Inhaltsverzeichnis
Inhaltsverzeichnis NA
Abkürzungsverzeichnis NA
1 Einleitung 1
Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit 1
Aufbau der Arbeit 2
2 Der Begriff Gesundheit 5
Bestimmungsversuche des Gesundheitsbegriffs 5
Phänomenbereich: Gesundheit in der Schule 11
Das Salutogenese Konzept von Antonovsky 16
Salutogenese: Ein neues Verständnis von Gesundheit 17
Das Kohärenzgefühl SOC 20
Die Komponenten des SOC 23
Das Gefühl von Verstehbarkeit Comprehensibility 23
Das Gefühl von Handhabbarkeit Manageability 23
Das Gefühl von Bedeutsamkeit und NA
(»Meaningfulness«) 24
SOC, Widerstandsressourcen und Widerstandsdefizite NA
als Balanceakt 26
Widerstandsressourcen 27
Widerstandsdefizite 29
Mitwirkungsmöglichkeiten der Schule am SOC 32
Die Entwicklung des Kohärenzgefühls im Jugendalter 32
Kohärenzgefühl und Schule 34
5 Handlungstheoretische Konsequenzen 37
Gesunde Schule Gesunde Strukturen 39
Stärkung der Komponenten des SOC 46
Die Dimension von Verstehbarkeit 46
Die Dimension von Handhabbarkeit 48
Die Dimension von Sinnhaftigkeit und Bedeutsamkeit 58
6 Fazit 62
Anhang NA
Literaturverzeichnis NA
Abkürzungsverzeichnis
HBSC-Studie Health Behaviour in School-aged Children HEDE-Kontinuum Health Ease/Dis-ease-Kontinuum, Gesundheits- Krank- heits-Kontinuum GRD Generalized Resistance Resource Deficit, Generalisiertes Widerstandsdefizit GRR Generalized Resistance Resource, Generalisierte Widerstandsressource SOC Sence of Coherence, Kohärenzgefühl
III
1 Einleitung
1.1 Problemstellung und Zielsetzung der Arbeit
Die salutogene Fragestellung nach den Faktoren, die es möglich machen, dass man trotz vieler potentiell gesundheitsgefährdender Einflüsse im Schulbereich nicht nur körperlich, sondern vor allem mental und sozial gesund und hand- lungsfähig bleibt, beschäftigt mich als angehende Lehrerin in besonderer Wei- se.
Die Hauptthese des salutogenetischen Modells ist, dass ein starkes SOC entscheidend für erfolgreiches Coping mit den allgegenwärtigen Stresso- ren des Lebens und damit für den Erhalt der Gesundheit ist. Wenn diese These korrekt ist, ergibt sich die entscheidende Frage: ‘Unter welchen Bedingungen wird ein starkes SOC ausgebildet?’ 1
Dieser Fragestellung widmet sich diese Arbeit. Es sollen die Bedingungen ver- deutlicht werden, unter denen sich ein starkes Kohärenzgefühl (SOC, Sence Of Coherence) entwickeln kann. Das Hauptaugenmerk liegt darauf, Wege aufzu- zeigen, die es möglich machen, innerhalb des Lebensbereiches “Schule” den SOC von Schülern und Schülerinnen zu stärken und zu fördern. Der SOC ist ein Konstrukt, welches innerhalb des komplexen Salutogenese-Modells des Medizinsoziologen Aaron Antonovsky (1923-1994) eine zentrale Funktion einnimmt, da der SOC letztendlich darüber entscheidet, ob und in wie weit ein Mensch seine allgemeinen Widerstandsressourcen zum Ausbalancieren von gesundheitsbedrohenden Belastungen einsetzen kann. 2 Es handelt sich sozusa- gen um das “Herzstück” des Salutogenese-Modells. Dieses zentrale Konstrukt der Salutogenese, welche die Frage nach den Bedingungen und Erhaltungs- möglichkeiten von Gesundheit zu ihrem Gegenstand macht, definiert Anto- novsky selbst als:
...eine globale Orientierung, die das Maß ausdrückt, in dem man ein durchdringendes, andauerndes aber dynamisches Gefühl des Vertrauens hat, dass die eigene interne und externe Umwelt vorhersagbar ist und das 1 Antonovsky, 1997. S. 150.
