Der Dialog im Dialog
Rolf Todesco
Inhaltsverzeichnis II
Inhaltsverzeichnis
1 Vorwort... 1
2 Einladungen... 12
3 Ein Anfang ... 13
4 Fragen im Dialog ... 38
5 Die Veranstaltung... 68
6 Verheissungen ... 96
7 Wahrheit und Konflikt... 116
8 Dialog als Kunst ... 142
9 Sinn und Verstehen ... 164
10 Reflexion ... 193
11 Nachwort... 203
12 Glossar und Literatur... 207
Der Dialog im Dialog
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1 Vorwort
Mit Dialog im Dialog lege ich einige Berichte von inszenierten Dialogen vor. In-
szeniert werden solche Dialoge in Form von Veranstaltungen, in welchen durch
Protokolle darüber, wie man spricht, verhindert wird, dass der Gesprächsgegen-
stand die Führung darüber übernimmt, was man spricht. Die Protokolle, die die
Gesprächsform festlegen, sollen verhindern, dass die Sprechenden zu Subjek-
ten verkommen, die der jeweils verhandelten Sache unterworfen sind. In diesen
Dialog sollen nicht die Gesprächsgegenstände bestimmen, was gesagt wird,
sondern der Logos durch die Form der Sprache. Die Protokolle verlangen vor-
dergründig, dass die Formulierungen eine bestimmte Form einhalten, so dass
ich jedes Mal bevor ich spreche, noch etwas über die Formulierung nachdenken
muss. So bleibe ich stets gewahr, dass ich spreche und dass ich das, was ich
sage, auf verschiedene Weise sagen könnte, wobei ich dann natürlich Ver-
schiedenes sagen würde. Ich treffe eine Wahl und bedenke so, was ich mit
dem, was ich sage und wie ich es sage, aneignen will. Dieses Aneignen verste-
he ich als allmähliche Verfertigung der Gedanken beim Reden. Ich spreche so,
damit mir klarer wird, wie ich zu andern, zum Du spreche.
Solche Dialogveranstaltungen kann man als Fortsetzung der Konversationssa-
lons sehen, in welchen sich die Rhetorik des Mittelalters aufgehoben hat. In der
kultivierten Salonkonversation zielt die Aufmerksamkeit immer darauf, dass kei-
ne Festschreibungen entstehen, obwohl oder gerade weil in diesen Salons im-
mer die Zeit nach der nächsten angestrebten sozialen Revolution antizipiert
wird. Die Konversation betrifft immer die Utopie, die nur erwogen wird, die man
auch dort, wo sie sich als Historie gibt, nur erkennen, aber nicht kennen kann.
In diesen Dialogen will ich keine Wahrheit finden und nicht darüber sprechen,
wie es wirklich ist. Indem ich zum Du spreche, will ich erkennen, was gemein-
sam formulierbar ist. Man kann darin eine Erwägungskultur sehen.
Die in unseren Dialogveranstaltungen verwendeten Protokolle stammen nicht
aus den aristokratisch-frühbürgerlichen Salons, sondern werden im Dialog
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selbst entwickelt. In diesen Dialogprotokollen ist die Differenz zwischen Vor-
schrift und Beschreibung insofern aufgehoben, als jede Dialoggruppe ihre Re-
geln immer so umschreibt und anpasst, dass sie zum Verhalten der Dialogteil-
nehmer passen. Anhand des Protokolls kann jede Dialoggruppe erkennen, wo-
ran sie sich als Dialoggruppe halten wollte. Jede Dialoggruppe kann so in ihrem
Protokoll ihr eigenes Dialogverständnis erkennen und reflektieren.
Die hier protokollierten Dialoge stammen also von Dialoggemeinschaften, die
sich nicht zufällig im Park oder am Stammtisch zu einem beliebigen Gespräch
treffen, sondern von Dialoggemeinschaften, die eigens in Veranstaltungen zu-
sammenkommen, um im Dialog über den Dialog nachzudenken und dialogische
Haltungen zu erkunden. In jüngerer Zeit hat David Bohm solche Dialog-Veran-
staltungen populär gemacht und in seinem Buch "Der Dialog" reflektiert. Für un-
sere Dialog-Veranstaltungen hat er damit eine Art praktiziertes Vorbild geschaf-
fen. Er zeigte exemplarisch, wie man im Dialog dialogisch und effektiv über den
Dialog nachdenken kann, ohne dass daraus eine Vorschrift oder ein Fest-
schreiben entsteht, das über den Moment der Dialogrunde hinaus Geltung be-
anspruchen würde. Er bezeichnete diese Praxis als partizipierendes Denken.
Man kann aber auch einfach von Partizipieren, Zusammenarbeiten oder Kom-
munizieren sprechen, wenn man das Denken in zwischenmenschlichen oder
sozialen Beziehungen nicht so herausstellen will. Bezeichnungen wie Denken
und Arbeiten verführen mich überdies leicht dazu, eine Art Nützlichkeit, eine
Funktion oder einen Zweck zu suchen und den Dialog so zum Mittel zu ma-
chen. In den hier beschriebenen Dialog-Veranstaltungen geht es aber um den
Dialog, nicht um einen Zweck, zu welchem der Dialog als Verfahren oder als
Methode zu begreifen wäre. Wir praktizieren den Dialog, wir verwenden ihn
nicht für etwas und wir wenden ihn nicht für etwas an.
In diesen Dialogen begreife ich keine Sache, sondern Beziehungen, die ich zu
Sachen, zu Mitmenschen und zum Leben pflegen will. Im so verstandenen Dia-
log finden unsere Beziehungen ihren Ausdruck dia logos; dia logos heisst dabei
,,durch das Wort". Dialoge in diesem Sinne sind zwar Gespräche, aber keine
Zwiegespräche oder Diskussionen. Im Dialog unterscheide ich zwischen Ich
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und Du, damit ich die Beziehung, die Art, wie Ich und Du in der Einheit einer
umfassenden dialogischen Kultur zusammen gehören, dia logos zur Sprache
bringen kann. Indem ich die analytische Differenz eines Ichs erzeuge, kann ich
über die Einheit in Form von Beziehungen zwischen Ich und Du sprechen. Die
in diesem Dialog gemeinten Beziehungen zwischen Ich und Du sind nicht wech-
selseitig, sondern eine Einheit. Sie werden lediglich in dialektischer Rede entfal-
tet, eben im Dialog. Im Dialog höre ich, wie ich diese Beziehungen auch formu-
lieren könnte, weil andere sie so formulieren. Im Dialog erkenne ich dia logos,
also durch die Formulierung hindurch, wo ich wie aufgehoben bin.
In diesem - es gibt ja auch ganz andere Auffassungen - Dialog beobachte ich
Unterscheidungen, die zu verschiedenen Vorstellungen führen, und wie diese
Unterscheidungen von diesen Vorstellungen abhängig sind. Viele dieser Unter-
scheidungen sind kulturell in dem Sinne fundamental, als sie innerhalb der Kul-
tur kaum wahrgenommen werden. Im Dialog werden solche Unterscheidungen
dia logos explizit und ermöglichen uns damit gewählte Vielfalt. Ich spreche im
Folgenden exemplarisch einige solcher Unterscheidungen an, die mein in unse-
ren Veranstaltungen bisher entwickeltes Dialogverständnis selbst betreffen.
Zum einen erkenne ich, dass ich in meinem Alltag in zwei verschiedenen Dia-
logkulturen lebe, die man etwas plakativ als jüdisch-gemeinschaftlich und grie-
chisch-wissenschaftlich bezeichnen könnte. Die "griechischen" Dialoge von So-
krates, die Galileo Galilei im Sinne der Renaissance wieder aufgenommen hat,
widerspiegeln sich in unseren wissenschaftlich orientierten Ausbildungen. Es
geht dabei darum, Wissen mitzuteilen und sicherzustellen, dass alle dasselbe,
das möglichst Richtigste wissen. Galileo Galilei hat dafür den Ausdruck Diskurs
verwendet, weil er sich der zerschneidenden und entscheidenden Praxis sol-
cher Diskussionen bewusst war. Den "jüdisch-religiösen" Dialog dagegen er-
kenne ich als Gespräch, das an das Du gerichtet ist. Es geht mir in diesem Dia-
log darum, mich selbst in eine Beziehung zur Welt zu setzen, während ich die
"griechische" Wissenschaft gerade unabhängig von mir zu denken habe. Martin
Buber bezeichnete diese Unterscheidung durch zwei verschiedene Ich-Formen,
ein Ich-Es und ein Ich-Du. Das Es-Ich spricht - schliesslich wissenschaftlich -
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über die Welt, das Du-Ich spricht mit der Welt. Franz von Assisi sprach mit den
Vögeln, nicht über die Vögel. In unseren Dialogveranstaltungen laviere ich oft
zwischen diesen Kulturen, oft weil es mir schwerfällt im Dialog zu bleiben und
alle Beiträge als dialogische wahrzunehmen. Unser Dialog erscheint mir unter
diesem Gesichtspunkt als erfahrbare Differenz zwischen Dialog und Diskurs.
In der Diskurstheorie wird diese Differenz wissenschaftlich behandelt. Der Dis-
kurs erscheint dabei als subjektfreies Gespräch der Wissenschaft, welches Wis-
sen gerade dadurch generiert, dass jede Subjektivität sublimiert wird. Michel
Foucault geht in Freudscher Tradition sogar so weit, den Diskurs als gesell-
schaftlich inszenierten Dialog zu begreifen, in welchem durch die entlastende
Inszenierung einer Objektivität alles gesagt werden darf, weil kein Mensch, son-
dern quasi die Wirklichkeit spricht. Die Wissenschaft kennt kein Tabu, der wis-
senschaftlich sprechende Mensch hat keine Verantwortung, weil er als Über-
bringer der Nachricht, quasi als Autor der Natur nur sagt, wie es wirklich ist.
Und um die Wirklichkeit zu Worte zu kommen lassen, darf die Wissenschaft
auch alles tun. Jedes Tabu wird zugunsten von objektivem Wissen als Hem-
mung in einer Ethik aufgehoben. In unserem Dialog bringen wir in gewisser
Weise Hintergründe von Tabus zur Sprache, statt die Tabus zu brechen und
dafür Ethik auszusprechen, wie Ludwig Wittgenstein es nannte.
Die Du-Es-Differenz verdoppelt sich in der verbreiteten Vorstellung, man könne
den Dialog wie jenen von Sokrates als Verfahren einsetzen, das in Kommunika-
tionstrainings geschult werden könne. Es gibt verschiedene Mediations- und
Coachingslehren, die in Politik und Business getrennte Parteien durch rheto-
risch geschultes Reden einigen sollen. In diesem Dialog geht es aber gerade
nicht darum, jemandem etwas mitzuteilen, sondern darum, etwas zu teilen.
Wenn ich mitteile, behandle ich mein Gegenüber als Es, ich konfiguriere oder
in-form-iere Es. Ich entscheide, was mein Gegenüber wissen muss. Im aufge-
hobenen Mitteilen des Dialoges habe ich gar kein individualisiertes Gegenüber,
das ich informieren könnte. Ich nehme im Dialog zwar Personen wahr, aber ich
nehme sie als persona eines Du. Wo ich zum Du spreche, idealtypisch bei-
spielsweise im Gebet, reproduziere ich keine Information über die Welt, son-
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dern spreche über mein Wahrnehmen unserer Beziehung. Dein Reich komme.
Die Differenz zwischen Dialog und Diskurs erscheint mir auch in der Differenz,
in welcher ich nach Erklärungen suchen oder anderen Menschen etwas erklä-
ren kann. Im Diskurs ist wichtig, dass der andere meine Erklärung versteht, im
Dialog ist wichtig, dass ich mein Erklären verstehe; dass ich Erklärungen kon-
struieren oder eben dialogisierend verfertigen kann. Das Du repräsentiert im
Dialog nicht jemanden, dem ich etwas erklären muss, in diesen Dialogen will ich
nicht, dass andere meine Erklärungen verstehen. Gott und jede seiner Reprä-
sentationen im Dialog brauchen meine Erklärung nicht, ich brauche sie - ich
brauche sie noch, solange ich sie produziere. Im Dialog mache ich keine Mittei-
lungen und schon gar keine Überzeugungsversuche. Ich mache Äusserungen,
in welchen ich mein Ich (also mich) als Ausdrucksweise einer Inkarnation be-
greife. Ich strebe dabei nicht nach einer Selbstfindung oder Selbstverwirkli-
chung eines Ichs, sondern danach, das Ich oder das Selbstbewusstsein als Mit-
tel des Dialoges zu erkennen. Es geht mir nicht darum, individuelle Subjekte zu
verstehen, sondern darum, den Sinn zu erkennen, der hinter dem Sprechen
liegt, das die Subjekte erst hervorbringt. Verstehen bedeutet in dieser Differenz
nicht an die Stelle des andern zu stehen, also ihn oder seine Worte zu verste-
hen. Verstehen heisst die Offenbarung des Sinns zu sehen. Im Dialog mit dem
Du muss ich verstehen, was ich sage, ich muss meine Worte verstehen. Das
Du, das ich im Dialog anspreche, weiss - wie jenes, das ich im Gebet anspre-
che - immer schon und antwortet nicht mit Wörtern.
