Johannes Gutenberg-Universität Mainz
Institut für Politikwissenschaft
Hauptseminartitel: Zwischen Timing und Vision. Zeit und Zeitlichkeit als Bedingungen
politischen Handelns
WS 1999/2000
Der Mensch als Marionette der Zeit? –
„Die Knappheit der Zeit und die
Vordringlichkeit des Befristeten“.
Der Zeitbegriff bei Niklas Luhmann
Autor: Björn-Christian
Schüssler
(M.A., 3. Semester)
Inhalt
1. Einleitung 04
1.1. Der Aufsatztitel 05
2. Phänomene des Alltags Die Ausgangssituation der Analyse
05 NA
2.1. Der Alltag des Einzelnen 06
2.2. Die Ausgangssituation der Wissenschaft 07
3. Der Ursprung des Daseins Erleben in drei getrennten Dimensionen 07
3.1. Grundannahmen und Grundnormen 07
3.2. Steigerung in den Naturwissenschaften 09
4. Die Zeitknappheit in der Alltagswelt 10
4.1. Herkunft und Merkmale der Zeitknappheit 10
4.2. Folgen der Zeitknappheit 11
4.3. Muss Zeit knapp sein Lösungsansätze 15
5. Primat der zeitliche Dimension 16
5.1. Zeitdruck durch Termine 16
5.2. Zeitdruck durch Fristen 18
6. Klassischer Ansatz zur Überwindung der Komplexität 19
6.1. Funktionale Differenzierung 19
6.2. Zeitdruck entspannen durch Zeiteinsparung 19
7. Realitätsnaher Ansatz zur Überwindung der Komplexität 21
8. Konsequenzen aus dem Primat der zeitlichen Dimension 22
8.1. Auswirkungen auf die Struktur: Regeln und Gesetze 23
8.2. Auswirkungen auf die Struktur: Kooperationsbedarf 25
2
8.3. Auswirkungen auf die Struktur: Variabilität von Werten 26
8.4. Auswirkungen auf die Struktur: Tempo verstärkt Opportunismus 27
9. Gegenstrategien: Zeitdruck abbauen 28
9.1. Statusdifferenzierung 29
9.2. Bürokratische Taktiken 29
9.3. Institutionalisierung von Hemmschwellen 31
10. Kritische Diagnose als Schlussbetrachtung 32
Literaturverzeichnis 35
3
Einleitung a 1.
Schauen wir einmal in der Geschichte der Wissenschaft und Technik um ein paar Jahrhun- derte zurück. Als im alten China und vor etwa 600 Jahren in Europa von Johannes Guten- berg der Buchdruck erfunden wurde, dachte noch niemand daran, dass einmal jemand eine Arbeit über ein Thema schreiben könnte, dass sich mit dem Begriff Zeit auseinandersetzt. Und als die Engländer die ersten funktionierenden Dampfmaschinen bauten, aus denen sich die ersten Dampf betriebenen Eisenbahnen entwickelten, jubelte jeder über die große Ar- beitserleichterung und Zeitersparnis, die die plötzliche Mobilität mit sich brachte. Auch als der erste Benzin betriebene Motor in deutschen Landen auf den Markt kam, leisteten sich zwar nur einige Reiche ein Auto, aber die Tendenz zur Zeit sparenden lukrativen Erfindung war da. So kam es, dass die Menschen auch in der Wissenschaft bis in die heutige Zeit we- niger mit Gravitationsphänomenen und territorial-geographischer Forschung zu tun haben wollten, sondern sich nun mit der Psyche von Mäusen und der Gentomate beschäftigen wol- len und auch müssen. Doch demnächst warten schon die nächsten Phänomene, die die Bild- zeitung enthüllen konnte. Gibt es Liebende auf der Venus? Können Menschen mit Fröschen reden? Und werden Talkshows im Mittagsprogramm mal intellektuell?
