Referent: Kontemplation als höchstes Glück
Inhalt
1 Geschichtlicher Hintergrund, Biographisches ............................................................................ 3 2 Der Aufbau der Nikomachischen Ethik....................................................................................... 6 3 Der Begriff vom guten und glücklichen Leben in der Nikomachischen Ethik......................... 7
3.1 Glück als erfülltes Tätigsein .................................................................................................................... 7 3.2 Die formale Struktur der Eudaimonia ..................................................................................................... 9 3.3 Die materiale Struktur der Eudaimonia ..................................................................................................10 4 Das Problem einer universalen Bestimmung von Eudaimonia................................................ 13 5 Menschliche Lebensweisen, die zum Glück führen: Sophia und Phronesis ........................... 15 6 Über die Aktualität der aristotelischen Kosmotheologie.......................................................... 16
Literatur........................................................................................................................................... 18
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1 Geschichtlicher Hintergrund, Biographisches
Aristoteles wurde im Jahre 384 oder 383 v. Chr. in Stageira geboren, er wird deshalb auch als „der Stagirit“ bezeichnet 1 . Seine Heimatstadt ist insofern von Interesse, als sie in der thrakischen Provinz im Nordosten Griechenlands liegt und Aristoteles somit nicht wie sein Lehrer Platon ein Bürger der geistigen Hauptstadt Griechenlands, also Athens, ist, sondern ein „Provinzler“. Er gilt somit in Athen als Ausländer mit einer Niederlassungsbewilligung, aber ohne politische Rechte 2 . Auch gehört Aristoteles nicht wie Platon einem aristokratischen Geschlecht an, sondern er ist der Sohn eines Arztes, der allerdings den Titel des Leibarztes des Königs von Makedonien trägt. Anstatt die Praxis seines Vaters zu übernehmen, geht Aristoteles nach Athen, um dort Philosophie zu studieren, nicht ohne allerdings vorher das Plazet des Orakels eingeholt zu haben. Die Philosophie hatte im antiken Griechenland nicht den Ruf einer abseitigen Wissenschaft für angehende Sonderlinge, sondern den einer Universalwissenschaft, die jeder studieren sollte, ob er nun Staatsmann oder Erzieher werden wollte (vgl. Weischedel 1994, 51).
Von seinem vermögenden Vater Nikomachos üppig ausgestattet 3 , siedelt Aristoteles im Alter von 17 Jahren nach Athen über und beginnt sein Studium der Philosophie in der berühmten Akademie 4 Platons, wo er unterschiedlichen Berichten zufolge zwischen acht und zwanzig Jahren verweilt. Als einer der ersten Menschen legt sich Aristoteles eine umfangreiche Bibliothek 5 an; sein Haus wird von seinem Lehrmeister Platon das „Haus des Lesers“ genannt. Diese und viele weitere Überlieferungen bezüglich seines Aufenthalts in Athen sind bis heute umstritten.
Aristoteles verehrte Platon wie einen Gott, wenngleich er mit der Zeit zu eigenen, den Ideen Platons teilweise widersprechenden philosophischen Gedanken kam. Zum Konflikt kam es nach dem Tode seines Lehrers, weil ein anderer zu dessen Nachfolger als Haupt der Akademie ernannt wurde 6 . Das ambivalente Verhältnis Aristoteles´ gegenüber seinem Lehrer Platon kommt in dem Diktum „amicus Plato, magis amica veritas“ - frei übersetzt „ich liebe Platon, aber noch mehr die Wahrheit“ - zum Ausdruck (vgl. Höffe 1996, 16).
Ein Biograph berichtet, dass Aristoteles in der von ihm gegründeten Schule der Beredsamkeit den späteren Herrscher eines kleinasiatischen Stadtstaates, Hermias, unterrichtete, der ihn daraufhin als Lehrer an seinen Hof holte. Kurze Zeit später wurde er von Philipp, dem König von Makedonien, an
1 Die Informationen in Kap. 1 sind entnommen aus Hirschberger (1980), Weischedel (1994), Durant (1996) und Höffe (1996).
2 Er ist ein sog. „Metöke“ (Beisasse). Aus diesem Grund mischt er sich nicht in die inneren Angelegenheiten der Polis ein.