2 Vgl. Höfer, 2000. S. 109.
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es eine hohe Wahrscheinlichkeit gibt, dass sich die Dinge so entwickeln werden, wie vernünftigerweise erwartet werden kann. 3
Es handelt sich beim SOC also um eine basale, mentale Größe, die dem Men- schen mentale Stärke und Widerstandskraft gegen widrige Einflussfaktoren verleiht und dadurch als Schutzschild ihrer Gesundheit 4 fungiert. Die Salutoge- nese ist ein Modell, das von der Suche nach Krankheitsursachen, die in das Aufgabenfeld eines pathogenetischen Gesundheitsverständnisses fällt, absieht und stattdessen nach den Bedingungen von Gesundheit sucht. Somit bietet der salutogenetische Ansatz eine sinnvolle und notwendige Ergänzung zu den im Bereich Schule üblichen Formen von Krankheitsprävention. Durch die Hinzu- nahme der salutogenetischen Blickrichtung gelangt man von einem auf Risiko- faktoren beschränkten Blickwinkel zu der Möglichkeit, auch die Schutzfakto- ren der Gesundheit zu erkennen und diese im Sinne einer ganzheitlichen Ge- sundheitsförderung auch zu stärken und zu fördern. Dass die Notwendigkeit einer ganzheitlichen Gesundheitsförderung im Bereich Schule besteht, unter- streicht Hurrelmann schon 1994: „Die Gesundheits- und Krankheitsdaten ma- chen deutlich, dass Anlass zur Sorge um das körperliche, seelische und soziale Wohl der Kinder und Jugendlichen besteht.“ 5
1.2 Aufbau der Arbeit
Das zweite Kapitel dieser Arbeit beschäftigt sich mit dem Phänomen “Gesund- heit”. Zunächst wird mittels eines Überblicks über verschiedene Definitionsan- sätze des Begriffes “Gesundheit” versucht, den Gesundheitsbegriff in seiner aktuellen Bedeutung näher zu bestimmen. Dies scheint mir unerlässlich im Hinblick darauf, dass der Begriff “Gesundheit”, der dieser Arbeit im Sinne der ganzheitlich ausgerichteten Gesundheitsförderung mittels der Förderung eines starken SOC zu Grunde liegt, kein einfacher Begriff ist, sondern sich als mehr- dimensionales und multiperspektivisches Phänomen erweist. Daraufhin soll der 3 Antonovsky, 1997. S. 16.
4 Anm.: Entgegen der Annahme Antonovskys, der den Einfluss des Kohärenzgefühles vorwie- gend auf die körperliche Gesundheit sieht, wurden in zahlreichen Untersuchungen Zusam- menhänge mit der psychischen Gesundheit, dem psychischen Stressempfinden und dem subjektiv eingeschätzten Gesundheitszustand gefunden. Die Ergebnisse zeigten, dass Person- en mit einem starken Kohärenzgefühl weniger psychosomatische Stresssymptome und psychische Belastungswerte nennen. (Vgl. Walder, 2008. S. 54).
5 Hurrelmann, 1994. S. 8.
2
Phänomenbereich “Gesundheit in der Schule” genauer in den Blick genommen werden. Hierbei richtet sich der Fokus darauf, welche gesundheitlichen Beein- trächtigungen vorliegen, die im Zusammenhang mit psychosozialen Stressoren der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen und schulischen Stressoren ge- sehen werden können. Wie aus Anm. 4 zu entnehmen ist, konnten Zusammen- hänge zwischen dem SOC und dem psychischen Wohlbefinden aufgezeigt werden. Neben der Tatsache, dass Stressoren der Lebenswelt von Kindern und Jugendlichen heute vor allem psychische und psychosoziale Stressoren darstel- len (vgl. hierzu Punkt 2.2), ist dies ein weiterer Grund, warum innerhalb dieser Arbeit das rein körperliche, organische Wohlbefinden weitestgehend unbe- leuchtet bleibt.
Da es in dieser Arbeit zudem nicht um Krankheit und Risikofaktoren geht, sondern im Sinne der Salutogenese um die Bedingungen und Schutzfaktoren von Gesundheit, bleibt es bei einer kurzen überblicksartigen Bestandsaufnahme der gesundheitlichen Beeinträchtigungen im Schulbereich. Zudem beschränkt sich der Fokus auf die Gesundheit der Schüler 6 , die Lehrergesundheit hingegen bleibt ausgeblendet.
Der dritte Teil dieser Arbeit beschäftigt sich in der Hauptsache mit der theore- tischen Darstellung des SOC. Dies geschieht mittels der Darstellung des Salu- togenese-Modells von Aaron Antonovsky und dessen konstitutiven Elementen, da der SOC nur aus der Einbettung und im Zusammenhang mit den Grundan- nahmen des Salutogenese-Modells zu verstehen ist.
