0. EINLEITUNG 1
1. MOTIVATIONEN ZUM HELFEN 1
1.1. WEGE ZUM HELFEN 1
1.2. DAS HELFERSYNDROM ALS MOTIVATION 2
2. DAS HELFERSYNDROM 3
2.1. DIE BESCHAFFENHEIT DES HELFERSYNDROM 3
2.2. DIE URSACHEN DES HELFERSYNDROMS 5
3. DIE PROBLEMATIK DES HELFERSYNDROMS 6
3.1. AUSWIRKUNGEN IM BERUFLICHEN BEREICH 6
3.2. DIE HELFER-SCHÜTZLING-BEZIEHUNG 8
4. FAZIT 11
5. LITERATURVERZEICHNIS 14
0. Einleitung
In meiner Hausarbeit möchte ich das Helfersyndrom untersuchen. Statistisches Material gibt es zu dieser Thematik kaum, da sich das Helfersyndrom nur schwer erfassen läßt, daher betrachte ich es hauptsächlich aus der psychoanalytischen Sicht. Die wenigsten Helfer würden sich eingestehen, daß sie unter diesem Phänomen leiden. Dennoch ist es für einige typisch, Helfen als Abwehr zu nutzen. Besonders in sozialen Berufen (Sozialarbeit, Psychotherapie, Lehrer, Arzt, Priester etc.) kommt die psychologische Ausstattung eines Helfers zum Tragen, da sie sein wichtigstes Instrument ist; „die Grenzen ihrer Belastbarkeit und Flexibilität sind zugleich die Grenzen unseres Handelns“ (Schmidbauer 1977, S. 7). Ihre emotionale Hilflosigkeit versucht der Helfersyndrom-Helfer hinter einer stark scheinenden Fassade zu verstecken. Problematisch ist, daß ihn die Ausbildungsinstitutionen in dieser Haltung unterstützen, ihm praktische Fertigkeiten mit auf den Weg geben, sich aber nicht mit seiner emotionalen Seite beschäftigen. Wolfgang Schmidbauer, auf dessen Buch „Die hilflosen Helfer. Über die seelische Problematik der helfenden Berufe.“ mein Referat zu großen Teilen basiert, definiert das Helfersyndrom wie folgt: „Die Berufswahlmotivation professioneller Helfer muß in dem unbewußten Eigennutz gesucht werden, der mit der helfenden Beziehung eigene Ängste und innere Leere, Wünsche und Bedürfnisse kompensiert.“ Die Motivationen zum Helfen und die aus dem Helfersyndrom resultierenden Probleme für den Helfer und seinen Klienten sollen hier genauer beschrieben werden. Wie entsteht der dringende Wunsch, anderen ständig zu helfen? Welche frühkindlichen Prozesse tragen dazu bei? Beeinträchtigt das Helfersyndrom die Leistungsfähigkeit des Helfers auf jeden Fall? All diese Fragen will ich versuchen zu beantworten. Um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, daß alle Helfer unter dem Helfersyndrom leiden, will ich zunächst andere Motivationen zum Helfen benennen. Darunter ist das Helfersyndrom auch ein möglicher Ansporn. Im zweiten Kapitel möchte ich das Helfersyndrom beschreiben und ursächlich erklären. Da nun Helfen im sozialen Kontext passiert, liegt mein Schwerpunkt auf den Auswirkungen im beruflichen und privaten Bereich. Auf Lösungen der damit verbundenen Problematik gehe ich im Fazit nur kurz ein, da ich mich mehr mit der Helfersyndrom-Konstellation an sich befassen möchte.
Ich selbst gehe davon aus, daß es das Helfersyndrom gibt und wahrscheinlich die meisten Helfer in mehr oder weniger starker Form betrifft. Die meisten von ihnen werden ihren Beruf freiwillig ergriffen haben, um aus seiner Ausübung etwas für sich zu gewinnen. Da man in den meisten Fällen, außer vielleicht bei der Tätigkeit als Arzt, davon ausgehen kann, daß sie den Beruf weniger wegen materieller Bereicherung oder aus Prestigegründen ausüben, muß er wohl eine andere Art narzißtischer Befriedigung erfüllen. Ihre progressive Position als Hilfeleistender erfüllt ihnen Kontaktwünsche und täuscht sie über ihre eigene Hilfsbedürftigkeit hinweg, mit der sie sich nur ungern auseinandersetzen. Warum sie sich nur ungern mit ihrer eigenen narzißtischen Bedürftigkeit konfrontieren, beschreibe ich im Abschnitt 2.2.
1. Motivationen zum Helfen
1.1. Wege zum Helfen
Wie kommt man zu einem Helferberuf?
