Inhaltsverzeichnis
Vorwort 3
1. Annäherung an den Begriff der Ehre 5
1.1 Ehre im Türkischen 5
1.2 Ehre im Arabischem 6
1.3 Ehre im Islam. 6
1.4 Ehre in unseren Breitengraden 7
1.5 Ein erstes Fazit der Ehre 8
2. Ehre und Gewalt 9
2.1 Schläge und Beschimpfungen zur Prävention 9
2.2 Verstoßung und Ehrenmord 10
2.3 Gewalt gegen Personen außerhalb der eigenen Familie 11
2.4 Ein Fazit zu Gewalt und Ehre 12
3. Präventions- und Interventionsmaßnahmen gegen die Gewalt der Ehre 13
3.1 Klare Gesetze 13
3.2 Beratungs- und Zufluchtsstätten 14
3.3 Unterricht der Ehre 14
3.4 Elternarbeit 15
3.5 Neudefinition der Ehre 15
3.6 Langfristige, strukturelle Maßnahmen 16
3.7 Ein Fazit zu den Maßnahmen 16
4. Resümee 18
Literaturverzeichnis 19
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Sehr geehrte Damen und Herren,
haben Sie es bemerkt? Ich habe Ihnen grade Ehre zugesprochen. Ob aus kulturellen Aspekten der deutschen Sprache, weil man eben „geehrte“ schreibt, oder weil ich es als ehrenhaft empfinde, wenn man sich meiner Hausarbeit widmet, mag für dieses Thema eigentlich nebensächlich sein. Viel mehr sollte man sich in diesem Kontext fragen, warum Ehre scheinbar eine Verknüpfung zur Gewalt beinhalten, wenn sie doch so einfach erwiesen, bzw. auch erhalten wird. Oder etwas genauer, welchen Wert dieser Teil der Anrede, „geehrte“, haben muss, wenn wir in Deutschland fast selbstverständlich von Ehrenmord oder Gewalt im Namen der Ehre sprechen.
Mit dieser Hausarbeit habe ich mir zum Ziel gesetzt einen Einblick in das Thema von Gewalt und Ehre zu geben, dabei soll besonders der Fragestellung nachgegangen werden, „wie Ehre und Gewalt in Deutschland zusammenhängen und wie hier interveniert werden kann“. Der Schwerpunkt liegt hier vor allem bei den in Deutschland lebenden Migranten aus dem muslimischen Kulturkreis, da bei dieser Personengruppe die Verknüpfung von Gewalt und Ehre am ehesten zu finden ist. Mit dieser Personengruppe habe ich mich bereits in zwei vorherigen Hausarbeiten zumindest teilweise beschäftigt, was auch der ausschlaggebende Punkt für die Wahl dieses Themas war.
Um die Interdisziplinarität dieser Arbeit zu gewährleisten und einen reflektierten und kritischen Überblick über das Thema zu bekommen, wurde auf eine breitgefächerte Literatur zurück gegriffen. Diese stützt ihre Untersuchungen allerdings hauptsächlich auf qualitative Studien. Da zum einen quantitative Erhebungen rar sind und zum anderen auch nicht so explizit auf die Problemlage eingehen können wie qualitative. Die verwendete Literatur reicht unter anderem von den Standartwerken „Die Gewalt der Ehre“ des Ethnologen Werner Schiffauer
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und „Das schwache Geschlecht - die türkischen Männer“ des Diplom Pädagogen Ahmet Toprak, über die Studie „Tatmotiv Ehre“ vom Frauenrechtsverein TERRE DES FEMMES e.V. und der Dokumentation einer Tagung der Evangelischen Akademie Loccum mit dem Thema „Wieviel Ehre braucht der Mensch?“, bis hin zu journalistischen Artikeln und Internetseiten. (vgl. Schiffauer 1983; Toprak 2007; Böhmecke 2004; Burmeister 2003)
Beginnen wird diese Hausarbeit mit einer Annäherung an den Begriff der Ehre, unter Beachtung des Themas und der oben schon angedeuteten Personengruppe. Der Begriff der Gewalt soll in dieser Hausarbeit nicht näher behandelt werden, da eine genaue Bearbeitung den Rahmen sprengen würde. Grundlegend ist aber zu sagen, dass Gewalt in dieser Hausarbeit als gezielte physische und oder psychische Schädigung eines Menschen verstanden wird. Darauf folgt eine Analyse der Verknüpfung von Gewalt und Ehre, um dann, zu den Präventions- und Interventionsmaßnahmen zu gelangen. Ein kurzes Resümee dient dann zum Schluss zur Reflexion und Abrundung dieser Arbeit.