Das vierte Kapitel dieser Arbeit setzt sich mit den Mitwirkungsmöglichkeiten der Schule am SOC auseinander. Nach einer Betrachtung der Entwicklung des SOC im Jugendalter soll herausgestellt werden, welche pädagogischen hand- lungstheoretischen Konsequenzen sich aus dem vorgestellten Salutogenese- Modell von Antonovsky ergeben und wie diese in der Schule umgesetzt wer- den können.
Im fünften Kapitel werden zunächst einige konstitutive Momente eines guten, gesundheitsförderlichen Schul- und Klassenklimas und deren Umsetzungsmög- lichkeiten betrachtet, da es mir nicht nur als nachhaltiger und glaubhafter, son- 6 Anm.: Wenn im Text, aufgrund der besseren Lesbarkeit, nur die männliche Form erscheint, ist die weibliche Form auch gemeint.
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dern gar als notwendig erscheint, dass eine ganzheitliche Gesundheitsförderung in der Schule in „gesunde“ Strukturen eingebettet sein muss. Die hierbei aufge- führten konkreten Handlungsvorschläge, die zu einem guten Schul- und Klas- senklima beitragen, stammen zum Teil von mir, natürlich immer unter Rück- bindung an die jeweiligen, der Literatur entnommenen konstitutiven Momente eines guten Schul- und Klassenklimas. Im Anschluss daran werden die einzel- nen Komponenten Verstehbarkeit, Handhabbarkeit und Bedeutsamkeit des SOC der Reihenfolge nach näher beleuchtet und konkrete Mitwirkungsmög- lichkeiten der Schule am SOC vorgeschlagen. Das abschließende Fazit fasst die wichtigsten Ergebnisse und Konsequenzen schlussfolgernd zusammen.
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2 Der Begriff “Gesundheit”
Da diese Arbeit die Förderungsmöglichkeiten der psychosozialen Gesundheit von Schülern zum Gegenstand hat, muss eine nähere Bestimmung des zugrun- de liegenden Gesundheitsverständnisses erfolgen. Das Kapitel 2.1. soll den multidimensionalen und mehrperspektivischen Gesundheitsbegriff mittels ver- schiedener Definitionsansätze darstellen. Im Anschluss daran beleuchtet das Kapitel 2.2. den aktuellen Ist-Zustand der Gesundheit in der Schule, sowie all- tägliche und schulische Belastungsmomente und deren gesundheitsbeeinträch- tigenden Folgen.
2.1 Bestimmungsversuche des Gesundheitsbegriffs
Vor jedem Reden über Einflussfaktoren auf oder Förderungsmöglichkeit von Gesundheit muss man versuchen, den Begriff „Gesundheit“ zu definieren oder zumindest zu einer genauen begrifflichen Bestimmung von Gesundheit zu ge- langen. Dass das Vorhaben einer genaueren Begriffsbestimmung sich schwie- riger gestaltet, als man im ersten Augenblick annehmen könnte, zeigen die nachfolgenden Bestimmungsversuche, da sie den Begriff “Gesundheit” als komplexes, mehrdimensionales Phänomen offenbaren. Im Sinne des patholo- gisch orientierten biomedizinischen Krankheitsmodells stellt der Begriff “Ge- sundheit” das Pendant zu „Krankheit“ dar. Dem zu Grunde liegt ein dichoto- mes Konzept, das Gesundheit und Krankheit als zwei sich gegenseitig aus- schließende Zustände definiert. 7 In der Pschyrembel, ein bekanntes medizini- sches Wörterbuch, wird Gesundheit folgendermaßen definiert:
Gesundheit ist im engeren Sinne das subjektive Empfinden des Fehlens körperlicher, geistiger und seelischer Störungen oder Veränderungen bzw. ein Zustand, in dem Erkrankung und pathologische Veränderung nicht nachgewiesen werden können. 8
Das biomedizinische Krankheitsmodell ist nicht nur in der Medizin, sondern auch in allen Bereichen der gesundheitlichen Versorgung das vorherrschende Modell. 9
Beeinflusst davon wird auch im volkssprachlichen Sinne “Gesund- 7 Vgl. Franke, 2006. S. 85.
