Inhaltsverzeichnis Seite
1. Einleitung 3
2. Erkenntnisse aus Borchardts revisionistischer Studie 4
„Zwangslagen und Handlungsspielräume in der großen
Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre“
Über den Zeitpunkt einer möglichen Änderung der Wirtschafts- und 2.1 4
Finanzpolitik
Über die Mittel für eine Änderung der Wirtschafts- und Finanzpolitik 2.2 6
Überlegungen zum Erfolg der Pläne und einer heutigen Lösung für 2.3 8
das damalige Problem
Ursachen der Strukturkrise 2.4 9
3. Kritik an Borchardts Revision C. - L. Holtfrerich und .U Büttner 10
Gegenargumente aus Ursula Büttners Studie - Bereinigung der 3.1 11
Strukturkrise durch Konjunkturpolitik
Zeitpunkt für eine Neuorientierung 3.2 12
Mittel zur Neuorientierung - Keynes’ Methoden und die Entwicklung 3.3 12
konjunkturbelebender Wirtschaftspläne in der Weimarer Republik
4. Zusammenfassende Gegenüberstellung Büttner - Borchardt 15
J üngere Einschätzungen zur Studie Borchardts 5. 17
Schluss 6. 20
7. Sachanmerkungen 21
8. Literaturverzeichnis 24
2
1. Einleitung
Der zuweilen als „Hungerkanzler“ beschimpfte Reichskanzler Heinrich Brüning wurde in der Vergangenheit oft kritisiert, die Bevölkerung rücksichtslos und ohne Berücksichtigung von Alternativen einer schädlichen Wirtschaftslage ausgesetzt zu haben, um die Reparationen „loszuwerden“. Seit den fünfziger Jahren bestand bei Nationalökonomen und Historikern über die Einschätzung von Brünings Wirtschafts- und Finanzpolitik ein weitgehender Konsens darüber, dass dessen rücksichtslos durchgehaltene, krisenverschärfende Deflationspolitik a als „falsch und verhängnisvoll“ zu werten ist. 1 Bis zum Ende seiner Regierungszeit spielte die Reparationsfrage in der Politik die tragende Rolle. Jedoch gab es in der Vergangenheit heftige Diskussionen darum, ob nicht eine andere Wirtschafts- und Finanzpolitik umsetzbar gewesen wäre, die die Menschen nicht so großer Not ausgesetzt, somit der Radikalisierung breiter Bevölkerungsmassen vorgebeugt, und den Aufstieg der NSDAP und Hitlers verhindert hätte. Hat Brüning seine deflatorische Wirtschafts- und Finanzpolitik allein wegen der (durch ihn tatsächlich erreichten) Streichung der Reparationen betrieben? Hätte es eine Möglichkeit gegeben mit der wirtschaftlichen Krise anders umzugehen oder war dies unter den damaligen Bedingungen schlichtweg unmöglich? Mit dieser Frage beschäftigte sich Ende der Siebzigerjahre der Wirtschaftshistoriker Knut Borchardt, der die Erkenntnisse über die negativ bewertete Brüningsche Wirtschaftspolitik einer kritischen Revision unterzog. 2 Borchardt stellte „die Angemessenheit der Beurteilungsmaßstäbe dieser Kritik“ und so auch viele der als sicher geltenden wissenschaftliche Erkenntnisse infrage 3 . Dies löste großes Aufsehen und Irritation aus und infolge der dadurch aufflammenden polarisierenden „Borchardt-Kontroverse“ rückten die politischen Inhalte, die „Frage nach dem Handlungsspielraum und realisierbaren Alternativkonzepten im Bereich der Wirtschafts- und Finanzpolitik des Deutschen Reiches in
den Jahren der Weltwirtschaftskrise in den Vordergrund des Interesses“. 4 In dieser Arbeit soll der Argumentationsgang Borchardts aufgezeigt und anschließend mit gegenteiligen Ansichtenhauptsächlich denen Ursula Büttners - in kritischer Weise kontrastiert werden. Im Anschluss daran werden Argumente des Wirtschaftshistorikers Albrecht Ritschl über die Erkenntnisse Borchardts aus jüngster Zeit erläutert.