In diesem Sinne kann ich im Dialog nicht (be)lehren. Lehrend beziehe ich mich
auf Realitäten, die mir so wichtig scheinen, dass ich sie mitteilen muss. Dabei
verliere ich den Respekt vor dem Du, weil ich quasi durchsetze, was wichtig ist,
ohne mich darum zu kümmern, was der andere wichtig findet.
In Dialogen erkenne ich oft auch ein Differenz zwischen dem Ich und dem Wir.
Wo wir gemeinsam denken und sprechen, liegt die Vorstellung nahe, dass wir
ein gemeinsames Verständnis anstreben oder gar erreichen könnten. Im Dialog
baue ich aber auf einer Gemeinsamkeit auf, ich habe sie nicht als Ziel.
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Die Gemeinsamkeit ist im Dialog bereits gegeben, bevor irgend etwas geäus-
sert wird. Ich spreche nicht zu Menschen, die mir gegenüber stehen, sondern
mit Menschen, die die Du-Ich-Unterscheidung als Ausdrucksform der Gemein-
schaft mit mir teilen. Was ich im Dialog sage, sind Worte - dia logos - die eine
Sprechgemeinschaft voraussetzen, die nicht an eine Sprache gebunden ist. Ich
spreche auch mit meinen Tieren, vor allem aber auch mit Gott, obwohl beide
nicht in meiner Sprache antworten. Im Diskurs wähne ich mich verstanden,
wenn der andere so reagiert, wie wenn er mich verstanden hätte. Im Diskurs
haben Worte wie Sachen eine Bedeutung, auf die Bezug genommen wird. Im
Dialog haben Worte ihre Bedeutung nicht in sich, sondern in den Sprechenden
und in den Hörenden. Es ist im Dialog nicht wichtig, dass diese Bedeutungen ir-
gendwie übereinstimmen, sondern nur, dass es den Dialogteilnehmenden ge-
lingt, durch die Worte den Sinn des Du in der Gemeinschaft zu erkennen. Im
Dialog muss ich nicht über die richtige Interpretation von Worten befinden oder
in irgendeiner Art intersubjektiv verstehen, was mit den Worten gemeint sein
könnte. Im Dialog hören alle, was sie hören und alle verstehen, was sie verste-
hen.
Man kann den Dialog von einem Monolog unterscheiden. Umgangssprachlich
verkürzt wird Monolog oft für die Rede eines Einzelnen verwendet und Dialog
für ein Gespräch, in welchem mindestens zwei Personen sind. Das Wesen des
Monologes sehe ich aber nicht darin, dass nur einer spricht, sondern darin,
dass eine Sichtweise als die Richtige dargestellt wird. Im Monolog sagt
schliesslich einer, was nach einer gelungenen Diskussion jeder der Beteiligten
sagen würde, weil sich eine Sichtweise durchsetzen konnte. Der Monolog wi-
derspiegelt so gesehen das Resultat einer Diskussion, in welcher verschiedene
Vorstellungen argumentativ durch die mächtigste Vorstellung ersetzt wurden.
Der Monolog hat dort einen etwas negativen Beigeschmack, wo diese Zumu-
tung durchschimmert. Anschaulich gesprochen geht es in der Diskussion da-
rum, dass sich verschiedene Vorstellungen immer mehr annähern, während es
im Dialog darum geht, verschiedene Vorstellungen zu entfalten. In der Diskus-
sion fliessen Bäche und Nebenflüsse in einen Strom, der alles mitreisst, im Dia-
log geht es um Vielfalt, die sich wie die Krone eines Baumes aus einem Stamm
Der Dialog im Dialog
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herausentwickelt. In der Diskussion ist entscheidend, dass sich die richtige Vor-
stellung durchsetzen kann. Im Dialog ist die beste Vorstellung eine unter vielen
besten Vorstellungen. Die Diskussion sucht ein Ende, die Einigung im Monolog.
Der Dialog geht wie das Leben immer weiter, wobei immer neue Möglichkeiten
sichtbar werden.
Eine wieder ganz andere manifeste Differenz, die unsere Dialogveranstaltung
betrifft, besteht zwischen Dialogen und Dialog-Veranstaltungen. Die Dialog-Ver-
anstaltung ist als Übung konzipiert. Ich übe aber in der Dialog-Veranstaltung
nicht für einen späteren Zeitpunkt, für einen Auftritt oder für einen Ernstfall, ich
übe im Sinne des Ausübens. Die Übung zeigt sich vor allem darin, dass wir uns
ein Protokoll geben, also festlegen, wie gesprochen werden darf, während Dia-
loge natürlich gerade keine Regeln haben, die jemand einhalten müsste. Ein
grosser Teil der Reflexionen in unseren Dialogveranstaltungen betrifft den Sinn
und die Interpretation dieses Protokolls. Weil die Regeln nicht von aussen kom-
men, sondern in den Dialoggruppen selbst hervorgebracht werden, ist die Re-
flexion der Regeln immer auch eine Reflexion des mitgebrachten Verständnis-
ses. Und weil leicht zu erkennen ist, dass die Regeln nicht das Wesen des Dia-
loges betreffen, sondern Werkzeuge der Übung sind, herrscht in den Dialogver-
anstaltungen zu diesen Regeln immer ein ambivalentes Verhältnis mit einem
beträchtlichen Frustrationspotenzial, das wohl jedes geregelte Üben begleitet.
Man kann mit diesem Frustrationspotenzial aber auch die eigenen Ansprüche
bemessen.
Eine an die Veranstaltungsregeln anschliessende Differenz besteht zwischen
Regeln als Gebot und Regeln als Vision. Unsere Dialogregeln sind auch in der
Dialogveranstaltung keine Vorschriften, die jemand einhalten müsste. Das wür-
de nicht nur dem Dialog prinzipiell widersprechen, sondern auch einer Veran-
staltung, deren Sinn auch im Ausloten von Regeln liegt. Die Regeln müssen nur
in einem bestimmten Sinn eingehalten werden, sie müssen als solche aufrecht
erhalten werden, gleichgültig wie oft sie auf welche Weise verletzt werden. Die
Regelverletzungen müssen als Ausnahmen wahrgenommen werden können
oder wo das nicht mehr gelingt, als Antrag, die Regeln zu ändern. Regelverlet-
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zungen werden in keiner Weise geahndet, sie werden als Anlass genommen,
die Regel zu bedenken. Die Regeln beschreiben als Vision, wie ich sprechen
möchte, wie ich sprechen werde, wenn ich dialogisch entwickelt bin. Wenn ich
die Einträge auf den Steintafeln von Moses als solch utopische Regeln lese, le-
se ich nicht, Du sollst nicht lügen, rauben und töten, sondern die Verheissung,
Du wirst nicht lügen, rauben und töten, wenn Du ein Mensch geworden bist. Die
Regeln des Protokolls beschreiben nur sozusagen die Zukunft, sie beschreiben
als Utopie die Gegenwart.
Die hier vorgestellten Dialoge sind äusserlich durch Dialogregeln bestimmt. Ein
paar einfache Dialogregeln, die sich am Anfang von Veranstaltungen schon oft
bewährten, beschreiben etwa, dass ich im Dialog Ich-Formulierungen verwende
und in die Mitte spreche. Ich spreche nicht zu, sondern mit Menschen. Ich sage
nichts, was andere wissen müssen, sondern ergründe, was wir gemeinsam er-
kennen können. Im Dialog versuche ich nicht zu überzeugen, was von andern
bezeugt wird. Ich bezeuge, was ich für-wahr-nehme. Die für mich grösste
Herausforderung besteht gerade darin, im Dialog etwas anderes als andere zu
sagen, ohne dies als ihnen zu widersprechen zu begreifen. Im Dialog muss ich
auf eine radikale Weise bei meinen Vorstellungen sein, weil ich nur so den Re-
spekt gegenüber verschiedenen Vorstellungen nicht verletze, also nicht in Kom-
promissen auflöse.
Die Dialogregeln lassen sich als eine Art Absicherung verstehen, als ein Behält-
nis, innerhalb dessen ich ohne Vorsicht und ohne Rücksicht über meine Vor-
stellungen sprechen kann. Was mir in einer Diskussion als Widerspruch er-
scheint, verstehe ich im Dialog als komplementäre Auffassung, die Reichtum
erschliesst, weil von allem, was von Herzen gesagt wird, nichts ausgeschlossen
wird. Da ich im Dialog auch mir selbst zuhöre, kann ich erkennen, wie oft mir
unklar ist, was ich sage. Ich kann meine eigenen Aussagen wie die Aussagen
aller andern in der Mitte des Kreises schweben sehen und warten, bis sie mir
passen oder mich zu einer weiteren Formulierung bringen.
Man kann in der Dialogveranstaltung nach der Funktion der jeweils gewählten
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Regeln fragen. Eine grundlegende Funktion der Regeln sehe ich darin, noch
nicht entwickeltes oder gefährdetes Vertrauen zu überbrücken. Ich brauche bei-
spielsweise im Dialog eine Art Vertrauen, welches mir das Aushalten von Aus-
sagen ermöglicht, die ich nicht sofort verstehen kann. Ich muss auch Aussagen
aushalten, die mir falsch, abwegig oder politisch nicht korrekt erscheinen. Wenn
ich genügend Vertrauen entwickelt habe, kann ich im Dialog Bewertungen zu-
rückstellen, so wie ich es unter meinen engsten Freunden kann. Ich kann ab-
warten, wohin die Reise gehen wird, ich muss nicht sofort ins Steuer greifen.
Die Regeln können - bewusst oder unbewusst - so gewählt werden, dass sie für
mich Effekte haben wie dieses gegenüber fremden Menschen vorerst nur po-
tentiell vorhandene Vertrauen. Man kann etwa als Regel wählen, auf rasche Be-
wertungen zu verzichten, Aussagen in der Schwebe zu halten, auch wenn das
Vertrauen noch nicht durch Erfahrungen begründet ist. Eine entsprechende Re-
gel würde etwa lauten, dass die Aussagen nicht kommentiert werden, dass ich
auf explizite Zustimmung und auf explizite Zurückweisungen verzichte, oder
dass beispielsweise nicht erklärt wird, wie eine Aussage zu verstehen sei. Im
Dialog wird sich zeigen, wie ein aktuelles Nichtverstehen, etwa das Staunen da-
rüber, dass jemand etwas für mich ganz Undenkbares sagt, aufgehoben wird.
Das Nichtverstehen ist im Dialog insofern ganz ungefährlich, als man keine Mit-
teilung verpassen kann, sondern in jedem Nichtverstehen eine Chance für
neues Kristallisieren des eigenen Wissens kriegt.
Die Dialogregeln sollen Wirkungen entfalten, die einen Dialog erkennbar ma-
chen. Umgekehrt kann man die Dialogregeln dann auch als Beschreibung eines
Dialoges auffassen. Wenn man weder den Dialog noch die Dialog-Veranstal-
tung neu erfinden will, kann man praktischerweise mit ein paar Regeln begin-
nen, die sich an anderen Orten bereits bewährt haben. Alle Regeln können je-
derzeit modifiziert oder ersetzt werden, wenn sie den Dialog behindern oder
blockieren, weil keine dieser Regel für den Dialog selbst wichtig oder gar konsti-
tutiv ist. In einer gewissen Hinsicht geht es ja in der Dialogveranstaltung darum,
die Dialogregeln aufzuheben, also darum, in den Dialog zu kommen. Die Re-
geln lenken nur meine Aufmerksamkeit. Wenn ich eine Dialogregel verletze, ha-
be ich Anlass, über mein Verhältnis zum Dialog nachzudenken. Im Dialog den-
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ke ich aber nicht im Stillen und nicht einsam für mich, sondern gemeinsam, par-
tizipierend, eben im Dialog. Die Regeln und deren Verletzungen können kolla-
borative Anlässe schaffen. Dabei kann ich neue Sichten auf die Regeln und auf
mögliche Interpretationen der Regeln gewinnen. Regeln können sinnlos wer-
den, weil sie gar nicht mehr gebrochen werden oder eben, weil sie noch zu wi-
derständig sind und den Fluss des Dialoges verhindern. Regeln sollen sich so-
gar auflösen, wo sie nur überbrückend eine noch nicht vorhandene Freund-
schaft unterstützen, die sich im Dialog entwickelt und den Dialog überhaupt erst
möglich macht.
Der Dialog ist an das Wort im Sinne des Logos, des Ausdruckes gebunden. Lo-
gos bezeichnet dabei eine Differenz zwischen dem Begriff und dem damit Be-
griffenen. Der Begriff als Ausdruck steht für eine bestimmte Auffassung, für eine
Definition, die bestimmt, wie das Begriffene begriffen wird. Im Dialog geht es
deshalb um das im Begriff Begriffene. Begriffe werden im Dialog nicht an einer
gegebenen Sache gemessen, sie können deshalb nicht richtig oder falsch sein.
Begriffe zeigen vielmehr, wie eine Sache gesehen werden kann. Es geht mithin
um Erklärungen, aber nicht darum, anderen etwas zu erklären. Es geht darum,
auf wie viele Arten wir uns etwas erklären können und darum, wer weshalb wel-
che Erklärung verwendet.