8 Pschyrembel, 2004. S. 648.
9 Vgl. Franke, 2006. S. 121.
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heit” oft als Gegenbegriff zu “Krankheit” im Sinne von organischen Leiden bestimmt. Man bewegt sich in einem semantischen Feld, das Begriffe wie Arzt, Leiden, Medikamente, Krankenhaus usw. einschließt. 10 Es herrscht die Vorstel- lung, dass man von “gesund” nur dann sprechen kann, wenn keinerlei körperli- che oder psychische Beeinträchtigung vorliegt. Der Begriff “Gesundheit” lässt sich aber nicht einfach ex negativo als das Fehlen von Krankheit bestimmen, sondern beinhaltet als positiver Gegenbegriff zu Krankheit auch positive Ele- mente. Betrachtet man nämlich die etymologische Wurzel des Begriffs “Ge- sundheit” aus dem Germanischen, so eröffnet sich ein Bedeutungsfeld, welches darauf schließen lässt, dass der Begriff mehr als nur das Fehlen eines Gebre- chens meint, sondern den Menschen ganzheitlich, nämlich als körperliches und seelisches Wesen in den Blick nimmt. Der Begriff “Gesundheit” geht zurück auf das germanische (ga)sunda, was soviel bedeutet wie “stark”, “kräftig”, “heil”, “ganz”. Das semantische Feld, in dem man sich hier bewegt, deckt das Wohlsein des Menschen einschließlich seiner seelischen Stabilität ab. 11 Ge- sundheit bedeutet also vom Wort her körperliche und seelische Stärke, Kraft und Ganzheit. 12 Dass der Begriff “Gesundheit” viel mehr umfasst als nur die Abwesenheit von Krankheit zeigt auch das von der Weltgesundheitsorganisati- on (WHO) geprägte Gesundheitsverständnis aus dem Jahre 1948: „Gesundheit ist der Zustand des vollständigen körperlichen, seelischen und sozialen Wohlseins und nicht nur das Fehlen von Krankheit oder Gebrechen.“ 13 Diese Definition von Gesundheit setzt sich von einer rein biomedizinischen, orga- nisch- bzw. pathologisch orientierten Sichtweise ab und proklamiert einen um- fassenden und vor allem positiven Gesundheitsbegriff, der die Verankerung von Wohlbefinden in allen Dimensionen des täglichen Lebens betont. 14
Wäh- rend der pathologisch gerichtete Blick auf Gesundheit nur nach den Ursachen und Vermeidungsmöglichkeiten von Krankheit sucht, erfährt das Gesundheits- verständnis hier nun eine Bereicherung, da nun auch soziale und psychische Aspekte in den Blick genommen werden. Dieser Definition zufolge zählen zur Gesundheitsförderung alle Maßnahmen, die zur Wohlbefindensstärkung bei- 10 Vgl. Mertens, 2008. S. 34.
11 Vgl. Mertens, 2008. S. 35.
12 Schäfer, 1998. S. 31.
13 Präambel der Verfassung der WHO, 1948. Zitiert nach Schäfer, 1998. S. 33.
14 Vgl. Hurrelmann, 1988. S. 16.
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tragen. 15 Die WHO-Definition von Gesundheit als Zustand umfassender Voll- kommenheit scheint jedoch, wie auch später u.a. von Schaefer (1998) und Hur- relmann (2006) kritisiert, utopisch zu sein. Denn eine so verstandene Gesund- heit dürfte nur für wenige Menschen und für diese dann auch nur über begrenz- te Zeit erreichbar sein. 16 So konstatiert auch Hurrelmann (2006): Die utopische Zielvorstellung des »völligen Wohlbefindens« ist unrealis- tisch. Sie bringt ein normatives, wertendes Element in die Definition von Gesundheit und Krankheit. [...] Sinnvoll erscheint vielmehr, den Pol »Gesundheit« als einen Idealzustand zu definieren, der zwar in der Reali- tät des menschlichen Erlebens nur selten erreicht wird, aber als ein Be- zugs- und Orientierungspunkt für die Bestimmung der realen Gesund- heits- und Krankheitsposition herangezogen werden kann. In diesem Sin- ne wird der Impuls der Definition der Weltgesundheitsorganisation auch überwiegend verstanden. 17
Desweiteren ist dem eben angeführten Zitat die Kritik an dem von der WHO implizierten statischen Gesundheitsverständnis zu entnehmen. Hurrelmann plädiert hingegen für ein neues, dynamisches Verständnis von Gesundheit. Auch Mertens (2008) kommentiert das statische Gesundheitsverständniss kri- tisch:
Die Wirklichkeit stellt sich anders dar. Es ist alles im Fluss. Es gibt den Rollstuhlfahrer, der aktiv seinem Beruf nachgeht, wie es auf der anderen Seite den organisch völlig intakten Menschen gibt, der sich mental ange- schlagen durch das Leben schleppt. Wer ist hier der Gesunde? 18
Trotz der Kritik wurde die Definition der WHO nicht verworfen - vermutlich deshalb, weil sie wichtige Gesichtspunkte bewusst macht:
Erstens bedeutet Gesundheit, wie eingangs schon erwähnt, mehr als die Abwe- senheit von Krankheit. Gesundheit wird hier verstanden als ein umfassendes Wohlsein. Dieses Wohlsein bezieht sich nicht nur auf die leibliche Dimension, sondern auch auf psychische und soziale Dimensionen. Gesundheit wird nun mehrdimensional bestimmt und meint unter anderem auch Integration in sozia- le Netzwerke und das seelische Wohlsein eines Menschen. Diese Aspekte fin- 15 Vgl. Jerusalem, 2006. S. 32.
