Einleitung Der Berg hat nie von sich selbst als „Berg“ gesprochen.
Das Wasser hat nie verkündet, „Ich bin das Wasser.“ Wer also ist es, der den Berg „Berg“ und das Wasser „Wasser“ nennt?
Buddhistischer Spruch unbekannter Herkunft.
Wenn das, was wir als objektives Wissen sehen, eher ein Resultat von Perspektiven ist als von nackten Tatsachen an sich, wie kommt es dann, daß verschiedene Ansichten als „Wissen“ akzeptiert werden und andere als „irrig“ oder „irreführend“ verworfen werden?
Kenneth J. Gergen, Das übersättigte Selbst.
Die Beleuchtung verschiedener Perspektiven auf das Phänomen des Stimmenhörens ist Gegenstand und Anliegen dieser Diplomarbeit.
Beginnen möchte ich mit einer Rekonstruktion meines Forschungsprozeßes. Ausgangspunkt der Überlegungen zum Thema meiner Diplomarbeit waren zwei besondere Interessengebiete.
Zum einen hatte ich großes Interesse für das postmoderne Paradigma und seinen Niederschlag in der psychologischen Forschung entwickelt. Mich faszinierte die Untersuchung der psychischen Realität aus der Perspektive ihrer gesellschaftlich und kulturell konstruierten Natur. Zum anderen hatte ich mich viel mit dem Thema psychischer Gesundheit und Krankheit und der diskursbedingten Relativität dieser Begrifflichkeiten befaßt. Vor diesem Hintergrund entwickelte ich das Bestreben, in meiner Arbeit eine psychopathologische Kategorie zu dekonstruieren und hierbei sowohl die Relativität, als auch die Implikationen ihrer Bedeutung darzustellen. Statt mich einem gesamten Krankheitsbild zuzuwenden, entschied ich mich dafür, mich mit einem einzigen Symptom zu befassen.
Im Zuge meiner Nachforschungen wurde ich auf das Phänomen des Stimmenhörens aufmerksam. Mir fiel auf, daß die Diskurse über dieses Phänomen interessante Differenzen und Kontraste aufzeigen. Während das Stimmenhören im gängigen psychiatrischen Diskurs als Ausdruck einer Krankheit gilt, erhält es beispielsweise im esoterischen Diskurs die Bedeutung einer besonderen Fähigkeit.
Hierbei stellte sich mir die Frage nach den Implikationen dieser verschiedenen Bedeutungen auf die Erfahrung und den Umgang mit dem Phänomen.
Zu meiner Überraschung stellte ich in der darauffolgenden Zeit fest, daß zu der oben aufgeworfenen Frage schon einiges an Forschung betrieben worden war. Ich wurde auf die Arbeiten des Psychiaters MARIUS ROMME aufmerksam. ROMME ist Professor für Sozialpsychiatrie in den Niederlanden und einer der Pioniere in der Erforschung des Stimmenhörens aus der Betroffenen-Perspektive. ROMMEs Arbeiten lieferten den Hintergrund für die Gründung der ersten Gruppe von Stimmenhörern im Jahre 1988 in Großbritannien.
Inzwischen finden sich solche Gruppen in vielen Städten Europas und bilden alle zusammen das sogenannte Netzwerk der Stimmenhörer (Hearing Voices Network oder HVN ).
Laut Romme besteht eine der wichtigsten Bewältigungsstrategien für den Umgang mit dem Stimmenhören in der Entwicklung einer eigenen stigmafreien Erklärung für das Phänomen. Seiner Meinung nach ist die Pathologisierung des Phänomens durch psychiatrische Institutionen und der sich daraus ergebende Opferstatus der Betroffenen eines der größten Probleme.
Aus der Befragung vieler Menschen, die von sich behaupteten Stimmenhörer zu sein, ohne, daß ihnen diese Tatsache jedoch jemals Schwierigkeiten bereitet hätte, und die oft ein ganz ‘normales’ gesellschaftliches Leben führten, schloß ROMME, daß das Phänomen als solches nicht das Problem sein könne. Das Problem müsse also in der Bewertung liegen. Hieraus zog er die weitere Schlußfolgerung, daß ein nicht-psychiatrisches Interpretationsmodell auch einen besseren Umgang mit dem Phänomen ermöglichen müsse.