3 Im Gegensatz zu seinem Zeitgenossen Diogenes, der ja in einer Tonne lebte, legt er viel Wert auf einen bequemen Lebens-wandel. In zeitgenössischen Berichten finden sich eindrucksvolle Schilderungen seiner luxuriösen Leichtlebigkeit, häufig vermischt mit nicht immer wohlwollenden Erdichtungen: „Er stieß beim Sprechen mit der Zunge etwas an, auch war er schwach auf den Beinen und kleinäugig, er kleidete sich aber stattlich und ließ es an Fingerringen und Haarpflege nicht fehlen“ (Diogenes Laërtios, zit. nach Höffe 1996, 13). Hier findet sich ein erster Hinweis darauf, dass nach Aristoteles´ Auffassung Kontemplation alleine zur Erlangung von Glückseligkeit nicht genügt, sondern dass man auch Anteil an den materiellen Gütern dieser Welt haben muss.
4 Sie hieß so, weil sie im heiligen Hain des Akademos lag. Die Schule Platons war zu jener Zeit das intellektuelle Mekka der Philosophen schlechthin.
5 damals bestehend aus Handschriften
6 Auch dies ist in der Geschichtsschreibung umstritten (vgl. Höffe 1996, 19).
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dessen Hof zu Pella berufen, um die Erziehung des damals dreizehnjährigen Alexander zu übernehmen. Dieser eroberte in den darauf folgenden Jahren große Teile Asiens und kam zu unermesslichem Reichtum, der es ihm ermöglichte, die Forschungsvorhaben Aristoteles´ mit reichlichen Geldmitteln zu unterstützen. Aristoteles heiratet Pythias, sie haben gemeinsam eine gleichnamige Tochter und später einen Sohn namens Nikomachos. Die Familie ist in der Zwischenzeit wieder nach Athen übergesiedelt, Aristoteles hat dort seine Schule, das Lyceum 7 , eröffnet. Dort beschäftigt er sich besonders mit der Biologie und anderen Naturwissenschaften. Mit großer Sorgfalt tragen er und seine Schüler möglichst alles zusammen, was man damals über die Tiere und Pflanzen wusste. Die meisten Resultate seiner naturwissenschaftlichen Schriften sind jedoch seit langer Zeit veraltet. 8 Bedeutsam ist dagegen der Versuch, das Wesen der Natur überhaupt zu erfassen. Aristoteles untersucht das Wesen des Organismus und kommt zu dem Schluss, dass dieser ein Ziel und einen Zweck besitzt, den er ursprünglich in sich selbst trägt. Die Zielstrebigkeit, mit der jeder Organismus an dem Ziel arbeitet, sich selbst zu vervollkommnen, bezeichnet Aristoteles als Entelechie. „Diese universale Teleologie ist der bedeutende Grundgedanke im Weltbild des Aristoteles“ (Weischedel 1994, 55). Dieses Streben ist in jedem Menschen angelegt. Zur Verdeutlichung lässt sich das Beispiel eines Bildhauers anbringen: Für ihn gibt das Material die entstehende Form vor. Unter dieser Betrachtungsweise ist dieses Gut als Ziel in jeden Menschen von Natur aus verankert, wie im Material des Bildhauers das Ergebnis schon vorhanden ist und nur noch herausgearbeitet werden muss. Genau dies leistet der Mensch in seinem Streben auch. Er arbeitet an seinem Material mit dem Ziel das höchste Gut zu erreichen. Von diesem Gut kann in diesem Zusammenhang auch als Ziel gesprochen werden, nach dem der Mensch strebt. Es werden zwei Ziele unterschieden: zum einen das reine Tätig-sein, so z.B. der Vorgang des Hausbaus, und zum anderen das Ergebnis des Tätig-seins: das Werk, also das fertige Haus. Das Ergebnis ist das Endziel, das höchste Gut, während der reine Vorgang des Bauens nur ein Zwischenziel, demnach der Weg dahin ist „Wo es Ziele über das Tätig-Sein hinaus gibt, da ist das Ergebnis naturgemäß wertvoller als das bloße Tätig-sein“ (NE 1094a). Also muss sich der Mensch bei seinem Streben nach dem Endziel verschiedene Zwischenziele setzten, um das höchst Gut zu erreichen. Ähnlich wie sein Lehrer Platon versucht Aristoteles, die Materie von ihrer Idee her zu verstehen. „Die aristotelische Teleologie hat darum auch nur insofern Sinn und Kraft, als es überempirische Wesensbegriffe gibt, mögen sie a priori sein oder uns durch Wesensschau bekannt werden“ (Hirschberger 1980, 208).