Auf Wunsch des Dozenten wurde diese Hausarbeit kurz gehalten und die Schriftgröße 12 (Arial) verwendet, im Sonstigen wurde der Standard der HS Esslingen beibehalten. Der Lesbarkeit halber wurde auf weibliche Endungen, wie StudentInnen oder Ähnlichem verzichtet und entweder die neutrale oder die männliche Form gewählt, je nachdem, was allgemeingültig erschien.
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In diesem Kapitel soll der Begriff der Ehre in seiner Vielschichtigkeit näher betrachtet werden, dabei ist zu beachten, dass Ehre durchaus kein eindeutig definierter Begriff ist, sondern unterschiedlich interpretiert werden kann und auch wird. Auch sollten die hier erläuterten Ehrverständnisse nicht auf alle Menschen des jeweiligen Kulturkreises herunter gebrochen werden, sondern als konservative, aber vorhandene, Sichtweisen bestimmter Personengruppen verstanden werden.
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Im Türkischen gibt es drei Begriffe für Ehre, șeref, namus und saygi. Șeref entspricht in etwa unserem Begriff des Ansehens, es lässt sich durch Großzügigkeiten und Hilfsbereitschaft erreichen bzw. erhöhen. Șeref kann durch gute Taten erhalten, aber auch durch schlechte oder ausbleibende Taten verringert bzw. ganz verloren gehen. Șeref gilt sowohl für die Frau, wie auch für den Mann.
Namus stellt die eigentliche Ehre dar. Diese kann nicht erworben werden, sondern nur verloren gehen, allerdings kann sie, so scheint es, wiederhergestellt bzw. der Verlust abgewendet werden (dazu später mehr). Das besondere bei namus sind die Geschlechterunterschiede, so beziehen die Männer ihre Ehre in besonderem Maße aus ihren weiblichen Familienmitgliedern, genauer gesagt aus der Mutter, der Ehefrau, der Schwester oder der Tochter. Diese wiederrum erlangen ihre Ehre durch schamhaftes Verhalten, welches sich besonders in der Jungfräulichkeit vor und der Treue während der Ehe zeigt. Auch der Schutz der Frauen vor Übergriffen von außen, stellt für die männlichen Familienmitglieder einen wichtigen Aspekt der Ehre dar.
Saygi steht für Respekt oder Achtung. Dies zeigt sich vor allem in der Anrede älterer Verwandter, so werden diese nicht mit Vornamen sondern mit ihrem Stand
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in der Familie, aus der jeweiligen Perspektive, angesprochen. Also Onkel, Tante, große Schwester, großer Bruder etc.. Die Jüngeren haben in der Öffentlichkeit im Beisein älterer Verwandter zu schweigen, sie dürfen nicht rauchen oder gar trinken. Auch die Frau hat ihrem Mann Achtung zu zeigen. Erhält eine Person von einer niedriger stehenden Person diese Achtung nicht, so gilt sie als schwach (zayif) und wird dies auch in ihrem Umfeld deutlich zu spüren bekommen. (vgl. Schiffauer 1983, 67-71; Toprak 2007, 152-154)
Auch im arabischen Sprachraum gibt es mehrere Wörter für Ehre, hier sind vor allem sharaf und ird zu nennen.
Sharaf lässt sich wie das türkische șeref erwerben. Allerdings liegt hier der Weg zum Erwerb nicht so sehr in der Großzügigkeit, sondern viel eher in der persönlichen Anstrengung, also den Errungenschaften einer Person. Sharaf kann sich auch auf andere Personen und Familienmitglieder übertragen, so kann man aus einer „ehrenwerten und geachteten Familie“ (Antes 2004, 17) stammen. Ird bezieht sich ähnlich wie das türkische namus, nur auf die Sexualität der weiblichen Familienmitglieder. Diese können durch sexuelles Fehlverhalten die Familienehre bis zur Unwiderruflichkeit zerstören. Allerdings trifft hier der Ehrverlust nicht so sehr den jeweiligen Ehemann sondern vor allem die Herkunftsfamilie der Frau.