Die Arbeiten ROMMEs und des HVN erscheinen als aktive Dekonstruktion einer psychopathologischen Kategorie.
Desweiteren findet hier das postmoderne Postulat der erfahrungskonstitutiven Wirkung von Diskursen eine praktische Anwendung.
Die Lektüre verschiedener Publikationen des HVN und von MARIUS ROMME verstärkten mein Interesse an den tatsächlichen Diskursen der Betroffenen und, wie zuvor erwähnt, an möglichst kontrastierenden Darstellungen des Phänomens.
Ich begann, mich mit der Auswahl meiner Interviewpartner zu befassen. Nach einiger Zeit standen mir drei sehr unterschiedliche ‘Stimmenhörer’ für ein Interview zur Verfügung.
Welche Konstruktionen würden sich mir offenbaren? Wie würden meine Interviewpartner den zu erwartenden ideologischen Konflikt, der sich aus den widersprüchlichen Interpretationsmöglichkeiten des Phänomens ergeben kann, lösen?
Würden sich Implikationen ihrer Konstruktionen auf die Erfahrung und den Umgang mit dem Phänomen enthüllen?
Im ersten Teil dieser Arbeit werde ich eine kleine Einführung in den sozialen Konstruktivismus geben. Hiermit möchte ich versuchen, die gemeinsamen wis-senschaftstheoretischen Wurzeln der psychologischen Ansätze, an welchen ich mich in meiner Untersuchung orientiert habe, zu klären.
In einem zweiten Schritt werde ich versuchen, die Forschungsschwerpunkte dieser verschiedenen Ansätze vorzustellen. Hierbei möchte ich besonders die Theorie der diskursiven Psychologie hervorheben, welche mir als hauptsächlicher Hintergrund für meine Forschung gedient hat.
Im Anschluß daran möchte ich das in westlichen Gesellschaften dominierende Modell der klassischen Psychiatrie zur Erklärung ‘anormaler’ Phänomene wie das Stimmenhören einer kritischen Betrachtung unterziehen.
Im zweiten Kapitel werde ich einige Konzepte zur Methode der Diskursanalyse vorstellen und mein persönliches Vorgehen bei der Erhebung und Auswertung des Untersuchungsmaterials beschreiben.
Im dritten Teil werde ich die Ergebnisse der Untersuchung ausführlich darstellen. Im Anschluß werde ich die Ergebnisse meiner Untersuchung diskutieren.
INHALTSVERZEICHNIS
Einleitung
Inhaltsverzeichnis
Seite
1. THEORIE 1
1.1 Einführung in den Sozialen Konstruktivismus 1
1.2 Das empirische Programm des Sozial 6
konstruktivismus in der Psychologie
1.3 Diskussion des biomedizinischen Krankheits 11
modells
2. METHODE 17
2.1 Prinzipien der Diskursanalyse 17
2.2 Methodisches Vorgehen 19
2.2.1 Forschungsfrage 19
2.2.2 Auswahl der Intervierwpartner 19
2.2.3 Interviews 21
2.2.4 Transkriptions-Konventionen 24
2.2.5 Auswertung 25
3. ERGEBNISSE
3.1. Darstellung der Diskurse Fall 1
3.2. Darstellung der Diskurse Fall 2
3.3. Darstellung der Diskurse Fall 3
3.4. Vergleichende Darstellung der Ergebnisse
4. DISKUSSION UND AUSBLICK
Literaturverzeichnis 75
1. THEORIE
1.1. Einführung in den Sozialen Konstruktivismus
Zu Beginn dieses theoretischen Kapitels möchte ich eine kurze Einführung in den ‘Sozialen Konstruktivismus’ geben.
Diese Einführung soll dem Zweck dienen, die Diskursive Psychologie, welche den wesentlichen theoretischen Hintergrund meiner Forschungsarbeit darstellt, in ihre metatheoretische Tradition einzubetten.
Bevor ich kurz die Wurzeln und Ausprägungsformen des Sozialen Konstruktivismus skizzieren werde, möchte ich zunächst die grundlegende Perspektive dieser Strömung darstellen:
Grundsätzlich betrachtet der Soziale Konstrukivismus Diskurse über die Welt nicht als Abbilder der Welt, sondern als Artefakte menschlicher Kommunikation. Realität, Wirklichkeit und Objektivität werden als sozial hergestellt aufgefaßt.