7 Der Unterricht fand bei gemeinsamen Spaziergängen auf dem Weg neben dem Turnplatz, der zum Grundstück des Apollo-Lyceum-Tempels gehörte, statt; daher kommt der Name lyceum. Der Weg hieß peripatos, aus diesem Grund wurden die Schüler des Aristoteles auch „die Peripatetiker“ genannt (vgl. Durant 1996, 88).
8 Weischedel (1994, 54) berichtet von recht kuriosen Feststellungen Aristoteles`: „Etwa daß es Tiere gebe, die in einer Art Urzeugung aus Schlamm und Sand entstehen, oder dass die Mäuse durch bloßes Lecken von Salz trächtig werden, oder daß die Rebhühner gar durch den vom Menschen ausgehenden Windhauch befruchtet werden. (…) Wie sich Aristoteles dann weiter dem Menschen zuwendet und ihn in anatomischer Hinsicht untersucht, findet er auch da einiges Seltsame. Etwa daß das Gehirn ein recht nebensächliches Organ sei. Das Geistige im Menschen habe seinen Sitz im Herzen; das Gehirn dagegen sei lediglich eine Art von Kühlapparat für das Blut.“ Hier muss jedoch auf die fatale Beschränktheit der antiken technischen Ausrüstung hingewiesen werden, Aristoteles musste „(…) Zeitbestimmungen ohne Uhr, Temperaturvergleichungen ohne Thermometer, astronomische Beobachtungen ohne Fernrohr, meteorologische ohne Barometer vornehmen“ (Durant 1996, 89).
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Die wissenschaftliche Arbeit des Aristoteles war äußerst ertragreich, ihm werden zwischen 400 und 1000 Bände zugeschrieben, von denen allerdings nur noch etwa ein Viertel erhalten ist. Aristoteles´ Schrifttum lässt sich in drei Gattungen einteilen. Die exoterischen 9 Schriften richten sich an den gebildeten Laien. Die esoterischen 10 Schriften oder „Pragmatien“ sind für die Schüler und Kollegen innerhalb der Schule bestimmt, richten sich also an ein Fachpublikum. Die dritte Gattung sind Sammlungen von Forschungsmaterial.
Aristoteles entwickelt die Textgattung der Abhandlung, die bis heute die gültige Form für Wissenschaft und Philosophie ist. „(…) Cicero (lobt) ihren goldenen Fluß der Rede (flumen orationis aureum: Academica II 119) und meint damit den sowohl rhythmisch als auch syntaktisch gepflegten Stil einer nur wenig gehobenen Umgangssprache“ (Höffe 1996, 24). Aristoteles ist ein universeller Denker, er erbringt bahnbrechende Leistungen auf den Gebieten der empirischen Forschung, der einzelwissenschaftlichen Theorie und der philosophischen Metatheorie. Wichtige erhaltene Arbeiten sind 1. für die Logik z. B. die „Kategorien“ oder die „Topik“, 2. für die Naturwissenschaften z. B. die „Physik“ oder die „Meteorologie“, 3. für die Ästhetik z. B. die „Rhetorik“ oder die „Poetik“ und
4. für die Philosophie im engeren Sinne z. B. die „Politik“, die „Metaphysik“ oder die „Nikomachische Ethik“ 11 .
9 Griech. exô = außerhalb (der Schule)
10 Griech. esô = innerhalb (der Schule)
11 Die Nikomachische Ethik hat ihren Namen von Nikomachos, dem früh im Krieg gefallenen Sohn des Aristoteles, der die Ethik vielleicht auch herausgegeben hat.
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Arbeit zitieren:
Christof Scherberger, 2003, Kontemplation als höchstes Glück - Aristoteles: Nikomachische Ethik, München, GRIN Verlag GmbH
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