Ich danke
meinen Eltern
für eure Unterstützung in den Höhen und Tiefen dieses Studiums und dafür, dass ihr an mich glaubt.
Karl Heinz
für deine Liebe, deinen Humor und deine Ruhe, ohne die mir vieles schwerer fallen würde.
Julia und Kristin
für eure Freundschaft und die Treffen unserer Lerngruppe.
Log. Renate Kohlbacher & Mag. Harald Lothaller
für Ihre motivierende, wertschätzende und kompetente Betreuung bei dieser Arbeit.
Kurzzusammenfassung
Diese Bachelorarbeit setzt sich mit den psychosozialen Folgen des Stotterns bei Erwachsenen auseinander. Es wurde eine Fragebogenuntersuchung mittels der Arbeitsversion des EESE (Erfassung der Erfahrungen von stotternden Erwachsenen) durchgeführt, um folgende Fragen aus Sicht stotternder Erwachsener zu beantworten: Wie nehmen stotternde Erwachsene ihre beobachtbare Stottersymptomatik, ihre Reaktionen auf das Stottern und die Schwierigkeiten, mit denen sie im täglichen Leben konfrontiert sind, wahr? Welche Kommunikationsprobleme treten im Alltag auf? Wie wirkt sich die Redeflussstörung Stottern auf die Lebensqualität dieser Erwachsenen aus?
Die Untersuchung macht deutlich, dass Stottern ein komplexes und individuelles Krankheitsbild ist und in vielen Bereichen Auswirkungen auf das Leben und Verhalten Betroffener hat. Jede/r betroffene Erwachsene hat seine/ihre ganz persönliche Stotterproblematik, reagiert in verschiedenen Lebensbereichen dementsprechend anders und fühlt sich unterschiedlich stark belastet.
Für eine erfolgreiche Therapie ist daher die ehrliche Auseinandersetzung damit, wie und in welchem Ausmaß Stottern das Leben im jeweiligen Fall beeinflusst, Voraussetzung - sowohl auf Seiten der KlientInnen als auch auf Seiten der TherapeutInnen. Dieses Bewusstsein bildet die Basis einer ganzheitlichen Therapie.
Inhaltsverzeichnis
Einleitung - 1 -
1. Grundlagen zum Thema Stottern - 2 -
1.1. Ätiologie des Stotterns - 2 -
1.2. Die Symptome des Stotterns - 3 -
1.3. Der Entstehungsmechanismus von Stottern - 5 -
1.4. Therapiemethoden bei Erwachsenen - 6 -
2. Sozialpsychologische Aspekte des Stotterns - 8 -
2.1. Stottern - ein dialogisches Problem - 8 -
2.2. Stottern aus Sicht Sprachgesunder - 11 -
2.3. Stottern aus Sicht chronisch Stotternder - 14 -
3. Methode - 17 -
3.1. Die Online-Befragung - 17 -
3.2. EESE - Erfassung der Erfahrungen von stotternden Erwachsenen. - 17 -
3.2.1. Was untersucht der EESE? - 18 -
3.2.2. Wozu wurde der EESE entwickelt? - 18 -
3.2.3. Wie wird der EESE durchgeführt und ausgewertet? - 19 -
3.2.4. Welche Abschnitte hat der EESE? - 19 -
4. Ergebnisse - 20 -
4.1. Allgemeine Informationen. - 20 -
4.2. Reaktionen auf das Stottern - 22 -
4.3. Kommunikation in täglichen Situationen - 25 -
4.4. Lebensqualität - 27 -
5. Diskussion - 29 -
Literaturverzeichnis ........................................................................................................................ - 34 -
Einleitung
Stottern ist eine Erfahrung, die jede/r von uns schon einmal gemacht hat. Jede/r kann sich an Situationen erinnern, in denen er/sie gestottert hat, sei es aus Müdigkeit, Angst oder Verlegenheit, weil man zu viel Alkohol getrunken hat oder weil man sich Hals über Kopf verliebt hat. Wird eine Kommunikationssituation als verunsichernd empfunden, ist der Dialog nicht mehr gelassen und locker, stattdessen beschleunigt sich die Artikulation, man verhaspelt sich, man hat Wortfindungsstörungen und manchmal „verschlägt es einem komplett die Sprache“ oder „es bleibt einem das Wort im Hals stecken“.
Was aber im Fall von Sprachgesunden in vereinzelten Kommunikationssituationen passiert, prägt - situationsabhängig und inkonstant - einen großen Teil der Alltagskommunikation einer stotternden Person. Redeflussgestörte machen immer wieder die Erfahrung, dass Dialoge misslingen und sie in kommunikativen Situationen erfolglos sind. Der daraus resultierende psychosoziale Stress kann unterschiedliche negative Auswirkungen auf die Lebensqualität der Betroffenen haben (Scherer, 2003, S. 89ff).