16 Vgl. Schaefer, 1998. S. 8.
17 Hurrelmann, 2006. S. 118.
18 Mertens, 2008. S. 36.
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den sich auch in den folgenden Bestimmungen des Gesundheitsbegriffes wie- der, die im Folgenden noch aufgeführt werden. Es ist also zunächst festzuhal- ten, dass die Erhaltung und Förderung von Gesundheit nicht nur eine medizini- sche Aufgabe ist, die sich durch Vorbeugung und Behandlung von Krankheiten auszeichnet. Mit anderen Worten: Die pathogenetische Sichtweise und das rein biomedizinische Modell reichen nicht aus, um den Begriff „Gesundheit“ im umfassenden Sinne zu erfassen. Es bedarf einer Ergänzung durch die salutoge- netische Sichtweise, nach der Gesundheit als Prozess verstanden wird und als die Fähigkeit, sich auch trotz eventuell vorhandener Gebrechen, Leiden und Krankheiten wohl zu fühlen und zukunftsfähig zu handeln. Damit sind „Ge- sundheit“ und „Krankheit“ nicht mehr als strenge Gegensätze zu verstehen und ein “gesunder Kranker” stellt keinen Widerspruch mehr dar. In diesem Sinne definiert auch Schäfer (1998) Gesundheit als „die Fähigkeit, am Leben in möglichst vielen Facetten teilzunehmen“ 19 .
Weiterhin macht der Begriff „Wohlsein“ in der Definition der WHO deutlich, dass es sich bei dem Begriff „Gesundheit“ nicht nur um einen objektiv be- stimmbaren Zustand handelt, sondern auch um eine subjektive Feststellung. 20 Wohlbefinden wird zu einem Indikator für Gesundheit. Demnach kann ein Mensch, der zwar an einem Gebrechen leidet, sich aber trotzdem wohl fühlt, als gesund bezeichnet werden. Eine treffende Definition des Wohlbefindens als Kriterium für Gesundheit stammt von Hans-Georg Gadamer aus dem Jahr 1993:
Trotz aller Verborgenheit kommt sie [die Gesundheit] aber in einer Art Wohlgefühl zutage, und mehr noch darin, dass wir vor lauter Wohlgefühl unternehmungsfreudig, erkenntnisoffen und selbstvergessen sind und selbst Strapazen und Anstrengungen kaum spüren – das ist Gesundheit. 21
Die Komplexität und Mehrdimensionalität des Phänomens Gesundheit zeigt sich auch an der folgenden Definition von Klaus Hurrelmann aus dem Jahre 1988:
Gesundheit bezeichnet den Zustand des objektiven und subjektiven Be- findens einer Person, der dann gegeben ist, wenn sie sich in den physi- 19 Schaefer, 1998. S. 48f.
20 Anm.: Der Begriff des Wohlseins wurde allerdings auch dahin gehend kritisiert, dass durch ihn das Konzept Gesundheit auf das subjektive Erleben beschränkt wird und die Bedeutung objektiver Befunde gänzlich unterschlagen wird. (Vgl. Klein-Heßling, 2006. S. 15.) 21 Gadamer (1996), zitiert nach Franke, 2006. S. 34.