Dieses Ehrverständnis lässt sich im gesamten arabisch sprechden Raum, mit dezenten Unterschieden, wiederfinden. (vgl. Antes 2004, 17-18)
Sieht man diese starke Verbreitung der Ehre, in diesen, vor allem islamisch geprägten Ländern, so drängt sich die Vermutung eines Zusammenhanges mit der Religion geradezu auf. Allerdings findet sich im Koran nicht an einer Stelle das Wort ird und damit der Bezug zu dieser Form der sexualisierten Ehre. Auch die Ausübung dieser Ehrvorstellung vor der Islamisierung des arabischen Raumes,
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lässt auf eine vorreligiöse und damit vor allem kulturell bedingte Praxis schließen. Die Lehre des Islam kann gar als Möglichkeit genutzt werden Ehrkonflikte beiseite zu legen, so dienen die großen religiösen Feste auch der Versöhnung zerstrittener Parteien. (vgl. Antes 2004, 19; Böhmecke a 2004, 13; Schiffauer 1983, 68-69)
„Valentin: …
Da du dich sprachst der Ehre los, Gabst mir den schwersten Herzensstoß“ (Goethe 2008, 123)
Der vielleicht berühmteste „beinahe“ Ehrenmord der Belletristik, findet sich in Goethes Faust. In diesem schwängert der Hauptprotagonist Faust, das „unschuldige“ Gretchen und wird darauf von ihrem Bruder Valentin zum Duell gezwungen, aus welchem er als Sieger und Valentin schwer verletzt heraus gehen. Noch im Sterben verstößt Valentin seine Schwester und beschimpft sie unter anderem als Metze 1 . (vgl. Goethe 2008, 84-123)
Dieser kurze Exkurs in die klassische deutsche Literatur soll zeigen, dass auch bei uns Ehrenmorde, aufgrund verletzter Familienehre, zumindest vor einiger Zeit, nicht unbedingt undenkbar waren.
Um den Begriff der Ehre bei uns zu finden, muss man jedoch gar nicht so weit in der Zeit zurück gehen. Denn nicht nur von den Nazis wurde der Begriff der Ehre hochstilisiert, auch gegenläufige Bewegungen wie die Edelweißpiraten verschrieben sich der Ehre. Dies lässt auf eine breite Basis von Personen während des Faschismus in Deutschland schließen, die Ehre als wichtigen Bestandteil ihres Lebens ansahen. Auch heute lässt sich der Begriff der Ehre vor allem im rechtsradikalen Milieu häufig antreffen. Allerdings lässt sich in diesem Kontext feststellen, dass Ehre hier nicht mehr ausschließlich von den weiblichen Familienmitgliedern abhängt, sondern viel eher von den Handlungen und
1 Metze = Hure (Anm. d. A.)
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Einstellungen der jeweiligen Person. (vgl. Burkhart 2003, 93-97; Findeisen/Kersten 1999, 64-69, 103-128, 142-144, 147-148)
Schaut man sich in Europa um, so kommt man relativ schnell auf die mediterranen Mittelmeerregionen, welche teilweise gar als „Anhäufung von honor and shame societies“(Giordano 2003, 10) bezeichnet werden. Aber auch die Schließung des letzten Magdalenenheims 2 1996 in Irland, sowie das Ideal der „keuschen Jungfrau“ im Katholizismus zeigen deutlich, dass wir nicht soweit von einer gelebten Ehre und Ehrverbrechen entfernt sein können. (vgl. Böhmecke a 2004, 13-14; Antes 2004, 21; Giordano 2003, 10)
Das Hauptproblem der Ehre im Kontext zur Gewalt, geht in Deutschland nichtsdestotrotz von Personen mit Migrationshintergrund aus. Während Jugendliche aus dem ehemaligen Ostblockstaaten, Ehre als Teil ihrer Männlichkeit verstehen und darüber Gewalt gegen andere Jugendliche legitimieren, kommt es in Familien aus dem muslimischen Kulturkreis immer wieder zu Gewalt und Unterdrückung gegenüber Frauen und Mädchen, bis hin zum, in den Medien stark hochstilisierten, Ehrenmord. (vgl. Findeisen/Kersten 1999, 86-102; Schiffauer 1983, 102-107; Göhl 2004, 65-71)
Ehre scheint nun übereinstimmend etwas zu sein, was man verlieren kann, was stark durch das jeweilige Umfeld geprägt wird und was bei vielen Personen einen äußerst hohen Wert besitzt, wenn nicht gar den höchsten. Schauen wir uns im nächsten Kapitel an, wie Ehre zur Gewalt und damit zur Gefahr für andere Menschen wird.