Damit habe ich ein paar fundamentale Unterscheidungen angesprochen, die in
meiner Wahrnehmung unserer Dialoge eine Rolle spielen. Natürlich können un-
sere Dialoge auch ganz anders wahrgenommen werden. Soweit das Protokoll,
das ich vorlege, unter diesen Gesichtspunkten steht, ist es fiktiv, eben unter
einer Perspektive hergestellt, die den Dialog eben so erscheinen lässt. Also
nicht einmal die Dialoge, von welchen ich berichte, waren so, wie ich es be-
richte, geschweige denn, dass irgendwelche andere Dialoge auch nur annä-
hernd so sein sollten. Der Dialog folgt keiner Logik, die man programmieren
oder vorschreiben könnte.
* * *
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Die vorgelegten Berichte sind auch in dem Sinne fiktiv, als ich Erinnerungen an
Dialoge aufschreibe. Ich schreibe die Erinnerungen als direkte Reden, weil ich
so einen für mich wesentlichen Aspekt der Dialog-Veranstaltungen veranschau-
lichen kann, nämlich wie einfach und voraussetzungslos Dialog-Ver-
anstaltungen inszeniert werden können. Dialog-Veranstaltungen erläutern sich
quasi selbst, das heisst, sie brauchen keinen Kommentar, was eine mögliche
Dialogregel reflektiert, wonach im Dialog keine Kommentare gemacht werden.
Man kann diese Berichte als eine spezifische Anleitung zur Dialog-Veranstal-
tung lesen, weil verschiedene Aspekte der Organisation solcher Veranstaltun-
gen reflexiv zur Sprache kommen. Man kann in den Berichten auch konkrete
Auffassungen zum Dialog selbst finden, es sind aber Auffassungen von Teil-
nehmenden, die keinerlei privilegierte Sichtweisen vertreten. Der Dialog im hier
gemeinten Sinn repräsentiert die Beziehung zwischen dem Ich und dem Du und
wird so in jedem Ich-Du-Verhältnis immer wieder neu geschaffen.
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2 Einladungen
Vor einigen Jahren wurde ich zu einer Dialogveranstaltung eingeladen. Ich
stutzte. Ich fragte mich unwillkürlich, was ein Dialog sein könnte, zu welchem
man eingeladen wird. Ich dachte an eine Art Friedensangebot, an ein Angebot,
ein festgefahrenes, abgebrochenes Gespräch wieder aufzunehmen. Ich hatte
aber keinen mir bewussten Streit, zumal nicht mit Renate, die mich zum Dialog
eingeladen hatte. Also fragte ich: "Worüber wollen wir denn einen Dialog füh-
ren? Renate antwortete: "Ich wurde vor einiger Zeit zu einer Dialogveranstal-
tung eingeladen. Ich bin einfach hingegangen und es hat mir dort so gut gefal-
len, dass ich das jetzt auch machen will. Deshalb lade ich Dich jetzt zu einer
Dialogveranstaltung ein." Ich erinnere mich, dass ich damals noch einige
Fragen auf der Zunge hatte, aber ich sagte zu, weil ich Renate schon lange gut
kannte. Diese Dialogveranstaltungen haben mir dann so gut gefallen, dass ich
später beschloss, auch zu solchen Dialogveranstaltungen einzuladen. Wenn ich
nun Leute zu einer Dialogveranstaltung einlade, werde ich oft gefragt, worüber
wir einen Dialog führen wollen. Das erinnert mich jedes Mal daran, wie ich mit
dieser Einladung zuerst umgegangen bin. Ich antworte dann: "Ich wurde vor ei-
niger Zeit selbst zu einer Dialogveranstaltung eingeladen. Ich bin einfach hinge-
gangen und es hat mir dort so gut gefallen, dass ich das jetzt auch machen will.
Deshalb lade ich Dich jetzt zu einer Dialogveranstaltung ein." Und weil ich mich
auch daran erinnere, dass ich damals noch viele Fragen hätte stellen wollen,
sage ich: "Lass uns doch einfach gemeinsam schauen, was wir im Dialog über
den Dialog erkennen."
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3 Ein Anfang
In meiner ersten Dialogveranstaltung, zu welcher ich von Renate eingeladen
wurde, waren etwa zehn Personen, von welchen ich die meisten mehr oder we-
niger gut kannte. Wir sassen auf Stühlen, die im Kreis aufgestellt waren. Am
Boden in der Mitte des Kreises waren eine Vase mit einigen Tulpen und einige
andere Gegenstände auf einem farbigen Tuch. Nachdem sich alle gesetzt hat-
ten, schob Renate die nichtbesetzten Stühle aus dem Kreis, setzte sich selbst
wieder und begrüsste uns. Sie schlug eine ganz kurze Vorstellungsrunde vor.
Ich sagte, dass mir solche Runden immer etwas peinlich seien, weil ich nie
recht wisse, was ich in solchen Runden sagen solle. Die meisten sagten ihren
Namen, was sie arbeiten und woher sie Renate so gut kanten, dass sie eingela-
den wurden. Dann sagte Renate, wir sollen uns zuerst einige Gedanken über
unsere Erwartungen und über den Dialog machen, also gemeinsam zusam-
menzutragen, was wir als Dialog bezeichnen und was wir uns von einem Dialog
erhoffen. Sie sagte, wir sollten dabei nicht um Definitionen streiten, weil es nicht
um richtig oder falsch gehe, sondern offenen Herzens aufzählen, was uns wich-
tig scheine. Wir sollten nicht bewerten, was andere sagten, sondern zuhören
und uns zu eigenen Vorstellungen inspirieren lassen, die wir dann wiederum in
den Kreis eingeben sollen. Sie selbst habe damit bereits gesagt, was ihr im Dia-
log sehr wichtig scheine, nämlich dass wir von Herzen sprechen und nicht so-
fort bewerten, was andere sagen.
Renate verdichtete unsere Beiträge. In ihrer Zusammenfassung haben wir in
unserem Dialog zusammengetragen, dass wir uns gegenseitig respektieren, zu-
hören, vor allem von uns selbst und unseren Erfahrungen sprechen und dabei
auf Annahmen und Bewertungen verzichten sollten. Wir umschrieben dies
durch eine achtsam erkundende Haltung, wie sie ernsthaft Lernende auszeich-
net. In dieser Haltung würden wir nicht nur beobachten, was gesagt wird, son-
dern auch, wie wir in der Kommunikation aufgehoben sind, wie wir durch unsere
Kommunikation eine Kommune, eine Gemeinschaft werden.
Der Dialog im Dialog
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Renate erzählte dann von einem Buch von David Bohm, in welchem die Grund-
züge des Dialoges, wie wir sie eben selbst entwickelt hätten, beschrieben sei-
en. David Bohm habe realisiert, dass unsere Gespräche oft gar keine Gesprä-
che seien, sondern hoffnungslose Diskussionen, in welchen es nur darum gin-
ge, wer Recht habe. Er siedle den Dialog als offenes Gespräch am Ende der
Diskussionen an, also dort, wo die Einsicht gewonnen wurde, dass weitere Dis-
kussionen zu nichts mehr führen. Der Dialog beruhe auf Fertigkeiten, die in un-
serer Diskussionsgesellschaft verkümmert seien. David Bohm habe die Dia-
logveranstaltungen entwickelt, um diese Fertigkeiten, die wir früher einmal alle
gehabt hätten, zu reanimieren und zu neuer Blüte zu bringen. Respekt und
Achtsamkeit, sagte Renate, seien Haltungen, diese Haltungen seien aber nicht
nur eine innere Angelegenheit, sondern würden sich im Dialog zeigen, also da-
rin, wie wir gegenseitig miteinander sprechen. Im Dialog würden diese Haltun-
gen sichtbar und erfahrbar.
Unsere nächste Aufgabe war, gemeinsam zu überlegen, wie sich die dialogi-
sche Haltung auf unsere Sprache und auf unser Sprechverhalten auswirke. Re-
nate sagte, wir könnten uns dazu beispielsweise überlegen, wie sich Dialoge
von hitzigen Diskussionen unterscheiden. Erneut verdichtete sie als Moderato-
rin, was in dieser Runde gesagt wurde. In Diskussionen würden sich die Leute
oft gegenseitig ins Wort fallen, andere diskreditieren und deren Argumente zer-
pflücken. In Diskussionen wolle jeder Recht haben und die anderen missio-
narisch zu einer anderen, der je eigenen Meinung überzeugen. Renate machte
uns auf einen Punkt speziell aufmerksam, indem sie uns anwies, auch noch et-
was zu bedenken, dass in Diskussionen sehr oft Tatsachen behauptet werden.
Wir fanden, dass viele dieser Tatsachen sich später als Fantasien entpuppen,
dass es aber schwierig ist, etwas gegen ins Feld geführte Tatsachen zu sagen,
weil man Tatsachen eigentlich nur mit anderen Tatsachen bestreiten könne,
was mithin auch der Grund sei, warum bestimmte Diskussionen so hitzig wer-
den. Den nach dieser Erkenntnis auf der Hand liegenden Vorschlag brachte Re-
nate selbst, indem sie sagte: "Also könnten wir im Dialog versuchen, auf alle
Tatsachen und Wahrheiten zu verzichten. Was haltet Ihr davon?" Wir spielten
etwas mit dieser Vorstellung herum, dann sagte sie: "Ich meinte das nicht ganz
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so radikal. Mein Vorschlag wäre, dass wir nur über unsere eigenen Erfahrungen
und über unsere eigenen Folgerungen sprechen." Das seien ja auch Tatsa-
chen, aber subjektive, die für andere Menschen nicht zwingend seien. Wenn je-
mand sage, dass er etwas gesehen, erlebt oder gefühlt habe, spreche er über
seine Wahrnehmungen, nicht über die Wirklichkeit. Das erleichtere ihr das Zu-
hören sehr. Nur über eigene Wahrnehmungen zu sprechen sei ganz einfach.
Wir müssten dazu nur Ich-Formulierungen verwenden, also nicht von "man"
sprechen und einfach nichts behaupten und nicht erzählen, wie die Welt wirklich
sei.
Dann erzählte Renate aus einem anderen Buch. Im Dialogverfahren, wie sie
die Sache jetzt nannte, müssten sich die Teilnehmenden ohnehin an bestimmte
Regeln halten, wie wir sie ja auch formuliert hätten. So sei beispielsweise klar,
dass man im Dialog niemanden unterbreche. Sie sagte: "Wenn ich aber acht-
sam bin, unterbreche ich auch niemanden, der noch nicht spricht, sondern sich
erst noch überlegt, was er sagen will. Ich meine damit, dass wir in der Dialog-
runde darauf achten können, ob jemand etwas sagen will. Wenn ich merke,
dass jemand zum Wort ansetzt, warte ich mit meinen Worten." Wir hatten einige
skeptische Teilnehmer im Kreis, oder etwas dialogischer gesagt, einige der Teil-
nehmenden äusserten sich manchmal skeptisch. Peter, der sich als Physiker
vorgestellt und schon einige Male auf den naturwissenschaftlichen Dialog ver-
wiesen hatte, sagte: "Wenn ich warte und alle andern auch warten, weil ja nie-
mand weiss, ob nicht gerade jemand anderer reden will, dann warten doch alle,
dann ist der Dialog zu Ende, weil niemand mehr spricht." Renate lächelte und
wartete etwas, bevor sie antwortete: "Wenn ich achtsam bin, merke ich dann
schon, dass niemand spricht, dann kann ich etwas sagen. Und in der Zwischen-
zeit, also solange alle noch warten, kann ich noch etwas den Worten hinterher
denken, nachdenken, die ich zuvor gehört habe."
Renate stand auf und ging in die Mitte des Kreises. Sie nahm einen kurzen
Stab, der neben einer Schale lag, und schlug damit an den Rand der Schale,
die wie ein heller Gong tönte. Der Klang verhallte ganz langsam und alle
lauschten dem Klang nach. Renate sagte: "Mindestens am Anfang kommt es
öfter vor, dass alle reden wollen als dass alle schweigen. Dann wird auch der
Der Dialog im Dialog
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Dialog hitzig. Wenn jemand merkt, dass er nur noch zum Wort kommen könnte,
wenn er die andern unterbricht, geht er in die Mitte und schlägt diese Klang-
schale an. Dann schweigen alle, bis der Klang auch schweigt. Ihr werdet sehen,
das wirkt Wunder. Aber wir wollen uns nicht nur auf dieses Wunder verlassen."
Sie hob einen anderen Stab auf, einen gläsernen, der mit farbiger Flüssigkeit
und glitzernden Partikel gefüllt war. "Das ist sozusagen unser Zauberstab. Nur
wer ihn in den Händen hat, darf sprechen. Jetzt darf nur ich sprechen, weil ich
den Stab habe. Wenn ich fertig gesprochen habe, lege ich den Stab hin und
wer etwas sagen will, holt zuerst den Stab." Peter sagte: "Das ist ein lustiges
Spiel, es erinnert mich an den Kindergarten ..." Renate unterbrach ihn: "Du soll-
test jetzt eben nichts sagen, weil Du den Stab nicht hast. Es geht mir mit dem
Stab um Folgendes: Er verlangsamt unser Gespräch. Wenn ich beispielsweise
jemanden, der etwas sagt, an den Kindergarten erinnern möchte, oder ihn gar
mit einem tollen Argument widerlegen will, muss ich etwas warten. Und in der
Zeit, bis ich endlich zum Sprechstab gekommen bin, hat sich vielleicht mein Ge-
müt beruhigt, und ich muss gar nicht mehr sagen, was mir vorher so dringend
schien."
