Proseminar zur Einführung in die Analyse von Dramen Sommersemester 1993 Institut für Literaturwissenschaft, CAU-Kiel
Text: Reinhard Johannes Sorge, Der Bettler.
Eine dramatische Sendung (1911/1912)
Hausarbeit vorgelegt von
Sabine Lommatzsch Kiel, den 5.8.1993
2
INHALTSVERZEICHNIS
1. Zur Beziehung von "discours" und "histoire": 4
1.1. Nach welchen (etwa formalen, szenischen, räumlichen) Kriterien läßt
sich der "discours" segmentieren? Beachten Sie auch die Verteilung der
Figurenauftritte und den unterschiedlichen Realitätsstatus bzw. die
unterschiedliche Zeichenhaftigkeit der Szenen 4
1.2. Inwiefern und an welchen Stellen reflektiert der Dramentext seine
potentiellen Aufführungsbedingungen und thematisiert die Bühne als
theatralischen Raum? 5
1.3. Die "histoire" verknüpft selektiv mindestens drei "Teilgeschichten", in
denen der "Held" drei, zum Teil konkurrierende Rollen "spielt" und die
zugleich mehrere Phasen durchlaufen: Rekonstruieren Sie die raum-
zeitlichen Phasen dieser "Teilgeschichten", soweit sie aus dem Text
erschlie ßbar sind Welche ranghohen Grenzüberschreitungen/Ereignisse
zeichnen diese "Geschichten" aus? 5
2. Zur paradigmatischen Struktur des Textes: 6
2.1. "Vorhänge" werden im Text rekurrent thematisiert: Welche
eigentlichen und/oder uneigentlichen Lesarten für die Aussage des
"Dichters" im 5. Aufzug, S.164: "-- Den Vorhang zerreißen " sind im Text
angelegt bzw. lassen sich kontextuell begründen? Beruht ihre
Uneigentlichkeit auf Kontguität und/oder Similarität? Welche semantischen
Merkmale fungieren im Falle von Similarität als "tertium comparationis"? 6
2.2. Welche semantischen Paradigmen lassen sich aus dem
vorangestellten dreistrophigen Gedicht ableiten und zeichenhaft auf die
Thematik des Dramas beziehen? 7
2.3. Wie interpretieren Sie auf der Basis dieser Paradigmen den Verlauf
der in 1.3. rekonstruierten "histoire", die Entwicklung des "Helden" und
seine explizit formulierten "Ziele"? 7
2.4. Der Sohn distanziert sich vom "Werk" seines kranken Vaters und tötet
ihn: Welche abmildernde Deutung erfährt dieser Kontinuitätsbruch
sodann ? Welche (uneigentliche) Semantik vermittelt dabei zwischen
"Kontinuität/Dauer" und "Diskontinuität/Wandel"? Worin besteht demnach
"Sinn" und Funktion des Todes der Eltern? 8
3. Welche (divergierenden) Funktionen und Aufgaben formulieren welche
Figuren für eine zukünftige (Theater-) Kunst? Bitte Textstellen angeben 9
4. Welche eigentlichen Bedeutungen könnte Ihrer Meinung nach der
offenkundig metaphorische Titel "Der Bettler" substituieren? 9
3
1. Zur Beziehung von "discours" und "histoire":
1.1. Nach welchen (etwa formalen, szenischen, räumlichen) Kriterien läßt sich der "discours" segmentieren? Beachten Sie auch die Verteilung der Figurenauftritte und den unterschiedlichen
Realitätsstatus bzw. die unterschiedliche Zeichenhaftigkeit der Szenen!
Der "discours" läßt sich formal, auf der oberflächenstrukturellen Ebene in die fünf Aufzüge des Dramas segmentieren. Alle fünf Aufzüge sind getrennt durch Konfigurationswechsel, Unterbrechungen und Wechsel der zeitlichen und räumlichen Kontinuität 1 und sind zusätzlich durch die Regieanweisung "Vorhang" 2 klar segmentiert. Die einzelnen Szenen der Aufzüge sind auf unterschiedliche Weisen voneinander abgesetzt. Sie sind zum Teil durch Konfigurationswechsel 3 , häufiger aber durch Konfigurationswechsel mit zusätzlicher Bühnentechnik wie Geräuschkulisse, Lichtein- und Lichtausblendungen 4 und Vorhang 5 getrennt 6 .
Bei Betrachtung der Figurenauftritte fällt rein quantitativ das Übergewicht der Hauptfigur des Dichters ins Auge. Mit Ausnahme der längeren Kritiker-, Kokotten- und Fliegerszenen im 1. Aufzug ist der Dichter kontinuierlich auf der Bühne, wodurch die Konzentration auf ihn als Hauptfigur unterstützt wird und gleichzeitig andere Figuren in den Hintergrund treten. Ein unterschiedlicher Realitätsstatus der Personen ist bereits aus der Unterteilung der Typen im Figurenverzeichnis ersichtlich. Die "Gestalten des Dichters", nämlich die Gestalt des Dichters und des Mädchens (S. 161), sowie "die drei Gestalten der Zwiesprache", die Erscheinung des Mannes und der Frauen (S. 141), fallen durch ihren geringen Realitätsstatus ins Auge, der schon allein durch ihre Kostümierung 7 deutlich gemacht wird. Zeichenhaftigkeit kommt der Kritiker-, der Kokotten- und der Fliegerszene zu. Sie stehen, ohne mit der Handlung verknüpft zu sein oder diese gar voranzutreiben, allegorisch für die Gedanken des Dichters.
4
Arbeit zitieren:
M.A. Sabine Lommatzsch, 1993, Reinhard Johannes Sorge: Der Bettler, München, GRIN Verlag GmbH
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