Theoretische Grundlagen
Zu den theoretischen Grundlagen der Biographieforschung zählen Phänomenologie, Interaktionismus und Grounded Theory, worauf nun kurz eingegangen wird. Allgemein gesprochen ist Phänomenologie die Lehre von den Erscheinungen. „Im engeren Sinne handelt es sich bei ihr um das durch keinen ontologischen Standpunkt eingeschränkte Aufweisen innerer und äußerer Gegebenheiten (…). (…) man verzichtet in dieser (…) Form (…) bewußt auf jegliche Aussagen über Sein und Wesen der Erscheinung.“ (Lamnek 1995a, S. 58) Weiter führt Lamnek aus, dass sich der Forscher um eine möglichst vorurteilsfreie Abbildung der Wirklichkeit bemüht. Die Phänomenologie besteht aus mehreren Richtungen, denn sie ist keine einheitliche Disziplin: Die Bandbreite reicht von der streng philosophischen Phänomenologie bis hin zur angewandten Phänomenologie. Die Phänomenologie kann sowohl wissen-schaftstheoretisch als auch erkenntnistheoretisch verstanden werden. Das Ziel der Phänomenologie ist das Erfassen des Wesens einer Sache durch objektive Erkenntnis. Dabei werden die untersuchten Phänomene nicht so betrachtet wie sie aufgrund von Vorkenntnissen, vorgefertigten Theorien oder Vorurteilen erscheinen, sondern so wie sie sind. Dafür muss Vorwissen ausgeklammert werden, damit das Wesen des untersuchten Gegenstandes sichtbar wird. Statt Analyse oder Erklärung beschäftigt sich die Phänomenologie mit der Deskription der Wesensstruktur. Als Begründer der Phänomenologie gilt Edmund Husserl. Ihm nach ist Phänomenologie eine strenge philosophische Methode, die als Grundlegung für alle übrigen Wissenschaften dienen kann. Das bedarf Unabhängigkeit von Vorbedingungen und absolute Sicherheit, wodurch nach letzter Gewissheit gestrebt werden kann. Die Phänomenologie ist nicht auf Gegenstände begrenzt, sondern kann zur Analyse alles Seienden benutzt werden. Dabei ist die Erfassung des Wesens einer Erscheinung von Interesse, was sich wiederum nicht zwangsläufig auf sinnlich Gegebenes begrenzt, sondern auch im Bewusstsein Existierendes mit einschließt. Das bedeutet für die Biographieforschung vor allem die Erinnerung als Bewusstseins-Gegebenheiten (vgl. Lamnek 1995a, S. 58ff.).
Der (symbolische) Interaktionismus wurde in den 1960er Jahren von Herbert Blumer auf den Grundlagen von Georg Herbert Mead entwickelt und ist eine sozialpsychologisch orientierte Theorierichtung. Aus dem sozialen Prozess heraus soll individuelles Verhalten und Bewusstsein erklärt werden. Der soziale Prozess ist dabei durch Muster aufeinander bezogenen Handelns strukturiert. Soziale Interaktionen, so die zentrale Hypothese des symbolischen Interaktionismus, sind von Grundbedeutungen von Symbolen abhängig und geprägt, welche der Forscher analysiert. Er muss dabei Funktion und Bedeutung der Symbolsysteme analysieren. Ein bedeutendes Symbolsystem ist die Sprache. Symbolischer Interaktionismus ist das wechselseitige, auf-einander bezogene Verhalten von Personen oder Gruppe. Dabei werden gemeinsa-
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me Symbole verwendet, wobei eine Orientierung an den Erwartungen der Interaktionspartner aneinander erfolgt. Es kommt allerdings auch zu nicht-symbolischen Handlungen, beispielsweise reflexartiges Verhalten (vgl. Lamnek 1995a, S. 46f.). Die Welt wird bestehend aus permanenten Interaktionsprozessen aufgefasst, woraus sich die Forderung ergibt, Kontakt mit ihr aufzunehmen. Es sollen allerdings keine Theorien oder eine festgelegte Methode herangetragen werden. Andererseits besteht die Notwendigkeit einer analysierenden Vorgehensweise, denn es soll nicht bei einer essayistischen Betrachtung bleiben. Dabei geschieht die Hypothesenprüfung, das Auflösen der Fragestellung oder ähnliches in einem wechselseitigen Rückkoppelungsprozess zwischen Wissenschaftsverstand und naivem Alltagsverstand (der Forscher muss mit dem untersuchten Feld so weit vertraut sein, dass er die interne Sichtweise naiv nachvollziehen kann). Wissenschaftsverstand und naiver Alltags-verstand sollen sich dabei ergänzen. Es stehen beim symbolischen Interaktionismus nicht die Fragen nach dem Grund der Interaktionen im Zentrum, sondern Fragen nach dem „wie“ und „wozu“ kommt bestimmtes Verhalten in der Gegenwart zustande (vgl. Lamnek 1995a, S. 47ff.).