GERGEN faßt die einheitliche Betrachtungsweise sozialkonstruktivistischer Ansätze wie folgt zusammen:
„The terms in which the world is understood are social artifacts, products of historically situated interchanges among people. From the constructionist position the process of understanding is not automatically driven by the forces of nature, but is the result of an active, cooperative enterprise of persons in relationship“ (GERGEN 1985: 267).
Das sozialkonstruktivistische Herangehen ist einer objektivistischen bzw. naivrealistischen Betrachtungsweise entgegengesetzt und insofern auch als Kritik an dem traditionellen positivistischen Wissenschaftsverständnis zu begreifen. Unter Bezugsnahme auf den Artikel ‘The Varieties of Social Construction’ (1997) von DANZIGER, möchte ich nun kurz die Wurzeln und Ausprägungs-formen des Sozialen Konstruktivismus skizzieren, um einen Eindruck über die Verteilung und die Herkunft des konstruktivistischen Gedankenguts deutlich werden zu lassen.
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DANZIGER zufolge hat sich der Soziale Konstruktivismus in verschiedenen Gebieten der Wissenschaft mehr oder minder gleichzeitig entwickelt. GERGEN schlägt diesbezüglich vor, eher von einem gemeinsamen Bewußtsein, als einer Bewegung zu sprechen (GERGEN 1985: 266). DANZIGER erwähnt die folgenden Gebiete:
- Das Gebiet der Wissenschaftstheorie mit:
a) Einer Problematisierung des Beobachtungsbegriffs und der Kritik der objektivistischen Forschungslogik.
b) Einer Betonung der scientific communities, der Paradigmen-und Praktikenabhängigkeit von Forschungsprogrammen. c) Eine Problematisierung der sozial-/ humanwissenschaftlichen Grundbegriffe bzw. Methodologie.
Wesentliche Namen sind hier FEYERABEND, KUHN, QUINE, HANSON, TAYLOR, RORTY.
- Das Gebiet der Soziologie mit:
Verweisen auf den Konstruktionscharakter sozialer Gebilde (Werke von A. SCHÜTZ, G.H. MEAD, E. GOFFMANN, H. GARFINKEL und vor allem die Theorie der Wissenschaftssoziologie von BERGER und LUCKMANN).
- Das Gebiet der Anthropologie/ Ethnologie.
Bedingt durch die besondere Situation der ethnologischen Erkenntnisgewinnung: das Studium fremder Kulturen führte durch die in ihr angelegte Konfrontation der kultureigenen Kategorien des Forschers relativ früh zu Selbstreflexion und der Entwicklung konstruktivistischer Ansichten.
- Kybernetik/ Systemtheorie.
In diesem Theoriestrang, der seine Wurzeln vor allem in einem naturwissenschaftlichen Background hat, werden konstruktivistische Ansichten in Schlagwortern wie ‘dissipative Strukturen’, ‘Selbstorganisation’
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und ‘Autopoesis’ usw. manifest (H. HAKER, H.R. MATURANA, F.R. VARELA, H.V. FOERSTER, E.V GLASERFELD, N. LUHMAN).
- Kontinentaleuropäische Philosophie.
DANZIGER handelt diese unter dem Stichwort Postmoderne bzw. Poststrukturalismus ab (1997: 404).
Hier wären vor allem das Unternehmen der Dekonstruktion und Diskussionen über den ‚Gender‘ Begriff zu nennen (FOUCAULT, DERRIDA...)
K. KNORR-CETINA (1989) zufolge haben sich auf diesen verschiedenen Gebieten drei unterschiedliche Varianten des Sozialen Konstruktivismus herausgebildet. In einem gleichlautenden Aufsatz zählt sie diese „drei Spielarten des Konstruktivismus“ wie folgt auf:
1) Den Sozialkonstruktivismus bei BERGER und LUCKMANN. 2) Den kognitions-/erkenntnistheoretischen Radikalen Konstruktivismus.
