Einleitung
Ein zentrales Motiv für die Auseinadersetzung des Oxforder Philosophen Richard Hare mit dem Thema der Willensschwäche liegt darin begründet, dass ein solches Handeln mit seiner präskriptivistischen Ethik unvereinbar ist. Denn wenn ein Moralurteil präskriptiv ist, dann scheint es unmöglich zu sein, dass jemand diesem aufrichtig zustimmt, und dennoch nicht entsprechend handelt. Und damit steht das Phänomen der Willensschwäche zur Präskriptivität moralischer Urteile im Widerspruch.
Thema dieser Hausarbeit ist es zu zeigen, dass und wie Hare dem Phänomen der Willensschwäche in seiner präskriptivistischen Ethik gerecht wird und zu fragen, ob dieses Phänomen überhaupt ein Einwand gegen die Präskriptivität moralischer Urteile darstellt. Hierfür ist die Hausarbeit in drei Teile unterteilt. In einem ersten Teil werden Grundzüge von Hares präskriptivistischer Theorie, wie er sie in Freedom and Reason (FR) erläutert, dargestellt. Der zweite Teil beschäftigt sich mit den Antworten Hares auf die folgenden drei zentralen Fragestellungen hinsichtlich der Willensschwäche:
1.) Ist der Willensschwache üblicherweise psychisch unfähig, anders zu handeln? 2.) Verwendet er „sollen“ nur in einem abgeschwächten Sinne?
3.) Stimmt der Willensschwache dem Moralurteil aufrichtig zu?
Abschließend wird in einem dritten Teil erörtert, ob das Phänomen der Willensschwäche überhaupt einen Einwand für die Präskriptivität moralischer Urteile darstellt.
I. Grundzüge von Hares präskriptivistischer Ethik
1. Hares Auffassung von Moralurteilen
Hares Ausführungen zum Thema der Willensschwäche lassen sich nur vor dem Hintergrund seiner ethischen Theorie verstehen. In diesem Zusammenhang kommt seiner Auffassung von Moralurteilen eine besondere Bedeutung zu. Die beiden wichtigsten Merkmale eines Moralurteils sind seine Universalisierbarkeit und Präskriptivität.
By calling a judgement universalizable I mean only that it logically commits the speaker to making a similar judgement about anything which is either exactly like the subject of the original judgement or like it in the relevant respects. The relevant respects are those which formed the grounds of the original judgement (…) 1
1 Hare, Richard; Freedom and Reason, (FR), Oxford University Press 1963, S. 139f.
2
Wenn ich also das Moralurteil (1) Ich soll 2 X tun fälle, fordere ich, dass ich und jeder andere in der relevant gleichen Situation, X tun soll. 3 Ein Moralurteil ist insofern präskriptiv, als es die Eigenschaft besitzt, Verhalten zu leiten. D.h., die betreffende Person schreibt sich mit (1) selbst vor, X zu tun. Man kann anstatt dessen auch sagen: Wer dem Moralurteil (1) zustimmt, akzeptiert auch den an sich selbst gerichteten Befehl (2) Lass mich X tun! 4 Die Zustimmung zu einem Moralurteil ist jedoch nur dann aufrichtig, wenn die betreffende Person auch tatsächlich in der jeweiligen Situation die gebotene Handlung, insofern sie psychisch und physisch dazu in der Lage ist, ausführt.
It is a tautology to say that we cannot sincerely assent to a command addressed to ourselves, and at the same time not perform it, if now is the occasion for performing it and it is in our (physical and psychological) power to do so (...) 5
2. Die verschiedenen Verwendungsweisen von „sollen“
In Freedom and Reason unterscheidet Hare drei Verwendungsweisen von: (1) Ich soll X tun.
Die Äußerung (1) kann gebraucht werden als:
(1.1) Ausdruck eines Moralurteils (1.2) Ausdruck einer soziologischen Tatsache:
Indem ich X tue, erfülle ich einen allgemein akzeptierten Standard. Gewöhnlicherweise handeln Menschen in meiner Situation gemäß X. (1.3) Ausdruck einer psychologischen Tatsache Ich habe das Gefühl, dass ich X tun soll. Wenn ich X unterlasse, habe ich ein schlechtes Gewissen und mache mir Vorwürfe. 6
2 Ich schließe mich Spitzley`s Vorschlag an, „ought“ nicht mit „sollte“ zu übersetzen (vgl. Thomas Spitzley, Handeln wider besseres Wissen, Walter de Gryter Berlin, S. 127), wie es Hare im Vorwort zur deutschen Übersetzung ( vgl. Die Sprache der Moral“ Suhrkamp/M.1972) empfiehlt. Denn die Äußerung „ich sollte X tun“ könnte leicht auch als ein „ Ich sollte eigentlich X tun.“ verstanden werden, was Hare auf keinen Fall im Sinn hat.
3 Vgl. Hare, FR, S. 71 4 Vgl. Hare, FR, S. 79 5 Hare, FR, S. 79 6 Vgl. Hare, FR, S. 52f.
3
Hare ist der Auffassung, dass es in diesem Zusammenhang falsch ist von den unterschiedlichen Bedeutungen des Wortes „ sollen“ zu sprechen. Anstatt dessen beschreibt er „sollen“ in Anlehnung an einen von Nowell-Smith geprägten Begriff 7 als „Januswort“. Unter einem „ Januswort“ versteht man ein Wort, das über mehrere Bedeutungsaspekte verfügt, die gelegentlich auf Kosten des anderen hervorgehoben werden.