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schen, psychischen und sozialen Bereichen ihrer Entwicklung im Ein- klang mit den eigenen Möglichkeiten und Zielvorstellungen und den je- weils gegebenen äußeren Lebensbedingungen befindet. Gesundheit ist beeinträchtigt, wenn sich in einem oder mehreren dieser Bereiche Anfor- derungen ergeben, die von der Person in der jeweiligen Phase im Lebens- lauf nicht erfüllt und bewältigt werden können. Die Beeinträchtigung kann sich, muss sich aber nicht in Symptomen der sozialen, psychischen und physisch-physiologischen Auffälligkeiten manifestieren. 22
Aus diesem Gesundheitsverständnis wird deutlich, dass die jeweilige Umwelt und die Bewältigung ihrer Anforderungen an den Menschen eine entscheiden- de Rolle für die Gesundheit spielt. Der Mensch wird ganzheitlich betrachtet auch als eingebunden in seine Umwelt gesehen. Die Definition verweist auch auf die Anforderungen, mit denen ein Mensch im Laufe seines Lebens kon- frontiert wird. So ergeben sich auch für den Lebensbereich Schule Anforde- rungen, die sich im Falle von Über- oder Unterforderung sowohl negativ als auch positiv bei ausgewogener Belastungsbalance auf das Wohlbefinden und den damit in Beziehung stehenden Gesundheitszustand der Schüler auswirken können. In einer späteren Definition Hurrelmanns liegt der Schwerpunkt nicht mehr auf den Ursachen von Gesundheitsbeeinträchtigung und deren Folgen, sondern ergänzt die frühere Definition durch Betrachtung der Bedingungen und Folgen einer gelingenden Gesundheit:
Gesundheit ist nach diesem Verständnis ein angenehmes und durchaus nicht selbstverständliches Gleichgewichtsstadium von Risiko- und Schutzfaktoren, das zu jedem lebensgeschichtlichen Zeitpunkt immer er- neut hergestellt werden muss. Gelingt das Gleichgewicht, dann kann dem Leben Freude und Sinn abgewonnen werden, ist eine Entfaltung der ei- genen Kompetenzen und Leistungspotentiale möglich und steigt die Be- reitschaft, sich gesellschaftlich zu integrierten und engagieren. 23
Gesundheit wird hier verstanden als ein Gleichgewicht von Risiko- und Schutzfaktoren. Allerdings ist dieses Gleichgewicht nicht als ein statischer Zu- stand zu sehen, sondern als ein dynamischer Balanceakt. Hier wird die Nähe zu dem Gesundheitsverständnis von Aaron Antonovsky, dem Begründer der Salu- togenese (salus, lateinisch.: Unverletztheit, Heil, Glück; genese,
griechisch.: 22 Hurrelmann, 1988. S. 16f.
23 Hurrelmann, 2006. S. 7.
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Entstehung), deutlich. Antonovsky versteht Gesundheit als einen Prozess oder auch als einen Balanceakt von gesundheitsgefährdender Stimuli bzw. Stresso- ren und gesundheitsschützenden Ressourcen. Antonovskys Gesundheitsver- ständnis bricht die Dichotomie von Gesundheit und Krankheit auf und geht stattdessen von einem Gesundheits-Krankheitskontinuum aus. Das Gesund- heitsverständnis Antonovskys sowie die verschiedenen Risiko- und Schutzfak- toren werden in den folgenden Kapiteln noch genauer herausgestellt, da das Kohärenzgefühl, welches den Untersuchungsgegenstand dieser Arbeit aus- macht, nur aus der Einbettung in das gesamte salutogenetische Modell zu sehen und zu verstehen ist. Aus dem nachfolgenden Zitat wird deutlich, dass für Hur- relmann das Eingebettetsein in soziale Netzwerke sowie die Fähigkeit zu einer autarken Lebensgestaltung unabhängig von den jeweiligen Lebensumständen entscheidende Bedingungen für Gesundheit sind.
Gesundheit ist nur möglich, wenn eine Person konstruktiv Sozialbezie- hungen aufbauen kann, sozial integriert ist, die eigene Lebensgestaltung an die wechselhaften Belastungen des Lebensumfeldes anpassen kann, dabei individuelle Selbstbestimmung sichern und den Einklang mit den biogenetischen, physiologischen und körperlichen Möglichkeiten herstel- len kann. 24
Anlässlich der Konferenz von Ottawa im Jahre 1986, auch bekannt als Ge- sundheitsförderungs-Konferenz, wurde zum ersten Mal die Wechselwirkung zwischen Gesellschaft und Individuum zur Entstehung von Gesundheit präzise formuliert. Im Gegensatz zu der WHO-Definition aus dem Jahre 1946 wird Gesundheit zudem nun nicht mehr als starrer, unveränderlicher Zustand gese- hen, sondern als dynamischer Prozess, der in ständiger Kooperation mit dem sozialen Umfeld stattfindet. 25
Bemerkenswert ist auch der nun salutogenetisch orientierte Blick auf Gesundheit und die Betonung von Gesundheitsressourcen: Gesundheit steht für ein positives Konzept, das in gleicher Weise die Be- deutung sozialer und individueller Ressourcen für die Gesundheit betont wie die körperlichen Fähigkeiten. Die Verantwortung für Gesundheits- förderung liegt deshalb nicht nur bei dem Gesundheitssektor, sondern bei 24 Hurrelmann, 1988. S. 17.