Der symbolische Interaktionismus ist also ein wirklichkeitsverbundener Ansatz, der menschliches Verhalten und Zusammenleben erforscht. Die Erforschung findet in der natürlichen Welt statt, womit die Bedingungen der empirischen Wissenschaft erfüllt sind. Der Forscher beobachtet, wirft Fragestellungen auf und sammelt Daten, um damit soziale Beziehungen zwischen Kategorien dieser Daten aufzudecken und entsprechende Aussagen zu machen. Auf dieser Grundlage entsteht ein theoretischer Entwurf und es folgen weitere Prüfungen in der empirischen Welt. Zusammengefasst bedeutet symbolischer Interaktionismus, dass durch die zentralen Elemente Exploration (Untersuchung fremder Lebensbereiche) und Inspektion (analysierende Tätigkeit, welche die Exploration überlagert und zum Herstellen von Zusammenhängen führt) neue Theorien entstehen können (vgl. Lamnek 1995a, S. 48ff.). Als Begründer der datenbasierten Grounded Theory gelten Glaser/Strauss (1967; 2005), die mit ihrem Ansatz eine Variante der qualitativen Sozialforschung und der gesamten sozialwissenschaftlichen Theorienbildungsdiskussion vertreten. Glaser/ Strauss zufolge lassen sich über den Forschungsgegenstand Erkenntnisse direkt aus den empirischen Daten gewinnen. Das Verfahren zur Entdeckung einer gegens-tandsbezogenen Theorie lässt sich weniger methodologisch, als vielmehr forschungspragmatisch begründen (vgl. Kromrey 2006, S. 549). Nach Glaser/Strauss sind Hypothesen schädlich, denn sie verstellen den Blick auf die Empirie und müssen strikt abgelehnt werden (vgl. Glaser/Strauss 1967, 2005). Die Grounded Theory beschäftigt sich mit dieser Frage: „Wie kann die Komplexität der untersuchten Realität in einer bewusst auf den Erhebungskontext bezogenen ‚konzeptionell dichten’ Diagnose und theoretischen Deutung eingefangen werden?“ (Kromrey 2006, S. 549). Die Methoden zur Erlangung von diesen Erkenntnissen sind
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extensive Datensammlung, wobei alle möglichen Informationen mittels aller denkbaren Erhebungsinstrumente gefunden werden sollen. Ferner geschieht eine ständige Analyse, damit sinnloses Datensammeln vermieden wird sowie die unmittelbare Rückkopplung der Analyse zur Datensammlung (vgl. Kromrey 2006, S. 549; Strübing 2004).
Die Grounded Theory hat zwei wesentliche Postulate: Ein Postulat ist „Offenheit“, also die ständige Bereitschaft, neue Aspekte zu erkennen, aufzunehmen, zu verarbeiten und zu reflektieren. Das zweite Postulat, das der „Authentizität“, bezieht sich auf die Perspektive des Forschers gegenüber dem Forschungsobjekt. Er soll die Sichtweise der Untersuchten übernehmen, was „going native“ genannt wird. Damit soll sich der Forscher - wie beim Interaktionismus auch - in die Welt der Untersuchten begeben. Nur so können deren Regeln und subjektive Bedeutungszuschreibungen verstanden werden. Das „going native“ hat in der ethnologischen Forschung einen hohen Stellenwert, jedoch ist diese Technik der Sozialforschung umstritten, denn es können Probleme mit der notwendigen Distanz zu den Forschungssubjekten entstehen. Die Befürworter sind indessen der Meinung, nur so können authentische Ergebnisse entstehen (vgl. Girtler 1992, S. 63ff.).