Renate legte den Stab in die Mitte und setzte sich. Alle schienen zu warten, nie-
mand holte den Stab und niemand sagte etwas, ohne den Stab zu holen. Nach
einer ganzen Weile sagte Renate lachend: "Jetzt scheint der Dialog zu Ende zu
sein!" Und Peter sagte sofort: "Du hast den Stab nicht geholt!" Alle lachten.
Peter holte den Stab und sagte noch im Stehen: "Ich finde das immer noch wie
im Kindergarten und ich frage mich, wozu wir neben dem Stab auch noch die
Klangschale haben. Das ist ja nicht nur doppelt genäht." Renate sagte: "Ich
möchte Euch bitten, jeweils erst zu sprechen, wenn Ihr wieder sitzt. Es geht ja
um eine Verlangsamung und es wird natürlich viel langsamer, wenn wir auf un-
sere Stühle zurückgehen, als wenn wir in der Mitte stehen bleiben und einander
den Zauberstab aus den Händen reissen. Die Klangschale ist einfach ein zu-
sätzliches Mittel. Vielleicht brauchen wir sie nie, aber auch dann sehen wir sie
doch in der Mitte stehen und das hilft uns vielleicht, daran zu denken, nicht in
eine hitzige Diskussion zu verfallen." Peter stand immer noch mit dem Zauber-
stab in der Mitte. Mir schien, er wollte etwas darüber sagen, dass der Zauber-
Der Dialog im Dialog
17
stab offenbar nicht recht funktioniert, weil schon wieder Renate gesprochen hat-
te, er liess es aber bleiben. Er legte den Stab wieder in die Mitte und setzte
sich.
Nach einer Weile sagte Renate: "Ich möchte Euch noch ein ganz wichtiges
Prinzip erläutern. Wir sitzen hier in einem Kreis. Wenn ich spreche, spreche ich
zu allen. Ihr wisst ja, dass es unanständig ist, mit seinem Nachbarn zu schwa-
tzen, während jemand anderer spricht. Das kann hier nicht vorkommen, weil wir
ja nur sprechen, wenn wir den Zauberstab in den Händen haben." Sie war wäh-
rend des Redens aufgestanden und hatte den Stab aufgenommen. Sie fügte
ein: "Ihr seht ja auch, dass es auch für mich manchmal schwierig ist, mich an
diese Kindergartenregel zu halten." Dann fuhr sie weiter: "Im Dialog spreche ich
immer zu allen, ich spreche in die Mitte. Wir können uns vorstellen, dass die
Worte dort wie in einer Wolke schweben und darauf warten, gehört zu werden.
Nicht alle hören dieselben Worte. Es ist eher wie bei einem grossen Büfett. Je-
der nimmt etwas davon. Das Büfett ist für alle das Gleiche, aber jeder isst etwas
anderes. Was ich beitrage, stelle ich auf dieses Büfett. Ich dränge es nieman-
dem auf. Ich spreche nicht zu einzelnen Personen, sondern eben in die Mitte
des Kreises. Vielleicht passt das, was ich sage, jetzt gerade nicht zu dem, was
jemand jetzt gerade denkt. Aber schon kurze Zeit später kann das anders sein.
Vom Büfett nehme ich pro Gang, was mir passt und was für mich zusammen-
passt. Ich komme aber später zum Büfett zurück und nehme Delikatessen, die
ich zuvor habe liegenlassen. Im Dialog versuche ich das Gesagte in der Schwe-
be zu halten. Ich warte, bis es passt."
Brigitte fragte: "Du hörst also nur, was Dir passt?" und fügte sofort an: "Oh, ich
darf ja gar nichts sagen, weil ich den Stab nicht habe." Renate, die sich wieder
gesetzt hatte, stand auf, um den Stab in die Mitte zu legen, obwohl sie unmittel-
bar neben Brigitte sass. Brigitte war fast gleichzeitig mit Renate in der Mitte und
wollte ihr den Stab schon knapp über dem Boden aus der Hand nehmen. Aber
Renate hielt den Stab fest umschlossen. Sie richtete sich nochmals auf und
schaute Brigitte an. Dann bückte sie sich wieder und legte den Stab hin. Brigitte
packte den Stab augenblicklich. Renate legte ihre Hand auf die Hand von
Brigitte und sah sie an. Sie sagte: "Wir haben Zeit, viel Zeit."
Der Dialog im Dialog
18
Brigitte setzte sich auf ihren Stuhl und wiederholte ihre Frage. Renate antworte-
te nicht. Nach wirklich langer Zeit, in welcher ich das Knistern in der Luft hören
konnte, sagte Renate: "Es ist wichtig, den Stab wieder in die Mitte zu legen,
wenn man nichts mehr sagen will. Man muss sich dabei nicht beeilen, wir ha-
ben Zeit, viel Zeit." Brigitte legte den Stab zurück und sagte: "Dann kannst Du
mir ja jetzt eine Antwort geben."
Renate ging langsam in die Mittel und schlug die Klangschale ziemlich kräftig
an. Sie setzte sich wieder ohne den Zauberstab mitzunehmen. Nachdem der
Klang schon eine Weile verklungen war, holte Brigitte den Stab, setzt sich lang-
sam, sorgfältig und sagte dann: "Also, es tut mir leid, aber ich ... Ich meine, ich
will die Frage nochmals ganz ruhig und ohne Hektik stellen. Also: Hörst Du im
Dialog nur was Dir passt, so wie Du bei einem Speisebüfett nur nimmst, was Dir
passt. Ist das Dialog? Ich verstehe es einfach nicht." Während sie den Stab in
die Mitte legte, fügte sie an, dass sie vielleicht deshalb etwas energisch gewor-
den sei.
Renate schaute in die Runde, aber niemand sagte etwas. Dann holte sie den
Stab und sagte: "Ich muss vielleicht den meines Erachtens wichtigsten Grund-
satz noch etwas mehr verdeutlichen. Im Dialog spreche ich immer in die Mitte,
ich lege etwas aufs Büfett, aber nie jemandem etwas in seinen Teller. Umge-
kehrt beobachte ich sehr gut, was andere in die Mitte legen. Ich höre aufmerk-
sam zu. Ich schaue immer das ganze Büfett an. Aber ich kann nie alles aufneh-
men, sowieso nicht alles zusammen und sofort. Ich versuche möglichst vieles in
der Schwebe zu halten, bis es passt." Sie machte eine recht lange Pause. "Was
heisst das, dass ich in die Mitte spreche? Das heisst, ich spreche keine ein-
zelne Person an. Wen ich dann angesprochen habe, höre ich im Nachhinein,
wenn ich Antworten bekomme. Das kann sofort der Fall sein, weil jemand etwas
dazu sagen will, also weil es bei jemandem gerade auf den Teller passt. Es
kann aber auch später sein, einen Gang später sozusagen. Und vor allem kann
es auch sein, dass ich eine Antwort unter der bewussten Ebene bekomme, eine
Antwort zwischen den Zeilen." Sie stand von ihrem Stuhl auf. "Ich werde später
Der Dialog im Dialog
19
noch mehr dazu sagen, jetzt will ich an der Oberfläche der Regel bleiben. Ich
spreche immer in die Mitte und nie zu einer einzelnen Person."
Renate hatte sich zunehmend mehr an Brigitte gewandt, während sie davon
sprach, dass man in die Mitte spricht. Brigitte setzte zu einer Antwort an, doch
Renate hielt ihr den Zauberstab vor die Nase und fuhr fort: "Diese Regel hat un-
ter anderem den Sinn, dass sich keine Zweiergespräche entwickeln, bei wel-
chen die andern im Kreis ausgeschlossen sind und dann logischerweise ihrer-
seits mit ihren Nachbarn Zweiergespräche anfangen."
Peter, der etwas unruhig auf seinem Stuhl herumgerutscht war, sagte: "Ich
weiss, dass ich jetzt ganz viele Regeln verletze, aber es muss doch eine Mög-
lichkeit geben, dass ich etwas sagen kann, wenn ich etwas sagen will. Wir ken-
nen jetzt ja noch nicht alle Regeln, ich könnte mir vorstellen, dass es so etwas
wie einen zweiten Gong gibt, den man anschlagen kann, wenn man gerne den
Sprechstab hätte. Ist das nicht so?"
Renate schaute demonstrativ in die Mitte, als suchte sie einen Gong, und sagte
dann: "Ich kann keinen Gong sehen. Aber ich sehe unsere Klangschale. Die
Klangschale hat generell den Sinn den Dialog zu unterbrechen, wenn jemand
den Dialog nicht mehr recht wahrnehmen kann, also wenn sich jemand gestört
fühlt durch das, was gerade läuft. Störungen haben Vorrang. Es kann beispiels-
weise sein, dass jemand spricht und spricht und spricht und spricht und. Dann
kann jemand die Klangschale anschlagen. Ich kann mir aber auch einen Dialog
vorstellen, in welchem eine einzige Person den ganzen Abend spricht, ohne
dass jemand etwas dagegen hätte, einfach weil alle merken, dass das jetzt rich-
tig ist." Sie ging auf Peter zu, blieb vor ihm stehen und sah ihn an und sagte:
"Ich spreche jetzt in die Mitte, nicht zu Peter. Manchmal habe ich das Gefühl,
dass ich zu einer Sache unbedingt und sofort etwas ganz Entscheidendes sa-
gen muss. Manchmal scheint es mir so wichtig, dass ich die andere Person so-
gar beim Reden unterbreche. Aber im Dialog kommt das nicht vor. Ich meine,
dieses Gefühl habe ich zwar auch in Dialogveranstaltungen mehr als mir lieb
ist, aber dann besinne ich mich auf die Dialogregeln. Dann weiss ich, dass es
hier anders ist, dass ich hier bin um zuzuhören und um zu erwägen, nicht zum
Der Dialog im Dialog
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Debattieren." Sie hielt ihren Zauberstab hoch, um Peter zuvorzukommen und
sagte: "Nur wenn ich es gar nicht mehr aushalten kann, dann schlage ich auf
die Schale."
Ich konnte richtig sehen, dass Peter etwas sagen wollte. Er schnitt Grimassen,
aber er schwieg und er schlug auch nicht auf die Schale. Er wartete und Renate
liess ihn warten. Sie sagte nichts mehr, aber sie legte den Stab nicht zurück.
Schliesslich sagte Brigitte: "Also ich finde das ziemlich schräg, ich sehe nicht,
wie ein gutes Gespräch zustande kommen könnte, wenn wir das alles ernst
nehmen würden, wenn also wirklich jede nur hören würde, was ihr passt."
Heiner, der sich selbst als radikalen Konstruktivisten vorgestellt hatte, sagte:
"Ich finde auch einiges schräg hier, aber gerade das gar nicht. Im Konstruktivis-
mus geht man davon aus, dass jeder Hörer nur hört, was er hört. Man kann al-
so nie etwas sagen und dabei meinen, der andere höre es. Es ist vielmehr so,
dass ich erst weiss, was ich überhaupt gesagt habe, wenn ich höre, was der an-
dere gehört hat, also wenn ich sehe, wie der andere darauf reagiert. Ich glaube,
dieses Prinzip stammt von Norbert Wiener."
Peter sagte: "Ja, ja, im Konstruktivismus unter Solipsisten. Aber hier ..."
"Hier gilt die Regel mit dem Sprechstab" unterbrach Renate, die immer noch im
Kreis stand und den Sprechstab in den Händen hatte. Sie setzte sich auf ihren
Stuhl und sagte nun sichtbar zu allen: "Wir können auch Rauchpause machen,
nicht zum Rauchen, sondern um unsere Köpfe etwas verrauchen zu lassen.
Und natürlich kann und will ich niemanden von Euch zwingen, sich an irgend-
welche Regeln zu halten. Ich habe Euch eingeladen, weil ich mit Euch eine be-
stimmte Erfahrung teilen wollte und immer noch will. In meinen bisherigen Er-
fahrungen haben sich diese Regeln immer sehr positiv ausgewirkt, aber ich ge-
be gerne zu, dass diese Regeln etwas, ja, gewöhnungsbedürftig sind. Lasst uns
eine kurze Pause machen, dann sehen wir weiter." Halblaut fügte sie an: "Dann
sehen wir auch, wer noch dableiben will."
Der Dialog im Dialog
21
Alle standen auf, aber niemand verliess den Raum. Ich brauchte keine Pause,
im Gegenteil, ich war gespannt auf den weiteren Verlauf. Ich setzte mich wieder
und es dauerte nicht lange, bis alle wieder auf ihren Stühlen sassen. Renate,
die den Stab immer noch in ihren Händen hielt, sagte: "Dann können wir ja wei-
termachen. Ich wäre froh, wenn wir die Regeln beachten könnten. Es gibt noch
mehr Regeln, aber am Anfang sollten wir uns nicht überfordern. Ich schlage al-
so vor, dass jeder und jede nur spricht, wenn er oder sie mit dem Sprechstab
auf seinem Stuhl sitzt, und dass dann nur Ich-Formulierungen verwendet wer-
den, die überdies in die Mitte gesprochen werden. Wenn man so will, haben wir
bislang drei Regeln." Sie legte den Stab in die Mitte.
