Das Nichtandere als Gottesbegriff Nachdem das Nichtandere in den einleitenden Kapiteln der Spätschrift Cusanus’ ausgehend von der Definition als bester Wissensmethode definiert wird, wird es weiterhin als der beste Begriff für Gott unter den Schlechten bestimmt. Das Nichtandere ist, sofern es als Name für Gott verstanden wird, nämlich kein eigentlicher Name, mit dem man das Wesenswas Gottes im Wissen tatsächlich erreichen kann, sondern lediglich »ein vorzügliches Aenigma, das zur Schau Gottes anleitet. Vor dem Anderen ist nämlich nur eine Schau des Nichtanderen möglich; aber Gott erscheint in ihm keineswegs unverhüllt.« 6 Kein Bestimmungsmerkmal des Nichtanderen kann in seiner Definition durch ein anderes ersetzt werden und weil das Nichtandere sich selbst bestimmt, also keines Anderen bedarf, um zu sein, ist es der durch sich eigenständige Ursprung, das absolute »Zuvor«. G. Schneider schreibt hierzu:
»Als non aliud ist Gott für jedes Andere vorausgesetzt, denn überall erweist sich das Je-Andere in sich zuvor als ein Nichtanderes zufolge seiner nur ihm eigenen Wesensbestimmtheit. In der Identität mit sich selbst hat das je-andere Was seinen urtümlichen Bestand. Da nämlich das Andere nichts anderes ist als das Andere, setzt es das Nichtandere, ohne das es nicht das Andere wäre, unbedingt voraus.« 7 Gott ist und bleibt nichts anderes als Gott, so wie Etwas nichts anderes als Etwas ist. Nur ist Gott kein Etwas, welchem man ein anderes Etwas entgegensetzen könnte. Er ist das Nichtandere. Aufgrund der wesenhaften Nichtandersheit, welche Gottes Allmacht vergegenwärtigt, kann man sagen, dass alles von ihm und durch ihn das ist, was es ist.
Das Nichtandere als Ausdruck der Dreieinigkeit
Es ist Ferdinand 8 , der Cusanus im Dialogverlauf nach einer möglichen Darstellung des dreieinen Gottes durch das Nichtandere befragt. Er möchte sich vergewissern, ob das Nichtandere in theologischer Hinsicht dem Offenbarungsinhalt über den göttlichen Ursprung entspricht, und so sagt er, dass der Wissbegierige vor allem frage, wo der Grund dafür
6 Schneider, Gerhard: Gott - das Nichtandere. Untersuchungen zum metaphysischen Grunde bei Nikolaus von Kues, Münster Westfalen 1970, S.122f.
7 Ebd., S.123.
8 Es handelt sich hierbei um Ferdinand Matim aus Lissabon, den Leibarzt von Nikolaus von Kues. Er ist Aristoteliker/ Scholastiker und stellt neben Cusanus selbst, dem Sekretär Cusanus’ Johannes Andreas aus Vigevano (Platoniker) und dem mit Cusanus befreundeten Petrus Balbus aus Pisa (ebenfalls Platoniker) einen der Gesprächspartner im Cusanischen Tetralog dar. Bis Kapitel 20 führen Cusanus und sein Arzt in Anwesenheit Petrus’ allerdings lediglich einen Dialog über das Nichtandere.
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hergenommen werde, dass der dreifaltige und eine Gott durch das Nichtandere bezeichnet werde, obwohl das Nichtandere doch jeder Zahl vorausgehe. 9 Um das Nichtandere als Allegorie des trinitarischen Gottesglaubens aufzudecken, verweist Cusanus auf die Definition des Nichtanderen, nach der das Nichtandere eben nichts anderes als das Nichtandere ist, und weist auf die dreifache Wiederholung des Gleichen hin, welche die Definition des Ersten ist. 10 Das Nichtandere expliziert sich in seiner Selbstbestimmung zweifach, so dass es dreifach unverändert vorkommt, da das als erstes gesetzte Nichtandere in seiner zweiten und dritten Bestimmung in keiner Weise eine Abänderung seines Wesens hinnimmt. 11 Die Selbstdefinition des Nichtanderen zeigt sich nach G. Schneider »als eine in sich geschlossene, vollkommene (gleichsam kreisförmig vollendete) Bewegung; denn das Nichtandere geht von sich selbst aus […] und kehrt in sich selbst zurück, schließt sich in sich […].« 12 Aus diesem Grund nämlich, weil es sich selbst definiert, ist das Nichtandere selbst dreieinig. Aus der Vollkommenheit des Nichtanderen ergibt sich die Dreiheit. Dreiheit steht hierbei allerdings nicht für einen Zahlcharakter, da man sie vor allem anderen erkennt. 13 Dreiheit ist nach Cusanus nichts anderes als Einheit und Einheit nichts anderes als Dreiheit, da Dreiheit und Einheit nichts anderes sind als das durch das Nichtandere bezeichnete Prinzip. 14 Es handelt sich bei der Dreiheit also nicht um eine Zahl. Vielmehr könnte man von einer »abzählbaren Unzahl« sprechen.
Wie Augustinus hält Cusanus also daran fest, dass Trinität keine arithmetische Dreiheit ist, sondern Dreiheit und Einheit in einer Weise, welche alles begrenzte menschliche Fassungsvermögen übersteigt. 15 Der menschliche Geist kann lediglich die belehrte Unwissenheit (docta ignorantia) nutzen, indem er (mathematische) symbolische Illustrationen benutzt, die auf die göttliche Trinität hinweisen. Denn diese Trinität kann nicht an sich bzw. in sich erfasst werden. Daher eignet sich Cusanus zum Zweck der Anschaulichkeit Illustrationen aus der Tradition an. So übernimmt er von Augustinus und Anselm von Canterbury beispielsweise das Gleichnis eines einzelnen Gewässers als einer einzigen Wassermasse, welche gleichzeitig Quelle, Strom und See ist. Die Quelle ist weder der Strom
9 Vgl. Kues, Nikolaus v.: Vom Nichtanderen, S.15.
10 Vgl. ebd.: Vom Nichtanderen, S.15f.
11 Vgl. Schneider, S.142.
12 Ebd.
13 Vgl. Kues, Nikolaus v.: Vom Nichtanderen, S.16.
14 Vgl. Kues, Nikolaus v.: Vom Nichtanderen, S.16.
15 Vgl. Hopkins, Jasper: Verständnis und Bedeutung des dreieinen Gottes bei Nikolaus von Kues, in: Kremer, Klaus/ Reinhardt, Klaus (Hrsg.): Nikolaus von Kues. 1401 2001. Akten des Symposions in Bernkastel-Kues vom 23. bis 26. Mai 2001, Trier 2003 (Mitteilungen und Forschungsbeiträge der Cusanus-Gesellschaft 28), S.140.
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Arbeit zitieren:
Nadine Heinkel, 2010, Über Nikolaus von Kues: »Vom Nichtanderen« (»De li non aliud«), München, GRIN Verlag GmbH
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