25 Vgl. Walder, 2008. S. 17.
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allen Politikbereichen und zielt über die Entwicklung gesünderer Le- bensweisen hinaus auf die Förderung von umfassenden Wohlbefinden. 26
„Die Ottawa-Charta für Gesundheitsförderung gilt als programmatisches Pa- pier der Weltgesundheitsorganisation, das durch die Publikationen von Aaron Antonovsky eine theoretische Fundierung erhalten hat.“ 27 Abschließend soll noch ein letztes Zitat von Renate Höfer (2000) genannt werden, das sich expli- zit auf das Modell der Salutogenese bezieht und das m. E. eine treffende Zu- sammenfassung des modernen, dynamisch transaktionalen Gesundheitsver- ständnisses darstellt, welches dieser Arbeit zugrunde liegen soll. Höfer be- stimmt Gesundheit als ...Ausdruck einer individuellen Lebensgeschichte, das heißt als Ergebnis einer tätigen Auseinandersetzung mit den inneren Bedürfnissen und der äußeren sozialen Lebenswelt in Abhängigkeit von der Verfügbarkeit und Nutzung von gesundheitsschützenden beziehungsweise wiederherstellen- den Ressourcen. 28
Da sich diese Arbeit auf die Schule als Lebensbereich konzentriert und unter- sucht, inwiefern im Sinne einer ganzheitlich verstandenen Gesundheit Gesund- heitsressourcen der Schüler und somit ihr SOC gefördert und erhalten werden können, folgt nun eine kurze Bestandsaufnahme der gesundheitlichen Lage in der Schule, wobei von rein organisch bedingten Gesundheitsbeeinträchtigun- gen abgesehen wird.
2.2 Phänomenbereich: Gesundheit in der Schule
In den letzten hundert Jahren haben sich die vorherrschenden Krankheitsbilder stark verändert. Um 1900 waren durch Viren oder Bakterien ausgelöste akute Krankheiten oder Mangelerscheinungen die häufigste Todesursache. Der mo- dernen Medizin ist es gelungen, durch Reihenimpfungen und medikamentöse Behandlungsmethoden die klassischen Infektionskrankheiten einzudämmen. Ein weiterer Faktor für die Eindämmung von Infektionskrankheiten ist die günstige sozioökonomische Entwicklung in der westlichen Welt, die eine Ver- besserung der Lebensverhältnisse mit sich bringt. Diese sichert einen Mindest- standart in Bezug auf materielle Güter und wichtigen Dienstleistungen für die 26 WHO, 1986. Zitiert nach Walder, 2008. S. 20.
27 Kolip et al., 2002. S. 13.
28 Höfer, 2000. S. 75.
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alltägliche Lebensführung der meisten Kinder und Jugendlichen. 29 So kann zwar ein Zurückgehen der akut-infektiösen Krankheiten dokumentiert werden, gleichzeitig muss aber eine Zunahme von chronisch-degenerativen und psychi- schen Erkrankungen festgestellt werden. Das biomedizinische Modell kann diese neuartigen Krankheitsbilder nicht allein entscheidend klären und be- kämpfen, da es sich um ein multikausales Zusammenspiel von sozialen, kultu- rellen, ökologischen, psychischen, physiologischen und genetischen Bedingun- gen handelt. 30 Diese Tatsache macht es notwendig, das biomedizinische Mo- dell durch eine Gesundheitsförderung zu ergänzen, die den Menschen ganzheit- lich in den Blick nimmt und sich auch auf die Förderung und Stärkung seiner körperlichen, aber vor allem seiner psychischen und sozialen Ressourcen kon- zentriert, denn:
die meisten der Gesundheitsbeeinträchtigungen im sozialen, psychischen und physiologischen Bereich von Kindern und Jugendlichen müssen wir als Symptome für Stress, […] für einen subjektiv überfordernd empfun- denen unangenehmen bio-psycho-sozialen Spannungszustand werten, der sich aus den vielfältigen Belastungen ergibt, denen sich schon junge Menschen in modernen Industriegesellschaften ausgesetzt sehen. 31
Alltägliche und schulische Belastungsmomente Die Anforderungen, denen Kinder und Jugendliche heute gegenüberstehen, sind durch Stichworte wie “Pluralisierung der Lebenswelten ”, “Individualisie- rung der Lebensweisen” und “Enttraditionalisierung der Lebensformen” ge- kennzeichnet. 32 Daraus resultiert unter anderem, dass traditionelle Sinnge- bungsstrukturen wie gesellschaftliche Traditionen, familiäre Strukturen, regio- nale oder religiöse Gemeinschaften an Bedeutung verlieren, was die Entwick- lung von Identität und Kohärenzgefühl erschwert. Dieser Wandel verändert somit die Bedingungen und die Bedeutung von Gesundheit.