Eine dem Verstehen vorgeschaltete Hypothesenbildung (im Sinne der positivistischen Wissenschaftsauffassung) mit dem Ziel der Verifikation oder Falsifikation ist nur schwer vereinbar mit der qualitativen Forschungslogik, welche auf einem anderen Wissenschaftsverständnis basiert. Hierbei soll durch offenes und flexibles Herantasten an den Untersuchungsgegenstand die zu untersuchende Welt einfühlend ver-standen werden, damit authentische Erklärungen entstehen können (Lamnek 1995b, S. 253ff.).
Es ist natürlich nahezu unmöglich, alles Beobachtbare wahrzunehmen, weswegen die Grounded Theory eine Extremposition ist, die von Vertreten der quantitativen und der qualitativen Forschung kritisiert wird (vgl. Hopf 1984, S. 27).
Geschichte der Biographieforschung
Biographien sowie die populären Autobiographien gab es bereits in der Antike und sie beinhalteten schon seit jeher soziologische Erörterungen. Die meisten Biographien behandelten politische, künstlerische oder andere herausragende Persönlichkeiten und nur selten waren unauffällige Bürger Gegenstand einer Biographie. Die wissenschaftsgeschichtlichen Wurzeln der Biographieforschung findet man in Goethes „Dichtung und Wahrheit“, in zahlreicher klassischer Literatur sowie in der Psychologie und Psychiatrie (hier vor allem die Psychoanalyse und die Patientenanamnese), Völkerkunde, Geschichte, Medizin, Pädagogik und Soziologie. Der Beginn der sozialwissenschaftlichen Biographieforschung lässt in der Chicago School of Socio-
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logy verzeichnen. Die erste populäre Untersuchung mithilfe der Biographieforschung stellt das 1918 von Thomas/Znaniecki vorgelegte Werk „The Polish Peasant in Europe and America“ (vgl. Thomas/Znaniecki 1958) dar, eine Auswertung von Briefen eines polnischen Bauern in den USA (vgl. Fuchs-Heinritz 2000, S. 83ff.). Daraufhin folgten weitere Untersuchungen im Umkreis der Chicago School, welche in dem Kapitel über die Klassiker aufgeführt sind.
Charlotte Bühler leistete einen wesentlichen Beitrag zur Verbreitung und Anerkennung der Biographieforschung in den Bereichen Pädagogik und Psychologie, insbesondere der Entwicklungspsychologie ab den 1920er Jahren. Ihr Interesse galt hauptsächlich den Verlaufsformen der Pubertät und der Lebenslaufstruktur generell (vgl. Bühler 1923, 1925, 1927, 1932, 1933, 1934).
Im nationalsozialistischen Regime erfuhr die Biographieforschung einen Einbruch. Zum einen wurden viele Sozialwissenschaftler vertrieben und zum anderen widersprachen die zentralen Ideologeme des Nationalsozialismus dem biographischen Denken. In dieser Zeit wurden keine heute mehr bekannten biographischen Untersuchungen veröffentlicht. Es dauerte Jahre, bis die Biographieforscher ihre Arbeit wieder aufnehmen konnten. Erst in den letzten dreißig Jahren erfuhr die Biographieforschung in mehreren Ländern eine Renaissance. Die Jugend- und Familiensoziologie setzte das frühe Interesse von Soziologie und Sozialpsychologie fort. Es entstanden Eigenberichte, biographische Interviews und biographische Portraits. Die Entwicklungspsychologie begann Ende der 1960er Jahre, sich neben den Themen Kindheit und Jugend einer breiteren Lebenslaufperspektive zu widmen (Life-span developmental psychology). Außerdem zeigte die Industriesoziologie Interesse an lebensgeschichtlichen Dimensionen von Bewusstseins- und Erfahrungsbildung. Erziehungswissenschaftler widmeten sich verstärkt der Sozialgeschichte basierend auf autobiographischen Daten (vgl. Fuchs-Heinritz 2000, S. 108ff.) Die qualitative Sozialforschung war in den 1980er Jahren sehr populär und damit erlebte die Biographieforschung einen neuen Aufschwung und erlangte mehr Anerkennung in der Soziologie und anderen Disziplinen. Es war fast schon „in“, sich mit einzelnen