Peter holte den Stab. "Also ich bin einverstanden, wir spielen dieses Spiel. Aber
mehr noch als solche Regeln braucht ein Dialog ein Thema. Mir ist nicht klar,
worüber wir sprechen wollen. Bis jetzt haben wir ja fast nur über den Sinn der
Regeln diskutiert. Natürlich könnten wir uns noch lange über diese Regeln un-
terhalten, aber vielleicht wäre ein anderes Thema interessanter, oder?" Er
schaute in die Runde. Dann schaute er auf den Stab in seinen Händen und
schien zu realisieren, dass er keine Antwort bekommen würde, bevor er den
Stab zurücklegte.
Zwei oder drei Leute standen etwa gleichzeitig auf und setzten sich wieder, als
sie bemerkten, dass andere auch aufstanden. Renate lächelte und holte den
Stab. "Ich spreche heute etwas mehr als sich gebührt, weil ich zusätzlich zum
Dialog eine Art Moderation mache und Euch die Regeln und Prinzipien erläute-
re. Ein Dialog kann kein Thema haben. Wenn der Dialog ein Thema hätte,
könnte ich nicht sagen, was ich sagen will, sondern müsste mich immer an das
Thema halten. Mir fällt eigentlich in jeder Diskussion auf, wie stark die Leute
vom Thema abweichen, bis dann jemand sagt, dass das nicht zum Thema ge-
höre. Dann weicht schon der Nächste wieder ab und der Übernächste sagt
schon wieder, was alles nicht zum Thema gehört und so weiter. Im Dialog gibt
es deshalb kein Thema, an welches man sich halten müsste. Wenn jemand et-
was über Fussball oder über den letzten Besuch beim Zahnarzt erzählt, kann
ich ohne weiteres über die ersten Menschen auf dem Mond sprechen, wenn ich
gerade das so wichtig finde. Weil ich alles auf das Büfett stelle, muss es nicht
Der Dialog im Dialog
22
zum davor Erzählten passen. Es ist vielleicht Dessert, während andere mit ihren
Beiträgen die Vorspeise bringen. Für mich ist wichtig, dass ich nicht über etwas
sprechen muss, nur weil es eben gerade zufällig Thema ist. Ich spreche über
das, was mir wichtig ist."
Ich dachte darüber nach, was das für ein Gespräch bedeuten könnte, wenn alle
Beteiligten unabhängig von einander irgend etwas, was sie wichtig finden, er-
zählen würden. Vielleicht dachten auch die anderen darüber nach. Hanspeter
jedenfalls holte den Stab ohne Eile, nachdem er wieder in der Mitte lag. "Also
ich würde gerne einmal etwas zusammenfassen, was ich bisher verstanden ha-
be. Ich muss vorweg schicken, dass fast alles das Gegenteil davon ist, was ich
bisher über den Dialog dachte, aber als Spiel finde ich es gerade deshalb sehr
spannend. Also: Es geht in diesem Dialog darum, dass wir uns einerseits an
Regeln halten, aber das tun wir ja sowieso immer. Die Frage ist also mehr, was
das für Regeln sind, die in diesem Dialog gelten oder gelten sollen? Mir kommt
es so vor, als ob der Erfinder dieses Dialoges geschaut hätte, was in normalen
Diskussionen nie recht funktioniert, und genau daraus Regeln gemacht hat. In
normalen Diskussionen gibt es immer Leute, die vom Thema abweichen, also
haben wir jetzt die Regel, gar kein Thema zu haben. In normalen Diskussionen
kommt es oft zu Behauptungen, also haben wir jetzt die Regel, nur über unsere
Wahrnehmung zu sprechen. In normalen Diskussionen kommt es, wenn mehre-
re Leute dabei sind, immer wieder zu Zweierdiskussionen, weil einer dem an-
dern sagt, dass etwas Bestimmtes nicht stimmt, worauf der andere dann ant-
worten muss, und so weiter, also darf man im Dialog gar nicht zu einer anderen
Person sprechen, sondern eben nur in die Mitte. Man könnte eigentlich sagen,
dieser Dialog sei eine Anti-Diskussion, das würde die Sache, die ich bis jetzt
verstanden habe viel besser treffen als Dialog." Beim Zurücklegen des Stabes
sagte er: "Ihr müsst jetzt natürlich nichts dazu sagen. Ich wollte einfach einmal
sagen, wie ich es sehe, Ihr könnt das als kalten Kaffee nach dem Büfett neh-
men."
Ich hing immer noch etwas meiner Frage nach. Ich nahm den Stab auf und sag-
te: "Ich denke darüber nach, was passiert, wenn in einem Gespräch jeder nur
sagt, woran er selbst gerade denkt und überhaupt nicht auf das eingeht, was
Der Dialog im Dialog
23
andere gesagt haben. Ich antworte damit natürlich nicht auf die Antidiskussion
von Hanspeter, sondern sage eben, woran ich denke. Ich finde diesen Dialog,
oder diese Vorstellung irgendwie seltsam, aber ich weiss nicht recht, was mich
daran stört."
Als ich den Stab zurücklegte, standen schon drei Leute fast in der Mitte, um den
Stab zu holen. Wir schauten uns alle an und dann fingen wir an zu lachen. Ve-
rena sagte: "Das ist auch wie bei einem Büfett, alle wollen zur gleichen Zeit
dasselbe, man muss immer anstehen, egal wie gross das Büfett ist." Dann
nahm sie den Stab und sagte: "Eigentlich wollte ich nur sagen, dass ich mir die
gleichen Gedanken gemacht habe wie Rolf. Ich finde aber nicht, dass das nicht
zu dem passt, was vorher gesprochen wurde. Ich dachte darüber nach, weil Re-
nate gesagt hat, dass ein Dialog kein Thema habe, das passt doch zusammen
oder?" Sie stand immer noch in der Mitte. Sie drehte ihren Blick nach oben und
sagte dann: "Und eigentlich haben wir doch schon die ganze Zeit ein Thema,
wir sprechen ja immer über den Dialog, es ist ein Dialog über den Dialog. Ich
finde, alle halten sich an dieses Thema, vielleicht sogar viel besser, als wenn
wir dieses Thema abgemacht hätten." Sie legte den Stab wieder auf den Boden
und fügte an: "Ich finde unseren Dialog auch etwas eigenartig, aber trotzdem
spannend. Ich bin sicher, dass ich künftig Gespräche ausserhalb dieser Runde
etwas anders wahrnehmen werde."
Dann sagte längere Zeit niemand etwas. Das war für mich eine eindrückliche
Erfahrung. Dass so viele Menschen, die sich zu einer Gesprächsrunde treffen,
so lange schweigen können. Schliesslich nahm Hans den Stab. Ich hatte das
Gefühl, er nahm ihn nicht, weil er etwas sagen wollte, sondern eher damit etwas
gesagt wird, damit es nicht noch länger einfach ruhig ist. Er sagte: "Vielleicht
kann man es so sagen, dass man für einen Dialog kein verbindliches Thema
festlegt, aber dass dann doch über etwas gesprochen wird. Also ich hätte schon
gerne, wenn wir über etwas sprechen würden."
Ohne die Regel mit dem Sprechstab hätte ich sofort geantwortet, warum er
denn kein Thema vorschlage oder welches Thema ihn denn interessiere, aber
ich konnte ja nichts sagen, weil ich den Stab nicht hatte. Dann merkte ich, dass
Der Dialog im Dialog
24
ich damit zu Hans und nicht in die Mitte gesprochen hätte. Die Stabregel hatte
mir also geholfen, eine andere Regel einzuhalten. Und ich merkte auch, dass
ich das den andern mitteilen wollte, und auch, dass dazu keine Eile nötig war.
Hans sagte nach einer Pause: "Mich interessiert, ob es auch einen Dialog über
eine anderes Thema als über den Dialog geben kann", und beim Zurücklegen
des Stabes sagte er: "Falls wir jetzt alle Regeln kennen."
Heiner holte den Stab und sagte: "Ich kann ja mal sagen, wie das im Konstrukti-
vismus ist. Da versteht jeder, was er versteht. Logischerweise kann es dann gar
kein Thema geben, weil es sehr zufällig wäre, wenn der Sprecher und der Hörer
das Gleiche meinen würden. Luhmann sagte sogar, dass man gar nicht kom-
munizieren könne, oder wenigstens dass Kommunikation extrem unwahrschein-
lich sei. Konstruktivistisch gesehen macht jeder sein eigenes Thema. In gewis-
ser Weise erkenne ich im Dialog ein konstruktivistisches Gespräch."
Brigitte sagte: "Ich weiss nicht, was Konstruktivismus ist, und Luhmann kenne
ich auch nicht. Und den Sprechstab habe ich jetzt auch nicht, aber ich vermute,
dass eine reine Verstehensfrage immer erlaubt ist, oder?"
Renate schaute Brigitte an und sagte: "Ich will nochmals etwas Moderierendes
sagen. Im Dialog kann ich auch keine Verständnisfrage an jemanden richten,
weil ich so ein Zweiergespräch anfange, wie wir jetzt gerade gesehen haben.
Im Dialog muss ich warten, bis der andere es wichtig genug findet, seine
Fremdwörter zu erklären. Meiner Erfahrung nach verpasse ich damit selten et-
was. Wenn ich einen Begriff wie Konstruktivismus nicht kenne, wird er entweder
nicht wichtig sein oder ohnehin noch zur Sprache kommen. Ich muss das nur
abwartend aushalten. Umgekehrt, und das ist ja gerade das Wichtige, zwinge
ich so niemanden, über etwas zu sprechen, was er vielleicht selbst nicht recht
versteht."
Heiner hielt den Stab hoch und sagte: "Ich benutze keine Fremdwörter, die ich
nicht kenne, ich weiss, was Konstruktivismus ist. Und gerade deshalb kann ich
diesen Dialog auch sehr gut verstehen, weil ich ihn eben konstruktivistisch inter-
pretieren kann. Ich wollte nur auf diesen Zusammenhang hinweisen, weil dieser
Der Dialog im Dialog
25
Dialog, der offenbar einigen Leuten ganz konfus vorkommt, für mich total Sinn
macht. Diese Regeln und dass wir kein Thema haben, passen eben gut zur
Vorstellung, dass Kommunikation ohnehin sehr unwahrscheinlich ist. Ich finde,
das wird hier ja auch sehr schön sichtbar. Wir bemühen uns doch schon be-
achtlich lange ohne grossen Erfolg, oder?"
Peter sagte: "Ich meine, wir könnten ziemlich gut kommunizieren, wenn wir es
uns nicht mit komischen oder konstruktivistischen Regeln schwer machen wür-
den." Er winkte ab und sagte: "Entschuldigt bitte, dass ich schon wieder damit
angefangen habe, aber ..."
Renate stand auf. Sie nahm den Stab von Heiner und sagte: "Die Regeln sind
nicht so wichtig, wichtig ist die Haltung, die hinter diesen Regeln steckt oder die
sich hinter diesen Regeln versteckt. Ich schlage vor, dass wir jetzt aufhören, nur
über die Regeln zu sprechen und uns mehr auf den Dialog einlassen. So lernen
wir vielleicht mehr über den Dialog, als wenn wir den Dialog noch lange so ana-
lytisch zerlegen. Wir können ja nach dem Dialog noch etwas über unsere Erfah-
rungen im Dialog sprechen." Sie setzte sich wieder und fuhr weiter: "Ich erzähle
Euch einmal, womit ich mich in letzter Zeit unter anderem beschäftige. Wir woh-
nen in einem Quartier, in welchem eigentlich die besten Voraussetzungen für
eine gute Nachbarschaft gegeben sind. Die Häuser sind etwas speziell, nicht
ganz billig, aber auch keine Prestigeobjekte. Es gibt eine Eigentümerversamm-
lung, weil einige gemeinsame Kosten anfallen und manchmal irgendwelche Ent-
scheidungen getroffen werden müssen. Es geht dabei nicht um riesige Sachen
oder riesige Beträge, weil das alles schon durch die Verträge geregelt ist. Man
könnte das ohne weiteres so sehen, dass diese Versammlung der Beziehungs-
pflege unter Nachbarn dient. Bislang sind diese Versammlungen aber immer
ziemlich komisch verlaufen. Es gab beispielsweise schon mehrere Vorschläge,
wie man irgendwelche Details reglementieren könnte, obwohl in den Eigentü-
merstatuten schon alles Denkbare reglementiert ist. Wir haben deshalb vorge-
schlagen, die Versammlungen etwas informeller zu gestalten, mit einem Grill
und etwas Wein. Das wurde aber abgelehnt. Eine kleine Grillparty könne man ja
jederzeit machen, aber diese Versammlung müsse sachlich bleiben. Ich will das
alles hier nicht weiter ausmalen, ich will Euch mehr erzählen, was mich daran
Der Dialog im Dialog
26
so bewegt. Wenn wir es nicht schaffen, in so kleinen kulturell relativ homogenen
Einheiten einen Dialog zu führen, wie sollten wir es schaffen, einen interkulturel-
len, interkonfessionellen, globalen Dialog zu führen? Ich denke in letzter Zeit
sehr oft über diese Frage nach und dieses Dialogverfahren hat mich noch mehr
sensibilisiert."