Zunächst muß unterschieden werden zwischen Helfen als spontane Anteilnahme und Hilfsbereitschaft, Helfen als Ersatzkontakt, d.h. Helfen als Lückenbüßer für andere Formen der Beziehungsgestaltung, Helfen als Schicksal, d.h. die zwanghafte Bereitschaft zum Helfen, Helfen
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als Ware, d.h. die Entwicklung hin zum Käuflichkeitscharakter des beruflichen Helfens und Helfen als Abwehr oder Therapie eigener Probleme. Letzteres zählt zur Problematik des Helfersyndroms (s. Abschnitt 1.2.).
Jede Helfer-Identität unterscheidet sich von anderen. Dennoch gibt es übereinstimmende Berufsmotive, Zugehörigkeiten zu Ausbildungsgängen und Vorgehensweisen. Auch die in sie projizierten Vorstellungen ähneln sich: Der Helfer soll gesund, angstfrei und lebensbejahend sein. Man möchte ihm Respekt entgegenbringen können. Jedoch ist kein Helfer gefeit vor Angst, Mißerfolg und Trauer.
Die wichtigsten Motive der Berufswahl sind die Identifikation mit einer Person, die den Beruf überzeugend ausübt, das Interesse an sich selbst, ohne das das Helfen ein instrumentelles Tun wäre und die Existenzsicherung, denn erst die Bezahlung macht die Behandlung zu einem fairen Geschäft. Darüber hinausgehende Motivationen sind aber erwünscht. Macht und Abhängigkeit, d.h. das Gefühl andere zu durchschauen und selbst verborgen zu bleiben sowie die Begegnung, d.h. der Klient als Erfahrungslieferant sind weitere Motive. Letztendlich sind die Motive aber so vielfältig wie die Menschen individuell sind.
Fragt man einmal nach dem Zeitpunkt, zu dem das Helfermotiv entsteht, macht man etwa das 16. Lebensjahr aus. Bei Mädchen ist dies signifikant früher der Fall als bei Jungen. Allerdings glaubt Jörg Fengler nicht, daß diese frühen Prägungen zwingend mit den von Schmidbauer angeführten Determinanten (s. Abschnitt 2.2.) zusammenhängen (vgl. Fengler 1992, S. 13-21, 51f). Schmidbauer unterscheidet zwischen spontanem Helfen aus Mitleid, ohne Theorie und Berufspraxis und dem Helfen als rational gesteuerte, geplante Interaktion mit Tauschwertcharakter sowie dem Helfen als Suche nach narzißtischer Befriedigung bei gleichzeitig erhaltener Kontrollmöglichkeit (vgl. Schmidbauer 1983, S.44).
1.2. Das Helfersyndrom als Motivation
Neben den zuvor erwähnten „gesunden“ Entscheidungen für den Helferberuf gibt es auch noch eine abweichende Motivation zum Helfen: das Helfersyndrom. Hierbei dient das Helfen als Abwehr oder Therapie eigener Probleme. Die Beschäftigung mit den seelischen Krankheitsbildern der Klienten dient dazu, das eigene ähnliche Leiden nicht zur Kenntnis zu nehmen und auf diesem Weg symptomfrei zu bleiben. Wegen ihrer Unersetzlichkeitsphantasien fällt es ihnen schwer, nein zu sagen. Der Helfer läuft Gefahr, seine Belastung nicht mehr zu spüren, was eine Selbstkorrektur erschwert (vgl. Fengler 1992, S. 57-60).
Häufig dient die soziale Tätigkeit der Auffüllung eines Kontaktdefizits. Unbewußt und bewußt spielt das Bedürfnis zur Überwindung eigener Isolation eine wesentliche Rolle bei der Berufswahl zum Helfer.
Anwärter helfender Berufe wollen nicht selten ihr eigenes inneres Gleichgewicht mit Hilfe der Klienten stabilisieren. Das Wissen um dieses Bedürfnis müssen sie jedoch geheimhalten. Während der Ausbildung, in der er viel über die Methoden des Faches aber nichts über den Umgang mit eigenen Wünschen erfährt, lernt er, daß eine legitime Genugtuung nur aus der sachlich korrekten Arbeit zu ziehen ist. Die menschliche Beziehung zu den Betreuten ist dabei Nebensache. Die Tabuisierung der eigenen Gefühlswünsche ist für die sozial Tätigen persönlich und für ihre Arbeit objektiv schädlich.
„Zu pflegerischen und fürsorgerischen Berufen fühlen sich vorzugsweise junge Menschen hingezogen, die bereits in ihrer Kindheit in besonderem Maße durch Isoaltionskonflikte irritiert worden sind“ (Richter 1976, S. 143).
