Otto-Friedrich-Universität Bamberg, Lehrstuhl für Kommunikationswissenschaft
Proseminar: Theorieperspektiven der Kommunikationswissenschaft
Sommersemester 2003
Der Journalist als "Gatekeeper"
Die Forschungsansätze im Überblick
Katharina Kirsch
Inhalt
1. Einführung und Einordnung
1.1 Herkunft des Begriffes "Gatekeeper" und weitere relevante Termini S.1
1.2 Einordnung des Gatekeeper-Modells in einen Forschungszusammenhang S.2
2. Der Journalist im als Gatekeeper
2.1 Der individualistische Ansatz – die frühe Gatekeeper-Forschung S.5
2.1.1 White/Snider und “Mr. Gates” S.5
2.1.2 McNelly/Bass und der „news flow“ S.6
2.2 Der institutionelle Ansatz – der Journalist im organisatorischen Gefüge S.7
2.2.1 Breeds Theorie der „social control“ S.7
2.2.2 Gieber und der „mechanical selection process“ S.8
2.2.3 Westley/McLean und die Organisation als Gatekeeper S.8
2.3 Das kybernetische Modell – journalistische Handlung in Lernprozessen S.9
2.3.1 Deutsch/Cadwallader und das „stabilisierende Verhaltensschema“ S.9
2.3.2 Joch-Robinson und die Feed-Back-Schleifen S.10
2.3 Das integrative Modell – Versuch einer Zusammenführung aller Ansätze S.11
3. Abschließende Betrachtung S.11
Anhang S.14
Literaturverzeichnis S.16
1. Einführung und Einordnung
1.1 Herkunft des Begriffes "Gatekeeper" und weitere relevante Termini
Die Vorstellung vom Journalisten als einem "Gatekeeper" – englisch für Schrankenwärter (vgl. Leo 2003) oder Pförtner (vgl. Systran 2003) – prägte der us-amerikanische Soziologe David Manning White in den fünfziger Jahren des 20. Jahrhunderts. Einige Jahre zuvor fand sich der Terminus erstmals bei Kurt Lewin, dessen sozialpsychologische Untersuchungen in den USA der vierziger Jahre Kaufentscheidungsprozesse amerikanischer Hausfrauen zum Gegenstand hatten. In seinen Studien zu gruppendynamischen Prozessen entwickelte Lewin die Theorie, dass nicht alle Mitglieder einer sozialen Gruppe die gleiche Kontrolle auf einen Entscheidungsprozess ausüben. In der Gruppe der amerikanischen Hausfrauen gab es solche, die den Entscheidungsprozess bewusster durchliefen, sodass Lewin den Schluss zog "that social change could best be accomplished by concentrating on those people with the most control over food selection for he home." (Lewin nach Shoemaker 1991: S.6)
In seiner "theory of channels and gate keepers" von 1947 unterteilte Lewin den Entscheidungsprozess, den er als Kanal, also als sog. "channel" abbildete, in mehrere Einheiten, genannt "sections", wobei er den Eingang zu einem jeden Kanal als "gate", also Pforte, bezeichnete. In den "gate areas" würden Entscheidungen getroffen, beeinflusst durch allgemeine Verhaltensregeln oder personalisiert durch einen oder mehrere sogenannte "gate keeper", also Pförtner oder Schleusenwärter. Dabei bezeichnete Lewin die jeweiligen Kräfte, die auf eine einzelne Entscheidungssituation einwirkten, als "gate forces", in seiner Studie etwa die attraktive Aufmachung eines Produktes gegenüber dem als hoch empfundenen Preis während einer konkreten Kaufentscheidung im Supermarkt. Er stellte weitergehend die Hypothese auf, dass "die Faktoren, die über die Bewegungsrichtung und den ′Durchlass′ entscheiden, auch die Entscheidungen des Gatekeepers erklären können und dass eine Veränderung sozialer Prozesse die Beeinflussung oder den Austausch des Gatekeepers bedeutet." (Joch-Robinson 1973: S.344) Er sprach seiner Theorie eine generelle Gültigkeit zu: "This situation holds not only for food channels but also for the traveling of a news item through certain communication channels in a group, for movement of goods, and the social locomotion of individuals in many organizations." (Lewin nach Shoemaker 1991: S.9)
Die weitergehende Anwendbarkeit von Lewins theoretischem Gerüst sah auch David Manning White, griff die Idee der Unterteilung eines Informationsflusses auf und bezog sie konkret auf die Selektion von Information durch den Journalisten als einem "gatekeeper". White untersuchte das Nachrichten-Auswahlverhalten eines Redakteurs am Fernschreiber bei einer kleineren us-amerikanischen Tageszeitung. Er nannte diesen "wire editor" in seiner Studiendokumentation sprechenderweise "Mr. Gates".
1.2 Einordnung des Gatekeeper-Modells in einen Forschungszusammenhang
Der Begriff "Gatekeeper-Forschung" impliziert, dass der Fokus dieser Forschungsrichtung auf den Überträger einer Nachricht, den Gatekeeper als Kommunikator, gerichtet ist. Tatsächlich untersuchte White in seiner Studie weder die Nachrichtenquelle, noch verfolgte er die Rezeption der "geschleusten" Nachricht durch die Zeitungsleser. Eine Woche lang beobachtete er die Selektion der über Fernschreiber eintreffenden Agentur- Nachrichten durch den "wire editor", der am Ende eines jeden Tages schriftlich begründen musste, was ihn zu der jeweiligen Negativ- bzw. Positiv-Auswahl bewogen hatte. Kritisiert wurde an Whites Schlüssen, die er aus den Untersuchungen zog, dass er sich bei seiner Studie ausschließlich auf die persönlichen Auswahlkriterien des Redakteurs konzentriert hatte und dabei mögliche Einflussfaktoren1, wie z.B. Redaktionsrichtlinien, unbeachtet gelassen hatte. White löste mit seiner Untersuchung eine erste empirische Welle (vgl. Rühl 1995: S.126) der kommunikatorzentrierten Forschung aus, die – trotz aller Kritik und späteren Erweiterungen – seine Vorstellung vom Journalisten als Gatekepper als Grundlage annahm. Auf Whites individualistischem Ansatz, sowie in der späteren Gatekeeper-Forschung entstandene Ansätze werde ich im Hauptteil genau eingehen.
[....]
1 vgl. weiter oben den Begriff der "gate forces"
Arbeit zitieren:
Magistra Artium Katharina Kirsch, 2003, Der Journalist als Gatekeeper - die Forschungsansätze im Überblick, München, GRIN Verlag GmbH
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