33 Was zum einen eine große Freiheit und Selbstverwirklichungspotentiale beinhaltet, stellt zum anderen auch eine schwierige Aufgabe dar, denn der traditionelle Orientierungsrahmen steht nur eingeschränkt zur Verfü- gung. Ein Anstieg des psychosozialen Stress könnte deshalb [...] als Indi- 29 Vgl. Hurrelmann, 1990. S. 9.
30 Vgl. Hurrelmann & Laaser, 1993. S. 4f.
31 Hurrelmann & Engel (1993), zitiert nach Johanssen (2003), S. 11.
32 Vgl. Paulus, 2000. S. 26.
33 Kolip et al., 2002. S. 13 12
kator für individuelle Überforderung und soziale Disorganisation gewer- tet werden. 34
Zu den “Kosten der modernen Lebensweise”, die auch im Bereich Schule rele- vant werden und mit denen die Schule fertig werden muss, kommt, dass die Schule selbst gesundheitliche Problematiken erzeugt oder diese noch verstärkt. Paulus (2000) bezeichnet die Schule als einen Risikofaktor für die Gesundheit der in ihr Lernenden und zieht seine Bestätigung aus der schulbezogenen ge- sundheitswissenschaftlichen Forschung. Belastungsmomente, die genannt wer- den, sind Leistungs- und Statusdruck, überhöhte Leistungsanforderung durch Schule und Elternhaus, Sinndefizit des schulischen Lernens, schlechte und “ausgebrannte” Lehrer, unsichere Berufsperspektiven, Marginalität und Ein- samkeit durch soziale Ausgrenzung und zu guter letzt mangelhafte Schulöko- logie. Kolip und Hurrelmann (1994) sehen in der sozialen Ausgrenzung den maßgeblichsten Risikofaktor für die soziale Gesundheit der Schüler. 35 Die Er- gebnisse der HBSC-Studie zeigen zudem, dass das Wohlbefinden von Schülern und Schülerinnen nicht nur durch die Angst vor schlechten Noten negativ be- einflusst wird, sondern auch durch mangelndes Interesse an den Unterrichtsin- halten sowie mangelndes Mitspracherecht in der Schule. 36 Alle Sorgen und Belastungsmomente haben einen großen Einfluss auf das Befinden von Schü- lern und Schülerinnen. 37
Psychisch bedingte Gesundheitsbeeinträchtigungen Die gesundheitsbeeinträchtigenden Folgen der eben dargestellten Belastungs- momente der Lebens- und Lernwelt von Kindern und Jugendlichen sind enorm: Es ist ein bedeutender Anstieg von Gesundheitsbeeinträchtigungen zu ver- zeichnen, die durch diese psychischen Einflüsse bedingt sind. Die HBSC- Studie 38 ergab, dass ein Fünftel aller Kinder und Jugendlichen unter psychi- schen Beeinträchtigungen leidet.
Im Kindes- und Jugendalter ist eine Zunahme von psychischen und emo- tionalen Befindlichkeitsbeeinträchtigungen zu beobachten, und es wird 34 Kolip et al., 2002. S. 13f.
35 Vgl. Grasböck, 2004. S. 18.
36 Vgl. Ravens-Sieberer & Thomas, 2003. S. 48.
37 Vgl. Paulus, 2000. S. 26.
38 Anm.: Die HBSC- Jugendgesundheitsstudie aus dem Jahr 2002 im Auftrag der WHO unter- sucht das Gesundheitsverhalten von Schülern in Berlin. (Vgl. Hurrelmann et al., 2003.) 13
Arbeit zitieren:
Marisa Kneip, 2009, Mitwirkungsmöglichkeiten der Schule am Kohärenzgefühl, München, GRIN Verlag GmbH
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