2 In diesen Heimen wurden unter anderem „ehrlose Frauen“ in Gewahrsam genommen (vgl. Böhmecke a
2004, 13-14)
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In diesem Kapitel soll der Zusammenhang zwischen Ehre und Gewalt genauer erläutert werden, wobei vor allem auf den Ehre/Gewalt Konflikt von Migranten aus dem muslimischen Kulturkreis (insbesondere der Türkei) eingegangen wird.
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Wie oben bereits beschrieben, bezieht sich die Ehre der Männer in diesem Kulturkreis hauptsächlich aus dem schamhaften Verhalten der weiblichen Familienmitglieder. Daraus resultiert eine nicht unerhebliche Angst, die eigene Frau oder Tochter könnte die persönliche Ehre und damit auch die der Familie, beschmutzen oder gar zerstören. Dies könnte durch uneheliche Beziehungen, Scheidung, aber auch schon durch zu freizügige Bekleidung der Frau eintreten. Diese scheinbare Gefahr, legitimiert für viel Ehemänner die „präventive“ Gewaltanwendung an ihren Frauen, so sollen diese durch Schläge und/oder Beschimpfungen unterdrückt und darauf aufmerksam gemacht werden, was passiert, wenn sie ihre Ehre beschmutzen.
Auch der Vater einer Tochter lebt mit der Angst des Ehrverlustes. So wird hier neben der Gewaltanwendung, welche teilweise auch durch die männlichen Geschwister erfolgt, eine frühe Heirat favorisiert, um so die Verantwortung an den zukünftigen Schwiegersohn möglichst früh weiterzureichen. (vgl. Toprak 2007, 146-147)
Aber auch die Söhne können eine Bedrohung für die väterliche Ehre darstellen. So stellen Drogenmissbrauch oder Straftaten wie Diebstahl, die Führungskraft des Vaters in Frage. Dies wiederum legitimiert einen sehr autoritären Erziehungsstil des Vaters, um die Achtung seiner Kinder einzuholen und seine Position als Familienoberhaupt zu festigen. Drogenmissbrauch und Diebstahl werden natürlich auch bei den Töchtern nicht toleriert. Gewaltdelikte der Söhne hingegen werden als Teil ihrer Männlichkeit begriffen, stellen also keine Gefahr für die Familienehre dar. (vgl. Toprak 2007, 166-167)
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Lebenslange Haft für Ahmad O. wegen heimtückischen Mordes aus niederen Beweggründen. So lautete das Urteil welches im Frühjahr 2009 am Hamburger Landgericht aufgrund der Ermordung von Morsal O. verkündet wurde. Dieser Fall erlangte höchste Medienaufmerksamkeit, nicht zuletzt weil er als Mord im Namen der Ehre, als Ehrenmord, zu titulieren war.
Ahmad hatte im Mai 2008 seine Schwester aufgrund ihres freien Lebensstils mit 23 Messerstichen getötet. (vgl. Zeit Online http://www.zeit.de/online/ 2009/08/ehrenmord-morsal-lebenslang aufgerufen am 13. 07. 2009)
Die UN spricht von 5000 derartigen Ehrenmorden jährlich, die Dunkelziffer wird um einiges höher geschätzt. In Deutschland gab es in den letzten Jahren im Schnitt über 10 Gerichtsprozesse pro Jahr, welche Ehrenmorde zu verhandeln hatten. (vgl. Böhmecke 2004, 10; Ehrenmord.de
http://www.ehrenmord.de/faq/wieviele.php aufgrufen am 14.07.2009)
Die Frage bleibt, wie konnte und kann es soweit kommen? Wie kann das Ehr-Verständnis einen Menschen soweit bringen?