Diese Themen sind nahezu überflüssig. Dagegen ist die „Zeit“ in heutigen Dimensionen ein Ernst zu nehmendes Themengebiet, weil an ihm klar wird, dass das, was früher noch als erleichternder Fortschritt bezeichnet wurde, in der konkreten Gegenwart eine besondere Belastung für das Miteinander geworden ist. Gerade auch deshalb, weil die Zeitersparnis von damals als „angenehme Abwechslung“ heute eine notwendige Selbstverständlichkeit geworden ist. Der zu beobachtende Prozess, dass immer mehr teilweise nutzlose Dinge in immer kürzerer Verfügungszeit erledigt werden oder erledigt werden müssen, ist riskant. Es besteht die Gefahr, dass der Mensch seinen freien Willen verliert und eine Art Marionette wird unter dem Zwang der Zeit im Verhältnis zur Handlungssituation und zu den Hand- lungsbeteiligten.
Ob der Mensch wirklich diese Marionette ist, soll die Analyse des Textes von Niklas Luh- mann zeigen. Dabei möchte ich der Chronologie des Textes folgen, ihn in seine Einzelteile zerlegt bearbeiten und erklärend wiedergeben. Den Anfang macht eine Situationsbestim- mung. Dann sollen die theoretischen Ansätze Luhmanns dargelegt werden. Im Anschluss setze ich mich kritisch mit dem Text auseinander, sofern mir Kritikpunkte auffallen werden. a Diese Hausarbeit ist nach neuer Rechtschreibung verfasst. Zitierte Stellen aus dem Aufsatz wurden an die neuen Recht-
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1.1. Der Aufsatztitel
„Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten“ heißt der Aufsatz von Niklas Luhmann. Dieser Titel sollte vor der direkten Textanalyse selbst einmal ins Rampen- licht gerückt werden. Denn um was geht es in diesem Aufsatz, betrachtet man einmal nur den Titel? Es geht zum einen um die Knappheit der Zeit. Sicherlich ist diese Feststellung im ersten Moment gar nicht so auffallend und dramatisch. Doch rückt man sich den Umstand, dass ein Tag 24 Stunden hat, eine Stunde aus 60 Minuten, eine Minute aus 60 Sekunden besteht, vor Augen, so kommt sicher bald die Frage auf, was an 604.800 Sekunden in der Woche so knapp sein soll. Betrachtet man die Zeit allerdings nicht quantitativ sondern qua- litativ in Verbindung mit dem, was der Einzelne jede Woche zu leisten hat bzw. leisten will, so können sieben mal 24 Stunden rasch zu Ende sein. In einer komplexen Welt mit zahlreichen Handlungsalternativen bei jedem möglichen Entscheidungsprozess geht es um mehr als nur ein rasches Verstreichen der Zeit. Dieses „mehr“ geht Luhmann in seinem Aufsatz an.
Zum anderen handelt der Aufsatz von der Vordringlichkeit des Befristeten. Diese Zusam- menstellung von Begriffen lässt den Eindruck erscheinen, dass von den 604.800 Sekunden pro Woche manche mehr wert sein könnten als andere bzw., dass manche Handlungsent- scheidungen in einer dieser Sekunden mehr wert sind als andere zu einem anderen Zeit- punkt. Dies hört sich kompliziert an, meint aber ganz einfach, dass es innerhalb dieser ver- fügbaren Zeit zu einer qualitativen Staffelung der Handlungsalternativen kommt. Diese Staffelung scheint durch zeitliche Einteilungen ausgelöst zu werden. Sie veranlasst den Handelnden ungeachtet seiner sonstigen Entscheidungspräferenzen in über die Zeit definier- ten Parametern zu handeln. Diese Überlegung führt Luhmann in seinem Aufsatz aus.