We cannot say that such a word is ambiguous; it is indeed an inseparable element in its meaning that it can shift in this way. 8
Das Januswort „sollen“ hat Hares Theorie zufolge einen präskriptiven und einen deskriptiven Bedeutungsaspekt. Wie stark der jeweilige Aspekt betont wird, hängt von der entsprechenden Verwendungsweise ab. Wird „sollen“ in (1.1.) verwendet, so verfügt es sowohl über einen deskriptiven als auch universell präskriptiven Aspekt. Andererseits ist in (1.2.) und (1.3.) der universell präskriptive Anteil nicht mehr vorhanden.
That is to say, it is consistent with its meaning, as used in this context, not to be intended to serve as a guide to anybody’s actions. 9
II. Kritik an Hares Theorie der Willensschwäche
1. Psychische Unfähigkeit
Laut Hare ist der typische Fall von Willensschwäche ein Fall von „soll, aber kann nicht“ 10
Our morality is formed of principles and ideals which we do not succeed in persuading ourselves to fulfil. And this inability to realize our ideals is well reflected in highly significant names given in both Greek and English to this condition: Greek calls it akrasia- literally `not being strong enough (sc. to control oneself`); English calls it `moral weakness` or `weakness of the will`.
7 Nowell- Smith definiert den Begriff wie folgt: Ein Januswort ist „a (...) a word (that) can not only do two ore more jobs at once but also is often, in absence of the counterevidence or express withdrawal, presumed to be doing two or more jobs at once. (P.H.Nowell-Smith, Ethics, Penguin Books, Harmondsworth 1954, S. 100) 8 Hare, FR, S.75 9 Hare, FR, S. 52f.
10 Vgl. Hare, FR, S.68; vgl. FR, S.80
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Neben dem einzigen theoretischen Argument, der Verweis auf die wörtliche Übersetzung von akrasia, führt Hare noch zwei praktische Beispiele aus der Literatur an, die er für typische Fälle von Willensschwäche hält. Einmal zitiert er aus Ovids Metamorphosen Medeas Versuch ihrer Leidenschaft gegenüber Jason Einhalt zu gebieten 11 und als zweites Beispiel führt Hare die berühmte Stelle aus dem Römerbrief an, in welcher der Apostel Paulus über seine Unfähigkeit berichtet, den eigenen Grundsätzen zu folgen. 12 Hare geht davon aus, dass es sich bei dem Unvermögen im Fall der Willensschwäche nicht um physische sondern um psychische Unfähigkeit handelt.
Doch bleiben wir zunächst bei der physischen Unfähigkeit. In FR werden dazu genau zwei Exempel genannt. Im ersten Exempel geht es um die Unmöglichkeit, ein an den Boden festgenageltes Gewehr aufzuheben 13 und im zweiten Exempel wird ein Schiffbrüchiger beschrieben, der bei einem Sturm an die französische Küste getrieben wird. 14 In beiden Fällen vermag ein Mensch aufgrund seiner körperlichen Beschaffenheit nicht, etwas zu tun oder zu vermeiden.
Zur psychischen Unfähigkeit führt Hare keine praktischen Beispiele an, sondern beschränkt sich auf die allgemeine Feststellung, dass Fälle von Willensschwäche psychische Unfähigkeit exemplifizieren.
It is often true that a man is physically in a position, and strong, knowledgeable, and skilful enough, &c., to do what he thinks he ought (…) [but] (…) in a deeper sense the man cannot do the act. 15
Nach diesem Verständnis von psychischer Unfähigkeit kann ein Mensch die jeweilige Handlung, was seine Physis betrifft, vollziehen, jedoch aufgrund psychischer Gründe trotzdem nicht dazu in der Lage sein. Daher bezieht sich psychische Unfähigkeit auch nicht auf einem anderen Typ von Handlungen, wie sich z. B. ein 999- Eck anschaulich vorzustellen, sondern betrifft dieselbe Art von Handlungen wie die physische Unfähigkeit. Doch immer noch nicht lässt sich eindeutig sagen, worin die psychische Unfähigkeit denn genau besteht und was sie kennzeichnet. Zur physischen Unfähigkeit gibt Hare an, dass ein Mensch nicht stark oder geschickt genug ist, die betreffende Handlung zu vollziehen oder zu
11 Vgl. Ovid, Metamorphosen, übersetzt und herausgegeben von H.Breitenbach, Reclam, Stuttgart 1986, VII. V. 9-21 12 Vgl. „Brief an die Römer“, VII. V.14-25, in: Die Bibel, Katholisches Bibelwerk und deutsche Bibelstiftung (Hg.), Einheitsübersetzung der Heiligen Schrift, Katholisches Bibelwerk, Stuttgart 1982 13 Vgl. FR, S.54 14 Vgl. FR, S.59f.
15 FR, S.82
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Arbeit zitieren:
2007, Das Phänomen der Willensschwäche in Hares präskriptivistischer Ethik, München, GRIN Verlag GmbH
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