Der Anstoß für ein Verbrechen dieser Art liegt eigentlich immer in einem Fehlverhalten der Tochter oder der Ehefrau, aus Sicht des Familienvaters. Dieses Fehlverhalten kann wie im Fall Morsal gesehen, ein falscher Lebensstiel, aber häufig auch außereheliche Beziehungen oder Trennung der Frauen und Mädchen sein. Kommt es nun zu einem derartigen Verhalten und dieses wird der Öffentlichkeit, bzw. dem familiären Umfeld, bekannt, so ist die Familienehre, insbesondere die der männlichen Familienmitglieder, in Gefahr. Interessant dabei ist, dass die Ehre erst durch das Außen, das Umfeld der Familie, einen derartig hohen Wert erlangt. Die Angst besteht also nicht so sehr darin, sich selbst als ehrlos zu sehen, sondern vom Umfeld so gesehen zu werde. Ist die Ehre einmal in Gefahr geraten, sieht sich die Familie häufig gezwungen zu handeln. Dazu berät sich meist die gesamte Familie, ausgenommen natürlich die Person um die es geht, um eine Lösung für dieses Ehrproblem zu finden. In vielen Fällen reicht die Verstoßung der Mutter, Frau, Tochter um die Familienehre zu erhalten, denn dies zeigt vor allem vom Familienoberhaupt Stärke und Autorität.
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Falls aber im Falle einer verstoßenen Tochter, diese auch danach in der Öffentlichkeit weiteres Fehlverhalten zeigt oder die Verstoßung der Mutter, Frau, Tochter nicht reicht um die Familienehre wieder herzustellen, dann muss über weitere Schritte nachgedacht werden. (vgl. Toprak 2007, 159-162)
An dieser Stelle soll auch nochmal darauf hingewiesen werden, dass diese Vorgehensweise keinesfalls auf alle Migranten aus dem muslimischen Kulturkreis in Deutschland einfach so herunter gebrochen werden kann. 2008 gab es 15 Ehrenmordprozesse, diesen stehen Millionen von Migranten ohne derartige Auffälligkeiten gegenüber. (vgl. Ehrenmord.de, http://www.ehrenmord.de/faq/ wieviele.php aufgerufen am 14.07.2009; Tucci 2008, 200)
Werden jedoch weitere Schritte geplant so sind der Mord, oder zumindest die schwere Verletzung zur Einschüchterung der Mutter, Frau oder Tochter keineswegs undenkbare Taten zur Sicherstellung der Familienehre. Wer die Tat dann begeht, ist nebensächlich, nicht selten werden Minderjährige dazu gedrängt, um das Strafmaß möglich gering zu halten, so tötet häufig der jüngere Bruder seine große Schwester. Diesen erwarten spätestens nach der Haft viel Ruhm und Ansehen in seiner Familie, wodurch auch für das familiäre Umfeld das Bild eines Märtyrers suggeriert wird und derartige Taten als Teil eines starken Familienzusammenhaltes gedeutet werden. (vgl. Toprak 2007, 161-165)
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Die Familienehre ist auch beschmutzt, wenn von außen ein Familienmitglied, insbesondere ein weibliches, belästigt oder angegriffen wird und die männlichen Familienmitglieder darauf keine Reaktion zeigen bzw. nicht hart durchgreifen. Aus welchen Gründen diese Grenzüberschreitung stattfindet, ist nebensächlich, der Familienzusammenhalt ist das Wichtigste und der Vater ist der einzige, der strafen darf. So wird auch wissentliches Unrecht verteidigt. Am Ende zählen nur die Ehre und das Wohl der eigenen Gruppe. Dies führt mitunter zu Solidarisierungs- und Vergeltungstendenzen, die beispielsweise in ländlichen Regionen der Türkei regelrechte Kleinkriege anheizen können. (vgl. Schiffauer 1983, 65-66)