3) Das empirische Programm des Sozialkonstruktivismus. In bezug auf die Diskursive Psychologie ist vor allem der hier zuletzt genannte Ansatz von Interesse. Aus diesem Grunde möchte ich an dieser Stelle nicht weiter auf die beiden erstgenannten Ansätze eingehen. Im Gegensatz zu diesen Ansätzen, zeigt sich in der dritten Version eine Präferenz für die empirische Erschließung von Konstruktionsprozessen: Hier wird die eigentliche Konstruktionsmaschinerie zum Analysegegenstand gemacht. KNORR-CETINA beschreibt diese ‘Spielart’ als Ineinandergreifen folgender Ansätze:
- Konstruktivistische Wissenssoziologie (z.B. KNORR-CETINA, LATOUR u. WOOLGAR).
- Mikrosoziologie/ Ethnomethodologie (z.B. HERITAGE).
- Kulturanthropologie (z.B. GEERTZ).
- Ansätze zur Analyse sozialer Praxis (z.B. FOUCAULT, BOURDIEU).
3
Um in Umrissen den metatheoretischen Rahmen für die im weiteren Verlauf dieses Kapitels zu behandelnden Theorien abzustecken, möchte ich nun unter Bezugnahme auf den Aufsatz von KNORR-CETINA, abschließend einige essentielle Thesen der dritten ‘Spielart’ des Sozialkonstruktivismus darstellen. Die folgenden Thesen dienten mir als eine Art Grundorientierung bei meiner Forschungsarbeit.
- Konstruktionsmaschinerie von Wirklichkeit:
Realität hat keine Essenz, die man unabhängig von bedeutungs- und realitätsproduzierenden Mechanismen und Konstruktionen der Akteure begreifen könnte; auch die als stabil erscheinende Wirklichkeit muß fortwährend reproduziert werden und enthält insofern Konstruktionsarbeit, wobei der Arbeitsbegriff sich darauf bezieht, daß jedes Verhalten (auch routinemäßiges und unbewußtes) gezielte Tätigkeit voraussetzt.
- Übergang von ‚Was-Fragen‘ zu ‚Wie-Fragen‘:
Wenn man von der Prämisse ausgeht, daß das Erkenntnisobjekt ein konstruiertes ist, haben Wie-Fragen Priorität. Denn erst die Klärung der Art und Weise, wie eine spezifische Wirklichkeit konstruiert worden ist, bedeutet auch eine zureichende Erfassung dessen, was das Konstrukt ausmacht. Die Betrachtung konstruktivistisch vorgehender Analysen zeigt, daß damit objektivistische/substantialistische Charakterisierungen eines Gegenstands weitgehend vermieden werden können. Die Frage lautet also: Wie wird eine Kategorisierung/Unterscheidung/Segmentierung der Welt von den Teilnehmern operationalisiert? KNORR-CETINA (1989: 92).
Dies führt zu einer Methodologie, welche ihren Gegenstandsbereich nur aus der Sicht der Teilnehmer beziehen kann: Gegenstände im sozialen Feld sollen ausschließlich durch die Semantik der Akteursprache, also der jeweilig zu untersuchenden Wirklichkeit definiert werden. Außerhalb der Ressourcen und Strategien der Teilnehmer zur Definition und Veränderung von deren Wirklichkeit gibt es nichts, was dem (etwa von der Seite des Forschers und seiner Theorien aus) hinzuzufügen wäre.
- Theoriefreiheit der Analyse, Symmetriepostulat:
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Der Forscher soll die Analyse möglichst nicht mit vorgefertigten Theorien (etwa soziologischer oder psychologischer Herkunft) vornehmen, sondern sich strikt auf die Kategorisierungen der Teilnehmer einlassen KNORR-CETINA (1989: 93). Durch dieses ‘Symmetriepostulat’ hinsichtlich der Konstrukte von Forscher und Beforschten soll einerseits die Bedeutung vorgefertigter sozialwissenschaftlicher Grundkonzepte relativiert werden, anderseits gewinnt die Analyse dadurch maximale Beweglichkeit und Flexibilität, so daß sie sich immer neuen Kontexten anpassen kann, ohne durch rigide Begrifflichkeiten bzw. Methoden behindert zu werden KNORR-CETINA (1989: 94).
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1.2. Das empirische Programm des Sozialkonstruktivismus in der Psychologie
Die bisherige Betrachtung des Sozialen Konstruktivismus und seines theoretischen Selbstverständnisses sollte dazu dienen, die gemeinsamen wissenschaftlichen Wurzeln der verschiedenen diskurstheoretischen Ansätze in der Psychologie zu klären.