2. Phänomene des Alltags – Die Ausgangssituation der Analyse
Dieser Tage ist die Welt doch recht kompliziert und nicht immer verständlich. Die Nach- richtensendungen platzen aus allen Nähten durch neue und neueste Meldungen. Eine früh- zeitige Aufklärung über anstehende Veränderungen bzw. zukunftsweisenden Fortschritt und andere Zusammenhänge in Wirtschaft und Politik ist beinahe nicht mehr möglich. Doch die Komplexität dieser beiden Teilsysteme des Systems des Nationalstaates oder der Gemein- schaft strahlt in dieser Welt der Massenkommunikation und Medienvielfalt in kleinste Be- schreibungsregeln angepasst. (Ich bitte, dies beim Lesen zu berücksichtigen.)
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reiche des menschlichen Daseins aus. Der einzelne Mensch, der in dieser immer kompli- zierter werdenden Welt leben will, muss sich den Zwängen des Alltags beugen. Diese Zwänge hängen eng mit dem Faktor Zeit zusammen. Es ist zunehmend das Phänomen zu beobachten, dass nicht mehr der Mensch die Zeit beherrscht, indem er ungezwungen dies oder das tut, sondern dass die Zeit das Leben des Menschen beherrscht.
2.1. Der Alltag des Einzelnen
Der Mensch scheint von der Zeit beherrscht zu sein. Das ist bereits bei so banalen Dingen wie der Sekunden genauen Einteilung eines Tages zu beobachten. Über jede Minute wird bereits verfügt, ehe sie eingetroffen ist. Die Sekunden sind planbar geworden. Nur diejeni- gen, die dieser vorgeschriebenen Zeiteinteilung entfliehen wollen – ob es ihnen gelingt oder nicht – tragen keine Armband- oder Taschenuhr. Alle Prozesse und Regelungen unterliegen strengen Zeitplanungen und einer präzisen Zeiteinteilung. Sowohl der Privatmann als auch Berufstätige greifen immer häufiger auf das Hilfsmittel ,Terminkalender‘ zurück, um die einzelnen Vorstellungen, die verfügbare Zeit zu nutzen, umsetzen zu können. Dabei fällt mit zunehmender Vielfalt an Nutzungsmöglichkeiten auf, dass die vorhandene Zeit dieser Verfügungsfülle kaum mehr Stand halten kann. Beim täglichen Erleben werden die vorhan- denen qualitativen Zeitgrenzen immer öfter überschritten. Die Zeit wird knapp, das Zeit- budget jedes Einzelnen reicht nicht aus.
Je größer der Anspruch des Einzelnen ist, die Entscheidungen des Alltags auf einmal zu fällen und möglichst viel zu erledigen, desto mehr Zeit wird benötigt. Dadurch entsteht e- normer Zeitdruck, da die vorhandene verfügbare Zeit pro Tag nicht ausreicht. Aufgrund dieses Zeitdrucks entsteht der Eindruck, dass die Zeit knapp wird. Um diesem Problem ent- gegen zu wirken, wird die vorhandene Zeit immer öfter Material einer strengen Planung. Der Terminkalender bestimmt den Tagesrhythmus. 1 Bei dieser Planung streiten viele Fakto- ren um Berücksichtigung. Ganz natürlich werden in diesem „Wettbewerb um Aufmerksam- keit“ 2 Wichtiges von weniger Wichtigem und kurzfristige von langfristigen Angelegenhei- ten unterschieden. Um das Wichtige vor Vergessenheit zu schützen, wird es oftmals beson- ders markiert und wird damit indirekt dringlich. So liegt dann das Wichtige im Aktenstapel oben oder in einem roten Ordner oder wird im Terminkalender dreimal unterstrichen. 3 Meistens wird einem dieser Faktoren durch den herrschenden Zeitdruck die Dringlichkeit 1 Vgl. Niklas Luhmann: Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten, in: Niklas Luhmann: Politische Planung. Aufsätze zur Soziologie von Politik und Verwaltung, Opladen 1971, S. 143, Zeile 7-9.
2 Luhmann: 143, 7.
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Arbeit zitieren:
Björn-Christian Schüßler, 2000, Der Mensch als Marionette der Zeit? - 'Die Knappheit der Zeit und die Vordringlichkeit des Befristeten'. Der Zeitbegriff bei Niklas Luhmann, München, GRIN Verlag GmbH
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