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Aber auch Übergriffe auf Außenstehende, besonders Deutsche, die nichts mit dem Schutz der eigenen Familienehre zu tun haben, finden eine Legitimierung im System der Ehre. Denn in den Augen einiger Migranten ist der Lebensstil der deutschen Mehrheitsgesellschaft ehrlos und damit verachtenswert. Während die Frauen aufgrund ihrer Freizügigkeit und der allgemeinen Legitimierung vorehelicher Beziehungen als Huren bezeichnet werden, gelten die Männer als schwach und weibisch da sie dies nicht zu verhindern wissen. (vgl. Schiffauer 1983, 102-107)
Diese Verbindungen von Ehre und Gewalt, sowohl das Beschützen von Gruppenangehörigen, als auch die Verachtung der deutschen Gesellschaft aufgrund ihrer Ehrlosigkeit, lässt sich auch bei Migranten, die nicht aus dem muslimischen Kulturkreis kommen, deutlich wahrnehmen. So zeigen beispielsweise junge Spätaussiedler oder Russen, häufig Ehrvorstellungen, die diesen sehr nahe kommen. (vgl. Findeisen/Kersten 1999, 79- 85)
Ehre scheint also, vor allem im muslimischen Kulturkreis, eng mit körperlicher und psychischer Gewalt verknüpft zu sein. Diese Verknüpfung spiegelt ein patriarchalisches Weltbild, mit vorherrschenden Männlichkeitsnormen wieder, welche Gewalt durchaus als ein legitimes Mittel sehen, Ehre zu bewahren. Dieses Weltbild hat eine lange Kultur aufzuweisen und wird mit Sicherheit nicht so einfach aufzulösen sein. Wie trotzdem versucht wird und versucht werden sollte, an dieser Kultur der Ehre in Deutschland zu arbeiten, soll im folgenden Kapitel illustriert werden.
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Dieses Kapitel beschäftigt sich mit den Möglichkeiten, Vorschlägen, Projekten und Einrichtungen, welche im Bereich der Prävention und Intervention gegen die Gewalt der Ehre tätig sind.
Denn eines zeichnet sich heute bereits ab, wenn nichts getan wird, droht diese Problematik sich noch zu verschärfen. So zeigt die zweite bzw. dritte Generation der Migranten, von denen man sich erhofft hatte, sie würden gewisse Teile ihrer Kultur mit der Zeit ablegen, oder zumindest der Mehrheitsgesellschaft anpassen, teilweise noch stärkere Verknüpfungen von Gewalt und Ehre, als ihre Eltern. (vgl. Volz 2004, 82; Toprak 2007, 172-174)
In vielen Ländern, in denen Verbrechen im Namen der Ehre vorkommen, gibt es Paragraphen, welche bei Mord aufgrund verletzter Ehre Strafmilderung zulassen. So ist es selbst in der Türkei, welche sich in den letzten Jahren vermehrt darum bemüht hat, dem Westen einige Schritte näher zu kommen, möglich eine Strafmilderung bei Ehrenmord wegen unrechtem Verhalten der Frau zu erwirken. Umso wichtiger ist es nun klar zu stellen, dass Ehrenmord in Deutschland keinerlei Strafmilderung zur Folge hat. Gerade weil dies nicht immer so war. Vor einigen Jahren konnte auch in Deutschland noch auf Totschlag, aufgrund einer kulturbedingten Tat gehofft werden.
Auch das Recht jedes in Deutschland lebenden Kindes auf eine gewaltfreie Erziehung, sowie das klare Verbot der Zwangsheirat sollten klar gestellt werden. Dazu muss über diese Themen eine vermehrte Diskussion und Aufklärung in Migranten-Milieus stattfinden. (vgl. Kirkland 2004, 23-27; Toprak 2007, 181; Lau http://www.zeit.de/2005/ 10/Ehrenmorde aufgerufen am15.07.2009)
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Für die Soziale Arbeit bedeutet dies in Beratungssituationen klar Stellung zu beziehen und diese Gesetzeslage auch deutlich zu vermitteln, sowie Anstöße an Kultur- und Moschee-Vereine, sowie die Medien zu geben, diese Thematik zu diskutieren.