Die vorliegende Bachelorarbeit beschäftigt sich damit, wie stotternde Erwachsene ihre beobachtbare Stottersymptomatik, ihre Reaktionen auf das Stottern und die Schwierigkeiten, mit denen sie im täglichen Leben konfrontiert sind, wahrnehmen. Welche Kommunikationsprobleme treten im Alltag auf? Wie wirkt sich die Redeflussstörung Stottern auf die Lebensqualität dieser Erwachsenen aus?
Um diese Fragen aus der Sicht Betroffener behandeln zu können, wurde eine Fragebogenuntersuchung durchgeführt. 22 stotternde Erwachsene füllten online die aktuelle Arbeitsversion des Einschätzungstests EESE (Erfassung der Erfahrungen von stotternden Erwachsenen) aus und ermöglichten damit einen Einblick in die Erlebniswelt Stotternder.
Die Ergebnisse dieser Bachelorarbeit sollen LogopädInnen dabei helfen, die Komplexität des Krankheitsbilds Stottern zu erfassen und sie dafür sensibilisieren, in welcher Weise Stottern das Leben ihrer KlientInnen beeinflusst. Die gewonnenen Erkenntnisse sollen bei der Behandlung des Stotterns unterstützen und dazu beitragen, das ganzheitliche Verständnis dieser Redeflussstörung zu verbessern.
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1. Grundlagen zum Thema Stottern
1.1. Ätiologie des Stotterns
Stottern ist eine Redeflussstörung, die in etwa 75% der Fälle zwischen dem dritten und fünften Lebensjahr auftritt. Schon in der Kindheit stottern doppelt so viele Jungen wie Mädchen, wobei das Stottern bei Mädchen früher auftritt. Bis zum Alter von acht Jahren neigt Stottern besonders bei Mädchen zur spontanen Remission - bis zum Erwachsenenalter verändert sich das Verhältnis kontinuierlich, sodass es schließlich bei Männern vier- bis fünfmal häufiger zu finden ist als bei Frauen. Bei ca. 1,3% der Kinder kommt es zur Chronifizierung des Stotterns und man geht davon aus, dass etwa 1% der Erwachsenen chronisch stottert (Benecken, 2004, S. 624; Ptok, Natke & Oertle, 2006, S. 1216).
Die Ursachen für die Entstehung von Stottern sind bis heute nicht endgültig geklärt, allerdings scheinen genetische Faktoren eine wichtige Rolle zu spielen. In Studien konnten Dispositionsorte für Stottern auf mehreren Chromosomen nachgewiesen werden, die auch geschlechtsspezifisch unterschiedlich auftreten (Neumann, 2007, S. 6). Ochsenkühn & Thiel betonen aber, dass Stottern multifaktoriell bedingt ist und neben der Genetik auch Störungen erworbener Fähigkeiten und Umwelteinflüsse zur Entwicklung dieser Redeflussstörung beitragen. Konkret sprechen sie von Störungen der zentralen Wahrnehmungsentwicklung, Störungen der feinmotorischen Koordination von Atmung, Stimme und Artikulation, Störungen der psychosozialen Entwicklung und Zusammenhängen mit den psycholinguistischen Fähigkeiten des Kindes (2005, S. 26ff). Beispiele für umweltbedingte Belastungen sind negatives elterliches Verhalten, häufig wiederkehrende Erwartungen und Ansprüche an das Kind, die es nicht erfüllen kann, und häufige Änderungen der Familienkonstellation (Sandrieser & Schneider, 2001, S. 23).
Kohlbrunner spricht sich für eine ausgeprägte psychosomatische Genese aus, da Stottern typischerweise in bestimmten Situationen auftritt, etwa beim Sprechen vor Publikum, in dialogischen Situationen, bei milden Graden von Ärger oder während kognitiv komplexen Aussagen des/der Stotternden. Im Unterschied dazu gibt es auch Situationen, in denen Stottern schwach oder gar nicht auftritt, unter anderem im Selbstgespräch, beim Singen, beim Sprechen mit einem Kind oder beim Rollenspiel (2004, S. 6ff).
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Im Unterschied zum eben beschriebenen idiopathischen Stottern (engl. „developmental stuttering“) kann Stottern auch plötzlich durch einen Schlaganfall, ein Schädel-Hirn-Trauma, Epilepsie oder einen Hirntumor ausgelöst werden. Auch im Zuge von Demenz oder einer neurologischen Erkrankung, wie z.B. Morbus Parkinson und Morbus Alzheimer, kann Stottern auftreten. In diesem Fall spricht man von neurogenem Stottern (engl. „neurogenic“ oder „organic stuttering“). Außerdem wird Stottern häufig syndromspezifisch, z.B. im Zusammenhang mit einer geistigen Behinderung, als Sprachauffälligkeit beschrieben. Bei Morbus Down liegt die Auftretenswahrscheinlichkeit beispielsweise bei etwa 40%.