In diesem Abschnitt möchte ich zunächst diese Ansätze in Kurzform darstellen, um dann zuletzt zu einer Betrachtung der spezifischen konzeptionellen Grundlagen der Diskursiven Psychologie zu gelangen.
Cultural Psychology:
Während sich die Ansätze der diskursiven Psychologie innerhalb des europäischen Forschungskontextes entwickelt haben, dient der Cultural Psychology die nordamerikanische Wissenschaftstradition als Bezugspunkt.
Die Cultural Psychology betont, daß die psychischen Funktionen innerhalb kultureller Systeme der Repräsentation und der sozialen Organisation lokalisiert werden müssen, in der die individuelle Psyche eingebettet ist und durch die sie konstituiert wird.
In ihrem programmatischen Übersichtsartikel „Cultural Psychology: Who needs it?“ (1993) betonen R.A. SCHWEDTER und M.A. SULLIVAN, daß sich die konzeptionelle Ausrichtung der Cultural Psychology durch ein Interesse an der Frage nach den menschliches Handeln anleitende Bedeutungen und das Zurückgehen auf den spezifischen Kontext, innerhalb dem diese Bedeutungen und alltägliche Praxen zu verorten sind, auszeichne. Aufgabe der Cultural Psychology sei die Ausarbeitung einer „semiotic agenda“:
„The items on the agenda include such questions as „What is meaning such that a situation can have it?“ „What is a person such that what a situation means can determine his or her response to it?“ „What meanings or Conceptions of things have been stored up and institutionalized in everyday practice and discourse in various regions and cultural enclaves of the world?“ „In what ways can different meanings have an effect on the organization and
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operations of individual consciousness?“ (SCHWEDTER & SULLIVAN 1993: 499).
Im Unterschied zur Diskursiven Psychologie findet innerhalb der Cultural Psychology eine Schwerpunktsetzung auf die konkrete Rolle bereits existierender kultureller Kontexte statt. Ihr wissenschaftliches Interesse zentriert sich vornehmlich auf kulturvergleichende Studien, die die Kulturspezifik zentraler psychologischer Begriffe aufweisen und begründen wollen (vgl. NANCY MUCH 1995).
Narrative Psychologie:
Die Narrative Psychologie befaßt sich mit der Entwicklung von Konzepten welche eine wissenschaftliche Betrachtung und Analyse narrativer Konstruktionen der Wirklichkeit ermöglichen sollen (vgl. SARBIN 1986).
Die zu interpretierenden Äußerungen werden zunächst daraufhin betrachtet, ob sie Teil einer Erzählung sind, und, daran anschließend, hinsichtlich ihrer Funktion analysiert. In diesem Zusammenhang lassen sich die von SCHÜTZE (1983) formulierten Vorschläge zur Auswertung narrativer Interviews erwähnen.
Theorie der sozialen Repräsentationen:
Nach FLICK widmet sich die Theorie der sozialen Repräsentationen „der Bedeutung von Gegenständen und Prozessen für Subjekte und Gruppen sowie der sozialen Zuschreibung von Bedeutung“ (FLICK 1995: 12). Ihr wissenschaftliches Interesse zentriert sich auf die Untersuchung von Wissen als sozialem Wissen, das sich vor allem aus der Zugehörigkeit zu sozialen Gruppen herausbildet. Die zentrale forschungsleitende Kategorie dieses Ansatzes ist die der ‘sozialen Repräsentationen’. Nach MOSCOVICI werden soziale Repräsentationen verstanden als:
„ein System von Werten, Ideen und Handlungsweisen mit zweifacher Funktion; erstens eine Ordnung zu schaffen, die Individuen in die Lage versetzt, sich in ihrer materiellen und sozialen Welt zu orientieren und sie zu meistern; und zweitens Kommunikation unter den Mitgliedern einer Gemeinschaft zu ermöglichen, indem es diesen einen Code für sozialen Austausch und einen Code zur Benennung und zur eindeutigen Klassifikation der verschiedenen Aspekte ihrer
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Welt und ihrer individuellen Geschichte und der ihrer Gruppe liefert“ (MOSCOVICI 1973: 17).
Diskursive Psychologie:
Aus der bisherigen Darstellung der im engeren Umkreis der Diskursiven Psychologie stehenden Ansätze sollte hervorgehen, daß diese alle sprachlichkulturelle Bedeutungen in den Mittelpunkt ihrer konzeptionellen Grundbegrifflichkeit stellen. Die unterschiedlichen Labels dieser Ansätze verweisen dabei eher auf verschiedene Akzentsetzungen bzw. auf unterschiedliche Theorietraditionen, als auf grobe theoretische Uneinigkeiten.
