch in den Erzählungen - das eigene Scheitern zuzulassen ohne zu resignieren.
1 Rudolf-Alexander-Schröder-Stiftung: Laudationes und Reden zur Verleihung des Bremer Literaturpreises 1999, S. 7.
² S. Buchrücken Hermann, Judith: Sommerhaus, später. Frankfurt/M 11 1998. Im Folgendem wird unter der Sigle ‚Sh‘ zitiert.
3 Dazu zählen hier - entgegen mancher Vorstellung - ebenso die Mitt- und manche Enddreißiger.
4 Köhler 1999.
5 Bei der Besprechung des Buches im Rahmen des Studium Generale der Universität Freiburg haben gerade ältere Leute die Unglaubwürdigkeit der Erzählungen kritisiert, ganz im Gegenteil zu den jüngeren Anwesenden. Diese konnten die Emotionen, Äußerungen und Handlungen der Figuren durchaus verstehen.
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Und genau in diese Stadt hat es Sonja verschlagen, noch dazu in ein graues, altes Mietshaus im Industrieviertel direkt an der Spree. Alleine wohnt sie dort - besser gesagt, wohnte sie. „In das Atelier des Malers, der Frauen fürs Verliebtsein, als ‚kleine Muse‘, Zuhörerin und Projektionsfläche braucht, verirrt[e] sich das kleine Geschöpf mit dem Madonnengesicht, dessen Leidenschaft aus den Zeiten der Gretchen und Käthchen stammt.“ 6 Allerdings hat sie sich meiner Meinung nach nicht in das Atelier „verirrt“ und ein Vergleich mit den genannten Frauengestalten ist (im Rahmen dieser Arbeit) irrelevant. Die Erzählung „Sonja“ ist aus diversen Gründen reizvoll: Es ist die Darstellung einer durchaus interessanten Dreieckskonstellation (ein Mann zwischen zwei Frauen) ohne banale Eifersüchteleien, wobei die Reflexion über die „biegbare“, schweigsame aber handelnde Titelfigur den Schwerpunkt der Erzählung bildet. Die Autorin wählte die Perspektive eines männlichen Ich-Erzählers, der im Nachhinein die Zeit mit Sonja und Sonja selbst reflektiert und projiziert. Sie ist Objekt des (männlichen) Ich-Erzählers, ist im Nachhinein doch Objekt seiner Liebe, Inspirationsquelle für seine Kunst, Zuhörerin und eben Projektionsfläche. Bei genauer Lektüre des Textes bemerkt man, dass Sonja unbeeinflusst von dessen Zuschreibungen handelte und ihn nicht zur Vervollständigung ihrer Person aufsuchte. Außerdem fällt auf, dass tradierte Vorstellungen der Geschlechterrollen überschritten werden.
„Sonja“ ist die Erzählung eines weiblichen Autors, geschildert aus der Perspektive eines männlichen Ichs, wobei patriarchale Textkonstruktionen noch nachweisbar sind, die Figuren aber in keine gender-spezifischen Rollenmuster mehr passen. Die Figuren nehmen dabei eine Identität an, die sie durch Distanz zu ihren auch sehr nahestehenden Mitmenschen wahren wollen.
2 Distanz zum Schutz der eigenen Identität
Im Folgenden werden die Beziehungen der Personen untereinander und vor allem zu dem Ich-Erzähler dargestellt. Dabei wird insbesondere auf die subjektive Darstellung Sonjas eingegangen. Der zweite Hauptteil der Arbeit (2.2 Das un-männliche Unmögliche) zeigt, dass tradierte Geschlechterrollenzuschreibungen überwunden sind und binäre
6 Cramer 1998.
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Festlegungen unterlaufen werden. Die Figuren versuchen, ihre Identität durch Oberflächlichkeit (Verena), Projektionen (Ich) und dem Sich-Entziehen (Sonja) zu schützen.
2.1 Sie-Ich-Sie oder Verena-Ich-Sonja
„[...]Die Inspiration ist ein plötzliches Erfassen von Gestalten und Zusammenhängen, die dem Künstler selbst bis zu diesem Momente entweder ganz unbekannt waren, oder doch nur in neblig unbestimmter Form vor seinem Geiste wogten und sich jetzt mit einem Schlag in leibhafter Deutlichkeit vor ihn hinstellen[...]. Er [der Künstler] wirbt um Liebe und Bewunderung nicht auf die gewöhnliche Weise, sondern auf eine kompliziertere und mehr geistige Art, er erobert die anderen auf dem Umweg durch die Tiefen der eigenen Persönlichkeit.“ 7
Der männliche Ich-Erzähler leitet die Erzählung mit der Beschreibung Sonjas ein. Diese stand im Zug von Hamburg nach Berlin - „in leibhafter Deutlichkeit“ - plötzlich vor ihm. In Hamburg wohnt Verena, seine Freundin, die er gerade besucht hat.