Peter nahm das Rederecht zu sich und sagte: "Das finde ich eine interessante
Frage. Man könnte sie noch etwas zuspitzen: Wenn es nicht einmal unter zehn
Nachbarn mit einem immerhin gemeinsamen Interesse gelingt, einen Dialog zu
führen, wie sollten da die Amerikaner und die Iraker oder die Iraner einen Dia-
log führen können? Und wenn ich mir jetzt noch vorstelle, man würde denen die
Dialogregeln, die hier vorgestellt wurden, vorsetzen, dann würde ich ganz
schwarz sehen, was ich für die ja ohnehin tue."
Emil sagte ohne den Sprechstab zu holen: "Wenn Vertreter von Regierungen in
einer offiziellen Sache zusammen kommen, gibt es immer ein Protokoll, das zu-
vor ausgehandelt wurde. Da werden nicht nur Regeln abgemacht, sondern so-
gar, wer was sagen darf und vor allem, was nicht. Mich erinnern diese Dialogre-
geln sehr an solche Diplomatenprotokolle, in welchen alles nach Vereinbarun-
gen läuft. Vielleicht ist das nur ein Zufall, aber diese Gespräche zwischen Re-
gierungen, speziell zwischen kriegsführenden Regierungen, werden ja sehr oft
als Dialoge bezeichnet."
Andreas fügte, auch ohne den Stab zu holen, an: "Ja, und dann heisst es oft
auch noch, Dialog ja, aber Verhandlung nein, was ja auch noch auf eine ganz
andere Grenze dieses protokollisierten Dialoges verweist. Vielleicht ist es gera-
de so, dass Dialoge in auswegslosen Situationen gesucht oder eher gewünscht
werden. Eben dort, wo Diskussionen zu nichts mehr führen, wie in Nachbar-
schaften, wenn es scheinbar um den Waschküchenschlüssel geht."
Renate nahm noch einen Anlauf: "Vielleicht könnten wir gemeinsam nach Dia-
logsituationen suchen. Dabei geht es mir weniger um gelungene Dialoge als da-
rum, ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie relevant der Dialog in der Praxis wäre.
Unsere Nachbarschaft scheint mir ein praktischer Ort, wo ich mich für den Dia-
Der Dialog im Dialog
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log einsetzen kann, gerade weil er noch nicht funktioniert. Es ist wohl klar, dass
ich damit kein politisches Geplänkel meine, sondern ein Gespräch. Wir können
hier Erfahrungen sammeln und austauschen darüber, wie wir Dialoge in Gang
bringen. Ich glaube, es geht dabei nicht um Themen, sondern um Orte oder um
Verhältnisse oder um Beziehungen."
Heiner sagte: "Also ich will einen konstruktiven Beitrag leisten. Ich habe das so
verstanden, dass wir uns über unsere Erfahrungen erzählen und darüber, wie
wir mit diesen Erfahrungen umgehen, und was wir dann dabei erfahren. Ich hat-
te schon als Kind sehr oft das Gefühl, dass die Wirklichkeit sehr oft recht selt-
sam ist, oft so wie bei Alice im Wunderland, obwohl ich das Buch damals noch
nicht kannte. Wenn ich meiner Mutter aber etwas davon erzählen wollte, sagte
sie immer, dass ich ein Träumer sei, ein Tagträumer mit Hirngespinsten. Das
hat mich ihr ziemlich entfremdet, sie hat mich - ich fühlte mich in solchen Din-
gen nie ernst genommen. Heute nehme ich an, dass sie selbst ganz ähnliche
Erfahrungen gemacht hatte wie ich, diese Erfahrungen aber verdrängen muss-
te. Sie hatte Angst, weil sie sich das alles nicht erklären konnte. Als Kind wuss-
te ich natürlich noch nicht, dass man in unserer Gesellschaft nicht über alles
sprechen darf. Erst mit der Zeit dressierte mich meine Mutter, sie sagte mir je-
weils, wann und wo und wie ich vernünftig sein ..."
Brigitte fragte: "Von was für Erfahrungen sprichst Du?"
Heiner antwortete: "Ich will das jetzt nicht weiter ausführen, obwohl ich es ex-
trem interessant finde. Die meisten Menschen kennen das, wovon ich erzähle,
als Träume. Es geht natürlich nicht darum, ob das Träume sind, oder darum,
wie wirklich die Träume sind, sondern mehr darum, dass sich die meisten Men-
schen auch im Traum nicht getrauen, sich mit ihren Erfahrungen auseinander-
zusetzen. Darüber sollten wir einmal sprechen. Also bei mir wurde die Sache
immer komplizierter. Eines Tages brachte man mich in den schulpsychiatri-
schen Dienst und dann hat man mir Pharmaka verschrieben. Aber hauptsäch-
lich hat man mir gedroht und mich gezwungen, normal zu sein. Meine Mutter
hatte sich dazu Verbündete genommen. Meine Lehrer und der Psychiater wuss-
ten ohnehin ganz genau, wie die Welt wirklich ist und was normal ist. Und ich
Der Dialog im Dialog
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musste quasi wie ein Schauspieler ein normales Kind spielen. Das ist mir dann
mehr oder weniger gut gelungen, es war aber immer ziemlich anstrengend und
hat mir oft Kopf- oder Magenschmerzen gemacht. Ich erkannte aber immer
mehr, dass ganz viele Menschen auch schauspielten, also sich gegenseitig vor-
machten, normal zu sein. Als ich dann an der Uni studierte, wurde es wieder
schlimmer, weil ich nicht mehr so gut verdrängen konnte. Meine Kopfschmer-
zen wurden chronisch und ich konnte mich immer weniger konzentrieren. Oft
blieb ich am Morgen einfach im Bett liegen. Ich wurde richtig depressiv, das
Normalsein machte mich krank."
Brigitte fragte: "Bitte entschuldige, wenn ich Dich unterbreche. Aber wie hast Du
denn gemerkt, dass Dich das Normalsein krank macht? Dieser Gedanke ist mir
keineswegs fremd. Ich habe das nur noch nie so klar gehört."
Heiner antwortete: "Ich erzähle Euch lieber, wie ich wieder gesund wurde. Ein
Zufall brachte mich zur buddhistischen Meditation und diese brachte mich auch
zur buddhistischen Lehre. Dabei erkannte ich, dass ich nicht verrückt bin, dass
ganz viele Menschen Visionen und Erscheinungen haben, und dass es viel-
leicht eher verrückt ist, an einer gegebenen stabilen Welt festzuhalten.
Schliesslich bin ich auch auf die konstruktivistische Literatur gestossen und ha-
be erkannt, dass auch bei uns im Westen über die Wirklichkeit nachgedacht
werden darf. Bei mir lief eine Zeitlang alles etwas zweigleisig, sozusagen östlich
und westlich. Dann war ich ein paar Wochen in einem Kloster und der Meister
dort sagte mir, dass es diese beiden Geleise nur in meiner Verwirrung gebe.
Jetzt kann ich immer besser sehen, dass wir verschiedene Sprachen haben,
um derselben Erfahrung Ausdruck zu geben. In unserer westlichen Welt bietet
mir der Konstruktivismus eine passende Sprache. Ihr seht ja, dass es mir mitt-
lerweile wieder viel besser geht. Für mich war die Vorstellung, dass es keine
Wirklichkeit gibt, eine richtige Befreiung". Er machte eine Pause, aber niemand
ergriff das Wort. Dann fuhr er weiter: "Ich würde gerne mehr darüber erzählen,
aber ich weiss nicht, ob Euch das interessiert. Hier habe ich nur damit angefan-
gen, damit Ihr sehen könnt, dass ich nicht abstrakt über den Konstruktivismus
spreche, sondern über für mich sehr wichtige Erfahrungen. Ich finde, es passt
sehr gut zum Dialog, davon auszugehen, dass es keine Wirklichkeit gibt. Dann
Der Dialog im Dialog
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müssen wir nämlich nicht darüber streiten, wer Recht hat. Unser Problem war ja
die Frage, wer was hört. Und da ich davon ausgehe, dass jeder selbst be-
stimmt, was er hört, gefällt mir die Idee mit dem Büfett eben sehr gut. Ich finde,
dass diese Regeln eigentlich nur sagen, was der Konstruktivismus auch sagt."
Er machte wieder eine Pause. Dann legte er den Stab zurück und sagte dabei:
"Ich verstehe aber auch, dass diese Regeln Mühe machen, denn der Konstruk-
tivismus macht ja auch vielen Menschen Mühe. Wohl all jenen, die die Wirklich-
keit nicht loslassen können."
Ich habe nicht verstanden, warum Renate daraufhin sagte: "Vielleicht war das
alles etwas viel für das erste Mal. Ich schlage vor, dass wir nach einer kurzen
Pause noch eine Feedbackrunde machen, in welcher wir unsere Dialogerfah-
rungen reflektieren. Ich glaube das ist sinnvoll, obwohl oder gerade weil wir
heute nicht sehr weit gekommen sind."
Renate selbst eröffnete dann auch diese Reflexionsrunde. Sie sagte: "Ich habe
unseren Dialog etwas zwiespältig erlebt, das hat vielleicht etwas damit zu tun,
dass diese Form des Dialoges für die meisten von uns neu und etwas unüblich
ist. Wir sind, ich meine, ich bin einfach noch nicht so gewöhnt, dialogisch zu
sprechen. Das braucht etwas Übung, wenn man aus unserer Alltagswelt der
Diskussionen kommt. Aber ich hatte in dieser Runde ein sehr gutes Gefühl, ich
habe wahrgenommen, dass der Unterschied, also das Spezielle des Dialoges
von allen erkannt worden ist. Ich habe gelesen und teilweise auch selbst erfah-
ren, nicht nur hier, dass es am Anfang manchmal etwas harzig und teilweise et-
was frustrierend ist. Aber das ist ja beim Skifahren auch so, die guten Schwün-
ge im Tiefschnee gelingen nicht auf Anhieb, oder? Ich möchte Euch jedenfalls
herzlich danken dafür, dass Ihr die Einladung angenommen habt und dafür,
dass Ihr mit mir zusammen durchgehalten habt."
Lisa sagte, ohne den Stab zu holen: "Ich finde, wir sind sehr weit gekommen.
Ich habe jedenfalls viel über den Dialog gelernt, oder sagen wir, gehört. Ich
muss wohl noch etwas nachdenken, bevor das Gelerntes wird. Aber mir hat ge-
fallen, wie Du uns zum Dialog geführt hast, also dass wir vieles selbst erarbei-
ten mussten."
Der Dialog im Dialog
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Peter sagte: "Ich gehe jetzt davon aus, dass ich jetzt ohne diesen Stab spre-
chen darf und keine Ich-Sätze machen muss." Renate nickte kaum sichtbar. Pe-
ter sagte: "Also dann, ich weiss echt nicht, wozu diese Regeln gut sein könnten.
Bis jetzt habe ich nur gesehen, dass sie jedes vernünftige Gespräch verhindert
haben. Da Du uns aber zu diesem Spiel eingeladen hast, wirst Du andere Er-
fahrungen haben. Bitte erzähle uns doch einmal, wie so ein Dialog denn verlau-
fen sollte - wenn die harzige Anfangsphase einmal vorüber ist!"
Renate antwortete: "Ich hätte lieber, wir würden jetzt über unsere Erfahrungen
sprechen, die wir hier jetzt zusammen gemacht haben. Jetzt gelten keine Dia-
logregeln, aber ich beobachte natürlich trotzdem mit einer Dialog-Brille, was
hier gesprochen wird. Du, Peter, hast jetzt beispielsweise ganz deutlich nur
mich angesprochen und mich zu etwas aufgefordert. Ist Dir bewusst, dass Du
mich damit verhörst und bedrängst?"
Peter entgegnete: "Ach komm, ich bitte Dich um Verzeihung, aber jetzt lieferst
Du doch genau diesen Psychologensch.., der jedes Gespräch kaputt macht, in-
dem solange noch eine Metaebene thematisiert wird, bis niemand mehr weiss,
worüber man sprechen wollte. Genau so habe ich eben den Dialog mit Deinen
Regeln erlebt. Wenn mich jemand fragen würde, worüber wir den gesprochen
haben, könnte ich keine rechte Antwort geben."
Mehrere Leute ergriffen gleichzeitig das Wort. Nach einem kurzen Wirrwarr sag-
te dann Lisa: "Also ich will jetzt nicht harmonisieren, ich will nur sagen, dass ich
es auch etwas kompliziert finde, aber wir haben ja erst gerade angefangen. Mir
gefallen der Sprechstab und die Idee mit der Klangschale, ich finde, wir sollten
das noch etwasweiter machen, wir könnten uns doch noch einige Male treffen."