Im folgenden möchte ich versuchen, den Ansatz der Diskursiven Psychologie bzw. die Theorie der Diskursanalyse darzustellen.
Die Schwierigkeit besteht hierbei darin, daß der Diskursiven Psychologie ein einheitsstiftendes Grundkonzept fehlt, anhand dessen sie als einheitlicher theoretischer Zusammenhang ausweisbar wäre.
In einem Kapitel zur Definition der Diskursanalyse bemerken POTTER und WETHERELL:
„Perhaps the only thing all commentators are agreed on in this aera is that terminological confusions abound.“ „It is a field in which it is perfectly possible to have two books on discourse analysis with no overlap in content at all“ (1987: 6).
Auch PARKER bemerkt dieses Problem (1993: 3). PARKER sieht den Grund hierfür in den vielfältigen Ursprüngen der verschiedenen Ansätze welche alle verschiedene Schwerpunkte und Analysestile implizieren.
Zur Frage nach der gemeinsamen Orientierung dieser Ansätze bemerkt PARKER:
„ (...) these approches are united by a common attention to the significance and structuring effects of language, and are associated with interpretative and reflexive styles of analysis“ (1993: 3).
Diese Aussage verweist jedoch nur auf den bereits erörteten paradigmatischen Hintergrund der diskurspsychologischen Ansätze.
Eine Spezifizierung der gemeinsamen Besonderheit dieser Theorien läßt sich meines Erachtens anhand einer Untersuchung des Diskursbegriffes klären.
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Eine vorläufige konsensfähige Klärung des Diskursbegriffes kann mithilfe des von HARRÉ und GILETT vorgenommenen Vergleichs zwischen Diskursen und den Wittgenstein‘schen ‘Sprachspielen’ versucht werden (HARRÉ & GILETT 1993: 18ff). Nach WITTGENSTEIN ist das Psychische immer den strukturierenden Einflüssen der konventionalisierten Bedeutungen von Sprachsystemen, Begriffen, Worten und Zeichen unterworfen (vgl. WITTGENSTEIN 1984). Die Bedeutung eines Phänomens läßt sich demnach nur innerhalb des zu ihr gehörigen ‘Sprachspiels’ untersuchen. Begreift man Diskurse als Sprachspiele, so lassen sich diese als sozial geteilte Symbolsysteme und Bedeutungswelten verstehen. Nach WITTGENSTEIN ist ein Wort kein Abbild oder Name der weltlichen Dinge, sondern die Bedeutung des Wortes entspringt dem soziokulturellen Gebrauch des Zeichens.
In Analogie dazu läßt sich das Psychische auch nur innerhalb des diskursiven Kontextes, in dem es seine spezielle Bedeutung erlangt, verstehen.
Durch diesen, mithilfe des Diskursbegriffes geschaffenen Einbezug des gesellschaftlich/kulurellen und historischen Kontextes, wird die in den Kognitionswissenschaftlichen Ansätzen vorherrschende individualistische Reduzierung des Menschen auf eine passive, kausale Informationsverarbeitungsmaschine aufgebrochen.
Es entsteht die Möglichkeit, die in der traditionellen Psychologie außer Acht gelassenen öffentlichen, gemeinsam geteilten Bedeutungssysteme in die psychologische Forschung miteinzubeziehen.
Aus dieser kurzen Explikation des Diskursbegriffes ergibt sich die folgende gemeinsame Orientierung diskurspsychologischer Forschung:
Sie hat die konkrete Aufgabe, diskursives Geschehen zu beschreiben und zu analysieren.
Hierbei muß der Bezug auf den alltäglichen Kontext, innerhalb dem die Menschen tatsächlich reden, erhalten bleiben und darf nicht, wie in der traditionellen Psychologie, auf die artifizielle Situation des Experiments verkürzt werden. Zur Frage, wie eine Diskursanalyse konkret vorgenommen werden sollte, gehen, wie zuvor erwähnt, die Meinungen auseinander. Für meine Arbeit habe
9
ich daher versucht, mich hauptsächlich an dem von WETHERELL und POTTER vorgeschlagenen Konzept zu orientieren (vgl. WETHERELL & POTTER 1987). Auf das konkrete diskursanalytische Vorgehen werde ich in einem eigenen Abschnitt eingehen (Kapitel 2., S. 16).