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Neben Frauenhäusern, welche prinzipiell allen Frauen mit Gewalterfahrungen offen stehen, gibt es auch so genannte Beratungs- und Zufluchtstätten wie Beispielsweise das Papatya in Berlin, oder Rosa e.V. in Stuttgart. Diese bieten speziell für junge Frauen mit Migrationshintergrund, welche Opfer von Ehrverbrechen wurden oder davon bedroht sind Schutz, Beratung, Konfliktlösungen, Unterbringung und neue Perspektiven. (vgl. Göhl 2004, 68; Toprak 2007, 178-179; Papatya.org http://www.papatya.org/index.php?id=uberuns aufgerufen am 15.07.2009; D-A-S-H, http://www.d-a-s-h.org/dossier/13/ 10_rosa.html aufgerufen am 15.07.2009)
Eins muss jedoch klar bleiben, diese Beratungs- und Zufluchtsstätten ändern nichts am eigentlichen Problem, ihre Arbeit kann sich meist lediglich auf die Abfederung der Folgen beschränken.
Im April diesen Jahres fiel ein Bürgerentscheid in Berlin, Ethik bleibt für alle Schüler der Hauptstadt verpflichtendes Unterrichtsfach und Religion kann weiterhin lediglich zusätzlich gewählt werden. Mit dieser Entscheidung ermöglichen die Bürger Berlins einen Unterricht, der sinnvoll auch Themen wie Machokultur und Ehre behandeln kann und vor allem auch weiterhin die erreicht, die sich dringend damit beschäftigen sollten.
Aber auch Jugendhäuser oder pädagogisch geleitete Jugendgruppen, können, oder sollten Themen wie Ehre und Gewalt in ihrer Bildungsarbeit beachten und mit einfließen lassen. Dabei sollten kulturelle Normen und Werte durchaus mit
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einbezogen werden, um an der Lebenswelt der Jugendlichen anzuknüpfen. Auch Begrifflichkeiten wie Familienehre und ähnliches sollten nicht umschifft, sondern Ernst genommen und benutzt werden, so konnte zuletzt Ulrich Dovermann in einem Projekt der bpb mit rechtsextremen Straftätern aufzeigen, dass das Vokabular durchaus ein Schlüssel zum Erfolg der Arbeit sein kann. (vgl. Dovermann 2008, 184-185; Dückers, http://pdf.zeit.de/online/2009/18/
religionsunterricht-ethik-schule.pdf aufgerufen am 15.07.2009; Pfeiffer u.a. 2006, 281-283; Toprak 2007, 177)
Nach Werner Schiffauer konstruiert das Weltbild der Ehre, Erfahrungen bereits vor und lässt sich so erst gar nicht durch gegenläufige Erfahrungen wiederlegen. Unter diesem Gesichtspunkt scheint es umso wichtiger, gezielt Elternarbeit im Kontext der Erziehung, zum Thema Kultur der Ehre zu betreiben. Hier sind nicht nur die Erzieher, Lehrer, Schulsozialarbeiter etc. gefordert, auch die Kultur- und Moschee-Vereine können hier durch niederschwellige Angebote wie Elterntalks wichtige Arbeit leisten. Hier sollte allerdings darauf geachtet werden, dass Erziehung nicht als Aufgabe allein der Frauen verstanden wird, sondern auch die Väter mit eingebunden sind, auch wenn sie dies nach außen nicht unbedingt verkörpern wollen. Auch die Medien können hier eine entscheidende Rolle spielen, so zeigte bereits der türkische Fernsehsender NTV in 13 Folgen eine Sendung zur Veränderung des Vaterverständnisses mit dem Titel „Baba Olmak güzel sey“, zu deutsch „Vater sein ist schön“. (vgl. Elschenbroich/Schweitzer 2008; Schiffauer 1983, 134-135; Toprak 2007, 174-176)
Eine, meiner Einschätzung nach, weitere Möglichkeit das Thema Gewalt und Ehre anzugehen, ist eine breit angelegte Diskussion über den Begriff Ehre, mit dem Ziel einer Neudefinition im Kontext unserer Zeit. Dazu sollten nicht nur die Migranten, sondern auch die deutsche Mehrheitsgesellschaft mit einbezogen werden. Damit