2.1.1 „Jeder nach seiner Fasson.“8
Der Ich-Erzähler steht zwischen zwei Frauen, Verena und Sonja. Jede von beiden nimmt eine bestimmte Rolle im Hinblick auf und für ihn ein. Durch die personale Erzählperspektive rückt der Leser „automatisch“ in die Position des Ichs und sieht Sonja und Verena demnach auch mit dessen Augen. Projektionen des Ichs werden auf die weiblichen Figuren übertragen und der Text mit diesen Zuschreibungen gelesen. Die folgende Darstellung der schillernden Persönlichkeiten zeigt unabhängig davon auf, dass jede von ihnen das Bedürfnis nach Bestätigung und Sicherung der eigenen, gedachten Identität hat.
VERENA
Verena ist die Frau, in die der Ich-Erzähler verliebt ist (war?) und deren Physiognomie sofort beschrieben wird: „Verena hatte einen Kirschmund und rabenschwarzes Haar,
7 Rank/Sachs 1913, S. 150 (Hervorhebungen von mir).
8 Dieser Satz stammt vom Preußenkönig Friedrich dem Großen (1712-1786). Quelle unbekannt; zitiert in „Berlin für junge Leute“, herausgegeben von Herden Studienreisen Berlin 1996, S. 7.
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das ich ihr jeden Morgen zu zwei dicken, schweren Zöpfen flocht [...]“ 9 und sie „war ziemlich groß, auf der Straße drehten sich die Männer nach ihr um, sie roch wunderbar, und ich meinte es ernst.“ 10
Sie übernimmt in der Erzählung die Rolle der Bewunderten, die in Hamburg ihr eigenes Leben führt, den Ich-Erzähler besucht und sein Leben ordnet. Zugleich inspiriert sie ihn auch: „[...] und ich sang ‚Verena, Verena‘ [...] und hatte große Lust nach Hause zu fahren und zu arbeiten.“ 11 Sie ist das primäre Objekt seiner Liebe, mit der er sich ein Leben vorstellen kann und durch die er sich vermeintlich vor Sonja rettet, indem er sie heiratet. Verena wird von dem Ich vor allem wegen ihrer Unbeschwertheit geschätzt, die negativ als Oberflächlichkeit bezeichnet werden kann. Sie ist so „unbeschwert“, dass sie nichts von der Verbindung ihres Freundes mit Sonja bemerkt (vgl. das Aufeinandertreffen der beiden Frauen während der Ausstellung und im Freibad). Sie kontrolliert durch seltene Besuche oder Anrufe die Liebe des Ich-Erzählers zu ihr, um sich so ihrer gesellschaftlichen Stellung, d.h. hier partnerschaftlichen Beziehung zu versichern, was durch den Wunsch nach Heirat verstärkt wird. Egal ist dabei, ob die gesellschaftliche Institution „Ehe“ nach außen hin gezeigt wird, das Paar wird auch nach der Hochzeit getrennt leben 12 . So wie sie durch die oberflächlichen Treffen und Gespräche ihre Persönlichkeit bzw. ihr Lebenskonzept sichert, so erweckt sie im Ich den Anschein, wie wichtig er ihr sei. Das wird bei ihm besonders dann deutlich, wenn sie ihn in Berlin besucht: „Ich wartete auf irgend etwas, und als eines Abends Verena plötzlich vor der Tür stand, hörte ich auch damit auf. Ich war angekommen.“ 13 Durch ihre Aktivitäten überlagert sie die des Ichs und gibt ihm dadurch gleichermaßen die Möglichkeit, sich ganz seiner Kunst zu widmen: Sie ist es, die das Atelier aufräumt, Kontakte zu ihren Hamburger Freunden aufrechterhält und dann Berlin wieder verlässt. Außerdem ist sie stolz auf ihn 14 , eine Bestätigung, die er in ihr sucht und findet.
Wie es scheint, eine Frau, die mit beiden Beinen fest auf dem Boden steht, aber dennoch - wie oben bereits erwähnt - den Drang nach der Bestätigung hat. Für den Ich-Erzähler stellt sie in der Beziehung zu anderen Frauen und im Speziellen zu Sonja ein
9 Sh, S. 55.
10 Sh, S. 61.
11 Sh, S. 56.
12 Vgl. Sh, S. 80: „[...] von mir [dem Ich-Erzähler, Anm. d. Verf.] aus könne alles so weitergehen wie bisher[...]“. Verena wird nicht nach Berlin ziehen, der Ich-Erzähler nicht nach Hamburg.
13 Sh, S. 73.
14 Vgl. Sh, S. 63.
Arbeit zitieren:
Elisabeth Hecht, 1999, Sonja aus "Sommerhaus, später" von Judith Hermann - Distanz zum Schutz der eigenen Identität, München, GRIN Verlag GmbH
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