1 Vgl. Eberhard Kolb, Die Weimarer Republik, München, 2002. S. 233.
2 Vgl. Ebd., S. 230.
3 Ebd., S. 233.
4 Vgl. Ebd., S. 230.
3
2. Erkenntnisse aus Borchardts revisionistischer Studie „Zwangslagen und Handlungsspielräume in der großen Weltwirtschaftskrise der frühen dreißiger Jahre“ Nach Ansicht Borchardts wurde das konsequente Festhalten an der deflatorischen Weimarer Wirtschafts- und Finanzpolitik in der Wissenschaft häufig als verhängnisvoller Beitrag zum „Zerfall der Weimarer Republik“ und dem „Aufstieg des Nationalsozialismus zur Macht“ gewertet. 5 In einem „rückwärtsgewandten Problemlösungsoptimismus“ 6 seien alternative konjunkturbelebende b Wirtschaftskurse vorgeschlagen worden, während die Brüningsche Wirtschafts- und Finanzpolitik scharf verurteilt worden sei. Ziel von Borchardts wissenschaftlicher Untersuchung ist es, aus wirtschaftspolitischer Sicht zu erläutern, ob es überhaupt möglich gewesen ist, eine expansive, konjunkturbelebende Wirtschaftspolitik in der Weimarer Republik zu betreiben. Beginnend mit der Ausgangsfrage, „warum in der großen Krise der frühen dreißiger Jahre in Deutschland bis zum Sommer 1932“ keine derartige Politik betrieben worden ist, stellt Borchardt infrage, ob dies auf einen „Mangel an Einsicht und Fähigkeit der Regierenden“ zurückzuführen sei, oder ob Reichskanzler Brüning angesichts einer zu starken Beschränkung seiner politischen und wirtschaftspolitischen Handlungsspielräume keine realisierbaren Alternativen nutzen konnte. 7 Zur Beantwortung dieser Frage analysiert Borchardt, zu welchem Zeitpunkt „eine solche Politik der Gegensteuerung gegen die Krise hätte einsetzen sollen und können“ und ob dazu überhaupt „geeignete Mittel“ technisch und politisch verfügbar waren. 8 Letzen Endes kommt Borchardt zu dem Schluss, dass es zur Brüningschen Finanz- und Wirtschaftspolitik aufgrund der derzeitigen wirtschaftlichen und politischen Zwangslagen keine Alternativen gegeben hat.
2.1 Über den Zeitpunkt einer möglichen Änderung der Wirtschafts- und Finanzpolitik Zur Frage, ab wann eine Änderung der konjunkturpolitischen Strategie, also der Übergang zu einer aktiven staatlichen Antikrisenpolitik, möglich gewesen ist, gibt Borchardt als frühesten Zeitpunkt den Sommer des Jahres 1931 an. 9 Bezogen auf das Wissen der damaligen Zeitgenossen habe es „bis zum Frühjahr 1931 keine überragend starkes Motiv gegeben […], die Krise völlig anders zu behandeln, als sie es tatsächlich taten.“ 10 Borchardt begründet dies damit, dass die Weltwirtschaftkrise c als „einmaliges Phänomen“ 11 , als etwas noch nie
5 Vgl. Knut Borchardt, Zwangslagen und Handlungsspielräume in der großen Wirtschaftskrise der frühen Dreißigerjahre, S. 165.
6 Borchardt, S. 166.
7 Vgl. Ebd.
8 Vgl. Ebd.
9 Vgl. Ebd., S. 170.
10 Ebd., S. 167.
11 Borchardt, S. 165.
4
Dagewesenes, in den Ausmaßen ihrer Auswirkungen für die Zeitgenossen nicht einschätzbar gewesen ist, da „alle vorhergehenden Krisen […] anders verlaufen“ 12 waren. Zudem habe die Krise in Deutschland zu Beginn keine großen Auswirkungen gehabt: während es nach dem Ersten Weltkrieg in den Jahren 1920/21 in Westeuropa, den USA und Japan zu einer heftigen Krise gekommen sei, sei Deutschland aufgrund der bis 1923 herrschenden Inflation zu dieser Zeit verschont geblieben. 13 Zudem habe nach einem Jahr bereits ein wirtschaftlicher Aufschwung eingesetzt und auch nach einem „tiefen konjunkturellen Einbruch […] von 1925 -1926“ sei in der Weimarer Republik die Erholung rasch erfolgt. 14 Aufgrund dieser Erfahrungen kam man zu dem Schluss, „daß nämlich ein einmal einsetzender Abschwung die Tendenz habe, sich selbst nach unten zu verstärken und deshalb ganz frühzeitig bekämpft werden müßte“ 15 , worauf sich im Folgenden dann erfahrungsgemäß wirtschaftliche „Entspannungstendenzen“ 16 zeigen würden. Diese Vorstellung traf „im Fortgang der Krise von 1929 auf 1930 und von 1930 auf 1931“ jedoch nicht mehr zu, was laut Borchardt „niemand hätte voraussehen können, weil sie den Charakter von historischen Zufälligkeiten hatten“. 17 Zusätzlich wirkten sich in Deutschland in dieser Zeit politische Ereignisse negativ auf die Wirtschaft aus: infolge des politischen Aufstiegs der NSDAP zur zweitstärksten Partei im Reichstag nach den Septemberwahlen 1930, wurden viele ausländische Kredite über große Kapitalsummen aus dem Reich abgezogen. 18 Infolgedessen verschärfte sich die Krise. Das Wahlergebnis führte jedoch auch dazu, dass die SPD im Zuge einer „Tolerierungspolitik“, den Kurs der Reichsregierung akzeptierte, um einen weiteren Rechtsrutsch in der Politik zu vermeiden. 19 Sie verzichtete auf weitere Misstrauensanträge, wodurch Kanzler Brüning mittels Notverordnungen d sein wirtschaftliches Sanierungsprogramm durchsetzen konnte. 20 Im Jahr 1931 kam es national und international durch Zahlungsfähigkeiten zahlreicher Banken e im Sommer zu einer Finanzkrise: „Jetzt, im Sommer 1931, erwies sich die Entwicklung als eine prinzipielle Strukturkrise f der nationalen und internationalen Wirtschaftsordnung. Jetzt erst begann man verbreitet zu fürchten, daß diese Krise nicht aus sich heraus wieder zu einem Aufschwung führen würde“ 21 . Da nach Ansicht Borchardts die wirtschaftliche Krise für Zeitgenossen erst im Sommer 1931 als Strukturkrise erkennbar war, „konnte eine Änderung der konjunkturpolitischen Strategie nicht vor dem