als wertvoll erachteten Lebenslaufstudien zu beschäftigen. Das hängt mit der gesamtgesellschaftlichen Entwicklung bzw. deren Veränderung zusammen. Im Zuge der Pluralisierung der Lebenswelten und dem Wandel traditioneller Werte und Wertvermittlungsinstanzen waren das Individuum und damit der Lebenslauf Änderungen unterlegen. An die Stelle der Normalbiographie trat die Wahlbiographie und damit der Zwang zur individuellen Gestaltung des Lebens (vgl. Deml 2010a). Wissenschaftspolitische und gesellschaftliche Trends führten zum Neubeginn der Bio-graphieforschung. Die Modernisierung und der Individualisierungsschub der letzten Jahrzehnte sowie der Wunsch, die Lebenserfahrungen älterer Generationen zu sichern, trugen wesentlich dazu bei. Ferner waren technische Gründe daran beteiligt, nämlich die Verfügbarkeit von Tonbandgeräten, um Interviews im Rahmen der Oral
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History 2 aufzuzeichnen, was eine wesentliche Erleichterung der Forschungsarbeiten bedeutet. Die Forscher interessierten sich (wieder) verstärkt für deviante und problematische gesellschaftliche Gruppen, Subkulturen, Randkulturen, Schichtenunterschiede etc., vor allem die Lebensgeschichten von Vagabunden, (jugendlichen) Straftätern, Prostituierten oder Drogenabhängigen sollten erforscht werden (vgl. Fuchs-Heinritz 2000, S. 116ff.). Es entstanden durch den Wandel viele empirische Anwendungsfelder, die im nächsten Punkt ausführlicher beschrieben werden.
Empirische Anwendungsfelder
Zu den typischen empirischen Anwendungsfeldern gehört die Analyse von devianten Biographien im Rahmen der Subkultur- bzw. Randkulturtheorien wie das beispielsweise Girtler (1989) gemacht hat. Girtler beschrieb den Beginn, den Verlauf und die Einstellung zur kriminellen Karriere des Pepi Taschner, einem Mitglied der Wiener Unterwelt und das Scheitern derselbigen Laufbahn. Er beschäftigte sich des Weiteren mit dem Leben von Prostituierten und Zuhältern (vgl. Girtler 1990), Wilderern (vgl. Girtler 2003) oder Gaunern und Vagabunden (vgl. Girtler 1998), um nur einige zu nennen.
Goffman (1972) oder Gerhardt (1984) beschäftigten sich mit Patientenkarrieren, also dem Prozess, in dem der psychisch oder physisch Kranke seine Rolle lernt und so zu einer neuen Identitätsdefinition gelangen kann.
Die Untersuchung von Berufsbiographien ist durch die Pluralisierung der Lebenswelten sowie die steigende Globalisierung ebenfalls ein beliebtes Anwendungsfeld (vgl. Sennett 1998, Brose 1984, Hermanns 1984).
Spätestens seit der Gastarbeiterbewegung ist Biographie und Migration ein Thema der biographischen Sozialforschung. Philipper (1997) hat durch Interviews mit italienischen Gastarbeiterinnen der ersten Generation herausgefunden, wie sich die Einstellung zur Migration im Lebenslauf ändert, indem Idealisierungen aufgelöst oder aufgebaut werden. Die individuelle Lebensgeschichte repräsentiert einen möglichen Umgang mit der Realität.
Franzke/Engelhardt/Käs/Murko (1984) sowie Hoerning (1987) untersuchten kritische Lebensereignisse im biographischen Verlauf. Erstgenannte beschreiben den Zusammenbruch der Weimarer Republik als biographisches Ereignis (siehe auch Deml 2003). Zu kritischen Lebensereignissen zählen wichtige und unwichtige, erwartete und unerwartete Begebenheiten. Ereignisse, die dem Individuum einen anderen Platz in der Gesellschaft zuweisen sind beispielsweise der Übergang in die Ehe oder Elternschaft oder eine neue Berufstätigkeit und damit verbunden eine neue berufli-
2 ZurTechnik der Oral History siehe Brüggemeier (1987) oder Niethammer/Trapp (1987).
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Arbeit zitieren:
Sonja Deml, 2010, Biographieforschung, München, GRIN Verlag GmbH
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