Bevor ich nun die bisherigen Ausführungen über die Diskursive Psychologie abschließe, möchte ich noch einige Anmerkungen tätigen.
Wie zu Anfang angedeutet, gelangen die spezifischen Beiträge der Diskursiven Psychologie zu keiner einheitlichen Begriffsbildung.
Zu einer präziseren Darstellung müßte jede der einzelnen Theorien in ihrer eigenen Systematik behandelt werden. Dies würde jedoch über den Rahmen dieser Arbeit hinausgehen.
So möchte ich es bei dieser kurzen Darstellung belassen und noch bemerken, daß aus der bisherigen Darstellung vor allem hervorgehen sollte, daß ein diskursanalytisches Forschungsvorhaben dem traditionellen Forschungsverständnis insofern entgegengesetzt ist, als es primär auf die Dekonstruktion vorhandener Modelle und Theorien ausgerichtet ist. Demnach ging es auch mir nicht um die Elaborierung bzw. Überprüfung einer bestimmten Theorie zum Phänomen des Stimmenhörens, sondern vielmehr darum, durch die Kontrastierung verschiedener Realitätsentwürfe zu diesem Phänomen die kontextbezogene Relativität der ihm zugeschriebenen Bedeutungen aufzuzeigen und diese in Hinblick auf ihre erfahrungs- und handlungsstrukturierende Funktion zu untersuchen.
10
1.3. Diskussion des biomedizinischen Krankheitsmodells
In diesem Abschnitt soll es darum gehen, das biomedizinische Krankheitsmodell als die dominierende kollektive Vorstellung westlicher Gesellschaften auszuweisen. Ferner soll der ontologische Anspruch dieses Modell einer kritischen Betrachtung unterzogen werden sowie das Modell als solches bezüglich der Konstruktion von psychischer Krankheit problematisiert werden.
In einem zweiten Schritt soll das Phänomen des Stimmenhörens aus der Perspektive des biomedizinischen Modells und somit der klassischen Psychiatrie dargestellt werden. Eine abschließende Befragung der Pragmatik dieses Modells soll zuletzt dazu beitragen, die im Anschluß an die Darstellung meiner empirischen Untersuchung stattfindende Diskussion einzuleiten.
Beginnen möchte ich mit einer Unterscheidung zwischen Kollektiv- und All-tagsvorstellungen. FLICK liefert diesbezüglich die folgende Definition:
„Es lassen sich zwei Ebenen unterscheiden: Einerseits die Ebene der kollektiven Vorstellungen, die Interpretationen und Konstruktionen in einer bestimmten Epoche und/ oder einem bestimmten lokalen Kontext liefern und als Quelle für das Verstehen, die Interpretation, Konstruktion, kurz Vorstellungen auf der zweiten Ebene dienen - der Ebene des Alltags“ (FLICK 1997: 29).
Kollektive Vorstellungen stellen demnach sozial geteilte Sprachsysteme dar, aus denen sich die Diskurse auf der Alltagsebene speisen.
Kollektive Vorstellungen ließen sich auch in Anlehnung an PARKER (1995) als kulturelle Repräsentationen bezeichnen. PARKER warnt jedoch davor, einer kognitivistischen Sichtweise zu verfallen und sich kulturelle Repräsentationen als mentale Bilder vorzustellen. Kulturelle Repräsentationen seien vielmehr als Bündel von Praktiken zu begreifen, die der Verteidigung gesellschaftlicher Machtpositionen dienen. Die Frage, ob kulturelle Inhalte nun wie bei FLICK als mentale Bilder, die dann Verwendung finden, wenn bestimmten Phänomenen eine Bedeutung zugeschrieben wird, oder ob sie vielmehr, wie bei PARKER, als Bestandteil der Interaktion in einzelnen Situationen aufgefaßt werden sollen, ist die Kernfrage vieler Debatten zwischen Vertretern der Theorie der sozialen
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Philipp Stahl, 1998, Diskursanalytische Darstellung verschiedener Realitätsentwürfe zum Phänomen des Stimmenhörens, München, GRIN Verlag GmbH
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