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wende ich mich auch teilweise gegen Thesen die besagen, Ehre hätte in unserer Zeit nichts mehr zu suchen und sei spätestens mit dem Konzept der Würde veraltet, wie von Josef Fellsches vertreten. Ich glaube, dass wir in unseren neokonservativen Breitengraden, mit unserer Leistungsgesellschaft noch weit davon entfernt sind, auf ein wertendes Sozial-System, wie das der Ehre, gänzlich verzichten zu können. Denn das Streben, besser als andere zu sein, gehört unwiderruflich zu unserem derzeitigen Gesellschaftssystem dazu, die Ehre ermöglicht dies für viele Menschen und zwar schichtübergreifend. (vgl. Fellsches 2003, 109-110; Giordano 2003, 16-17, 26)
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Bei all diesen Maßnahmen darf nicht vergessen werden, in welchen Lebenslagen sich die Adressaten befinden. Nicht selten sind Migranten neben materieller Armut, mit schwacher Bildung und schlechten Arbeitsbedingungen ausgestattet. Dazu kommen Fremdenfeindlichkeit und ein für viele undurchsichtiger Behördendschungel. Diese Problemlagen führen zwar nicht direkt zu Verbrechen im Namen der Ehre, die oben beschriebenen Maßnahmen können hierdurch allerdings negativ beeinflusst werden und zu scheitern drohen. Somit sind auch die strukturellen Maßnahmen unabdingbar, um das Problem der Gewalt im Kontext der Ehre, in den Griff zu bekommen. (vgl. Toprak 2007, 183-188)
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Diese sechs Ansatzpunkte sollen vor allem eins deutlich machen, am Problem von Gewalt und Ehre kann und wird bereits gearbeitet. Allerdings sind hier noch weite Spielräume auszufüllen um in Zukunft, dieses Problem erfolgreich in den Griff zu bekommen. Die Soziale Arbeit, wird hier sicherlich auch ihren Teil beitragen müssen bzw. dürfen.
Meiner Meinung nach, werden wir nicht darum herum kommen, Ehre als Teil unserer Gesellschaft zu akzeptieren. Allerdings sollten wir als Teil einer sozialen Gemeinschaft, welche auf den allgemeinen Menschenrechten fußt, unbedingt an
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einer Neudefinition dieser Ehre arbeiten, um Gewalt nicht mehr mit einem vorreligiösen Ehrverständnis legitimieren zu können.
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Fassen wir nochmal zusammen: Wir haben gesehen das Ehre etwas zu sein scheint, was eng mit der weiblichen Sexualität verbunden ist, was verloren gehen kann und somit geschützt werden muss. Weiter wurde deutlich, dass in bestimmten Kulturkreisen, auch heute noch, Ehre als gewaltlegitimierendes Mittel verstanden wird. Wie nun an diesem Problem, auch in Deutschland gearbeitet werden kann, zeigte das dritte Kapitel.
Somit konnte in die Fragestellung, „wie Ehre und Gewalt in Deutschland zusammenhängen und wie hier interveniert werden kann“ sicherlich ein erster Einblick und Einstieg gewährt werden.
Was bleibt für mich persönlich? Wie schon im Kapitel drei deutlich gemacht, glaube ich, dass eine großangelegte Diskussion über den Begriff der Ehre, einen spannenden Prozess anstoßen könnte, an dessen Ende hoffentlich auch ein Umdenken in eine positive Richtung steht. Ich sehe diese Thematik einfach noch zu wenig in der öffentlichen Diskussion behandelt, dies mag sicherlich auch daran liegen, dass die Angst als Rassist oder Islamophobist abgestempelt zu werden, zu groß ist, wenn Themen wie die Gewalt der Ehre angesprochen werden. Allerdings sollte uns klar sein, dass vorreligiöse Praktiken, die Gewalt aufgrund von Ehrvorstellungen legitimieren, Menschenrechtsverletzungen darstellen. Deren Bekämpfung hat keinerlei rassistische, oder islamophobe Grundlage, sondern fußt allein auf der Würde eines jeden Menschen.
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Arbeit zitieren:
Malte Hedoch, 2009, Gewalt und Ehre, München, GRIN Verlag GmbH
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