Wird Stottern durch ein traumatisches Erlebnis ausgelöst, spricht man von einer weiteren Form des Stotterns, dem traumatischen oder psychogenen Stottern. Ausgelöst durch eine besondere Belastungssituation - ein Trauma - tritt eine Redeflussstörung auf, die mit dem Ende der Stressphase wieder abklingt, sodass sich kein ständiger Leidensdruck aufbaut. Psychogenes Stottern kann auch mit verschiedenen psychischen Störungen, wie z.B. Angstneurosen, Depressionen oder Persönlichkeitsstörungen, assoziiert sein (Benecken, 2004, S. 624; Friedrich, Biegenzahn & Zorowka, 2008, S. 316; Zückner & Ebel, 2001, S. 110ff).
1.2. Die Symptome des Stotterns
Beim Stottern werden von der Umwelt hör- bzw. sichtbare äußere Symptome und innere Symptome, die von anderen nicht unmittelbar beobachtet werden können, unterschieden. Zu den äußeren Symptomen zählen Kernsymptome (engl. „core behaviour“) und Begleitsymptome (syn. Sekundärsymptome). Im Folgenden werden die Kernsymptome kurz erklärt:
x Repetitionen: Wiederholung von Lauten („k-k-k-kann“), Silben („ka-ka-kann“) und einsilbigen Wörtern („kann-kann-kann“).
x Prolongationen: Hörbare Unterbrechungen des Redeflusses, bei der ein Laut, meist ein Kontinuant am Anfang eines Wortes, auffällig gedehnt wird („ffffffffahren“, „Aaaabend“). Eine Prolongation kann bei Stotternden bis zu mehreren Sekunden anhalten und so mehrfaches Nachatmen erfordern.
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x Blocks: Auch hier ist die Bewegung der Artikulatoren unterbrochen, einschließlich der
Lautproduktion und Atmung („------kann“). Synonym werden Blocks auch als „stille Prolongationen“ oder „tense pauses“ bezeichnet. Charakterisieren Blocks die Stottersymptomatik eines/einer Betroffenen, spricht man von tonischem Stottern.
Beim Begleitverhalten werden das Flucht- und Vermeidungsverhalten der stotternden Person unterschieden, welche individuell unterschiedlich als Reaktion auf die Kernsymptomatik erlernt werden. Zum Fluchtverhalten zählen Mitbewegungen der Feinmotorik (z.B. Augenzwinkern, Stirnrunzeln oder Aufblähen der Nasenflügel), als auch der Grobmotorik (z.B. Grimassieren, Kopfbewegungen oder Ballen der Faust). Stotternde reagieren mit diesem oder ähnlichem Verhalten, um aus einem Stotterereignis zu flüchten. Während mithilfe dieser Parakinesen das Stottern zu Beginn oft wirklich beendet werden kann, verliert sich ihre Funktionalität mit der Zeit.
Neben dem Fluchtverhalten tritt oft auch Vermeidungsverhalten auf, welches dazu dienen soll, das Stottern zu verhindern. Bei dieser Art des Verhaltens kann man zwischen nonverbalen Aspekten (z.B. Fehlen von Blickkontakt oder Vermeidung bestimmter Gesprächssituationen) und verbalen Aspekten (z.B. Umschreibungen schwieriger Wörter, Verwenden von Synonymen oder Satzumstellungen) unterscheiden. Eine Unterkategorie des Vermeidungsverhaltens stellen Aufschiebungen mithilfe von Embylophonien (Flicklaute wie „hm“ und „äh“) bzw. Flickwörtern (Embylophrasien wie „also“ oder „Was ich sagen will…“) dar. Diese Einschübe dienen dazu, den Sprecheinsatz hinauszuschieben und automatisieren sich, je öfter sie angewendet werden (Friedrich et al., 2008, S. 317; Natke, 2005, S. 15ff). In Abb. 1 ist der Ablauf eines typischen Stotterereignisses schematisch dargestellt:
Zu den „inneren Symptomen“ zählen kognitive und emotionale Aspekte, wie z.B. negative Gefühle, Reaktionen und die innere Haltung des/der Betroffenen. Dies beeinflusst unter anderem auch die Sprechatmung (inspiratorisches Sprechen oder Sprechen mit Restluft) und
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Arbeit zitieren:
Natascha Bradler, 2010, Die psychosozialen Auswirkungen von Stottern bei Erwachsenen, München, GRIN Verlag GmbH
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