Ich sagte: "Mir ist vor allem aufgefallen, wie diese paar Regeln, die, wie ich
dachte, kaum der Rede wert sind, uns total in Beschlag genommen haben. Ich
bin immer noch ganz konfus, irgendwie erschüttert. Die Bezeichnung Kindergar-
ten passt irgendwie, ausser dass es wohl in keinem Kindergarten so zu und her
geht. Ich komme mir jedenfalls etwas kindisch vor; ich, nicht die Regeln." Und
an Renate gerichtet fuhr ich weiter: "Ich verstehe auch nicht, warum wir den
Der Dialog im Dialog
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Dialog unterbrechen müssen, wenn wir über unserer Erfahrungen mit dem Dia-
log sprechen wollen. Das können wir doch auch im Dialog tun - oder wir haben
es doch jetzt in gewisser Weise immer getan."
Renate antwortete: "Ich habe gelernt, dass bewusste Schlussrunden nach dem
Dialog sinnvoll sind, es geht auch darum, wieder bewusst in den Alltag zurück-
zufinden." Peter sagte sofort: "Ich glaube, jetzt noch mehr als vorher, ein Dialog
muss nicht Regeln, sondern ein Thema haben." Renate antwortete ziemlich
laut: "Hör mal Peter, ich habe Dich zu diesem Dialog eingeladen. Deine relativ
skeptische Haltung und Dein Vorwissen, darüber, was ein Dialog wirklich ist,
haben viel zum Verlauf des heutigen Abends beigetragen. Ich bitte Dich zu be-
denken, dass das ein Wagnis für mich war und natürlich auch für Euch. Viel-
leicht könnten wir diese Runde einfach damit beschliessen, dass alle sagen,
was sie erlebt haben."
Die meisten schauten vor sich auf den Boden. Schliesslich sagte ich: "Mir ist
noch nie so bewusst geworden wie in dieser Stunde, wie oft wir aneinander vor-
bei sprechen." Peter lachte laut. Deshalb fügte ich an: "Peter, ich glaube, das ist
ein Stück weit Dein Verdienst, allerdings ist mir Dein Verhalten vor allem wegen
diesen Dialogregeln so aufgefallen. Das tönt vielleicht etwas blöd, aber ich mei-
ne es ernst, ohne Deine ziemlich penetranten Störungen hätte ich den Sinn des
Dialoges vermutlich viel weniger gut begriffen. Mein Instinkt drängt mich, das
habe ich realisiert, ich kann sogar sagen, er zwingt mich, jedes Sprechen auf
ein Verstehen auszurichten. Ich will fast zwanghaft verstehen und verstanden
werden. Heute habe ich gemerkt, dass das zwanghaft ist. Ich könnte jetzt wohl
eine Psychotherapie brauchen."
Heiner sagte: "Wenn ich etwas Blödes sagen darf, ich habe heute beobachten
können, dass dieser Dialog genau auf dieser Ebene eine riesige Chance bietet.
Mir ist bei Euch aufgefallen, was mich fast mein ganzes Leben lang plagte,
nämlich diese unsinnige Vorstellung, man müsse die andern verstehen." An Re-
nate gewendet fügte er an: "Ich danke Dir, dass Du das mit uns riskiert hast. Ich
überlege die ganze Zeit, ob es nicht einen etwas sanfteren Weg geben könnte,
als einfach ins kalte Wasser zu springen. Vielleicht hätten wir vorgängig das
Der Dialog im Dialog
32
Buch lesen sollen, von dem Du am Anfang gesprochen hast? Vielleicht wären
wir dann besser vorbereitet gewesen?"
Renate antwortete: "Ich glaube, dass das nicht ... Nein, eigentlich möchte ich
jetzt keine Diskussion darüber, wie es besser gewesen wäre. Ich würde einfach
gerne hören, was Ihr über die letzten zwei Stunden denkt und vor allem, was Ihr
gespürt oder erlebt habt."
Elmar, der so weit ich mich erinnern konnte die ganze Zeit kein einziges Wort
gesagt hatte, sagte: "Mir hat es ausserordentlich gut gefallen, wenn Du so et-
was wieder anbieten würdest, würde ich sehr gerne wieder kommen." Lisa sag-
te sofort: "Wie ich schon sagte, ich wäre auch gerne wieder dabei."
Nachdem Brigitte gesagt hatte, dass sie darüber erleichtert sei, dass nicht nur
sie Mühe mit diesen Spiel hatte, zog Renate schliesslich Bilanz: "Ich freue mich,
dass Ihr - oder jedenfalls einige von Euch - gerne weitermachen würdet. Daraus
lese ich, dass Ihr einen Sinn im Dialog sehen könnt. Wir haben heute natürlich
noch nicht sehr viel über den Dialog nachdenken können, weil wir ja zuerst mit
der Neuheit dieser Idee überhaupt oder mit den vielen Regeln klarkommen
mussten." Sie zeigte uns nochmals das Buch von David Bohm, auf welches sie
sich bezogen hatte, und fuhr weiter: "Also ich habe dieses Buch erst gelesen,
als ich schon einige Erfahrungen gesammelt habe. Ich glaube, es ist eine Frage
des Typs, manche Leute lesen gerne, andere sind mehr an der Praxis orientiert.
Ich weiss nicht, wie es bei Euch ist. Deshalb zeige ich Euch das Buch noch ein-
mal. Aber ich setze in Dialogen natürlich nie voraus, dass jemand dieses oder
irgendein Buch gelesen hat. Sowieso, weil ich ja auch anders zum Dialog ge-
kommen bin. Es gibt immer verschiedene Wege." Sie gab das Buch Brigitte, die
neben ihr sass und sagte: "Ihr könnt ja noch schnell reinschauen, wenn es
Euch interessiert. Ich will noch kurz etwas anderes sagen. Der Dialog macht ja
eigentlich keine Voraussetzungen, aber natürlich müssen Menschen zu einem
bestimmten Zeitpunkt an einem bestimmten Ort zusammenkommen. Ich war
einfach so beeindruckt von der Idee, dass ich ohne grosse Pläne und Ziel-
setzungen einfach einmal anfangen wollte. Ich habe also nicht viel überlegt
oder gar organisiert, sondern einfach alle Leute, die ich kenne, angesprochen
Der Dialog im Dialog
33
und für heute eingeladen. Ich wusste natürlich auch nicht, wer dann wirklich
kommt und was passieren würde. Wenn wir jetzt irgendwie weitermachen wol-
len, müssen wir das organisieren. Ich schlage vor, wir gehen noch etwas trinken
und sprechen dort darüber, wie man das organisieren könnte. Wer jetzt nicht
mehr mitkommen kann oder will, bekommt dann von mir eine Nachricht. Wir
sollten jetzt hier ohnehin raus, weil der Raum nur bis halb zehn Uhr reserviert
ist. Wenn niemand einen anderen Vorschlag hat, könnten wir in den Vorbahn-
hof gehen, der ist nahe beim Bahnhof."
*
*
*
Im Restaurant Vorbahnhof waren wir dann noch sieben. Renate sagte ins
Sprechwirrwarr hinein: "Also ich habe mir wirklich noch nichts überlegt. Ich glau-
be, wir müssten eine gewisse Regelmässigkeit hineinbringen, damit es funktio-
nieren könnte." Peter sagte: "Klar, die Organisation des Dialoges braucht Re-
geln. Da würde sogar ich zustimmen. Wir könnten uns beispielsweise wöchent-
lich treffen, immer donnerstags, heute ging es ja allen." Ich war ziemlich er-
staunt, dass ausgerechnet Peter so viel Dialog suchte. Elmar sagte: "Ich dachte
eher an einmal im Monat, oder vielleicht auch jeden zweiten Monat, dafür soll-
ten wir uns dann wirklich den ganzen Abend reservieren." Renate sagte: "Wir
müssen vor allem auch einen Raum haben. Den Raum heute an der Uni habe
ich ja nur bekommen, weil eine andere Veranstaltung ausgefallen ist. Und wir
wissen noch nicht, wie viele Leute dann wie oft kommen. Die Organisation gibt
schon etwas zu tun und zu überlegen. Der Dialog ist ganz einfach, aber die Or-
ganisation der Veranstaltung nicht unbedingt - oder eigentlich doch auch, aber
man muss es eben tun."
Lisa fragte Renate: "Was ich eigentlich schon lange fragen wollte, wo bist denn
Du im Dialog gewesen? Wie bist Du dazu gekommen und war das eine einmali-
ge Geschichte wie heute, wenn wir nicht weiter machen würden?"
Renate antwortete: "Das war in München. Ich ging zu einer Konferenz über ler-
nende Organisationen, weil wir ja eine solche Veranstaltungsreihe organisieren
Der Dialog im Dialog
34
wollten. Also da waren ein paar berühmte Leute aus dem Umkreis von Peter
Senge, die allerhand neue Methoden vorstellten, open space und solche Sa-
chen und einer sprach eben über den Dialog. Das heisst, er sprach eben nicht
darüber, sondern machte einen Workshop und das lief dann eigentlich ziemlich
ähnlich wie heute bei uns. Damals erklärte ich mir den etwas umständlichen An-
fang damit, dass die Leute ja an eine Konferenz gekommen waren und viel-
leicht etwas anderes erwartet hatten. Aber mittlerweile weiss ich, dass die Leute
immer etwas anderes erwarten, egal wohin sie kommen. Der Workshop in Mün-
chen war dreiteilig. Den ersten Teil, wohl eine Einführung habe ich verpasst.
Der zweite Teil war eine praktische Übung, um das Dialogprinzip kennenzuler-
nen, und am Nachmittag gab es dann einen Dialog zum Thema ,,Kommunika-
tion in Lernenden Organisationen". Es ging darum, Kommunikationsmodelle zu-
sammenzutragen, wobei eben keine fertigen Modelle präsentiert, sondern kol-
lektiv Modelle entwickelt wurden. Wenn Ihr das Buch von David Bohm lest, seht
Ihr schnell, dass die wesentliche Funktion des Dialoges in einem kollektiven
Denkprozess besteht, der weit über die individuellen Möglichkeiten der Be-
teiligten hinausgeht. Mich interessierte aber der Dialogprozess plötzlich viel
mehr als das, worüber wir sprachen. Und das ging nicht nur mir so. Am Schluss
dieses Seminarblockes sagten einige der Teilnehmenden, dass sie gerne noch
einen weiteren Dialogteil machen möchten. Das war für die Organisatoren et-
was kompliziert, weil sie schon die ganze Zeit mit Referaten verplant hatten.
Schliesslich trafen wir uns am späten Abend nochmals zu einer Dialogrunde.
Dort wurden dann aber vor allem die Hintergründe erklärt, es war eigentlich kein
Dialog mehr, eher eine Vorlesung, die auf viele Fragen einging. Aber interes-
sant war es schon. Jedenfalls habe ich danach das Buch gekauft, nur gelesen
habe ich es dann immer noch nicht."
Ich fragte Renate: "Und wie bist Du denn auf die Idee gekommen, mit uns einen
Dialog zu versuchen? Ich weiss ja noch nicht, was in dem Buch steht, aber ich
finde wunderbar, dass Du das mit uns so informell einfach gemacht hast. Wird
das im Buch so vorgeschlagen oder haben die in München das so vorgeschla-
gen?"
Der Dialog im Dialog
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Renate antwortete: "Ich weiss jetzt nicht mehr, wer was gesagt hat. Das gehört
wohl mit zum Dialog. Ich weiss nur noch, was ich behalten habe, und dass ich
eben motiviert war und bin, den Dialog selber weiter zu erforschen. Vor Mün-
chen habe ich nie etwas von solchen Dialogen gehört, aber seit ich weiss, dass
es diesen Dialog gibt, scheint es ihn überall zu geben. Ich besuchte jedenfalls
noch weitere Dialogveranstaltungen, die aber ziemlich verschieden waren, ob-
wohl sie sich auch auf das Buch von David Bohm bezogen. Erst dann habe ich
angefangen, im Buch herumzulesen weil mich überraschte, wie verschieden
das Buch gelesen wird, obwohl das nach dem Dialog ja gerade nicht überra-
schen sollte."
Peter sagte: "Ein bestimmtes Potential sehe ich in diesem Verfahren schon.
Aber mir scheint, wir müssen das nicht erforschen, wenn es andere schon ge-
tan haben. Ich schlage vor, dass Du nächstes Mal einen kleinen Vortrag über
das machst, was Du schon weisst, aus dem Buch und von den Veranstal-
tungen. Das wäre vermutlich ziemlich viel effizienter, als was wir heute gemacht
haben."
Elmar sagte: "Effizienter schon, aber wohl nicht so effektiv. Vorträge haben
mich jedenfalls noch nie so reingenommen, wie jetzt dieses kleine und nicht
einmal sehr geglückte Experiment."
Renate sagte: "Also mir ist es eben auch so gegangen, damals im München.
Von den Vorträgen weiss ich praktisch nichts mehr, obwohl es gute Vorträge
waren. Aber dieser Workshop hat mich verändert und das ist immer noch sehr
deutlich in meinem Gedächtnis. Es hat etwas gemacht mit mir. Danach konnte
ich sogar den Vortrag über den Dialog halbwegs so anhören, dass ich noch ei-
niges davon weiss."
Peter sagte: "Also ich glaube bei ganz vielen Menschen ist das anders. Für uns
ist es effizient und effektiv, wenn wir zuerst eine Einführung bekommen und
dann vielleicht etwas probieren können. Sonst müsste man ja gar keine Vorträ-
ge machen."