Sie hoffen auf Partner, die ihnen viel Zuwendung zurückzugeben bereit sind. Die Vorstellungen über optimale Partnermerkmale sind sehr unterschiedlich. Der Helfer sucht einen Partner, der zu ihm paßt und kalkuliert unbewußt seine eigene spezifische Charakterstruktur ein.
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Die innere Isolation entsteht durch Integrationsdefizite im eigenen Selbst. Jemand der sich innerlich unvollständig fühlt, sucht in Partnerschaften eine gezielte Ergänzung, welche möglichst die negativen Aspekte des eigenen Selbstbildes kompensiert.
Aus einer Studie von Beckmann über das Prinzip der Patientenauswahl von Therapeuten ergab sich ein Typus, der sich den ihm entsprechenden Typ von Patienten aussucht. Der Gegensatz sind komplementäre Beziehungsformen, die beiden Partnern Lustgewinn versprechen, da jeweils der eine das auslebt, was der andere sich wünscht. Der Helfer sichert sich dadurch sein Selbstverständnis. Die persönlichen Wünsche des Praktizierenden haben also eine erhebliche Bedeutung für ihr Verhältnis zu ihrer Klientel. Ihr Kontakthunger soll gestillt werden und der Klient soll ihren persönlichen Schwierigkeiten Abhilfe verschaffen.
Die Isolationsangst solcher Repräsentanten sozialer Berufe hat sich in Anpassungsanforderungen verkehrt, die sie an ihre Klienten weitergeben. Die Isolationsdrohung als Erziehungsmittel findet eben auch in der sozialen Tätigkeit seine Bedeutung. Ihre Repräsentanten sind selbst oft von starken Isolationsdrohungen in ihrer Entwicklung begleitet worden und möchten nun selbst Eltern spielen. Ihre permanente Angst verliert sich, wenn sie Abhängige genau mit dieser Angst an sich binden. Ein solches manipulatives Verhalten ergibt sich aus eigenen neurotischen Traumatisierungen durch Trennungsschocks in Verbindung mit mangelnder Selbstkontrolle. Legitimiert wird diese Vorgehensweise durch Verinnerlichung des normal erscheinenden kulturellen Verhaltensmusters und dem Bewußtsein, daß das Isolationsproblem im sozialen Beruf eine objektive Realität ist.
„Die soziale Realität ist also darauf zugeschnitten, daß er [der Betreuer] seine etwaigen angstneurotishen Bedürfnisse ohne weiteres mit seinen objektiven Rollenfunktionen verknüpfen kann“ (vgl. Richter 1976, S. 140-165).
2. Das Helfersyndrom
2.1. Die Beschaffenheit des Helfersyndrom
Das Helfersyndrom bedeutet die Unfähigkeit, eigene Gefühle und Bedürfnisse zu äußern verbunden mit einer unangreifbaren Fassade. Offenes Eingestehen emotionaler Probleme wird nur bei anderen begrüßt und unterstützt. Typisch für den Helfersyndrom-Helfer ist, daß ihm das Helfen als Abwehr eigener Probleme dient. Ihre an einem starren Ich-Ideal orientierte Fassade wird von einem kritischen, bösartigen Über-Ich überwacht. Sie suchen Ausbildungen auf, um ihre Fähigkeiten als Helfer zu verbessern, aber ihre Hilflosigkeit bei der Auseinandersetzung mit eigenen Wünschen und Bedürfnissen findet hier keine Beachtung. Der Idealanspruch an den Helfer drückt sich in den Ausbildungsanforderungen aus. „Schlechte“ Eigenschaften sollen beseitigt werden.
Der prestigeträchtigste Helferberuf ist der des Arztes: Ihre Berufsgruppe ist auch die einzige, über die es ein wenig statistisches Material zum Helfersyndrom gibt. Ihre Selbstmordhäufigkeit ist signifikant höher als die der Durchschnittsbevölkerung, schlechte Ehen und Scheidungen bei 47%, 36% nehmen psychoaktive Medikamente, Alkohol und Rauschdrogen, 34% sind oder waren bereits einmal in einer Psychotherapie und 17% haben einen Aufenthalt in einer Nervenklinik hinter sich. All diese Werte sind höher als bei sozio-ökonomischen Vergleichsgruppen.
Die Beziehung Helfer-Klient ist geprägt von einem Mangel an offener Gegenseitigkeit. Der Klient soll Bedürfnisse äußern, während der Helfer dafür Lösungen finden muß und seine eigenen Bedürfnisse zurückstellt. Auch privat können gegenseitige Beziehungen nicht aufrechterhalten werden. Eigene Bedürfnisse narzißtischer Versorgung werden nicht angemessen befriedigt, weil sie sich nur indirekt ausdrücken.
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Arbeit zitieren:
Laura Dahm, 1997, Das Helfersyndrom, München, GRIN Verlag GmbH
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