12 Ebd., S. 167.
13 Ebd.
14 Vgl. Ebd.
15 Ebd.
16 Ebd.
17 Vgl., Ebd.
18 Vgl. Karl Dietrich Bracher, Die Auflösung der Weimarer Republik. Eine Studie zum Problem des Machtverfalls in der Demokratie, S. 366.
19 Vgl. Ebd., S. 377 ff.
20 Ebd.
21 Borchardt, S. 169.
5
Sommer 1931 erwartet werden“, „wenn wir von den Regierungen nicht eine prophetische Gabe verlangen,
insbesondere kein Wissen, das erst die Nachlebenden haben können“. 22 Demzufolge sei der wirtschaftliche Abschwung nicht verhinderbar gewesen, da Maßnahmen zur Gegensteuerung der Krise auch bei deren Einsatz im Sommer 1931 nicht schnell genug zu einer „konjunkturellen Bewegung“ geführt hätten. 23 Der Tiefpunkt der Krise im Sommer 1932 hätte „um einige Monate vorverlegt werden können“, wodurch der wirtschaftliche Aufschwung „etwas früher und vielleicht etwas kräftiger“ hätte einsetzen können. 24 Dies sei jedoch auch von der Wahl umsetzbarer Maßnahmen abhängig. 25
2.2 Über die Mittel für eine Änderung der Wirtschafts- und Finanzpolitik Was die Wahl der Maßnahmen betrifft, seien „Pläne zur aktiven Überwindung der Krise“ im Herbst/Winter 1931 und im Jahr 1932 entwickelt worden. 26 Jedoch seien diese technisch und politisch nicht umsetzbar gewesen, da sie Instrumente vorsahen, „die gar nicht zur Verfügung standen und die man auch nicht mit einem einfachen Akt der nationalen Gesetzgebung schaffen konnte“ 27 . Die Pläne sahen eine „Finanzierung von Mehrausgaben des Staates durch die Reichsbank“ vor, um die Wirtschaft anzukurbeln. 28 Eine „interne Geldschöpfung g über die Reichsbank“ sei aber aus „rechtlich- vertragliche Gründe[n]“ nicht möglich gewesen, da der Regierung der Einfluss auf die Reichsbank „nämlich 1922 bzw. 1924“ h entzogen worden sei und es der Reichsbank „gesetzlich verboten [war] nennenswerten Kredit an den Staat zu geben“. 29 Eine Veränderung des Reichsbankgesetzes sei aufgrund der Auflagen im internationalen Vertragssystem des Young-Planes i unmöglich gewesen, ebenso wie der Wechselkurs der Reichsmark an diesen gebunden war. 30 Somit kamen weder eine Kreditausweitung noch eine Abwertung der Reichsmark als konjunkturbelebende infrage. 31 Defizitfinanzierung j Maßnahmen Andere Pläne, die eine von
Arbeitsbeschaffungsmaßnahmen erreichen wollten, seien aufgrund der eingeschränkten inländischen Handlungsmöglichkeiten nur durch eine „Aufnahme von Auslandskrediten“ 32 gewesen. Diese Finanzierungsempfehlung „kam just in dem Augenblick heraus, als sich die Reichsregierung an mehren Fronten in scharfem Konflikt mit Frankreich und seinen ehemaligen Alliierten
22 Borchardt, S.170.
23 Vgl. Ebd.
24 Vgl. Ebd.
25 Vgl. Ebd.
26 Vgl. Ebd.
27 Ebd.
28 Vgl., Ebd.
29 Vgl. Ebd., S. 172.
30 Vgl. Ebd.
31 Vgl. Ebd.
32 Ebd., S. 171.
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Christina Gieseler, 2007, Die Reparationen in der Ära Brüning - Kontroverse um Deflationspolitik und Alternativen, München, GRIN Verlag GmbH
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