Der Dialog im Dialog
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Renate sagte: "Ja, vielleicht ist es für verschiedene Menschen sehr verschie-
den. Ich kann nur über mich sprechen. Und ich habe es vorgezogen, mit Euch
einen Dialog anzufangen, statt Euch zu erzählen, was ein Dialog ist. Wir sind ja
in der glücklichen Lage, dass es ein Buch gibt, in welchem alle, die das effizient
finden, nachlesen können. Wir haben beide und noch weitere Wege. Ich musste
für Euch nicht den richtigen Weg finden, weil Ihr selber am besten wisst, was Ihr
braucht. Ich musste mich nur für den heutigen Anlass entscheiden. Und dabei
habe ich ganz auf mich gehört, also nicht auf statistische Vorstellungen darü-
ber, was für die Menschen gut ist. Wenn Du weiter mitmachen willst, kannst
Du", sagte sie an Peter gerichtet, "ja mal schauen, wie sich das Buch zusam-
menfassen liesse, oder was wir allenfalls falsch oder nicht so effizient machen.
Ich kann Dir das Buch gerne ausleihen". Sie kramte in ihrer Tasche und legte
dann das Buch auf den Tisch, wie wenn sie nicht sehr daran hängen würde.
Peter griff nach dem Buch und sagte: "So habe ich es eigentlich nicht gemeint.
Aber ich kann ja mal anfangen zu lesen und wenn es mich dann packt, erzähle
ich Euch gerne etwas davon. Aber versprechen will ich nichts."
Lisa sagte: "Ich will gar keine Vorträge hören. Wenn Du gesagt hättest, dass Du
heute Abend einen Vortrag gibst, wäre ich nicht, oder nur Dir zuliebe gekom-
men. Aber ich würde gerne noch etwas über München hören und wie es dort
gelaufen ist. Vielleicht können wir ja davon Nutzen ziehen für unseren Dialog.
Wir machen doch weiter?"
Renate antwortet: "Von München erzähle ich Dir später oder wenn es sich er-
gibt, in einem Dialog. Für unseren Dialog bräuchten wir einen Termin und einen
Raum. Ich glaube, beides ist nicht ganz einfach, aber wir fangen wohl besser
mit dem Raum an. Ihr habt ja gesehen, wir brauchen ein paar Stühle und weiter
nichts. Wo könnten wir uns treffen? Hat jemand eine Idee?"
Es gab viele Ideen und Vorschläge und wir einigten uns darauf, zunächst mo-
natlich eine Dialogveranstaltung durchzuführen. Elmar sagte, er würde einen
Raum besorgen. Zur Not könnten wir uns im Sitzungszimmer seiner Firma tref-
fen, er werde aber sicher noch etwas Geeigneteres finden. Jeder von uns sollte
Der Dialog im Dialog
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etwas Reklame machen. Peter sagt: "Also ich komme gerne, aber wie ich dafür
Reklame machen könnte, ist mir noch schleierhaft. Soll ich den Leuten erzäh-
len, dass wir einen Dialog über Dialogregeln machen?" Renate sagte: "Also ich
mache es so wie bei Euch. Ich lade einfach alle ein, die ich kenne, wenn ich
ihnen begegne. Wenn sie fragen, worum es geht, sage ich, das würden sie
eben sehen, wenn sie kommen. Ich sage einfach, dass es mir gefällt, eben wie
ich es bei Euch gemacht habe. Das habe übrigens nicht ich erfunden. Es passt
meiner Meinung nach perfekt zum Dialog, da man ja nicht voraus festlegen
kann, wie der Dialog sein wird. Das ist eben das Risiko einer Begegnung. Oder
das Vertrauen, das wir geben und bekommen im Dialog."
Ich sagte: "Ich kann einen e-mail-Versand machen, wenn Ihr mir passende Ad-
ressen schickt, die Ihr habt. Ich mache dann einfach eine Art Rundschreiben mit
dem Ort und Termin und schreibe, dass alle eingeladen sind". Lisa sagte:
"Dann sind wir plötzlich hundert Leute." Renate sagte: "Das Optimum soll bei
etwa vierzig Teilnehmenden liegen, aber ich befürchte eher, dass niemand
kommt, als dass so viele Leute kommen. Ich finde die Idee mit den e-mails gut."
Wir verblieben eigentlich recht unverbindlich. Aber in der darauf folgenden Zeit
bekam ich hin und wieder mail-Adressen und dann eine Ankündigung von
Elmar, der einen Bibliotheksraum an einem Institut einer Fachhochschule reser-
vieren konnte, weil er dort zeitweise unterrichtete, und mit Renate einen monat-
lichen Termin abgesprochen hatte.
Der Dialog im Dialog
38
4 Fragen im Dialog
Wir trafen uns etwa einen Monat nach der ersten Dialogveranstaltung in dieser
Bibliothek, die offenbar auch sonst als Arbeitsraum genutzt wurde. Elmar hatte
etwa zwanzig Stühle in einen Kreis gestellt und Renate brachte ihre Dialoguten-
silien wieder mit und legte sie in die Mitte des Kreises. Elmar sagte laut, weil die
meisten noch in kleineren Gruppen standen: "Lasst uns anfangen." Wir setzten
uns. Viele Stühle blieben leer, es waren nur wenige mehr gekommen als das
erste Mal, aber ein paar Gesichter waren neu. Renate sagte: "Komm wir stellen
die leeren Stühle weg". Als wir im Kreis sassen, sagte Elmar: "Wie Ihr seht, ha-
ben wir einen Ort und eine Zeit für einen Dialog gefunden. Ich freue mich, dass
es geklappt hat und offenbar den meisten im Prinzip so geht."
Renate holte den Sprechstab aus der Mitte, setzte sich wieder und sagte: "Auch
ich begrüsse Euch herzlich zum Dialog. Wie ich sehe, sind ein paar neue Leute
da, das freut mich sehr. Ich habe noch ein paar Leute, die auch interessiert
sind, aber den Termin nicht frei hatten. Aber das wäre wohl bei jedem Termin
so. Ich sage zuerst noch einmal ganz kurz, worum es in diesem Dialog geht,
aber ich will keine eigentliche Einführung machen. Ich schlage eher vor, dass
Ihr alle gerade anfügt, was Ihr für wichtig hält. Also. Zuerst das, was uns letztes
Mal und vielleicht auch heute viel zu schaffen gegeben hat: Wir haben Dialogre-
geln, wir haben drei, später gibt es noch mehr. Erstens sprechen wir in die Mitte
des Kreises, also nicht zu einzelnen Personen, die hier sind. Zweitens spreche
ich in der Ich-Form, ich spreche über mich und über meine Wahrnehmungen
und nicht über andere Personen und nicht über die Wirklichkeit. Und drittens
darf nur sprechen, wer diesen Sprechstab in den Händen hat." Dabei hielt sie
den Stab hoch. "Ich will jetzt diese Regeln nicht genauer erläutern." Sie schaute
die Neuen an und sagte: "Vielleicht habt Ihr ja schon etwas mehr darüber ge-
hört und wenn nicht, macht das auch nichts, Ihr merkt dann schon, wie es geht.
Eigentlich ist es für alle noch neu. Ich finde auch wunderbar, dass wir diesen
Raum benutzen können. Ach, das noch. Ich habe mit Elmar abgemacht, dass
wir uns vorerst einmal pro Monat treffen, immer am zweiten Dienstag im Monat.
Wir haben das mal so festgelegt, aber wir können das jederzeit ändern, Raum,
Der Dialog im Dialog
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Zeit und Häufigkeit, alles - wenn es uns und zusammenpasst. Und Rolf ver-
schickt jeweils Einladungsmails. Und bringt Leute mit, je mehr desto besser."
Sie hielt den Sprechstab noch etwas in den Händen ohne etwas zu sagen. Als
sie ihn zurücklegte, schoss Peter förmlich nach vorne. Er packte den Stab und
sagte noch im Stehen: "Renate hat mir ja letztes Mal aufgetragen, das Buch
von Bohm zu lesen und hier dann eine kurze Zusammenfassung zu geben. Ich
glaube, es ist sinnvoll, wenn ich das gleich zu Beginn mache, dann sind auch
die Neuzuzüger auf dem Stand der Dinge." Er schaute in die Runde und schien
auf Zustimmung zu warten. Lisa ging in die Mitte und schlug ziemlich kräftig auf
die Klangschale und setzte sich wieder. Peter stand immer noch und schien
ziemlich verwirrt. Er schaute Renate an und wartete. Ich konnte nicht erkennen,
ob er auf das Ausklingen der Klangschale wartete oder darauf, dass Renate et-
was sagen würde. Der Klang der Schale verschwand, ohne dass ich erkennen
konnte, wann er nicht mehr da war. Ich glaube, wir alle schauten auf Renate,
sie sagte aber nichts. Schliesslich sagte Peter: "Ich verstehe jetzt wieder nicht,
was hier läuft. Soll ich nun meine kurze Einführung in das Buch geben oder
nicht?" Lisa sagte: "Lieber Peter, ich verletze jetzt wieder einmal alle Regeln,
ich spreche zu Dir und ich habe den Sprechstab nicht und ich spreche nicht
über mich: Du musst den Sprechstab in die Mitte legen, wenn die Klangschale
angeschlagen wird. Und absitzen solltest Du ohnehin. Dann könnte jemand von
uns ..." Peter zuckte die Achseln, legte den Stab zurück und setzte sich. Nie-
mand holte den Stab. Wir sassen im Kreis und schwiegen.
Nach wirklich langer Zeit, es muss mehr als eine Minute vergangen sein, nahm
Elmar den Stab und sagte ohne sich zu setzen: "Ich finde, wer die Schale an-
schlägt, sollte nachher auch sagen, warum er das getan hat. Vielleicht habe ich
das mit der Schale auch noch nicht richtig verstanden, dann sollte Renate uns
noch etwas über diese vierte Spielregel aufklären." Er legte den Stab zurück
und setzte sich. Lisa holte den Stab ohne Eile und setzte sich bevor sie sagte:
"Ich habe das mit der Klangschale so verstanden: Wenn mich etwas ernsthaft
stört, kann ich die Schale klingen lassen. Das ergibt dann eine Art time-out, in
welchem ich darüber nachdenken kann, was mich stört und weshalb. Und un-
Der Dialog im Dialog
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bescheiden wie ich nun einmal bin, glaube ich, dass die andern dann auch
darüber nachdenken können, was gerade läuft." Sie legte den Stab zurück.
Peter holte den Stab und betrachtete ihn ganz demonstrativ. Dann sagte er:
"Erstens habe ich von einem solchen Stab im Buch von Bohm gar nichts ge-
lesen und von der Klangschale auch nichts. Ich glaube, das Buch richtet sich
mehr an Erwachsene als an Kindergartenschüler. Ich weiss gar nicht, woher Du
die Idee mit diesem schlauen Sprechstab hast, aber vielleicht hat er ja am An-
fang einen bestimmten Sinn. Das will ich nicht beurteilen. Ich wollte eigentlich
nur erzählen, dass mir das Buch ziemlich anders vorgekommen ist als unsere
Dialogveranstaltung, eben erwachsener. Jetzt geht es aber um etwas anderes.
Wenn mich jemand beim Sprechen unterbricht und sei es mit einem Gong,
dann wüsste ich schon gerne warum. Im Anschlagen einer Klangschale kann
ich gar nichts von einem Dialog erkennen, nicht das kleinste bisschen. Dafür
sehe ich ein paar ganz praktische Probleme in Bezug auf die Organisation
unserer Veranstaltung. Ich kann mir nicht vorstellen, wie wir hier weiterkommen
wollen, wenn wir uns weiterhin an unsere Dialogregeln halten." Vielleicht bekam
er wieder keine Antwort, weil er den Stab nicht freigab, aber ich weiss nicht, ob
jemand geantwortet hätte, wenn er den Stab hingelegt hätte. Nach einer kleinen
Pause fuhr er selbst weiter: "Vielleicht sollten wir jeweils vor dem Dialog in
einer, wie soll ich sagen, normalen Sprache abmachen, wie wir den Abend ge-
stalten wollen. Also ich bin davon ausgegangen, dass ich heute zuerst ein kur-
zes Referat über das Buch halte. Ich gehe eigentlich immer noch davon aus,
weil wir das so abgemacht haben." Er schaute in die Runde. "Also, soll ich jetzt
anfangen?"
Lisa ging wieder zur Klangschale. Bevor sie den Schlagstock aufheben konnte,
drückte ihr Peter den Sprechstab in die Hand und sagte: "Also bitte, sag jetzt,
was Du willst." Lisa nickte leise und setzte sich. Sie sagte: "Ich bin hier, weil ich
an einem Dialog teilnehmen will, nicht weil ich einen Vortrag über einen Dialog
hören will. Ich habe mir das Buch von Bohm auch gekauft, aber ich bin beim Le-
sen rasch stecken geblieben. Das ist offenbar nicht mein Weg. Über dieses
Buch wäre ich niemals zum Dialog gekommen. Vielleicht muss ich jetzt sagen,
zu einem Dialog, wie ich ihn mir jetzt vorstelle, aufgrund unserer ersten Veran-
Rolf Todesco
Eine Rezension von Manfred Zimmer
http://www.dialogprojekt.de/ArtikelAdmin/File/Der_Dialog_im_Dialog.pdf
am Saturday, May 01, 2010-